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Das Ende der Rußzeit: Continentals radikaler Abschied von der Kohle in der Reifenherstellung

Seit Januar 2026 nutzen alle Werke von Continental alternative Energiequellen, um den für die Reifenherstellung erforderlichen Dampf zu erzeugen - Bildnachweis: Continental


Mehr Nachhaltigkeit:
Abschied von den fossilen Schwergewichten

Ein schwarzer Kreis aus Kautschuk und Stahl scheint auf den ersten Blick wenig Raum für grüne Visionen zu lassen, doch in den weltweiten Fabrikhallen von Continental brennt seit Anfang dieses Jahres kein einziger Brocken Kohle mehr. Dieser radikale Schnitt markiert das vorläufige Ende einer Ära, in der die Reifenproduktion untrennbar mit rauchenden Schloten und schweren Brennstoffen verbunden war. Wer heute einen modernen Reifen betrachtet, sieht nicht nur ein technisches Bauteil für Grip und Sicherheit, sondern ein hochkomplexes chemisches Konstrukt, das sich mitten in seiner größten Transformation befindet. Der Druck auf die Branche ist gewaltig, denn die Automobilindustrie fordert nicht nur elektrische Antriebe, sondern eine saubere Lieferkette vom ersten Gramm Rohstoff bis zum fertigen Produkt. Continental hat hier eine Vorreiterrolle eingenommen, die weit über bloße Lippenbekenntnisse hinausgeht, auch wenn der Weg zum vollständig grünen Reifen noch einige technische Hürden bereithält. Deshalb lohnt ein detaillierter Blick unter die Lauffläche, wo Ingenieure derzeit die Rezeptur für die Mobilität von morgen mischen.

Der jüngste Meilenstein in der Strategie des Konzerns aus Hannover ist der vollständige Verzicht auf Kohle und Schweröl als Energiequellen in allen 19 Reifenwerken weltweit. Seit Januar 2026 wird der für die Vulkanisation benötigte Dampf ausschließlich durch alternative Quellen erzeugt. Das klingt zunächst nach einer logistischen Selbstverständlichkeit, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung jedoch als industrielle Herkulesaufgabe. Lange Zeit galten Kohle und Schweröl als unverzichtbar, um die enorme Hitze und den konstanten Druck zu gewährleisten, die nötig sind, um aus einer weichen Gummimischung ein widerstandsfähiges Profil zu backen. Besonders in Regionen mit instabiler Infrastruktur, etwa in Südafrika oder Sri Lanka, war die Kohle der Garant für die Betriebssicherheit. Aber diese Zeiten sind nun vorbei, da Continental massiv in die Elektrifizierung und in Biomasse-Systeme investiert hat. In Gqeberha, Südafrika, etwa wurde die Dampferzeugung komplett auf Biomasse umgestellt, während Flüssiggas nur noch als Reserve dient. Diese Umstellung ist kein Selbstzweck, sondern hat die absoluten Emissionen in der Reifenproduktion in den letzten vier Jahren um rund 180.000 Tonnen Kohlendioxid reduziert.

Die technische Herausforderung der Vulkanisation

Um zu verstehen, warum dieser Energiewechsel so bedeutend ist, muss man den Prozess der Reifenherstellung technisch durchleuchten. Ein Reifen wird nicht einfach gegossen, sondern vulkanisiert. Dabei werden die Polymerketten des Kautschuks durch Schwefelbrücken miteinander vernetzt, was dem Material seine elastischen Eigenschaften verleiht. Dieser Vorgang findet bei Temperaturen zwischen 170 und 200 Grad Celsius unter hohem Druck statt. Bisher war die Erzeugung des dafür notwendigen Sattdampfes energetisch extrem aufwendig. Continental setzt nun auf einen intelligenten Energiemix, der je nach Standort variiert. Während in Europa oft Biogas und Grünstrom zum Einsatz kommen, nutzen Standorte wie Kalutara in Sri Lanka einen zweiten Biomassekessel, um den Bedarf vollständig aus nachwachsenden Rohstoffen zu decken. Dr. Bernhard Trilken, der die Produktion im Reifenbereich leitet, betont in diesem Zusammenhang, dass die Zukunft den erneuerbaren Energien gehört und man die Fertigung durch lokale Erzeugung unabhängiger und widerstandsfähiger machen will. Dennoch bleibt ein Restzweifel bestehen, ob die globale Verfügbarkeit von Biomasse langfristig ausreicht, ohne in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion zu treten.

Dr. Bernhard Trilken, Leiter Produktion und Logistik des Reifenbereichs von Continental – Bildnachweis: Continental

Das Puzzle der nachhaltigen Rohstoffe

Doch die Energiebilanz der Fabrik ist nur eine Seite der Medaille, denn der Reifen selbst besteht aus über hundert verschiedenen Substanzen. Das Ziel von Continental ist ambitioniert: Bis 2050 sollen alle Reifen zu 100 Prozent aus nachhaltigen Materialien bestehen. Derzeit liegt dieser Anteil bei durchschnittlich 26 bis 29 Prozent, wobei Spitzenprodukte wie der UltraContact NXT bereits heute bis zu 65 Prozent erreichen. Der wichtigste Baustein ist dabei der Naturkautschuk, der aufgrund seiner mechanischen Eigenschaften für Hochleistungsreifen unverzichtbar bleibt. Hier liegt jedoch das ökologische Dilemma, da der herkömmliche Anbau des Kautschukbaumes Hevea brasiliensis oft mit Regenwaldabholzungen in Südostasien in Verbindung gebracht wird. Continental versucht dieses Problem durch das Projekt Taraxagum zu lösen, bei dem Kautschuk aus russischem Löwenzahn gewonnen wird. Dieser kann auf kargen Böden in Europa wachsen, was die Transportwege drastisch verkürzt. Aber trotz eines eigenen Forschungslabors in Anklam ist die industrielle Skalierung schwierig, da die Erträge pro Hektar noch nicht mit den traditionellen Plantagen mithalten können.

Silika aus der Reisschale

Neben Kautschuk spielt Silika eine entscheidende Rolle für den Rollwiderstand und die Nasshaftung. Klassischerweise wird Silika aus Quarzsand unter hohem Energieeinsatz gewonnen. Continental geht hier einen unkonventionellen Weg und nutzt die Asche von Reisschalen. Diese fallen in der Landwirtschaft als Abfallprodukt an und enthalten von Natur aus einen hohen Anteil an Siliziumdioxid. Durch ein spezielles Verfahren wird dieses Silika extrahiert, was nicht nur Abfall vermeidet, sondern auch die Energiebilanz bei der Herstellung verbessert. In Kombination mit pflanzlichen Ölen und Harzen entsteht so eine Gummimischung, die technisch auf Augenhöhe mit konventionellen Produkten steht. Dass dies kein bloßes Marketing-Gags ist, zeigt die Einstufung des UltraContact NXT im EU-Reifenlabel, wo er in allen Kategorien die Bestnote A erreicht. Es stellt sich jedoch die Frage, wie teuer diese Nachhaltigkeit den Endverbraucher zu stehen kommt. Aktuell liegen die Preise für solche Spezialreifen etwa 10 bis 15 Prozent über den Standardmodellen, was für viele Autofahrer trotz des grünen Gewissens eine Hürde darstellt.

Recycling und Kreislaufwirtschaft

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Verwendung von recycelten Materialien. Besonders prominent ist hier die ContiRe.Tex-Technologie, bei der Polyestergarn aus alten PET-Flaschen gewonnen wird. Zwischen 9 und 15 Flaschen stecken in einem durchschnittlichen Pkw-Reifen und ersetzen dort den herkömmlichen Polyester in der Karkasse. Continental bezieht diese Flaschen bewusst aus Regionen, in denen es keine geschlossenen Recyclingkreisläufe gibt, um einen echten ökologischen Mehrwert zu schaffen. Parallel dazu wird an der Rückgewinnung von Ruß gearbeitet. Gemeinsam mit dem Partner Pyrum Innovations nutzt Continental ein Pyrolyse-Verfahren, um Altreifen thermisch zu zersetzen und hochwertigen Industrieruß zurückzugewinnen. Dieser kann dann wieder in die Produktion neuer Reifen fließen. Das schließt den Kreislauf und reduziert den Bedarf an fossilem Ruß, der normalerweise aus Schweröl gewonnen wird. Man darf jedoch kritisch anmerken, dass die Kapazitäten solcher Pyrolyseanlagen derzeit noch weit hinter dem globalen Reifenaufkommen zurückbleiben.

Der kritische Blick auf die Massenbilanz

Wer sich tiefer mit den Daten beschäftigt, stößt unweigerlich auf den Begriff der ISCC PLUS Massenbilanz-Zertifizierung. Hier wird es technisch etwas abstrakt, da es sich um ein Buchhaltungsverfahren handelt. Dabei werden nachhaltige Rohstoffe am Anfang der Produktionskette eingespeist und den fertigen Produkten rechnerisch zugewiesen. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass jedes einzelne Molekül im Reifen tatsächlich aus der Bio-Quelle stammt, stellt aber sicher, dass die entsprechende Menge in das Gesamtsystem geflossen ist. Kritiker werfen der Industrie hier gelegentlich vor, sich durch geschickte Verrechnung grün zu waschen. Continental entgegnet dem mit maximaler Transparenz und verweist auf die strengen Audits durch externe Organisationen. Tatsächlich ist dieses Verfahren oft der einzige Weg, um nachhaltige Rohstoffe schrittweise in eine bestehende, hocheffiziente Massenproduktion zu integrieren, ohne für jedes neue Material eine komplett eigene Fabrik bauen zu müssen.

Wirtschaftliche Aspekte und Verfügbarkeit

Für den deutschen Autofahrer ist die Verfügbarkeit dieser Technologien entscheidend. Der UltraContact NXT ist bereits in 19 verschiedenen Dimensionen im Handel erhältlich, von 17 bis 21 Zoll. Eine Preisaufstellung zeigt, dass ein gängiges Format wie 225/45 R17 bei etwa 130 Euro pro Stück startet, während die Top-Dimensionen für leistungsstarke Elektrofahrzeuge deutlich über 250 Euro liegen können. Continental positioniert diese Produkte ganz klar im Premium-Segment. Man zahlt hier für die aufwendige Forschung und die komplexere Logistik der nachhaltigen Rohstoffe. Ob sich dieser Aufpreis allein durch das gute Gewissen rechtfertigen lässt, bleibt eine individuelle Entscheidung. Fest steht jedoch, dass die Performance keine Kompromisse erfordert. In Tests von Fachmagazinen wie Auto Motor und Sport schneiden die nachhaltigen Varianten oft genauso gut oder sogar besser ab als ihre konventionellen Geschwister, insbesondere beim Rollwiderstand, was wiederum den Kraftstoffverbrauch senkt und so einen Teil des höheren Kaufpreises amortisiert.

Die Rolle der runderneuerten Reifen

Ein oft unterschätzter Faktor für die Nachhaltigkeit in Deutschland ist die Runderneuerung. Unter dem Namen ContiLifeCycle betreibt das Unternehmen in Hannover-Stöcken eine Anlage, die jährlich Tausende von Lkw-Reifen zu einem zweiten Leben verhilft. Dabei wird die stabile Karkasse beibehalten und lediglich ein neues Laufprofil aufvulkanisiert. Dieser Prozess spart bis zu 70 Prozent der Energie und 80 Prozent des Wassers im Vergleich zur Neuproduktion. Zudem sinkt der Materialbedarf massiv. Für Pkw-Reifen spielt dieses Verfahren im Premium-Bereich derzeit zwar noch eine untergeordnete Rolle, doch die technologische Basis ist vorhanden. In Zukunft könnten auch für Privatfahrzeuge verstärkt runderneuerte Modelle auf den Markt kommen, sofern das Vertrauen der Kunden in die Sicherheit dieser Produkte weiter wächst.

Henning Mühlenstedt, Leiter für Zukunftstechnologien und nachhaltige Infrastruktur des Reifenbereichs von Continental – Bildnachweis: Continental

Strategische Ausrichtung und Zukunftsausblick

Continental hat sich mit dem Erreichen des Meilensteins 2026 eine starke Position im Wettbewerb erarbeitet. Das CDP-Rating von A- für das Jahr 2025 bestätigt die Fortschritte bei der Klimatransparenz. Dennoch ist der Weg zu 100 Prozent Nachhaltigkeit bis 2050 noch weit. Es fehlen bisher Lösungen für einige spezialisierte Chemikalien und Additive, die für die Haltbarkeit und UV-Beständigkeit der Reifen unter extremen Bedingungen notwendig sind. Auch die Abhängigkeit von globalen Lieferketten bleibt ein Risiko, wie die jüngsten geopolitischen Spannungen gezeigt haben. Aber der konsequente Ausstieg aus Kohle und Schweröl beweist, dass der Konzern bereit ist, schmerzhafte Investitionen zu tätigen, um die operative Widerstandsfähigkeit zu erhöhen. Henning Mühlenstedt, der bei Continental für die zukünftigen Technologien verantwortlich ist, sieht in der Elektrifizierung der Wärmeerzeugung den Schlüssel zu einer flexibleren Produktion. Die Transformation ist also in vollem Gange, und auch wenn der Reifen ein schwarzes Produkt bleibt, wird sein ökologischer Fußabdruck immer heller.