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ADAC deckt trügerische Sicherheit bei Sichtweite Null auf: Warum teure Sensoren nicht immer rechtzeitig bremsen

Die Fahrzeuge im Systemvergleich: Tesla Model Y, Nio EL6, BYD Seal, Mercedes CLA, Subaru Impreza, VW T-Roc - Bildfnachweis: ADAC / Mobilität- und Sensorzentrum - Roding Research AVL Software und Functions GmbH, Schorndorf Straße 91, 93426 Roding

Die Grenzen der digitalen Wahrnehmung

Wenn die Welt vor der Windschutzscheibe in einem diffusen Grau versinkt und die Regentropfen wie kleine Prismen das Licht der tiefstehenden Sonne brechen, greift der Mensch instinktiv fester in das Lenkrad und drosselt das Tempo. Aber genau in diesen Momenten der höchsten menschlichen Unsicherheit suggeriert uns die moderne Fahrzeugtechnik eine Souveränität, die bei näherer Betrachtung auf einem erstaunlich fragilen Fundament aus Silizium und Glas steht. Der jüngste Systemvergleich des ADAC, der in der hochspezialisierten Wetterhalle der AVL in Roding durchgeführt wurde, fördert Erkenntnisse zutage, die sowohl Technik-Afficionados als auch sicherheitsbewusste Familienväter nachdenklich stimmen müssen. Es geht nicht mehr nur um die Frage, ob ein Notbremsassistent bei Sonnenschein ein Hindernis erkennt, sondern wie die komplexen Algorithmen reagieren, wenn die physikalischen Bedingungen die Sensorik an den Rand des Kollapses treiben. In einer Versuchsreihe, die von dichtem Nebel mit Sichtweiten unter 20 Metern bis hin zu simulierten Wolkenbrüchen reichte, traten vier Probanden an, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Der Mercedes CLA, der Nio EL6, das Tesla Model 3 und der BYD Seal repräsentieren nicht nur verschiedene Preisklassen von etwa 42.000 bis weit über 60.000 Euro, sondern auch völlig gegensätzliche Philosophien der Umfelderfassung.

Bei den Versuchen mussten Dummies durch den Nebel und Regen erkannt werden – Bildnachweis:A DAC / Mobilität- und Sensorzentrum – Roding Research
AVL Software und Functions GmbH, Schorndorf Straße 91, 93426 Roding

Das Labor der künstlichen Unwetter

Die AVL-Wetterhalle in der Oberpfalz dient als Schauplatz einer technologischen Entzauberung, die man so in keinem Hochglanzprospekt finden wird. Hier konte die Testerschaft Bedingungen reproduzieren, die auf öffentlichen Straßen kaum für vergleichende Messungen nutzbar wären, da sich Nebeldichte und Lichtintensität normalerweise sekündlich ändern. In Roding jedoch blieb die Wand aus Grau konstant, während die Fahrzeuge mit einer Geschwindigkeit von 30 km/h auf stehende und bewegte Ziele zusteuerten. Deshalb waren die Ergebnisse so gnadenlos vergleichbar, da jedes System exakt die gleiche Menge an Photonen und Radarwellen zur Verfügung hatte, um daraus eine lebensrettende Entscheidung abzuleiten. Die Sensorik muss in diesen Szenarien wahre Wunder vollbringen, denn während ein Radarwellenpaket die Wassertropfen des Nebels noch relativ ungehindert durchdringt, werden die Lichtstrahlen der Kameras und die Laserpulse des Lidars gestreut, reflektiert und im schlimmsten Fall komplett absorbiert. Aber genau hier trennt sich die Spreu vom Weizen, denn die reine Rechenpower im Kofferraum nützt wenig, wenn die Datenquelle bereits verrauscht ist.

Trotz geringer Geschwindigkeit von 30 km/h gab es einige Kollisionen – Bildnachweis: ADAC – Mobilität- und Sensorzentrum – Roding Research
AVL Software und Functions GmbH, Schorndorf Straße 91, 93426 Roding

Der Stuttgarter Fels in der Brandung

Der Mercedes CLA startete als Vertreter der klassischen Premium-Schule in diesen Test und unterstrich eindrucksvoll, warum jahrzehntelange Erfahrung in der Regelsystematik oft schwerer wiegt als die neueste Sensor-Hardware. In der Basisversion ist der CLA bereits ab rund 43.500 Euro zu haben, wobei das für den Test relevante Fahrassistenz-Paket den Preis schnell in Richtung der 50.000 Euro treibt. Das System stützt sich auf eine bewährte Fusion aus Radar und einer Stereokamera hinter der Windschutzscheibe. Erstaunlicherweise war der Mercedes das einzige Fahrzeug im Testfeld, das selbst bei dichtestem Nebel eine nahezu makellose Performance ablieferte. Die Ingenieure haben es offenbar geschafft, die Filteralgorithmen so abzustimmen, dass das System zwischen den irrelevanten Reflexionen der Nebeltröpfchen und der harten Signatur eines echten Hindernisses sicher unterscheidet. Aber auch im schwäbischen Musterknaben verbirgt sich eine Unberechenbarkeit, die uns daran erinnert, dass wir der Technik noch nicht blind vertrauen dürfen. In einem spezifischen Durchlauf mit einem kreuzenden Fußgänger leitete der CLA zwar pflichtbewusst eine Notbremsung ein, brach diese jedoch ohne jede Vorwarnung und ohne ersichtlichen Grund mitten im Vorgang wieder ab. Solche Momente der digitalen Unschlüssigkeit sind es, die in der Realität über Blechschaden oder Katastrophe entscheiden können.

Die Funktionen wurden auch bei Dunkelheit überprüft – Bildnaschweis: ADAC Mobilität- und Sensorzentrum – Roding Research
AVL Software und Functions GmbH, Schorndorf Straße 91, 93426 Roding

Das Lidar-Dilemma aus Fernost

Ein gänzlich anderes Bild zeichnete der Nio EL6, der mit einem Einstandspreis von etwa 53.500 Euro plus Batteriemiete in den Ring stieg. Technisch ist der Chinese ein wahrer Gigant und trägt stolz den markanten Lidar-Buckel über der Stirn, ergänzt durch ein Heer aus Kameras und Radarsensoren. Man sollte meinen, dass dieses Arsenal an Fernbereichs-Sensorik im Nebel triumphieren müsste, doch das Gegenteil war der Fall. Sobald die Sichtweite unter die kritische Marke von 20 Metern sank, zeigte der EL6 kaum noch Reaktionen auf die Hindernisse. Hier offenbart sich eine physikalische Schwäche der Lidar-Technologie, die mit Lichtwellenlängen arbeitet, die an feinen Schwebeteilchen im Nebel massiv gestreut werden. Wenn die Software dann nicht in der Lage ist, die Radardaten höher zu priorisieren oder das Rauschen im Laserbild effizient zu unterdrücken, steht die teure Technik vor einer Wand aus Datenmüll. Deshalb wirkt das Versagen des Nio unter Extrembedingungen fast wie ein technischer Offenbarungseid für eine Marke, die sich so sehr über ihre Hardware-Überlegenheit definiert.

Bildnachweis: ADAC

Die Vision des radikalen Alleingangs

Tesla geht beim Model 3, das derzeit für rund 42.990 Euro angeboten wird, den wohl kontroversesten Weg der gesamten Branche. Das Unternehmen hat Radar und Ultraschall komplett verbannt und vertraut ausschließlich auf die Bildauswertung durch Kameras, das sogenannte Tesla Vision. In der Fachwelt wurde dieser Schritt oft als riskante Sparmaßnahme belächelt, doch in der Wetterhalle schlug sich der Amerikaner überraschend wacker. Bei leichtem Nebel und Regen funktionierten die Notbremsassistenten erstaunlich zuverlässig, was auf eine hochgezüchtete Bildverarbeitungs-Software hindeutet, die Konturen dort noch erkennt, wo das menschliche Auge bereits aufgibt. Aber sobald der Schwierigkeitsgrad durch dichten Nebel und Blendlicht erhöht wurde, zeigte sich die Kehrseite dieses Purismus. Das Fahrzeug erkannte das Hindernis zwar oft und gab eine akustische Warnung aus, unterließ jedoch die rettende Notbremsung. Es scheint, als fehle dem System ohne die Bestätigung durch ein zweites, physikalisch anders arbeitendes Medium wie das Radar der letzte Mut zur definitiven Entscheidung. Dieser Mangel an Redundanz führt dazu, dass das Auto im Zweifelsfall lieber nichts tut, um keine gefährlichen Phantombremsungen auf der Autobahn zu riskieren, was im dichten Nebel fatale Folgen haben kann.

Gefährliches Schweigen aus Shenzhen

Besonders kritisch müssen wir den BYD Seal betrachten, der mit einem Preis von knapp 45.000 Euro direkt auf die europäische Konkurrenz zielt. In der Theorie verfügt auch er über eine umfassende Sensor-Suite, doch in der Praxis der Rodinger Testhalle versagte das System bei widrigen Bedingungen fast auf ganzer Linie. Bei Starkregen und dichtem Nebel gab es so gut wie keine Reaktion mehr auf die Testtargets. Was jedoch viel schwerwiegender ist als die rein mechanische Unzulänglichkeit, ist die mangelnde Kommunikation zwischen Maschine und Mensch. Ein Assitenzsystem darf an seine Grenzen stoßen, wenn die Physik es verlangt, aber es muss den Fahrer unmissverständlich darüber informieren, dass es ab sofort blind ist. Der BYD Seal jedoch schwieg beharrlich und suggerierte damit eine Funktionsbereitschaft, die faktisch nicht mehr gegeben war. Solch ein Verhalten der Bordelektronik ist nicht nur ein technischer Mangel, sondern eine gravierende Lücke in der Sicherheitsphilosophie, die im schlimmsten Fall dazu führt, dass sich der Fahrer in falscher Sicherheit wiegt und seine Aufmerksamkeit reduziert.

Die trügerische Sicherheit der Assitenzsysteme

Viele Autofahrer haben sich bereits viel zu sehr an die kleinen blinkenden Symbole und die sanften Lenkeingriffe gewöhnt. Die Ergebnisse des ADAC zeigen uns unmissverständlich, dass der Weg zum autonomen Fahren kein linearer Aufstieg ist, sondern ein Pfad voller tückischer Plateaus. Selbst der Mercedes, der insgesamt die beste Leistung zeigte, ist kein Garant für Unfallfreiheit. Die zunehmende Komplexität der Systeme kann durchaus eine neue Art von Unfällen provozieren, Nämlich jene, die durch ein plötzliches und unangekündigtes Versagen der Technik in Momenten höchster Belastung entstehen. Es ist eine Sache, wenn ein System bei 180 km/h auf der Autobahn sanft den Abstand hält, aber eine völlig andere, wenn es in einer Nebelbank bei Tempo 30 plötzlich die Hufe hebt. Die Fahrzeughersteller müssen hier dringend nachbessern, vor allem was die Transparenz der Systemzustände angeht.

Technologische Wetterprüfung

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass mehr Hardware nicht automatisch mehr Sicherheit bedeutet. Das Lidar-System des Nio war im Nebel ebenso hilflos wie das Radar-Kamera-System des BYD, während der konventionell ausgestattete Mercedes CLA die physikalischen Hürden am souveränsten nahm. Die Preisspanne der Modelle spiegelt dabei in keiner Weise die Schutzwirkung bei schlechtem Wetter wider. Wir sehen hier einen klassischen Fall von Software-Reife versus Hardware-Pracht. Ein gut abgestimmtes System, das seine Grenzen kennt und diese dem Fahrer klar mitteilt, ist weitaus wertvoller als ein Sensor-Überangebot, das bei der ersten Nebelschwade kapituliert. Deshalb sollte jeder Autokäufer wissen, dass die Notbremsassistenten derzeit lediglich als ein zusätzlicher Sicherheitsgurt zu verstehen sind, den man zwar trägt, dessen Reißfestigkeit man aber lieber niemals unter extremen Bedingungen austesten möchte. Die Physik lässt sich nicht durch Marketing-Sprech überlisten, und solange Kameras durch Wassertropfen geblendet und Lidar-Strahlen gestreut werden, bleibt die menschliche Aufmerksamkeit das wichtigste Sicherheitsfeature an Bord. Es bleibt zu hoffen, dass die Hersteller die Egebnissen dieser Tests ernst nehmen und vor allem die Rückmelde-Logik ihrer Systeme überarbeiten, damit das Auto im Nebel nicht zur lautlosen Falle wird.