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Angriff auf die Basis: MG4 EV Urban setzt auf Frontantrieb und LFP-Zellen

MG4 EV Urban - Bildnachweis: MG

 

Ein Plattform-Konzept für die urbane Realität

Manchmal ist ein Rückschritt in der Antriebsphilosophie der entscheidende Schritt nach vorn für die Massentauglichkeit. Während der bisherige MG4 Electric mit seinem Hinterradantrieb vor allem die Fahrdynamiker unter den Elektro-Pionieren ansprach, schlägt die Marke mit dem neuen MG4 EV Urban nun einen Pfad ein, der konsequent auf Kosteneffizienz und maximale Raumausnutzung getrimmt ist. Wer glaubt, hier handele es sich lediglich um eine abgespeckte Version des bekannten Bestsellers, irrt gewaltig, denn unter dem Blech der Urban-Variante verbirgt sich eine technische Neuausrichtung, die das Segment der kompakten Stromer in Deutschland nachhaltig unter Druck setzen könnte. Mit einem Einstiegspreis von 24.990 Euro positioniert sich das Modell exakt dort, wo europäische Hersteller derzeit mühsam versuchen, ihre Basis-Modelle zu platzieren, wobei MG hier bereits eine voll nutzbare Kompaktklasse mit über 4 Metern Länge serviert.

MG4 EV Urban – Bildnachweis: MG

Das Herzstück dieser Neuausrichtung ist die sogenannte E3-Plattform, die sich in wesentlichen Punkten von der bisher genutzten Modular Scalable Platform unterscheidet. Der auffälligste Wendepunkt ist der Wechsel von der angetriebenen Hinterachse hin zum Frontantrieb. Aber dieser Wechsel ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis einer harten Kalkulation zur Bauraumoptimierung. Durch die Platzierung der Antriebseinheit im Vorderwagen schaffen die Ingenieure im Heck wertvolle Kapazitäten für das Gepäckabteil, was bei einem Fahrzeug dieser Größenordnung oft das Zünglein an der Waage für die Familientauglichkeit darstellt. Die Integration erfolgt über ein hochmodernes 6-in-1-System, das den Elektromotor, das Getriebe, das Motorsteuergerät, den On-Board-Lader, den DC/DC-Wandler und den Leistungsverteiler in einem einzigen Gehäuse vereint. Das spart nicht nur signifikant Gewicht, sondern reduziert auch die Komplexität der Verkabelung und die thermischen Verluste innerhalb des Systems.

MG4 EV Urban – Bildnachweis: MG

Deshalb ist der MG4 EV Urban trotz seiner preislichen Positionierung kein technischer Verzicht, sondern eine Demonstration effizienter Integration. Ein weiteres technologisches Highlight, das man in dieser Preisklasse eher selten vermutet, ist die Cell-to-Body-Technologie. Hierbei fungiert das Batteriegehäuse nicht mehr als reiner Lastenträger für die Zellen, sondern ist als tragendes Element direkt in die Fahrzeugstruktur integriert. Das steigert die Torsionssteifigkeit der Karosserie massiv, was wiederum der Sicherheit und dem Geräuschkomfort zugutekommt. Man spürt diesen Aufwand vor allem in der Ruhe des Fahrwerks, das weniger zum Zittern neigt als klassische Konstruktionen mit verschraubten Akkupacks. Zweifel an der Haltbarkeit solcher integrierten Lösungen begegnet die Marke mit einer Garantiezeit von 7 Jahren, was in der Branche nach wie vor als starkes Statement für das Vertrauen in die eigene Fertigungsqualität gilt.

MG4 EV Urban

Energiedichte und Ladeperformance im Foku

Bei der Wahl der Energiespeicher setzt MG konsequent auf die Lithium-Eisenphosphat-Chemie, kurz LFP. Diese Entscheidung ist aus technischer Sicht absolut schlüssig für ein Fahrzeug, das den Namen Urban im Titel trägt. LFP-Zellen zeichnen sich durch eine enorme Zyklenfestigkeit aus und sind unempfindlicher gegenüber dem Laden auf 100 Prozent im Vergleich zu herkömmlichen NMC-Akkus. Es stehen zwei Varianten zur Verfügung: Eine Version mit 43 kWh für den täglichen Stadteinsatz und eine 54 kWh starke Option für jene, die auch gelegentliche Überlandfahrten ohne Reichweitenangst absolvieren möchten. Die Reichweiten nach WLTP von 325 km beziehungsweise 416 km klingen auf dem Papier solide, müssen sich aber im realen Winteralltag erst noch beweisen.

MG4 EV Urban – Bildnachweis: MG

Aber genau hier greift MG zu einem Kniff, der bei vielen Konkurrenten nur gegen saftigen Aufpreis erhältlich ist, denn die Wärmepumpe gehört beim MG4 EV Urban zur Serienausstattung in allen Modellvarianten. Das ist ein technisches Detail, dessen Wert man oft erst bei Temperaturen um den Gefrierpunkt schätzt, wenn die Heizleistung nicht mehr primär aus der Antriebsbatterie gesogen werden muss. Die Ladeleistung ist mit maximal 82 kW für den kleinen und 87 kW für den großen Akku eher konservativ ausgelegt. In einer Welt, in der HPC-Säulen mit 300 kW werben, wirkt das fast bescheiden, doch wer die Ladekurve einer LFP-Batterie kennt, weiß, dass diese Plateaus oft länger gehalten werden können als bei nominell stärkeren Systemen. MG verspricht eine Ladedauer von etwa 30 Minuten für den Hub von 10 auf 80 Prozent, was in der Praxis für die meisten Nutzer völlig ausreichen dürfte, solange man nicht auf Langstreckenrekorde aus ist.

MG4 EV Urban – Bildnachweis: MG

Aerodynamik und Design als Effizienztreibe

Die Karosserieform folgt einer klaren aerodynamischen Philosophie, die in einem Luftwiderstandsbeiwert von 0,263 gipfelt. Das ist für einen knapp 4,40 Meter langen Kompaktwagen ein beachtlicher Wert, der vor allem durch ein aktives Luftleitsystem in der Frontmaske erreicht wird. Die Lamellen öffnen sich nur dann, wenn das Thermomanagement der Batterie oder des Antriebs Kühlung benötigt, ansonsten bleiben sie geschlossen, um den Luftstrom optimal um die Flanken zu leiten. Das Design selbst wirkt mit seinen scharf gezeichneten LED-Lichtern und der markanten Hecksignatur, die Anleihen beim sportlichen MG Cyberster nimmt, sehr eigenständig und modern. Kurze Überhänge und ein langer Radstand von 2.750 mm sorgen für Proportionen, die dem Auge schmeicheln und gleichzeitig ein Raumangebot ermöglichen, das man früher nur aus der Mittelklasse kannte.

MG4 EV Urban – Bildnachweis: MG

Im Innenraum setzt sich der Trend zur Reduktion fort, ohne dabei die Ergonomie völlig aufzugeben. Ein horizontales Cockpit-Layout mit einem 7-Zoll-Instrumentendisplay und einem zentralen 12,8-Zoll-Touchscreen bildet die Kommandozentrale. Man merkt, dass MG aus der Kritik an früheren Software-Versionen gelernt hat, denn die physischen Tasten für die Klimatisierung und die Lautstärke unterhalb des Bildschirms sind ein Segen für die Bedienbarkeit während der Fahrt. Ein besonderes Feature ist der individualisierbare MG Pilot mit seiner Custom-Funktion. Hier können Fahrer ihre bevorzugten Einstellungen der Assistenzsysteme speichern. Wer also den Spurhalteassistenten als zu bevormundend empfindet oder eine bestimmte Warnschwelle für den Kollisionswarner bevorzugt, muss diese nicht nach jedem Neustart mühsam in den Untermenüs suchen.

Platzangebot und Variabilität im Praxistes

Trotz der kompakten Außenmaße überrascht das Platzangebot im Fond. Mit einer Beinfreiheit von 984 mm bietet der MG4 EV Urban selbst großgewachsenen Passagieren genügend Bewegungsfreiheit, was primär auf die flache Bauweise des CTB-Akkus zurückzuführen ist. Es gibt keinen störenden Mitteltunnel, und die Durchgangsbreite im Fond von 315 mm erleichtert das Einsteigen oder das Hantieren mit Kindersitzen. Aber nicht nur die Menschen, auch das Gepäck findet großzügig Platz. Das Kofferraumvolumen von 470 Litern ist in dieser Klasse ein Spitzenwert, und wer den doppelten Ladeboden nutzt, erhält weitere 98 Liter Stauraum für Ladekabel oder Kleinkram. Insgesamt stehen im Innenraum 30 Ablagefächer zur Verfügung, was die Alltagstauglichkeit massiv erhöht.

Ein nützliches technisches Extra ist die Vehicle-to-Load-Funktion (V2L). Damit mutiert die Antriebsbatterie zur rollenden Powerbank, die externe Geräte mit Strom versorgen kann. Ob es die Kühlbox beim Ausflug oder das Notebook im mobilen Büro ist, die Energie lässt sich flexibel abgreifen. Das zeigt, dass MG das Auto nicht mehr nur als reines Fortbewegungsmittel begreift, sondern als Teil eines mobilen Ökosystems. Die Materialauswahl im Innenraum wirkt solide und gut verarbeitet, auch wenn an weniger sichtbaren Stellen natürlich der Rotstift regiert, um den attraktiven Einstiegspreis zu halten. Dennoch ist die Qualitätsanmutung deutlich über dem Niveau früherer chinesischer Importe angesiedelt.

Die Preisstruktur und der deutsche Markt

MG verzichtet beim MG4 EV Urban auf komplizierte Aufpreislisten und Pakete, was den Kaufprozess für den Kunden extrem vereinfacht. Die Modellpalette beginnt beim Active mit der 43 kWh-Batterie und 110 kW Leistung für 24.990 Euro. Wer mehr Komfort möchte, greift zur Comfort-Ausstattung für 27.190 Euro. Der Sprung zur größeren 54 kWh-Batterie erfolgt in der Comfort-Linie bei 28.490 Euro, während das Topmodell Premium mit 118 kW Leistung und der großen Batterie für 31.490 Euro in der Liste steht. In dieser Preisgestaltung sind bereits Features wie Voll-LED-Scheinwerfer, Klimaautomatik und das Navigationssystem enthalten, was die Konkurrenz in Erklärungsnot bringen könnte.

Deshalb ist der MG4 EV Urban weit mehr als nur ein preiswertes Angebot. Er ist ein technisch durchdachtes Fahrzeug, das gezielt die Schwachstellen bisheriger Elektroautos in der Kompaktklasse adressiert: den Preis, den Platz und die Komplexität der Bedienung. Man darf gespannt sein, wie die etablierten Hersteller auf diesen Frontalangriff reagieren, denn die Kombination aus moderner Plattformtechnologie, hoher Sicherheit – dokumentiert durch fünf Sterne im Euro-NCAP – und einem fast schon aggressiven Preispunkt ist ein Paket, das viele bisherige Skeptiker zum Umstieg bewegen könnte. Zweifel an der Markenbekanntheit schwinden zusehends, wenn die Produkte auf der Straße durch Präsenz und Leistung überzeugen. Der MG4 EV Urban hat definitiv das Potenzial, zum neuen Maßstab für bezahlbare Elektromobilität in deutschen Städten zu werden.