Lancia Delta HF Integrale 16V wird vom Nationalen Automuseum „The Loh Collection“ zur Verfügung gestellt - Bildnachweis: The Loh Collection / AvD
AvD auf der Essen Motor Show 2025
Wenn in Essen der Geruch von Benzin und frischem Lack die Hallen füllt, dann beginnt für viele Enthusiasten das gefühlte Saisonfinale. Die Essen Motor Show gilt seit Jahrzehnten als Treffpunkt für alle, die den automobilen Pulsschlag zwischen Tradition und Moderne spüren wollen. Auch 2025 kehrt der Automobilclub von Deutschland – kurz AvD – mit einem breit aufgestellten Auftritt zurück, der geschickt Brücken baut: von der historischen Rallye-Leidenschaft über klassische Pannenhilfe bis hin zum digitalen Fahrgefühl am Simulator.
Ein Club mit Geschichte und Gegenwart
Kaum eine Institution in Deutschland steht so eng mit der Geschichte des Motorsports verbunden wie der AvD, gegründet im Jahr 1899. Seine Präsenz auf der Essen Motor Show ist daher mehr als ein Pflichttermin. Sie versteht sich als lebendige Einladung, Motorsportkonzepte vergangener Jahrzehnte mit der Gegenwart zu verbinden. In Halle 1, traditionell der Klassiker‑Abteilung der Messe vorbehalten, spricht der Auftritt besonders das Publikum mit einem Faible für historische Rallyefahrzeuge an. Dort präsentiert der Club gemeinsam mit Partner Walkenhorst Classic eine kleine, aber aussagekräftige Retrospektive auf die „goldene Ära“ des Rallyesports.
Legenden mit Patina und Geschichte
Zentraler Publikumsmagnet dürfte der Lancia Delta HF Integrale 16V (siehe Bild oben) sein. Ein Fahrzeug, das kaum ein Kenner ohne leuchtende Augen betrachten kann. Der in klassischem Martini-Rot lackierte Wagen gehört zu den seltensten seiner Art: Nur sieben Exemplare verließen das Werk in dieser Farbe. 1989 steuerte Rallyepilot Didier Auriol genau dieses Auto auf den zweiten Platz der legendären Rallye Monte‑Carlo. Ausgestellt wird es von der Loh Collection, einem privaten Nationalmuseum, das sich auf den Erhalt bedeutender Wettbewerbsfahrzeuge spezialisiert hat. Der Integrale verkörpert jene Ära, in der mechanische Präzision und Fahrerinstinkt das Rennergebnis bestimmten – lange bevor Elektronik und Simulation das Geschehen dominierten.
Neben ihm steht ein weiteres Exponat mit hohem Zeitwert: Ein Mercedes-Benz 300 SE, die sogenannte „Rennflosse“, erinnert an eine kaum bekannte, aber prägende Episode der Rallyegeschichte. Mit einem solchen Wagen gewann Heide Utz 1967 die Damenwertung der Monte. Ihr bis heute legendärer Tick: Sie soll alle Rennen barfuß bestritten haben, um das Pedalgefühl zu verbessern. Von den sechs für Wettbewerbszwecke entwickelten „Rennflossen“ gilt nur dieses Exemplar aus der Loh Collection als vollständig erhalten, was seinen musealen Rang unterstreicht.
Eine Reise auf den Spuren der Histo-Monte
Doch die Ausstellung ist nicht allein rückwärtsgewandt. Der AvD nutzt den Messeauftritt, um auf die Jubiläumsausgabe der AvD-Histo-Monte hinzuweisen, die vom 9. bis 14. Februar 2026 stattfindet. Startort ist Rothenburg ob der Tauber, von wo aus die Fahrer – ausschließlich mit klassifizierten Fahrzeugen der Ära bis 1980 – über traditionell verschneite Passagen der Schweiz und Frankreichs bis nach Monaco reisen. Diese Veranstaltung gilt inzwischen als kulturelles Bindeglied zwischen historischem Motorsport und touristischer Rallye-Romantik. Der Meldeschluss liegt am 14. Dezember 2025, und nicht zufällig: Wer teilnehmen möchte, muss früh planen – die Startplätze sind begrenzt und die logistischen Anforderungen hoch.
Deshalb begegnet man in Halle 1 vielen, die sich nicht nur informieren, sondern auch anmelden wollen. Das Interesse zeigt, dass die Attraktivität historischer Rallyes ungebrochen ist. Der AvD stellt dabei klar, dass diese Veranstaltungen keine reine Nostalgie bedienen, sondern technische Kompetenz und historische Authentizität gleichermaßen bewahren sollen.
Erinnerungen an eine andere Art der Pannenhilfe
Ein Stück Zeitgeschichte darf ebenfalls nicht fehlen: Der Club bringt mehrere historische Pannenhilfsfahrzeuge mit nach Essen. Darunter einen seltenen DKW-Schnelllaster aus dem Jahr 1955, ein Opel Rekord Olympia von 1956 und einen VW 1600. Diese restaurierten Dienstfahrzeuge tragen die traditionellen Clubfarben Rot und Weiß und erinnern an die Ära, in der Mobilität noch fehleranfällig, aber nicht weniger faszinierend war. Wer sie betrachtet, versteht schnell, weshalb der AvD bis heute als Synonym für Service und Straßenhilfe wahrgenommen wird.
Virtuelle Runden statt Benzingeruch
Nur wenige Schritte weiter, in Halle 8, setzt der Club auf moderne Erlebnisse. Dort wartet ein Rennsimulator, der Besuchern erlaubt, ihr Können in einem virtuellen Formel-1-Boliden auf klassischen Grand-Prix-Strecken wie dem Nürburgring zu testen. Die Reaktionszeit, Präzision und Linienwahl der Fahrer werden in Echtzeit ausgewertet. Es ist ein Angebot, das Brücken schlägt: Der traditionelle Motorsport lernt vom digitalen.
Zudem zeigt der AvD zwei Karts aus der AvD-ACV German Karting Series. Diese nationale Nachwuchsserie, die 2025 eine hohe Teilnehmerzahl verzeichnete, gilt als Sprungbrett für junge Talente. Sie steht symbolisch für den Bildungsauftrag, den der Club auch über seine Motorsportaktivitäten hinaus verfolgt: Begeisterung für Technik und Sicherheit zu fördern.
Spektakuläre Seiten des Motorsports
Am selben Stand sorgt ein anderer Protagonist für Gesprächsstoff: Der Nissan 200SX S13 von Patrick Hammes, drittplatzierter Fahrer der AvD Drift Championship 2025. Driften, also das kontrollierte Quertreiben, ist längst mehr als ein Showelement. Es verlangt Präzision, technische Anpassung und Reaktionsschnelligkeit. Die Szene wächst rasant, besonders unter jungen Besuchern, die diese Disziplin als moderne Ausdrucksform automobilen Könnens ansehen. Der AvD trägt wesentlich dazu bei, diesem Motorsport in Deutschland eine geregelte Plattform zu geben.
Auch der Osella PA18, vorgestellt vom Motorsportclub Erftal im AvD, verdeutlicht, wie vielfältig die Aktivitäten sind. Das in Eichenbühl beheimatete Bergrennen zählt zu den traditionsreichsten seiner Art. Auf engen Landstraßen kämpfen Fahrer nicht gegen Konkurrenten, sondern gegen die Uhr – bergauf, unter vollem Einsatz von Fahrdynamik und Präzision. Gerade diese Disziplin spiegelt eine Form des Motorsports wider, die in Deutschland Nischenstatus behalten hat, jedoch technisch anspruchsvoll und bei Fans hochgeschätzt ist.
Charity mit Motorsport-Note
Ein besonderes Ausstellungsstück steht in Halle 8 ebenfalls im Fokus: der Aston Martin Vantage GT3 des AvD Charity Car-Projekts. Dieses Fahrzeug, das von JP Performance gestaltet wurde, war über Monate hinweg Symbol einer Spendenaktion im Rahmen des RTL-Spendenmarathons. Mit Abschluss des Projekts wechselt der GT3 nun in die Dauerausstellung der Loh Collection. Das Beispiel zeigt, dass Motorsport auch gesellschaftliche Verantwortung übernehmen kann – nicht durch große Worte, sondern durch Projekte, die messbar helfen.
Zwischen Nostalgie und Zukunft
Am zweiten und dritten Messetag, dem 2. und 3. Dezember, lädt der Club zu kleinen Quizrunden rund um automobil- und motorsportgeschichtliche Themen ein. Besucher können dabei Sachpreise gewinnen – eine charmante Erinnerung an Zeiten, in denen Messeerlebnisse noch unmittelbarer waren.
Aber der Kern der AvD-Präsenz bleibt technischer und emotionaler Natur zugleich. Ob historische Rallye-Fahrzeuge, virtuelle Simulation oder Nachwuchsförderung im Kartsport – der Club sucht sichtbar die Balance zwischen Enthusiasmus und Verantwortung. Er versucht, Automobile als Kulturgut zu bewahren, ohne den Anschluss an moderne Trends zu verlieren.
Die Essen Motor Show als Bühne
Dass die Essen Motor Show bis heute ihre magnetische Wirkung behält, liegt an diesem Spagat. Hier stehen restaurierte Klassiker Tür an Tür mit elektrisch aufgeladenen Tuningboliden. Zwischen Sound, Chrom und Pixelschimmer entsteht eine Atmosphäre, in der Tradition nicht zum Stillstand, sondern zum Taktgeber wird. Der AvD nutzt dieses Umfeld bewusst, um seine Vielseitigkeit zu demonstrieren – als traditionsreicher Verein mit dreistelligem Gründungsalter und als Mitgestalter des modernen Motorsports.
Gerade in Zeiten, in denen Mobilität neu bewertet wird, wirkt dieser Auftritt wie ein Bekentnis: Leidenschaft für Technik, aber mit Bewußtsein für Nachhaltigkeit, Nachwuchs und Sicherheit. Vielleicht liegt genau darin die Stärke eines Clubs, der erlebt hat, wie sich das Automobil von der rollenden Entdeckung zum digital vernetzten Erlebnisobjekt entwickelt hat.

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