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Bye-bye Verbrenner: Der radikale Alleingang der Alpine A110 Future in Goodwood

Die Zukunft der A110: Prototyp Alpine A110 Future beim Festival of Speed - Bildnachweis: Alpine / Renault

 

Der lautlose Keil von Goodwood: Wie Alpine das Erbe der Leichtigkeit elektrifiziert

Das traditionsreiche Goodwood Festival of Speed im Süden Englands gilt seit jeher als die unumstrittene Kathedrale des mechanischen Lärms. Wenn historische Triebwerke unter ohrenbetäubendem Brüllen den berühmten Hügel hinaufjagen, vibriert der Asphalt und die Luft flirrt von verbranntem Kraftstoff. Doch in diesem Jahr wurde die gewohnte Geräuschkulisse im First Glance Paddock von einer fast lautlosen, aber optisch umso aggressiveren Präsenz unterbrochen. Ein flacher, bulliger Erlkönig im auffälligen Tarnkleid rollte an den Start. Unter der Bezeichnung Alpine A110 Future schickte die französische Sportwagenmarke ein seriennahes Entwicklungsfahrzeug auf die Strecke, das den endgültigen Übergang des legendären Mittelmotor-Coupés in das Zeitalter der Elektromobilität markiert. Die deutlich ausgestellten Kotflügel und die massiv verbreiterte Spur machten sofort deutlich, daß hier kein gewöhnlicher Elektroumbau steht. Es ist der Vorbote einer technologischen Zeitenwende, die unter Enthusiasten sogleich tiefe querdynamische Fragen aufwirft. Kann ein batterieelektrischer Antrieb die unverwechselbare DNA eines absoluten Leichtbau-Champions wirklich adäquat in die Zukunft tragen, oder verpufft der gewohnte Fahrspaß im bleiernen Gewicht der Akkumulatoren?

Als erfahrener Autojournalist beobachtet man solche radikalen Umbrüche naturgemäß mit einer gehörigen Portion Skepsis. Zu oft haben wir in den letzten Jahren erlebt, wie traditionsreiche Marken das sportliche Fahrvehalten ihrer Ikonen auf dem Altar der Elektrifizierung geopfert haben. Ein schweres Auto bleibt in schnell gefahrenen Kurven nun einmal eine Herausforderung für die Physik, ganz gleich, wie intelligent die elektronischen Regelsysteme im Hintergrund agieren. Die A110 lebte seit ihrer Wiederbelebung im Jahr 2017 ausschließlich von ihrer unvergleichlichen Leichtfüßigkeit, ihrer mechanischen Direktheit und einem analogen Purismus, der in der modernen Sportwagenwelt fast ausgestorben war. Diesen Charakter in ein digitales, schweres Batteriezeitalter zu retten, gleicht einem technologischen Drahtseilakt ohne Netz und doppelten Boden.

Die Zukunft der A110: Prototyp Alpine A110 Future beim Festival of Speed – Bildnachweis: Alpine / Renault

Das Ende einer analogen Ära und der französische Alleingang

Die historische Tragweite dieses Schrittes wird durch ein wichtiges Datum untermauert, das sich nur wenige Tage vor der Premiere in Goodwood ereignete. Am 1. Juli 2026 lief in der historischen Manufaktur Jean Rédélé im französischen Dieppe die allerletzte fahrfertige Alpine A110 mit Verbrennungsmotor vom Band. Es handelte sich um das exakt 28.701. Exemplar der so erfolgreichen zweiten Modellgeneration, die seit ihrem Relaunch im Jahr 2017 die Herzen von Puristen im Sturm erobert hatte. Rechnet man die Ur-Version hinzu, die seit der Eröffnung des Werks im Jahr 1969 dort gefertigt wurde, blickt der Standort auf stolze 35.450 produzierte A110-Modelle zurück. Über die Jahre prägte der Sportwagen auch die visuelle Identität der Marke. Mehr als 58 Prozent aller Fahrzeuge wurden in einem Blauton ausgeliefert, wobei rund 33 Prozent auf das ikonische Metallic-Blau namens Bleu Alpine entfielen. Diese Farbe war übrigens keineswegs ein Tribut an die nationalen französischen Rennfarben, sondern ging auf den speziellen Wunsch eines einzelnen Kunden in den frühen 1960er-Jahren zurück, dessen Sonderlackierung so gut ankam, daß sie zum Markenzeichen erhoben wurde.

Aber diese analoge Erfolgsgeschichte ist nun endgültig Geschichte. Der Übergang zur Elektromobilität verlief im Vorfeld jedoch alles andere als reibungslos. Ursprünglich wollte Alpine den elektrischen Nachfolger in einer engen Entwicklungskooperation mit dem britischen Leichtbauspezialisten Lotus realisieren. Diese Partnerschaft versprach eine Bündelung des unschätzbaren Know-hows beider Marken. Doch im Mai 2023 gaben beide Unternehmen überraschend das Ende des gemeinsamen Projekts in freundschaftlichem Einvernehmen bekannt. Luca de Meo, der Vorstandsvorsitzende der Renault-Gruppe, betonte später, daß man sich ohne Reibereien getrennt habe, weil beide Seiten erkannten, daß die jeweiligen Anforderungen an die Plattformstrukturen zu stark voneinander abwichen.

Deshalb entschied sich die französische Sportwagenmarke für einen ambitionierten und kostspieligen Alleingang. Anstatt das Konzept eines rein elektrischen Zweisitzers fallen zu lassen, entwickelten die Ingenieure in kürzester Zeit eine völlig eigene technische Basis: die Alpine Performance Platform, kurz APP. Diese modular aufgebaute Architektur soll nicht nur die künftige A110 tragen, sondern ist so flexibel ausgelegt, daß sie auch für einen offenen Roadster und ein größeres viersitziges Sportcoupé genutzt werden kann, das unter dem geschichtsträchtigen Namen A310 als direkter Konkurrent zum Porsche 911 positioniert werden soll.

Die technische Anatomie der Alpine Performance Platform

Das größte Hindernis bei der Konstruktion eines echten Elektro-Sportwagens bleibt das enorme Gewicht der Batterieeinheiten. Die bisherige Verbrenner-A110 war mit einem Leergewicht von nur 1.102 Kilogramm ein absolutes Leichtgewicht. Der elektrische Nachfolger visiert laut ersten Entwicklungsdaten ein fahrfertiges Gewicht von rund 1.450 Kilogramm an. Das bedeutet einen satten Gewichtszuwachs von rund 350 Kilogramm. Ein solcher Wert lässt Puristen aufhorchen, doch im direkten Konkurrenzvergleich relativiert sich die Masse. Ein moderner Sportwagen mit herkömmlichem Verbrennungsmotor, wie etwa der Porsche 718 Cayman GT4 RS, bringt ein ganz ähnliches Gewicht auf die Waage, während herkömmliche Elektroautos in dieser Leistungsklasse oft weit über die 1.700-Kilogramm-Marke hinausschießen.

Um dieses vergleichsweise niedrige Gewichtsziel für einen Stromer überhaupt erreichen zu können, setzt Alpine bei der APP auf eine hochmoderne Aluminiumstruktur. Die Plattform besteht aus extrudierten Aluminiumprofilen, die mit hochpräzisen, dünnwandigen Gusskomponenten im Niederdruckverfahren kombiniert werden. Anstelle herkömmlicher Schweißverbindungen vertrauen die Ingenierue auf eine strukturelle Klebe- und Niettechnik, die eine extreme Torsionssteifigkeit bei minimalem Materialeinsatz gewährleistet. Das Ergebnis ist eine Chassisstruktur, die laut Werksangaben doppelt so steif ist wie die des bisherigen Benzinmodells, was der Präzision der Radführung massiv zugutekommt. An den Achsen verbaut Alpine rundum klassische Doppelquerlenker, um eine optimale mechanische Reifenaufstandsfläche und damit maximale Querdynamik zu sichern.

Deshalb mussten die Entwickler auch beim Packaging der Energiespeicher völlig neue Wege gehen. Nahezu alle modernen Elektroplattformen nutzen ein sogenanntes Skateboard-Layout, bei dem die Batterie als flacher, schwerer Block im Unterboden zwischen den Achsen montiert ist. Dies sorgt zwar für einen tiefen Schwerpunkt, zwingt die Konstrukteure jedoch dazu, das Fahrzeug höher aufzubauen. Für einen ultraflachen Sportwagen wäre dieses Konzept tödlich gewesen. Alpine spaltete das Batteriepaket der A110 Future daher in zwei separate Einheiten auf. Ein kleinerer Teil des Akkus sitzt auf der Vorderachse, während das größere Paket im Heck des Fahrzeugs untergebracht ist, genau dort, wo sich beim Vorgänger der Mittelmotor befand.

Dieses komplexe Layout ermöglicht eine sportwagentypische Gewichtsverteilung von 40:60 zwischen Vorder- und Hinterachse, was exakt dem dynamischen Verhalten eines klassischen Mittelmotorsportwagens entspricht. Da der Unterboden im Cockpitbereich völlig frei von Batteriezellen bleibt, kann der Fahrer extrem tief über dem Asphalt sitzen. Die Windschutzscheibe steht flach, und das Lenkrad ist fast vertikal ausgerichtet – ein klares Bekenntnis zum ungefilterten, rennsportartigen Fahrgefühl. Aber diese geniale Raumaufteilung verlangt auch schmerzhafte Opfer im Alltag. Durch die Platzierung der Akkumulatoren im Bug und im Heck schrumpft der ohnehin knappe Gepäckraum des Zweisitzers auf ein absolutes Minimum zusammen. Einen praktischen vorderen Kofferraum sucht man vergeblich, und auch hinter den Sitzen bleibt kaum mehr als Platz für eine schmale Reisetasche.

Digitale Dynamiksteuerung und der Traum von der Nordschleife

Für den Vortrieb des Technologieträgers sorgt eine hocheffiziente 800-Volt-Architektur, die auf der modernen Cell-to-Pack-Technologie basiert. Die Batteriezellen mit extrem hoher Energiedichte stammen vom französischen Spezialisten Verkor, was dem Fahrzeug eine zusätzliche Dosis nationaler Spitzentechnologie verleiht. Das Hochvoltsystem ermöglicht nicht nur extrem kurze Ladezeiten an entsprechenden Gleichstrom-Schnellladestationen, sondern garantiert auch eine dauerhaft stabile Leistungsabgabe unter hoher thermischer Belastung auf der Rennstrecke. An der Hinterachse verrichtet eine neu entwickelte 3-in-1-E-Achse ihren Dienst. Diese kompakte Einheit bündelt zwei separate Elektromotoren, das Reduktionsgetriebe und einen hocheffizienten Siliziumkarbid-Wechselrichter in einem einzigen, extrem raumsparenden Gehäuse.

Obwohl sich das Management bezüglich der exakten Leistungsdaten des Goodwood-Prototyps noch bedeckt hält, sickerten bereits erste Entwicklungsziele durch. In den leistungsstärksten Ausführungen soll der Antrieb weit über 370 Kilowatt leisten, was umgerechnet mehr als 500 PS entspricht. Der Sprint aus dem Stand auf 100 km/h soll in deutlich unter 3,5 Sekunden absolviert werden, womit der Elektro-Nachfolger das bisherige Verbrenner-Topmodell spielend deklassiert. Als maximale Reichweite nach dem WLTP-Zyklus peilen die Franzosen einen Wert von rund 600 Kilometern an, was den Sportwagen auch für längere Etappen tauglich machen würde. Das erklärte fahrdynamische Ziel der Entwickler ist kein geringeres, als auf der legendären Nordschleife des Nürburgrings schnellere Rundenzeiten in den Asphalt zu brennen als ein vergleichbarer Porsche 718 Cayman mit Verbrennungsmotor.

Aber pure Längsdynamik war noch nie das Geheimnis einer guten Alpine. Um das spürbare Mehrgewicht der Batterien in Kurven komplett zu neutralisieren, setzen die Entwickler auf das hochkomplexe Zusammenspiel elektronischer Regelsysteme. Das Gehirn des Fahrzeugs ist das sogenannte Alpine Dynamic Module, ein zentraler Hochleistungsrechner, der die Schnittstellen zwischen Antrieb, Bremsen, Lenkung und Fahrwerk koordiniert. Dieses System steuert das extrem feinfühlige, aktive Drehmomentverteilungssystem an der Hinterachse. Jedes der beiden Hinterräder wird von einem eigenen Elektromotor angetrieben, was eine radselektive Kraftverteilung im Takt von nur 10 Millisekunden ermöglicht. In schnell gefahrenen Kurven wird dem kurvenäußeren Rad blitzschnell mehr Drehmoment zugeteilt, wodurch das Heck aktiv mitlenkt und das Fahrzeug spürbar agiler und dynamischer wirken lässt, als es das reine physikalische Gewicht vermuten ließe.

Die strategische Hintertür für den Verbrennungsmotor

Trotz des unermüdlichen Fokus auf den batterieelektrischen Antrieb haben sich die Produktplaner der Renault-Gruppe eine bemerkenswerte technische Hintertür offengelassen. Philippe Krief, der Chef der Marke Alpine, räumte in einem vertraulichen Gespräch mit britischen Journalisten ein, daß die neu entwickelte Aluminiumstruktur der Alpine Performance Platform theoretisch auch so konstruiert ist, daß sie einen Verbrennungsmotor aufnehmen kann. Da das hintere Batteriepaket exakt an der Position des ehemaligen Mittelmotors sitzt, wäre der physische Bauraum für ein kompaktes Verbrennungsaggregat samt Getriebe durchaus vorhanden.

Diese technologische Flexibilität ist ein kluger, strategischer Schachzug. Sollte sich die globale Nachfrage nach reinen Elektro-Sportwagen in den kommenden Jahren merklich abkühlen oder die Ladeinfrastruktur in wichtigen Exportmärkten stagnieren, könnte Alpine flexibel reagieren und eine Hybrid- oder reine Verbrenner-Version nachschieben, ohne eine komplett neue Plattform entwickeln zu müssen. Krief betonte jedoch im selben Atemzug, daß diese Option keinesfalls auf Kosten der Effizienz des Elektroantriebs erkauft wurde. Der Wagen wurde primär als kompromissloser Stromer entwickelt, doch die Option einer mechanischen Renaissance bleibt als Lebensversicherung im Hintergrund bestehen.

Der wirtschaftliche Quantensprung und die Hürden des Marktes

Deshalb muss man die künftige Marktpositionierung des Fahrzeugs auch aus einer sehr nüchternen wirtschaftlichen Perspektive betrachten. Die bisherige A110-Palette deckte ein breites Spektrum ab, das für ambitionierte Sportfahrer noch halbwegs erreichbar war. Der Einstieg in die Welt des französischen Mittelmotor-Coupés begann bei vertretbaren 66.350 Euro für das 252 PS starke Basismodell. Die GTS-Variante mit 300 PS stand mit 79.350 Euro in den Preislisten, während das radikal gewichtsoptimierte Topmodell A110 R für mindestens 120.550 Euro ausgeliefert wurde. Selbst exklusive Sonderserien wie die limitierte A110 R Le Mans blieben mit 140.000 Euro in einem für diese Leistungsklasse vertretbaren Rahmen.

Mit dem elektrischen Nachfolger bricht Alpine jedoch radikal mit dieser Preisstruktur. Durch die enormen Kosten der eigenständigen Aluminiumplattform und die teure 800-Volt-Batterietechnologie wird sich der künftige Elektro-Sportwagen preislich dauerhaft im sechsstelligen Segment etablieren. Brancheninsider rechnen mit einem Einstiegspreis von nicht unter 140.000 bis 160.000 Euro. Damit verlässt der französische Herausforderer das angestammte Revier des Porsche Cayman und rückt preislich direkt in das Umfeld des legendären Porsche 911. Für die treue, puristische Fangemeinde, die den Wagen gerade wegen seines puristischen Konzepts zu noch bezahlbaren Tarifen schätzte, stellt diese massive Höherpositionierung zweifellos eine erhebliche Barriere dar.

Das Ökosystem der Dream Garage und der Showeffekt

Um diesen gewaltigen Transformationsprozess emotional aufzuladen, nutzte Alpine die große Bühne des Goodwood Festival of Speed für eine spektakuläre Demonstration der Stärke. Der Prototyp der A110 Future bildete das schillernde Herzstück eines historisch beispiellosen Markenauftritts. Im Rahmen des sogenannten Alpine Moment am Donnerstag, dem 9. Juli, inszenierte der Hersteller eine emotionale Parade, die den neuen Technologieträger mit wegweisenden historischen Rallye-Ikonen und Meilenstein-Modellen der Firmengeschichte zusammenbrachte. Den furiosen Höhepunkt bildete die Demonstrationsfahrt des Formel-1-Boliden E20, dessen kreischender V8-Saugmotor die Zuschauer noch einmal in nostalgische Schwingungen versetzte. Die enge Verknüpfung zum aktuellen Motorsport wurde zudem durch die Präsenz der Formel-1-Stammfahrer Pierre Gasly und Franco Colapinto sowie der Nachwuchstalente Nina Gademan, Paul Aron und Alex Dunne untermauert, die am Stand für Autogrammstunden und Fachgespräche zur Verfügung standen.

Der immense Aufwand in Südengland verdeutlicht, daß die A110 Future als strahlender Imageträger für eine komplett neue, elektrische Modellfamilie fungieren muss, die der Hersteller unter dem Begriff Dream Garage vermarktet. Der zweisitzige Sportwagen besetzt darin die Nische der technologischen Speerspitze. Doch das wirtschaftliche Überleben der Marke und das angestrebte immense Wachstum hängen an zwei weitaus massentauglicheren Modellen, die in Goodwood ebenfalls im Rampenlicht standen.

Als kompakter Einstieg dient die bereits bestellbare Alpine A290, ein aufregend gezeichneter Elektro-Hot-Hatch auf Basis des Renault 5. Das kompakte Kraftpaket wird zu Preisen ab 38.700 Euro für die 177 PS starke GT-Version angeboten, während das Topmodell GTS mit 218 PS für 44.700 Euro in der Preisliste steht. Als sportlicher Allrounder für die Familie soll ab Anfang des kommenden Jahres zudem die neue Alpine A390 durchstarten. Der bis zu 470 PS starke, fünfsitzige Sport-Fastback verfügt über einen hocheffizienten elektrischen Allradantrieb mit drei Elektromotoren, eine 89-Kilowattstunden-Batterie und soll zu Preisen ab 67.500 Euro eine alltagstaugliche Brücke zwischen hoher Performance und praktischem Nutzen schlagen.

Querdynamischer Meilenstein oder digitaler Trugschluss

Der detailreiche Blick auf den Prototyp Alpine A110 Future offenbart ein faszinierendes Stück fortschrittlicher Ingenieurskunst. Der radikale Verzicht auf das übliche Skateboard-Layout der Batterie zugunsten einer optimalen Gewichtsverteilung von 40:60 zeigt, daß die Entwickler die querdynamischen Gesetze eines echten Sportwagens verstanden haben. Die extrem tiefe Sitzposition und die steife Aluminiumstruktur versprechen ein hochpräzises Einlenkverhalten, das sich wohltuend vom hochbeinigen Fahrgefühl gewöhnlicher Elektrofahrzeuge abheben dürfte.

Als erfahrener Autotester beschleicht einen dennoch ein leiser Zweifel, ob die komplexe Elektronik die unerbittliche Physik der fast 1.500 Kilogramm schweren Fuhre dauerhaft kaschieren kann. Ein aktives Drehmomentverteilungssystem, das alle 10 Millisekunden eingreift, mag auf den ersten Kurvenmetern eine verblüffende Agilität vortäuschen, doch beim harten Anbremsen und im Grenzbereich auf nasser Fahrbahn wird die träge Masse des schweren Akkus unweigerlich an den Reifen zerren. Zudem reißt der gewaltige Preissprung auf weit über 140.000 Euro eine tiefe ökonomische Kluft zur bisherigen, treuen Kundschaft. Alpine wagt mit diesem Technologieträger ein monumentales und riskantes Spiel. Sollten die Franzosen es tatsächlich schaffen, das sprichwörtliche Gefühl der mechanischen Leichtigkeit im Fahrvehalten digital zu rekonstruieren, steht uns eine aufregende Zukunft bevor. Falls nicht, droht der Ikone aus Dieppe der Verlust ihrer einzigartigen Seele im lautlosen Rauschen der elektrischen Neuzeit.