MOTORMOBILES

Das Automagazin im Internet

Changan setzt auf Spitzenfußball: Strategische Partnerschaft mit Portugals Nationalelf

Changan Automobile & Portugal national football team - Bildnachweis: Changan

 

Der strategische Anstoß in Lissabon und der Härtetest

Während etablierte europäische Automobilhersteller mühsam um schwindende Marktanteile ringen, sichert sich die chinesische Konkurrenz den emotionalen Zugang zu den Massen über den populärsten Sport des Kontinents. Changan Automobile hat in einer bemerkenswerten strategischen Bewegung eine globale Partnerschaft mit dem portugiesischen Fußballverband geschlossen und steigt damit zum offiziellen globalen Partner der dortigen Nationalmannschaft auf. Diese Allianz, verkündet im nationalen Trainingszentrum Cidade do Futebol in Lissabon, ist weit mehr als eine klassische Werbemaßnahme mit Bandenpräsenz. Sie fungiert als das emotionale Fundament für eine umfassende Markteinfürung auf dem europäischen Kontinent, die von einer technologisch anspruchsvollen Produktpalette getragen werden soll. Für den chinesischen Automobilgiganten, der weltweit bereits über 30 Millionen Kunden zählt, stellt Europa den Schlüsselmarkt innerhalb seiner globalen Expansionsstrategie dar, die intern unter dem Namen Vast Ocean Plan vorangetrieben wird. Die Kooperation zielt darauf ab, die Sichtbarkeit von Marken wie Deepal, Avatr und Nevo schlagartig zu erhöhen und technische Innovationen direkt in das Sichtfeld von Hunderten Millionen fußballbegeisterten Europäern zu rücken.

Die feierliche Bekanntgabe der Partnerschaft in Lissabon glich einer sorgfältig inszenierten Machtdemonstration, bei der hochrangige Manager des Automobilherstellers auf namhafte portugiesische Fußballlegenden wie Ricardo Quaresma und Vítor Baía trafen. Im Zentrum des Events stand nicht nur die symbolische Übergabe eines Trikots, sondern die handfeste Demonstration technologischer Reife im Rahmen einer europäischen Langstrecken-Testfahrtinitiative. Direkt von der Cidade do Futebol aus wurde ein Deepal S05 mit einem neuartigen Plug-in-Hybridantrieb auf eine über 1.000 Kilometer lange Reise von Lissabon über Madrid bis nach Turin geschickt. Diese Route wurde bewusst gewählt, um die Leistungsfähigkeit der hauseigenen Antriebstechnik unter realen kontinentalen Straßen- und Klimabedingungen unter Beweis zu stellen. Dabei dient Turin als symbolträchtiger Endpunkt, da sich dort das europäische Designzentrum von Changan befindet, in dem ein Großteil der Linienführung für den europäischen Markt entworfen wurde.

Changan Automobile & Portugal national football team – Bildnachweis: Changan

Deshalb ist das Sponsoring eng mit dem technologischen Reifeprozess der Fahrzeuge verknüpft, die sich auf europäischen Straßen beweisen müssen, bevor sie in großen Stückzahlen in den Handel gelangen. Der portugiesische Verband betonte, dass diese Kooperation auf gemeinsamen Werten wie Ehrgeiz, technologischer Innovation und Resilienz fuße. Aus rein geschäftlicher Sicht bedeutet die Partnerschaft mit dem Team der Quinas, das weltweit mehr als 500 Millionen Fans erreicht, für Changan eine enorme Abkürzung beim Aufbau von Markenbekanntheit. Ein unbekannter Name aus China wird so über Nacht mit den Attributen von Spitzenfußballern verknüpft, was das Vertrauen der potenziellen Käufer stärken soll.

Der Vast Ocean Plan und die harten Expansionsziele

Hinter den emotionalen Bildern von Fußballstars steht ein kühler und ambitionierter Businessplan für das Jahr 2026. Changan hat sich für das laufende Geschäftsjahr weltweite Absatzziele von insgesamt 3,3 Millionen Fahrzeugeinheiten gesetzt. Davon sollen allein 1,4 Millionen Einheiten auf sogenannte New Energy Vehicles, also reine Elektroautos und hochmoderne Hybride, entfallen. Das Übersee-Absatzziel beziffert das Unternehmen auf 750.000 Fahrzeuge, wobei Europa als strategische Speerspitze fungiert. Um diese Zahlen zu erreichen, setzt der Konzern auf eine massive Aufstockung seiner Entwicklungsmannschaften und plant die Einstellung von über 10.000 technischen Fachkräften sowie rund 400 führenden Industrieexperten in den Bereichen künstliche Intelligenz, Softwarearchitektur, Elektroantriebe und Fahrzeugetwicklung.

Aber der europäische Automarkt gilt als das am härtesten umkämpfte Pflaster der Welt, weshalb reine Absichtsberichte hier selten genügen. Changan setzt auf seine digitale Intelligenz-Marke SDA Intelligence, die auf drei technologischen Säulen ruht: SDA Pilot für das automatisierte Fahren, SDA Cockpit für die Softwareumgebung und SDA Chassis für die adaptive Fahrwerksregelung. Ob diese Systeme im direkten Vergleich mit den etablierten Premium-Plattformen aus Stuttgart, München oder Ingolstadt bestehen können, muss sich erst noch zeigen. Die Ankündigung, in naher Zukunft über 160 konkrete Technologieergebnisse im Bereich des intelligenten Fahrens und der Batterietechnologie der nächsten Generation zu liefern, unterstreicht zumindest den enormen finanziellen und personellen Aufwand, den das Unternehmen betreibt.

Technische Speerspitze: Deepal S05 im Detail

Das Fahrzeug, das dem portugiesischen Fußballverband als erstes Exemplar in Europa übergeben wurde, ist der Deepal S05 in der Ausführung als Plug-in-Hybrid. Dieses kompakte SUV mit einer Gesamtlänge von 4.598 Millimetern und einem großzügichen Radstand von 2.880 Millimetern wurde gezielt im Hinblick auf europäische Kundenbedürfnisse und die Euro NCAP Fünf-Sterne-Sicherheitsstandards entwickelt. Der Antrieb kombiniert einen permanenterregten Synchronmotor an der Hinterachse, der 172 kW leistet, mit einem 1,5-Liter-Vierzylinder-Benzinmotor mit einer Leistung von 63 kW, welcher primär als hocheffizienter Generator agiert. Daraus resultiert eine maximale Systemleistung von 190 kW, die dem Fahrzeug ordentliche Fahrleistungen bei gleichzeitig hoher Effizienz im Alltag spendieren soll.

Die elektrische Energie wird in einer 18,4 kWh fassenden Lithium-Eisenphosphat-Batterie gespeichert, die im reinen Elektrobetrieb eine WLTP-Reichweite von rund 100 Kilometern ermöglicht. Im kombinierten Hybridmodus, bei dem der Verbrennungsmotor als Range Extender arbeitet, steigt die Gesamtreichweite auf über 1.000 Kilometer an. Für europäische Nutzer besonders relevant ist die Ladefähigkeit: Die LFP-Batterie kann mit bis zu 11 kW Wechselstrom geladen werden und unterstützt serienmäßig ein Gleichstrom-Schnellladen mit bis zu 55 kW Leistung. Zudem verfügt das Modell über eine Vehicle-to-Load Funktion (V2L), mit der externe elektrische Geräte mit Strom versorgt werden können. Der Kofferraum bietet ein nutzbares Volumen von 552 bis maximal 1.310 Litern bei umgeklappter Rücksitzbank, während die maximale Anhängelast bei soliden 1,6 Tonnen liegt. Preislich wird die heckangetriebene Variante in Großbritannien bei rund 37.990 Pfund eingepreist, was für den westeuropäischen Markt auf einen Einstiegspreis von etwa 38.000 bis 42.000 Euro hindeutet, je nach Ausstattungslinie Pro oder Max. Die Allradversion schlägt mit einem Aufpreis von etwa 2.000 Pfund zu Buche.

Der große Bruder Deepal S07 und die Nevo-Reihe

Neben dem S05 schickt Changan den größeren Deepal S07 ins Rennen, ein ausgewachsenes Mittelklasse-SUV mit den Außenabmessungen von 4.750 Millimetern Länge, 1.930 Millimetern Breite und 1.625 Millimetern Höhe. In der reinen Batterie-Elektro-Version ist der S07 mit einem 79,97 kWh großen Batteriepaket ausgestattet, das eine kombinierte WLTP-Reichweite von 475 Kilometern bereitstellen soll. Der durchschnittliche Energieverbrauch wird nach dem genormten WLTP-Zyklus mit 18,6 kWh je 100 Kilometer beziffert, was angesichts der Fahrzeuggröße ein durchschnittlicher, aber keineswegs revolutionärer Wert ist. Erste Listungen bei deutschen Vertriebsplattformen weisen einen Einstiegspreis von rund 38.332 Euro aus, wobei der reguläre Listenpreis im offiziellen Vertrieb knapp unter 45.000 Euro erwartet wird. Das Kofferraumvolumen fällt mit 445 Litern bei aufrechter Sitzbank im Vergleich zum kleineren S05 überraschend kompakt aus, was der flacheren, sportlicheren Dachlinie geschuldet ist.

Ergänzt wird dieses Angebot durch die Marke Nevo, die sich als kundennahe und zugängliche Tech-Marke versteht. Hier steht das SUV-Modell Nevo Q05 im Fokus, das für die Überseemärkte als Range-Extender-Fahrzeug konzipiert wurde. Bei diesem technischen Layout arbeitet der Verbrennungsmotor ausschließlich im optimalen Drehzahlfenster, um die Batterie während der Fahrt zu laden, während der Vortrieb zu jeder Zeit rein elektrisch erfolgt. Dieses System verspricht das typische, direkte Fahrgefühl eines Elektroautos, nimmt dem Kunden jedoch die Reichweitenangst auf Langstrecken. Der Nevo Q05 wird preislich voraussichtlich im Segment zwischen 28.000 und 33.000 Euro positioniert, um preisbewusste Käufer anzusprechen, die dennoch nicht auf moderne Assistenzsysteme verzichten wollen.

Luxus und Software-Power: Die Avatr-Plattform

Die absolute technologische Speerspitze im Konzernportfolio bildet jedoch die Premiummarke Avatr, die in Kooperation mit dem Batteriegiganten CATL und dem Technologieriesen Huawei betrieben wird. Das futuristische Gran Coupé Avatr 12 verdeutlicht, wohin die Reise im Luxussegment gehen soll. Mit einer stolzen Länge von 5.020 Millimetern, einer Breite von 1.999 Millimetern und einem Radstand von 3.020 Millimetern zielt die Limousine direkt auf Konkurrenten wie das Tesla Model S oder den Porsche Taycan. In der neuesten Ausführung kommt eine 98,07 kWh große NMC-Batterie von CATL zum Einsatz, die mit einer extremen Laderate von 6C spezifiziert ist. Das bedeutet in der Praxis eine Spitzenladeleistung von bis zu 560 kW, wodurch der Ladevorgang von 30 auf 80 Prozent in gerade einmal 10 Minuten absolviert sein soll – ein absoluter Spitzenwert in der aktuellen Fahrzeugtechnik.

Die Leistungsdaten der Antriebsvarianten reichen von einer heckgetriebenen Version mit 313 PS beziehungsweise 318 PS bis hin zu einer Tri-Motor-Allradvariante, die brutale 955 PS und ein Drehmoment von 996 Nm mobilisiert. Damit gelingt der Sprint von 0 auf 100 km/h in 2,9 Sekunden, während die Höchstgeschwindigkeit bei elektronisch abgeregelten 220 km/h liegt. Die rein elektrische Reichweite nach dem chinesischen CLTC-Standard wird mit bis zu 755 Kilometern angegeben, was in der Realität nach dem anspruchsvolleren europäischen WLTP-Verfahren in etwa 550 bis 600 Kilometern entsprechen dürfte. Neben der Hardware besticht der Avatr 12 durch die tiefe Integration von Huawei-Technologie. Das Fahrzeug nutzt das Betriebssystem HarmonyOS für das Infotainment sowie die autonome Fahrplattform Huawei ADS 2.0, die auf einer Vielzahl von hochauflösenden Kameras, Radarsensoren und Lidar-Systemen basiert. Während das Auto in China zu einem umgerechneten Kampfpreis von rund 37.800 Euro startet, müssen europäische Importeure aufgrund von Transportkosten, Anpassungen für die Homologation und den drohenden EU-Zöllen mit Preisen zwischen 55.000 und 70.000 Euro kalkulieren. Ergänzt wird die Oberklasse durch das große Luxus-SUV Avatr 11, das eine ähnliche technische Basis nutzt.

Skepsis und Marktchancen im europäischen Haifischbecken

Aber aus journalistisch-neutraler Perspektive betrachtet wirft diese ambitionierte Produktoffensive erhebliche Fragen auf. Ein hochklassiges Fußball-Sponsoring und das Versprechen technologischer Höchstleistungen auf dem Papier garantieren im europäischen Automobilgeschäft noch keinen nachhaltigen Erfolg. Die größte Hürde für Marken wie Deepal oder Avatr auf dem deutschen Markt ist nicht die mangelnde Leistungsfähigkeit der Batterien, sondern das vollständige Fehlen eines etablierten Händler- und Servicenetzes. Ein Kunde, der bereit ist, über 40.000 Euro für ein weitgehend unbekanntes Produkt auszugeben, erwartet eine verlässliche Infrastruktur im Falle von Wartungsarbeiten oder Gewährleistungsansprüchen. Ein schickes Logo auf dem Trikot einer Nationalmannschaft ersetzt keine Werkstatt vor Ort.

Zudem bewegt sich Changan in einem geopolitischen Spannungsfeld. Die Europäische Kommission prüft und erhebt Sonderzölle auf in China produzierte Elektrofahrzeuge, was die kalkulierte aggressive Preisstrategie empfindlich treffen könnte. Die exzellenten Werte beim Laden der 6C-Batterie des Avatr 12 setzen außerdem eine extrem leistungsfähige Ladeinfrasruktur voraus, die selbst in Deutschland nur an sehr wenigen Standorten im Alltag tatsächlich die vollen 560 kW bereitstellen kann. Ein gewisser Zweifel bleibt also bestehen, ob die europäische Kundschaft bereit ist, die etablierten Premiummarken für ein technisches Versprechen aus Fernost zu verlassen. Dennoch zeigt der über 1.000 Kilometer lange Zuverlässigkeitstest von Lissabon nach Turin, dass die Chinesen gewillt sind, ihre Hausaufgaben im Bereich der realen Haltbarkeit zu machen. Die kommenden Monate werden zeigen, ob der strategische Anstoß auf dem Fußballplatz ausreicht, um im europäischen Haifischbecken dauerhaft zu bestehen.