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Chery Automobile erweitert R&D-Flächen in Raunheim deutlich

Offensive aus der hessischen Provinz: Chery möchte von Raunheim aus den europäischen Markt aufrollen - Bildnachweis: Chery

Das Nervenzentrum in Raunheim: Ingenieurskunst statt Importlogik

Manchmal liegt das Epizentrum der globalen automobilen Verschiebung nicht in den gläsernen Palästen von Wolfsburg oder Stuttgart, sondern unscheinbar zwischen einer Autobahnauffahrt und einem Gewerbegebiet im hessischen Raunheim. Wer die schlichten Fassaden der dortigen Bürokomplexe betrachtet, vermutet kaum, dass hier die Blaupausen für einen der ambitioniertesten Markteintritte der letzten Jahrzehnte finalisiert werden. Der chinesische Automobilriese Chery, der seit über zwei Jahrzehnten den Exportmarkt seines Heimatlandes dominiert, macht Ernst mit seiner Europa-Strategie. Dabei geht es nicht mehr nur um den bloßen Import von Fahrzeugen, sondern um eine tiefgreifende Lokalisierung, die nun mit der Verdoppelung der Forschungs- und Entwicklungsflächen in Raunheim sowie dem offiziellen Deutschlandstart des Jaecoo 7 SHS eine neue Qualitätsstufe erreicht.

Weit mehr als eine immobilienwirtschaftliche Randnotiz

Die Entscheidung von Chery, die Büro- und Entwicklungsflächen in Raunheim von ehemals rund 1.100 auf über 2.000 Quadratmeter fast zu verdoppeln, ist weit mehr als eine immobilienwirtschaftliche Randnotiz. Sie markiert den Wandel von einem fernen Exporteur zu einem Akteur, der die spezifischen, oft peniblen Anforderungen des europäischen Marktes vor Ort begreifen und umsetzen will. Aber es reicht eben nicht aus, ein in China erfolgreiches Modell einfach auf ein Schiff zu verladen und in Bremerhaven wieder auszurollen. Der europäische Kunde verlangt nach einer Fahrwerksabstimmung, die nicht nur auf weichen Komfort in Megacitys ausgelegt ist, sondern auch bei Autobahntempo jenseits der 150 Stundenkilometer Stabilität und Feedback bietet. Deshalb konzentriert sich das Team in Raunheim, das bis Ende 2026 auf bis zu 140 Mitarbeitende anwachsen soll, massiv auf die Bereiche Engineering und Design.

Hier findet die entscheidende Feinarbeit statt, die über Erfolg oder Misserfolg in der Gunst der hiesigen Käufer entscheidet. Es geht um die Validierung und Homologation, also die Anpassung an die strengen regulatorischen Vorgaben der Europäischen Union, aber auch um die Definition und Weiterentwicklung der Antriebssysteme. Peter Matkin, der die technische Leitung bei Chery Europe innehat, weiß um die Komplexität dieses Unterfangens. Das Rhein-Main-Gebiet bietet hierfür ein ideales Ökosystem aus Zulieferern, spezialisierten Dienstleistern und einer hohen Dichte an Fachkräften, die oft jahrzehntelange Erfahrung bei etablierten deutschen Herstellern gesammelt haben. Dieses Know-how fließt nun direkt in die Modelle der Marken Omoda und Jaecoo ein, die in Deutschland als Speerspitze der Chery-Offensive fungieren.

Jaecoo 7 SHS: Ein Crossover zwischen Tradition und Transformation

Das erste greifbare Ergebnis dieser Bemühungen, das nun offiziell in den deutschen Handel rollt, ist der Jaecoo 7 SHS. Das Kürzel SHS steht für Super Hybrid System und unterstreicht den technologischen Anspruch, den die Marke verfolgt. Optisch orientiert sich der kompakte Crossover an einer klassischen, fast schon puristischen Offroad-Ästhetik, die mit ihren markanten Kanten und dem dominanten Kühlergrill bewusst einen Kontrast zu den oft rundgelutschten Aerodynamik-Wundern der rein elektrischen Konkurrenz setzt. Doch unter der Haube arbeitet keine rustikale Technik, sondern ein komplexes Plug-in-Hybrid-System, das auf die aktuellen Bedürfnisse des Übergangsmarktes zugeschnitten ist.

Jaecoo 7 – Bildnachweis: Chery

Das Herzstück des Antriebs bildet ein 1,5-Liter-Turbo-Benzinmotor, der im Zusammenspiel mit einem 150 kW starken Elektromotor agiert. Die Systemleistung sorgt für souveräne Fahrleistungen, wobei die rein elektrische Reichweite von 90 Kilometern nach dem WLTP-Zyklus besonders hervorzuheben ist. In der Praxis bedeutet dies, dass ein Großteil der täglichen Pendelstrecken ohne den Einsatz des Verbrenners absolviert werden kann, sofern die 18 kWh große Batterie regelmäßig geladen wird. Aber es bleiben Zweifel, ob die Infrastruktur und die Ladegeschwindigkeiten im Alltag wirklich mit der theoretischen Effizienz mithalten können, die das Marketing verspricht. Dennoch bietet das System eine Flexibilität, die für viele Käufer, die den Schritt zum reinen Elektroauto noch scheuen, den entscheidenden Kaufanreiz darstellen könnte.

Innenraum und Konnektivität: Wo China die Benchmark setzt

Betritt man den Innenraum des Jaecoo 7 SHS, wird schnell deutlich, wo die Schwerpunkte der Entwicklung lagen. Während europäische Hersteller oft mit komplexen Menüstrukturen oder einer gewissen Hardware-Knauserigkeit kämpfen, klotzt Chery hier ordentlich ran. Ein zentraler 14,8-Zoll-Touchscreen dominiert das Cockpit, befeuert von einem Snapdragon 8155 Chipsatz, der für eine flüssige Bedienung sorgt. Das ist Technik, die man sonst eher in höheren Fahrzeugklassen erwartet. Das Design-Team in Raunheim hat hierbei sichergestellt, dass die Materialauswahl und die Ergonomie den Erwartungen hiesiger Kunden entsprechen. Dennoch muss sich das Fahrzeug kritisch fragen lassen, ob die Reduzierung von physischen Tasten zugunsten einer weitgehenden Touch-Bedienung im Fahralltag wirklich der Weisheit letzter Schluss ist.

Die Ausstattungslinien sind dabei angenehm übersichtlich gestaltet. Das Einstiegsmodell, die Variante Select, startet bei einem Preis von 36.900 Euro. Hier sind bereits 19-Zoll-Leichtmetallräder, eine Zweizonen-Klimaautomatik und ein Navigationssystem serienmäßig an Bord. Wer bereit ist, 39.500 Euro für die Exclusive-Variante zu investieren, erhält zusätzlich Annehmlichkeiten wie ein Panorama-Glasdach, ein Head-up-Display und klimatisierte Sitze. In Anbetracht der aktuellen Preisgestaltung im Segment der kompakten Crossover positioniert sich der Jaecoo 7 SHS damit äußerst aggressiv gegen etablierte Wettbewerber wie den VW Tiguan oder den Hyundai Tucson, die in vergleichbarer Konfiguration oft deutlich teurer ausfallen.

Strategische Einordnung und marktpolitische Herausforderungen

Chery ist kein Neuling im Automobilgeschäft. Mit über 2,6 Millionen verkauften Fahrzeugen weltweit im Jahr 2025 und einer Exporttradition von über zwei Jahrzehnten verfügt das Unternehmen aus Wuhu über die nötige Finanzkraft und Erfahrung, um auch in Europa einen langen Atem zu beweisen. Aber der deutsche Markt gilt als der anspruchsvollste der Welt. Es geht nicht nur um das Produkt selbst, sondern auch um den Aufbau eines verlässlichen Servicenetzes und das Vertrauen in die Marke. Hier setzt Chery auf eine langfristige Strategie: Eine Herstellergarantie von sieben Jahren oder 150.000 Kilometern auf das Fahrzeug sowie acht Jahre oder 160.000 Kilometer auf die Hochvoltbatterie sollen potenzielle Bedenken hinsichtlich der Langzeitqualität zerstreuen.

Die Erweiterung des Standorts Raunheim ist in diesem Kontext als klares Bekenntnis zum Standort Deutschland zu verstehen. Durch die räumliche Nähe zu den Marken Omoda und Jaecoo, deren europäische Organisation ebenfalls im Raum Frankfurt angesiedelt ist, entstehen Synergien, die eine schnelle Reaktion auf Marktimpulse ermöglichen. Jochen Tüting, der Geschäftsführer der Chery Europe GmbH, betont die Wichtigkeit dieser lokalen Verankerung. Für ihn ist Raunheim der Schlüssel, um die globale Produktpipeline so zu lokalisieren, dass sie nicht als Fremdkörper, sondern als integraler Bestandteil des europäischen Straßenbildes wahrgenommen wird.

Fazit: Ein Angriff mit System

Der Deutschlandstart des Jaecoo 7 SHS markiert nur den Anfang einer breit angelegten Produktoffensive. Mit dem Ausbau der R&D-Kapazitäten in Raunheim schafft Chery das Fundament, um künftige Modelle noch präziser auf die Bedürfnisse der anspruchsvollen Kundschaft in Europa zuzuschneiden. Der Jaecoo 7 selbst präsentiert sich als technisch solides, preislich attraktives Paket, das vor allem durch seine Plug-in-Hybrid-Technik und seine umfangreiche Serienausstattung punktet. Dennoch wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen, ob die Marke die notwendige Strahlkraft entwickeln kann, um sich gegen die tief verwurzelte Markentreue der deutschen Autofahrer durchzusetzen.

Deshalb ist die Strategie, Engineering und Design direkt vor den Toren Frankfurts anzusiedeln, der wohl klügste Schachzug des Konzerns. Es nimmt der Kritik den Wind aus den Segeln, dass chinesische Autos lediglich Kopien ohne Seele seien. Wenn die Fahrwerksabstimmung auf hessischen Landstraßen finalisiert wurde und das Design europäische Geschmacksmuster atmet, verschwimmen die Grenzen zwischen Import und lokaler Produktion. Der Jaecoo 7 SHS ist somit mehr als nur ein neues SUV auf dem Markt; er ist das erste sichtbare Zeichen einer neuen Ära, in der die technologische Führung nicht mehr automatisch in den bekannten Zentren der alten Automobilwelt verortet ist.