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Chinas Antwort auf den Enyaq: Der MGS6 EV im Technik-Check vor dem Deutschlandstart

Der MGS6 EV geht in Kürze an den Start - Bildnachweis: MG Motor

Die Architektur der Flexibilität und der MSP-Baukasten

Während viele chinesische Hersteller versuchen, die europäische Kundschaft mit blinkenden Bildschirmen und unnötigen Lichtspielen zu blenden, setzt der neue MGS6 EV auf eine fast schon vergessene Tugend: das ehrliche Maß an Nutzwert. Man könnte fast meinen, die Ingenieure von SAIC hätten die deutschen Pflichtenhefte der letzten Jahrzehnte studiert, um ein Fahrzeug zu bauen, das nicht durch Extravaganz, sondern durch schiere Präsenz und Raumökonomie überzeugt. Wer den Markt für Elektro-SUVs beobachtet, sieht oft Modelle, die vor lauter Design ihren eigentlichen Zweck als Familienbegleiter aus den Augen verlieren. Doch dieser Neuzugang aus Fernost, der nach seinem Erfolg in Großbritannien nun Kurs auf die deutschen Autobahnen nimmt, wählt einen anderen Weg. Er tritt an, um die Lücke zwischen dem kompakten S5 und den deutlich teureren Premium-Angeboten der Konkurrenz zu schließen.

MGS6 EV – Bildnachweis: MG Motor

Das Interesse an der Marke MG ist in Deutschland längst kein Nischenphänomen mehr, was die Zulassungszahlen des vergangenen Jahres eindrucksvoll untermauern. Mit einem Zuwachs von über 26 Prozent hat sich die Marke fest im Bewusstsein der Käufer verankert, die nach einer bezahlbaren Alternative zu Volkswagen oder Skoda suchen. Der MGS6 EV soll nun dieses Momentum nutzen und als echtes Flaggschiff fungieren. Es geht hier nicht um revolutionäre Spielereien, sondern um ein Paket, das in der Theorie genau das bietet, was eine vierköpfige Familie benötigt. Ein Blick auf die technischen Eckdaten verrät schnell, dass man hier keine Experimente wagt, sondern bewährte Technik in ein zeitloses Gewand kleidet. Deshalb lohnt es sich, die glänzende Fassade des Marketings beiseite zu schieben und tief in die technischen Details einzutauchen.

MGS6 EV

Unter der eher unauffälligen Karosserie des MGS6 EV steckt eine Technik, die wir bereits aus anderen Modellen des Konzerns kennen, hier aber in ihrer bisher größten Ausbaustufe zum Einsatz kommt. Die Modular Scalable Platform bildet das Rückgrat des Fahrzeugs. Diese Architektur wurde entwickelt, um eine breite Palette von Fahrzeugsegmenten abzudecken, vom flachen Roadster Cyberster bis hin zum stattlichen SUV. Aber genau hier liegt auch ein Punkt, den man kritisch hinterfragen muss: Kann eine Plattform, die einen kompakten MG4 trägt, auch den Anforderungen eines 4,71 Meter langen Mittelklasse-SUV gerecht werden, ohne faule Kompromisse beim Fahrverhalten einzugehen? Mit einer Länge von 4.7 Metern und einem Radstand von 2.85 Metern spielt der S6 in der Liga eines Skoda Enyaq oder Tesla Model Y.

MGS6 EV – Bildnachweis: MG Motor

Ein technisches Highlight dieser Plattform ist zweifellos die Batterieeinheit. Mit einer Bauhöhe von nur 110 Millimetern gehört der Akku zu den flachsten seiner Art auf dem Weltmarkt. Das klingt zunächst nach einer bloßen Zahl, hat aber massive Auswirkungen auf die Fahrzeugproportionen und das Platzangebot im Innenraum. Durch den flachen Boden müssen die Passagiere im Fond ihre Beine nicht unangenehm anwinkeln, was oft ein Problem bei Elektroautos ist, die auf herkömmlichen Plattformen basieren. Die Steifigkeit der Konstruktion profitiert ebenfalls von der Integration des Akkus als tragendes Element. Dennoch bleibt die Frage offen, wie sich das Mehrgewicht der größeren Karosserie auf die Agilität auswirkt, die beim kleineren MG4 so oft gelobt wurde.

MGS6 EV – Bildnachweis: MG Motor

Antriebskonzepte zwischen Vernunft und Dynamik

Bei der Motorisierung lässt MG den Kunden die Wahl zwischen zwei grundlegend verschiedenen Charakteren, wobei beide auf einer 400-Volt-Architektur basieren. Das Einstiegsmodell setzt auf einen klassischen Heckantrieb mit einer Leistung von 180 Kilowatt, was etwa 245 PS entspricht. Mit einem Drehmoment von 350 Newtonmetern ist dieser Antrieb für den Alltag mehr als ausreichend dimensioniert. Aber für diejenigen, die mehr Souveränität oder schlichtweg Allradantrieb benötigen, steht die Dual-Motor-Variante bereit. Hier gesellt sich ein zweiter Elektromotor an der Vorderachse hinzu, der 119 Kilowatt beisteuert. Die Systemleistung wird jedoch elektronisch auf 266 Kilowatt begrenzt, was 362 PS ergibt.

MGS6 EV – Bildnachweis: MG Motor

Besonders interessant ist die Regelstrategie des Allradsystems. Der vordere Motor schaltet sich laut Hersteller nur dann zu, wenn die Traktion an den Hinterrädern nicht mehr ausreicht oder der Fahrer volle Leistung abruft. Das spart im Teillastbereich Energie und schont die Reichweite. In der Praxis bedeutet das, dass der MGS6 EV in der Allradversion in nur 5,1 Sekunden von null auf 100 Stundenkilometer beschleunigt. Die Höchstgeschwindigkeit wird bei beiden Varianten bei 200 Stundenkilometern abgeregelt, was im Vergleich zu vielen Mitbewerbern, die oft schon bei 160 oder 180 Kilometern pro Stunde den Riegel vorschieben, ein deutliches Statement für die deutsche Autobahn ist.

Der Energiespeicher und die Crux mit der Ladegeschwindigkeit

Alle Modellvarianten des MGS6 EV werden mit einem 74 Kilowattstunden fassenden Nettokapazitäts-Akku ausgeliefert, der auf der NMC-Zellchemie basiert. Dies ermöglicht eine kombinierte WLTP-Reichweite von bis zu 529 Kilometern für den Hecktriebler. Die Allradversion muss aufgrund des höheren Gewichts und der zusätzlichen Reibungsverluste mit einer Reichweite von 485 Kilometern auskommen. Das sind Werte, die auf dem Papier absolut konkurrenzfähig sind und den Wagen langstreckentauglich machen. Aber – und hier müssen wir den Finger in die Wunde legen – die Ladetechnik scheint der rasanten Entwicklung der Konkurrenz etwas hinterherzuhinken.

MG gibt eine Zeit von 38 Minuten an, um den Akku von 10 auf 80 Prozent zu laden. In einer Zeit, in der 800-Volt-Systeme diese Übung in unter 20 Minuten erledigen und selbst moderne 400-Volt-Systeme oft an der 25-Minuten-Marke kratzen, wirkt dieser Wert fast schon konservativ. Für den Gelegenheitslader mag das unerheblich sein, doch wer beruflich viel auf der Langstrecke unterwegs ist, wird diese zusätzliche Viertelstunde an der Ladesäule spüren. Man merkt hier deutlich, dass SAIC eher auf bewährte, kostengünstige Komponenten setzt als auf das technologisch Machbare. Dennoch bietet der Wagen fünf Rekuperationsstufen, inklusive einer echten One-Pedal-Driving-Funktion, was die Effizienz im Stadtverkehr deutlich steigern dürfte.

Innenraum und Nutzwert als Kernkompetenz

Tritt man in den Innenraum, begegnet einem eine Welt, die MG als Hausmannskost bezeichnet, was man durchaus als Kompliment verstehen darf. Während andere Hersteller versuchen, jedes Bedienelement in Untermenüs eines Touchscreens zu verstecken, bewahrt sich der MGS6 EV eine gesunde Skepsis gegenüber der totalen Digitalisierung. Hinter dem Lenkrad blickt der Fahrer auf ein 10,25 Zoll großes Instrumentendisplay, während in der Mitte ein 12,8-Zoll-Touchscreen thront. Aber das entscheidende Detail sind die physischen Tasten für Kernfunktionen wie die Klimatisierung oder die Lautstärke. Diese Entscheidung zeugt von einer Reife im Designprozess, die den Nutzerkomfort über die reine Optik stellt.

Das Platzangebot ist schlichtweg phänomenal und dürfte das stärkste Kaufargument sein. Mit einem Kofferraumvolumen von 674 Litern im Normalzustand übertrifft der MGS6 viele seiner direkten Konkurrenten. Werden die Rücksitze umgeklappt, entsteht eine fast ebene Ladefläche mit einem Volumen von bis zu 1.910 Litern. Hinzu kommt ein sogenannter Frunk unter der Fronthaube. Beim Hecktriebler fasst dieser zusätzliche 124 Liter, was ideal für die Unterbringung der Ladekabel ist. Selbst beim Allradmodell bleiben durch die kompakte Bauweise des vorderen Motors noch 102 Liter übrig. Deshalb ist der Wagen prädestiniert für Familien, die den Umstieg auf die Elektromobilität ohne Platzverzicht wagen wollen.

Fahrwerkstechnik und aerodynamischer Feinschliff 

Ein SUV dieser Größe muss den Spagat zwischen Komfort und Stabilität meistern. MG setzt hier auf eine klassische, aber bewährte Kombination aus MacPherson-Federbeinen an der Vorderachse und einer aufwendigen Mehrlenker-Hinterachse. Diese Konstruktion verspricht ein neutrales Fahrverhalten und eine gute Entkopplung von Fahrbahnunebenheiten. Um die Effizienz bei höheren Geschwindigkeiten zu maximieren, wurde viel Feinarbeit im Windkanal geleistet. Ein cW-Wert von 0,27 ist für ein Fahrzeug mit dieser Stirnfläche ein respektables Ergebnis. Aktive Kühlluftklappen im Stoßfänger öffnen sich nur, wenn die Batterie oder der Antrieb Kühlung benötigen, ansonsten leiten sie den Luftstrom widerstandsarm um die Karosserie herum.

Zusätzlich sorgen spezielle aerodynamische Radabdeckungen für weniger Verwirbelungen an den Flanken. Diese technischen Kniffe sind notwendig, um den offiziellen Verbrauch bei moderaten 16,6 Kilowattstunden pro 100 Kilometer zu halten. In der Realität wird man diesen Wert auf der Autobahn sicher überschreiten, aber die Basis für effizientes Reisen ist gelegt. Die Lenkung lässt sich zudem in drei verschiedenen Modi konfigurieren, was dem Fahrer erlaubt, zwischen einer leichtgängigen Unterstützung für die Stadt und einer direkteren Rückmeldung für die Landstraße zu wählen.

Preisgestaltung und Markteinordnung in Deutschland

Die alles entscheidende Frage für den Erfolg in Deutschland wird die Preisgestaltung sein. In Großbritannien startet der Hecktriebler bei 37.995 Pfund, was umgerechnet etwa 43.600 Euro entspricht. Für den deutschen Markt wird ein Einstiegspreis für die Variante mit Hinterradantrieb von 46.990 Euro erwartet. Die leistungsstärkere Allradversion, die grundsätzlich mit der gehobenen Trophy-Ausstattung kommt, dürfte knapp unter unter der psychologisch wichtigen Marke von 50.000 Euro an den Start gehen. 

Die Ausstattungspolitik ist dabei erfreulich simpel gehalten. In der Trophy-Version sind Features wie ein Head-up-Display, beheizbare und belüftete Sitze, ein Panorama-Schiebedach und ein Soundsystem mit elf Lautsprechern bereits enthalten. Vergleicht man dies mit den Aufpreislisten deutscher Premiumhersteller, wird schnell klar, wo der Reiz des MGS6 EV liegt. Er bietet viel Auto für ein vergleichsweise überschaubares Budget, ohne dass der Kunde auf essenzielle Sicherheitsfeatures verzichten muss. Mit einer Fünf-Sterne-Bewertung im Euro-NCAP-Test und einer umfassenden Palette an Assistenzsystemen, vom Notbremsassistenten bis zur Totwinkelüberwachung, ist der Wagen auf der Höhe der Zeit.

Persönliche Einschätzung und ein Blick in die Zukunft

Trotz aller objektiven Vorzüge bleibt ein leiser Zweifel, ob der MGS6 EV genug Charisma besitzt, um sich in einem emotional aufgeladenen Markt dauerhaft zu behaupten. Das Design ist gefällig, wirkt aber an manchen Stellen fast schon zu austauschbar. Man könnte das Heck oder die Silhouette auch vielen anderen Marken zuordnen. Aber vielleicht ist genau das der Plan von MG: ein Auto zu bauen, das niemanden verschreckt und durch solide Technik überzeugt. Der MGS6 EV ist kein Fahrzeug für Enthusiasten, die das letzte Quäntchen Dynamik suchen, sondern für pragmatische Entscheider, die eine verlässliche elektrische Basis für ihren Alltag suchen.

Es ist eine mutige Entscheidung von SAIC, in einer Zeit, in der viele Hersteller auf immer extremere Leistungswerte setzen, ein so bodenständiges Produkt zu liefern. Der Verzicht auf eine ultraschnelle Ladefähigkeit könnte sich jedoch als Achillesferse erweisen, wenn die Konkurrenz in diesem Punkt weiter davonzieht. Dennoch, für den deutschen Markt ist der MGS6 EV eine Bereicherung, da er zeigt, dass Elektromobilität in der Mittelklasse auch ohne den Nimbus der Exklusivität funktionieren kann. Er ist die elektrische Interpretation der klassischen Tugenden, die einst Marken wie Volkswagen groß gemacht haben: Platz, Nutzwert und ein faires Preis-Leistungs-Verhältnis.

Zusammenfassung der technischen Eckdaten

Der MGS6 EV misst 4,7 Meter in der Länge. Das Kofferraumvolumen reicht von 674 bis 1.910 Litern, ergänzt durch einen Frunk von bis zu 124 Litern. Die Antriebspalette umfasst eine RWD-Version mit 180 Kilowatt und eine AWD-Version mit einer Systemleistung von 266 Kilowatt. Die Höchstgeschwindigkeit liegt einheitlich bei 200 Kilometern pro Stunde. Die Energie kommt aus einem 74 Kilowattstunden fassenden Akku, der nach WLTP bis zu 529 Kilometer Reichweite ermöglicht.