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Chinesische Elektroautos als Gebrauchte: Neue Dynamik – aber (noch) kein Durchmarsch

MG4 Electric Luxury 64 kWh - 2024 - Bildnachweis: MOTORMOBILES

Zwischen Boom und Zurückhaltung

Rasant ist die Entwicklung am deutschen Automarkt ohnehin, doch selten sorgt eine neue Gruppe von Anbietern so für Diskussion wie das aktuelle Angebot aus China. Wer den Gebrauchtwagenmarkt insbesondere im Segment der batterieelektrischen Fahrzeuge (BEV) beobachtet, sieht: Chinesische Marken sind längst mehr als eine Randnotiz. Trotzdem bleibt ihr tatsächlicher Einfluss auf Käuferverhalten und Preisgefüge bislang überschaubar.

Quelle und Bildnachweis: AutoScout24

Geringer Marktanteil, aber deutliche Bewegung

Ein genauer Blick auf die Zahlen von AutoScout24 zeigt, dass chinesische Marken wie MG, BYD, Nio oder Ora und einzelne weitere Hersteller aktuell noch deutlich weniger als ein Prozent aller Angebotsinserate ausmachen. Mit etwa 6.200 Fahrzeugen, die national auf dem beliebten Portal zum Verkauf stehen, ist das Angebot noch gering – wenngleich es sich seit 2022 mehr als verdoppelt hat. Damit einher geht eine gewisse Dynamik, denn während einige Marken wie MG das Angebot massiv ausbauen konnten, gibt es starke Schwankungen und erste Anzeichen einer Marktkonsolidierung: Einige Hersteller tauchen punktuell auf, verschwinden aber ebenso rasch wieder aus dem Sichtfeld der Suchenden.

Quelle und Bildnachweis: AutoScout24

Aufällig dabei ist, dass MG als etablierte Marke mittlerweile mehr als die Hälfte aller chinesischen Gebrauchten ausmacht. Während MG seinen Ursprung in Großbritannien hat, gehört die Marke seit 2007 zum chinesischen SAIC-Konzern – eine Entwicklung, die dem Unternehmen inzwischen sichtbare Präsenz verschafft hat. Dahinter folgen mit deutlichem Abstand Hersteller wie Polestar, DFSK und Maxus, während BYD, Ora, Lynk & Co und Nio lediglich mit einem kleinen, teils kaum wahrnehmbaren Anteil am Markt vertretn sind. Angesichts der hohen medialen Aufmerksamkeit, die einzelnen Markteintritten entgegengebracht wird, klaffen Außenwahrnehmung und tatsächlicher Fahrzeugbestand im Gebrauchtsegment weit auseinander.

Quelle und Bildnachweis: AutoScout24

Dominanz der Elektromobilität bei chinesischen Anbietern

Spannend ist der Blick auf die Antriebskonzepte. Während Elektroautos im Gesamtmarkt noch eine deutliche Minderheit darstellen – rund sieben Prozent aller Angebote auf AutoScout24 sind reine BEVs – fällt der E-Anteil bei chinesischen Herstellern viel stärker ins Gewicht. Fast die Hälfte aller angebotenen Fahrzeuge dieser Herkunft ist batterieelektrisch betrieben oder zumindest als Plug-in-Hybrid unterwegs. Hier orientieren sich die Anbieter offensichtlich an klaren Trends der Marktnachfrage: Mit einem Fokus auf preisgünstige, alltagstaugliche Stromer im Kompaktsegment besetzen chinesische Marken gezielt jene Lücken, in denen etablierte europäische Anbieter bislang nur sehr zurückhaltend oder mit vergleichsweise teuren Modellen sichtbar sind.

Quelle und Bildnachweis: AutoScout24

Besonders gefragt sind dabei die elektrischen Modelle von MG wie MG4, MG5 oder der SUV MG ZS, aber auch der Polestar 2 wird regelmäßig nachgefragt. Diese Fahrzeuge haben sich als feste Größen innerhalb des noch kleinen, aber wachsenden Segments etabliert.

Quelle und Bildnachweis: AutoScout24

Preisvorteile, aber mit spürbarem Wertverlust

Der Preisaspekt zeigt eindrucksvoll, wo die chinesischen Angebote im direkten Vergleich stehen. Der MG4 ist als gebrauchter Stromer durchschnittlich bereits für rund 24.900 Euro zu bekommen, der Ora Funky Cat liegt mit etwas über 25.900 Euro ebenfalls spürbar unterhalb der Preise gängiger deutscher E-Modelle ähnlicher Größe. Noch deutlicher wird das Preisgefälle beim Blick auf den gesamthaften Durchschnitt: Mit einem Mittelwert von knapp 26.800 Euro im Juni 2025 liegen die chinesischen Fahrzeuge noch einmal unter dem durchschnittlichen Gebrauchtwagenpreis aller Antriebsarten, der bei rund 27.700 Euro liegt. Dieses strategische Preisniveau ermöglicht den Marken, sich als interessante Alternative vor allem für preisbewusste Umsteiger zu positionieren. Allerdings bleibt dabei ein für Elektrofahrzeuge typisches Phänomen bestehen: Chinesische E-Autos verlieren im ersten Gebrauchsjahr deutlich an Wert. Der MG4 etwa büßte zwölf Prozent ein, der BYD Atto 3 sogar siebzehn Prozent und der Kombi MG5 knapp zwanzig Prozent. In Zeiten struktureller Unsicherheit über Reichweiten, Batterielebensdauer und die zukünftige Nachfrage nach BEVs ist dieser Wertverlust typisch, aber dennoch ein Risiko, das Händler und Käufer in die Kalkulation einbeziehen müssen.

Quelle und Bildnachweis: AutoScout24

Hohe Nachfrage, aber noch lange Standzeiten

Kaufinteressierte reagieren erstaunlich interessiert auf die neuen Angebote: Die Analyse der Plattform zeigt, dass chinesische Modelle im Schnitt wesentlich mehr ernsthafte Anfragen pro Inserat erhalten als der Durchschnitt über alle Antriebsarten hinweg. Besonders auffällig ist, dass im Vergleich zu anderen gebrauchten E-Autos teilweise bis zu neunmal so viele Kontaktaufnahmen gezählt werden. Dennoch schlägt sich dieses große Interesse nicht in gleicher Weise in raschen Verkaufsabschlüssen nieder. Die durchschnittliche Standzeit der Fahrzeuge bei Händlern liegt bei 127 Tagen, etwas länger als bei anderen Elektroautos und Gebrauchten insgesamt. Dies ist ein klarer Hinweis darauf, dass das Vertrauen in Qualität, Service und Restwertstabilität chinesischer Fahrzeuge noch wachsen muss, bevor der Markt aufschließt. Fehlende Markenbekanntheit, ein oftmals noch lückenhafter Zugang zu Ersatzteilen sowie Unsicherheiten über Wiederverkaufswerte beeinflussen weiterhin die finale Kaufentscheidung. Zwar sorgt das attraktive Preisniveau kurzfristig für Bewegung, mittelfristig jedoch müssen die jungen Marken ihre Glaubwürdigkeit noch unter Beweis stellen, um beim klassischen Gebrauchtwageninteressenten Akzeptanz zu finden.

Datenanalyse und Bildnachweis: AutoScout24

Potenzial zum Herausforderer, aber noch keine Umwälzung

Der aktuelle Stand lässt sich als eine Momentaufnahme eines beginnenden Umbruches beschreiben. Chinesische Anbieter sind im deutschen Gebrauchtwagenmarkt für Elektroautos gegenwärtig vor allem eines: eine interessante, aber überschaubare Nische. Das belegt sowohl der niedrige Angebotssockel als auch die deutlichen Marktschwankungen. Gleichwohl deuten die stetig steigenden Angebotszahlen und das wachsende Interesse darauf hin, dass die Dynamik noch zunehmen könnte. Gerade Marken wie MG behalten durch ihre Fokussierung auf bezahlbare Modelle derzeit einen Wettbewerbsvorteil. Hersteller wie NIO oder BYD hingegen scheinen – trotz großer Ambitionen und sichtbarer Präsenz in den Medien – kaum mit relevanten Stückzahlen im Gebrauchtwagenmarkt vertreten.

Chinesische Gebrauchte als Nische mit Perspektive

Im Fazit lässt sich festhalten: Chinesische BEVs und Plug-in-Hybride beleben den Gebrauchtwagenmarkt, ohne ihn zu dominieren. Sie bieten Verbrauchern insbesondere im Einstiegs- und Kompaktsegment eine preiswerte Alternative zu etablierten Marken. Trotz aller Dynamik beschränkt sich ihre Bedeutung derzeit auf Einzelfälle, doch das Potenzial, mittelfristig als ernstzunehmende Wettbewerber aufzutreten, ist klar erkennbar. Für Marktteilnehmer – ob Käufer, Händler oder etablierte Hersteller – empfiehlt sich daher ein genaues Studium dieser Entwicklung, ohne sie jedoch zum aktuellen Zeitpunkt zu überschätzen. Klar ist aber auch: Mit ihrer Preispolitik und Modellvielfalt könnten chinesische BEVs bestehende Strukturen durchaus disruptiv herausfordern, sofern sie es schaffen das Vertrauen der deutschen Autokäufer dauerhaft zu gewinnen. Beim EuroNCAP wie auch beim ADAC haben BEVs Made in China relativ gut abgeschnitten. Ihre primäre Schwäche ist allenfalls das (noch) ausgedünnte Händlernetz.