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Der Ganzjahres-Alleskönner für die 300-km/h-Grenze: Vredesteins neuer Quatrac Pro 2 im Check

UHP Ganzjahresreifen Vredestein Quatrac Pro 2 - Bildnachweis: Vredestein / Apollo

 

Ende des Reifenwechsels? Wie der Vredestein Quatrac Pro 2 das UHP-Segment 

Der Traum vom perfekten Reifen, der bei glühender Hitze auf der Autobahn ebenso präzise funktioniert wie auf einer geschlossenen Schneedecke in den Alpen, galt in der Reifenentwicklung lange Zeit als die Quadratur des Kreises. Doch die Grenzen des technisch Machbaren verschieben sich derzeit massiv, da moderne Verbundstoffe und computergestützte Strukturanalysen Lösungen ermöglichen, die noch vor wenigen Jahren als utopisch galten. Mit dem neuen Quatrac Pro 2 schickt Vredestein nun einen Probanden ins Rennen, der nicht nur das Erbe einer über dreißigjährigen Ganzjahrestradition antritt, sondern das Segment der Ultra-High-Performance (UHP) völlig neu definieren soll. Es geht hier nicht mehr nur um einen Kompromiss für Kleinwagen im Stadtverkehr, sondern um eine technologische Ansage an Fahrer von Sportwagen und schweren Elektro-SUVs, die keine Lust mehr auf den halbjährlichen Boxenstopp zum Räderwechsel haben.

UHP Ganzjahresreifen Vredestein Quatrac Pro 2 – Bildnachweis: Vredestein / Apollo

Abschied von der Evolution im Profildesign

Anstatt ein bestehendes Modell lediglich zu pflegen und oberflächlich zu optimieren, haben die Ingenieure im Forschungszentrum im niederländischen Enschede den radikalen Weg des weißen Blattes gewählt. Das Ergebnis ist ein richtungsgebundenes Profildesign, das auf den ersten Blick durch seine markante V-Form in Kombination mit tiefen Längsrillen auffällt. Diese Architektur ist kein optisches Spielzeug, sondern eine notwendige Reaktion auf die zunehmende Gefahr von Aquaplaning bei immer breiter werdenden Reifenmaßen. Während die Längsrillen das Wasser wie Kanäle unter der Aufstandsfläche wegführen, sorgen die V-förmigen Querillen für die nötige Verzahnung auf loser Schneedecke. Aber genau hier liegt oft die Schwäche herkömmlicher Ganzjahreskonzepte, da weiche Lamellen für den Winter die Stabilität im Sommer untergraben. Vredestein setzt deshalb auf dreidimensionale, miteinander verzahnte Lamellen in den Schulterblöcken. Diese stützen sich bei hoher Querbeschleunigung gegenseitig ab, was die Blocksteifigkeit erhöht und das schwammige Fahrgefühl minimiert, das man von klassischen Winterreifen bei zweistelligen Plusgraden kennt.

Die Chemie der Ganzjahrestauglichkeit

Das Herzstück jeder Reifenentwicklung bleibt jedoch die Gummimischung, die im Fall des Quatrac Pro 2 als eine Art molekulares Chamäleon fungiert. Die neue Mischung nutzt eine komplexe Multi-Filler-Technologie, bei der spezielle Harze und Polymere so kombiniert werden, dass das Temperaturfenster, in dem der Reifen optimal arbeitet, deutlich vergrößert wurde. Ein kritischer Blick auf die Leistungsdaten offenbart, dass der Fokus besonders auf der Nassbremsleistung lag, was für den mitteleuropäischen Einsatzbereich die wohl wichtigste Sicherheitsreserve darstellt. Im Winter muss das Gummi elastisch genug bleiben, um sich in die Mikroasphaltsstruktur zu krallen, während es im Sommer eine thermische Stabilität aufweisen muss, die den Abrieb begrenzt. Dass der Reifen das Schneeflockensymbol (3PMSF) trägt, ist mittlerweile Standard, doch die Ambition hinter der Neuentwicklung zielt eher darauf ab, die Dynamik eines Sommerreifens mit der Verlässlichkeit eines Winter-Spezialisten zu kreuzen. Deshalb wurde die Mischung auch auf die speziellen Anforderungen von Elektrofahrzeugen abgestimmt, die durch ihr hohes Gewicht und das sofort anliegende Drehmoment herkömmliche Reifen binnen kürzester Zeit buchstäblich wegradieren können.

Die Synergie aus Tradition und globaler Kraft: Das Markengesicht von Vredestein und Apoll

Wenn man die DNA der Reifenmarke Vredestein verstehen will, muss man fast 120 Jahre in der europäischen Industriegeschichte zurückgehen. Was im Jahr 1908 im niederländischen Loosduinen als Kautschukfabrik begann, entwickelte sich über Jahrzehnte zu einer Institution für Autofahrer, die Wert auf eine Symbiose aus Ästhetik und technischer Präzision legen. Vredestein hat sich über ein Jahrhundert hinweg eine Position erarbeitet, die in der Branche selten ist: die eines „Boutique-Herstellers“ im Massenmarkt. Besonders die langjährige Kooperation mit dem italienischen Designstudio Italdesign Giugiaro verlieh der Marke ein Alleinstellungsmerkmal. Während Reifen oft als rein funktionale, schwarze Rundlinge wahrgenommen werden, schaffte Vredestein es, die Flankengestaltung und das Profildesign zu einem Teil des Fahrzeugdesigns zu erheben. Doch hinter der attraktiven Fassade steckt eine tiefe Ingenieurskompetenz, die Vredestein bereits 1991 zum Pionier machte, als mit dem Quatrac der erste Ganzjahresreifen der Marke das Licht der Welt erblickte. Bis heute gilt das Unternehmen aus Enschede als einer der technologischen Taktgeber in diesem Segment, das sich immer mehr zum Standard in Mitteleuropa entwickelt.

Aber eine traditionsreiche Marke allein reicht in der heutigen globalisierten Wirtschaft oft nicht aus, um die massiven Investitionen in Forschung und Entwicklung zu stemmen, die für die Mobilität der Zukunft nötig sind. Hier kommt der indische Industriegigant Apollo Tyres ins Spiel. Die Übernahme von Vredestein durch Apollo im Jahr 2009 war ein Wendepunkt, der die Marke von einer rein europäischen Größe zu einem Teil eines globalen Imperiums machte. Apollo Tyres selbst, gegründet 1972, ist kein klassischer Billigproduzent, sondern ein ambitionierter Global Player mit Hauptsitz in Gurgaon. In den letzten Jahren hat der Konzern massiv in hochmoderne Produktionsstätten investiert, darunter das Vorzeigewerk in Ungarn, in dem nun auch die neuesten Hochleistungsreifen vom Band laufen. Apollo fungiert dabei oft als die dynamische Kraft im Hintergrund, die mit großem Kapitaleinsatz und einer klaren Wachstumsstrategie die Marktanteile in Asien und Afrika sichert, während Vredestein als Speerspitze für das Premium- und UHP-Segment in Europa und Nordamerika dient.

Deshalb ist die heutige Struktur von Apollo Vredestein als eine strategische Arbeitsteilung zu verstehen. In den Forschungszentren in den Niederlanden und Indien arbeiten Ingenieure Hand in Hand an neuen Gummimischungen, die sowohl die extremen Hitzeanforderungen indischer Highways als auch die nasskalten Bedingungen eines deutschen Winters abdecken müssen. Während unter dem Namen Apollo oft Reifen für den Volumensmarkt und Nutzfahrzeuge vertrieben werden, die durch ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis bestechen, bleibt Vredestein die Marke für den Enthusiasten. Man investiert hier gezielt in Nischen wie Classic-Reifen für Oldtimer oder eben in die absolute Leistungsspitze bei Ganzjahresreifen für Sportwagen. Diese Kombination aus indischer Skalierbarkeit und niederländischer Ingenieurstradition hat dazu geführt, dass sich das Unternehmen fest in den Top 15 der weltweit größten Reifenhersteller etabliert hat und dabei eine Unabhängigkeit bewahrt, die es erlaubt, mutige Designentscheidungen abseits des Mainstreams zu treffen.

Konstruktion gegen die Masse der Elektromobilität

Ein Reifen ist weit mehr als nur die sichtbare Gummischicht; das Skelett unter der Lauffläche entscheidet über Präzision und Komfort. Beim Quatrac Pro 2 wurde die gesamte Karkassstruktur überarbeitet, wobei ein besonderes Augenmerk auf dem Wulstbereich lag. Dieser Teil des Reifens, der den Kontakt zur Felge hält, wurde deutlich versteift. Das klingt zunächst nach einer Einbuße beim Komfort, doch durch ein spezielles Design mit doppeltem Konus soll die Kraftübertragung zwischen Fahrzeug und Straße gleichmäßiger erfolgen. Das führt dazu, dass Lenkbefehle direkter umgesetzt werden, ohne dass das Auto bei schnellen Spurwechseln nachschwingt. Für schwere Luxuslimousinen und Performance-SUVs werden zudem Versionen mit High-Load-Kennung (HL) angeboten, die den massiven Batterien moderner Stromer gewachsen sind. Aber man darf nicht vergessen, dass eine höhere Steifigkeit oft mit einem lauteren Abrollgeräusch erkauft wird. Hier gibt der Hersteller jedoch Entwarnung und verweist auf ein optimiertes Pitch-Design der Profilblöcke, was dem Reifen über das gesamte Portfolio hinweg ein A-Label in der Geräuschemission einbringen soll.

Dimensionen und Markteinführung

Die Ernsthaftigkeit, mit der Vredestein das UHP-Segment angreift, zeigt sich in der enormen Bandbreite der verfügbaren Größen. Ab diesem Sommer wird der Quatrac Pro 2 in Dimensionen von 17 bis zu beeindruckenden 24 Zoll angeboten. Besonders die Verfügbarkeit von Breiten bis zu 355 Millimetern ist ein Alleinstellungsmerkmal im Markt der Ganzjahresreifen und richtet sich explizit an die Besitzer von High-End-Sportwagen. Mit einem Geschwindigkeitsindex von bis zu 300 km/h (Y) signalisiert der Reifen zudem, dass er auch für die deutsche Autobahn bei freier Fahrt konstruiert wurde. Preislich wird sich das neue Modell im Premiumsegment orientieren, wobei die genauen Tarife je nach Dimension variieren. Ein Einstieg bei den gängigen 17-Zoll-Größen dürfte erfahrungsgemäß bei etwa 130 Euro pro Stück beginnen, während die massiven 24-Zoll-Varianten für exklusive SUVs auch die Marke von 600 Euro pro Reifen überschreiten können.

Ein kritischer Ausblick auf den Alltagseinsatz

Man muss trotz aller technischer Innovationen realistisch bleiben: Ein Ganzjahresreifen bleibt ein Generalist. Er wird bei 35 Grad im Schatten auf einer Rennstrecke nie die Standfestigkeit eines spezialisierten Sommerreifens erreichen und bei 40 Zentimetern Neuschnee in den Alpen wird er gegen einen reinrassigen Winterspezialisten leicht das Nachsehen haben. Doch für die klimatische Realität in Deutschland, die oft aus einem langen, nassen Herbst und milden Wintern besteht, ist der Quatrac Pro 2 ein hochinteressantes Angebot. Der Wegfall des Reifenwechsels spart nicht nur Zeit und Geld für die Einlagerung, sondern schont auch die Felgen durch selteneres Ummontieren. Ob die versprochene Laufleistung im harten Alltag mit schweren Elektrofahrzeugen tatsächlich die Erwartungen erfüllt, werden erst die ersten unabhängigen Vergleichstests zeigen müssen. Dennoch ist der Ansatz, die Struktur und die Mischung grundlegend neu zu denken, genau der richtige Impuls für einen Markt, der sich immer schneller in Richtung Ganzjahreslösungen bewegt.