Die Chery Group gründet deutsche Niederlassung. Die Markteinführung der Chery Automarke ist für das erste Halbjahr 2027 geplant - Bildnachweis: Chery
Cherys vielschichtige Großoffensive für den deutschen Markt
Der globale Automobilmarkt befindet sich in einer Phase tektonischer Verschiebungen, in der etablierte europäische Hersteller mit stagnierenden Absatzzahlen, verunsicherten Kunden und hohen Energiekosten ringen. Inmitten dieser Phase der Neuordnung setzt die Chery Group, Chinas führender Pkw-Exporteur, zu einem bemerkenswert komplexen, mehrstufigen Expansionsschritt an, der die europäische Automobilbranche nachhaltig verändern könnte. Mit der offiziellen Ankündigung, eine eigene deutsche Niederlassung für die Kernmarke Chery zu gründen und den operativen Markteintritt für das erste Halbjahr 2027 vorzubereiten, geht der Konzern aus Wuhu in die Offensive.

Doch wer glaubt, es handele sich hierbei um einen unüberlegten Schnellschuss, verkennt die strategische Tiefe der chinesischen Führung. Bereits in den Jahren 2025 und 2026 sollen die konzerneigenen Ableger Omoda und Jaecoo als logistische und vertriebliche Vorreiter fungieren, um den Pfad für die eigentliche Hauptmarke zu ebnen. Dieser anspruchsvolle, von Branchenkennern kritisch beäugte Schachzug bricht bewusst mit den Konzepten früherer asiatischer Neueinsteiger, die oft an den harten Realitäten des deutschen Marktes gescheitert sind. Ob dieses dichte Markennetzwerk in Deutschland tatsächlich funktioniert oder ob die Marke im gesättigten SUV-Segment untergeht, bleibt eine der spannendsten Fragen der kommenden Jahre.

Strategische Atempause statt unüberlegter Hektik
Die Pläne für den europäischen Markteintritt von Chery sind keineswegs neu, da bereits im Herbst 2023 weitreichende Ankündigungen über einen schnellen Verkaufsstart der Marken Omoda, Jaecoo und des Premiumablegers Exlantix die Runde machten. Aber die deutsche Automobillandschaft erwies sich als zähes Pflaster, geprägt von komplexen rechtlichen Hürden, hohen Personalkosten und einer ausgeprägten Kundenskepsis gegenüber neuen Marken. Deshalb entschied sich das Management in Wuhu für eine strategische Atempause, ganz nach der internen Philosophie, lieber langsam und gründlich vorzugehen, als übereilt zu scheitern. Statt Fahrzeuge ohne stabiles Fundament in den Markt zu drücken, wurde im Hintergrund eine belastbare Struktur aufgebaut.

Ein deutliches Signal für diese Professionalisierung ist auch ein Blick auf die jüngsten personellen und gesellschaftsrechtlichen Veränderungen in Deutschland. Jochen Tüting, der die europäische Expansion jahrelang als Geschäftsführer der Chery Europe GmbH mitaufgebaut hatte, schied gemäß Handelsregistereintrag am 26.05.2026 aus seiner Position aus. Das operative Ruder für den Deutschlandstart liegt nun maßgeblich in den Händen von Eric Zheng, der als Geschäftsführer der deutschen Niederlassung fungiert. Unterstützt wird dieser Vorstoß durch das konzerneigene Design- und Entwicklungszentrum im hessischen Raunheim. Seit 2018 betreibt Chery diesen Standort am Messeplatz 13, dessen Büro- und Laborfläche im Frühjahr 2026 auf über 2.000 Quadratmeter fast verdoppelt wurde. Hier arbeiten rund 90 Ingenieure und Designer daran, die global entwickelten Fahrzeuuge an die extremen Anforderungen europäischer Autobahnen anzupassen, Fahrwerke feinzutunen und die komplexen Fahrerassistenzsysteme auf die hiesige Gesetzgebung abzustimmen. Bis Ende 2026 soll die Belegschaft vor Ort auf bis zu 140 Mitarbeiter anwachsen, um die Lokalisierung der Produktpipeline eng aus Deutschland heraus zu begleiten.

Das vielschichtige Markenpuzzle und die Gefahr der Austauschbarkeit
Für den durchschnittlichen deutschen Autokäufer stellt sich die Markenarchitektur von Chery derzeit wie ein verwirrendes Mosaik dar. Das Portfolio gliedert sich in verschiedene Submarken mit unterschiedlichen Zielgruppen, was in der Fachwelt nicht unumstritten ist. Die Marke Omoda richtet sich mit einem futuristischen Design und ausgeprägten Lifestyle-Elementen primär an eine junge, technikaffine Käuferschicht. Jaecoo hingegen soll den robusten, geländegängigen Charakter verkörpern und spricht Kunden an, die Wert auf Allradkompetenz und ein klassisches SUV-Erscheinungsbild legen. Über diesen beiden Marken thront ab dem ersten Halbjahr 2027 die Kernmarke Chery, die sich mit ihrer Tiggo-Familie ganz auf das Segment der praktischen Familien-SUVs fokussiert. Ergänzt werden soll dieses dichte Geflecht mittelfristig durch die Premium-Elektromarke Exlantix sowie die neue Premiumlinie Lepas.

Branchenanalysten wie Martin Geißler von der renommierten Unternehmensberatung Advyce & Company bleiben angesichts dieser Markenvielfalt jedoch ausgesprochen skeptisch. Er gab zu bedenken, dass Chery auf dem hart umkämpften deutschen Markt nahezu chancenlos sein könnte, da sich die angebotenen Modelle nahtlos in den bestehenden chinesischen SUV-Einheitsbrei einfügten, ohne ein echtes, emotional aufladbares Alleinstellungsmerkmal zu besitzen. In der Tat stehen die Chinesen vor der gewaltigen Aufgabe, in einem gesättigten Umfeld ohne historisch gewachsenes Image das Vertrauen anspruchsvoller Käufer zu gewinnen.+

Technische Spezifikationen und Antriebsvielfalt im Detail
Um dem Vorwurf der Austauschbarkeit entgegenzuwirken, setzt Chery auf ein breites Spektrum an modernsten Antriebstechnologien, das sich flexibel an den aktuellen Kundenwünschen orientiert. Im Gegensatz zu reinen Elektro-Pionieren verabschiedet sich der Konzern von starren Elektro-Dogmen und bietet einen pragmatischen Mix aus hocheffizienten Vollhybriden, reichweitenstarken Plug-in-Hybriden und vollelektrischen Modellen an. Ein genauerer Blick auf die technischen Spezifikationen der einzelnen Modelle verdeutlicht die technologische Breite dieses Ansatzes.
Der kompakte Omoda 5 rollt in Deutschland zunächst in zwei Varianten an. Als Vollhybrid mit der Bezeichnung Omoda 5 HEV kombiniert er einen 1,5-Liter-TGDI-Vierzylinder-Benzinmotor mit Direkteinspritzung und Turboaufladung mit einem hocheffizienten DHT-Hybridgetriebe. Dies führt zu einer beachtlichen Systemleistung von 165 kW, was umgerechnet 224 PS entspricht, bei einem maximalen Systemdrehmoment von 295 Newtonmetern. Mit einer kompakten Lithium-Nickel-Mangan-Cobalt-Batterie, die eine Kapazität von 1,83 Kilowattstunden aufweist, kann das Fahrzeug kurze Strecken im städtischen Bereich rein elektrisch zurücklegen. Der WLTP-Kraftstoffverbrauch wird mit 5,3 Litern Superbenzin auf 100 Kilometer angegeben, bei einer CO2-Emission von 120 Gramm pro Kilometer. Mit Abmessungen von 4.447 Millimetern Länge, 1.824 Millimetern Breite und 1.588 Millimetern Höhe sowie einem Radstand von 2.610 Millimetern bewegt sich der Omoda 5 HEV im klassischen Kompaktsegment. Das Leergewicht beträgt 1.621 Kilogramm, während das Kofferraumvolumen mit 300 Litern im Standardzustand und bis zu 1.079 Litern bei umgeklappten Rücksitzen eher durchschnittlich ausfällt. Der Einstiegspreis für die Select-Version liegt bei 28.900 Euro, während die Exclusive-Variante mit 31.900 Euro zu Buche schlägt.

Parallel dazu wird der Omoda 5 EV als rein batterieelektrische Version angeboten. Dieses Modell wird von einer 155 kW starken E-Maschine an der Vorderachse angetrieben, was 211 PS entspricht. Die Energie wird in einer Lithium-Eisenphosphat-Batterie mit einer Bruttokapazität von 61 Kilowattstunden gespeichert, was eine WLTP-Reichweite von bis zu 430 Kilometern ermöglichen soll. Dank einer 400-Volt-Architektur kann die Batterie an einer DC-Schnellladesäule mit bis zu 130 kW geladen werden, wodurch der Akku in rund 34 Minuten von 10 auf 80 Prozent gefüllt ist. Der Preis für den Stromer in der Exclusive-Ausstattung startet bei 36.900 Euro.

Als robusterer Bruder präsentiert sich der Jaecoo 7 PHEV, der das hauseigene Super-Hybrid-System nutzt. Der Antriebstrang besteht aus einem 1,5-Liter-Turbobenziner mit einer Leistung von 105 kW und einem maximalen Drehmoment von 215 Newtonmetern sowie einem kraftvollen Elektromotor im Getriebegehäuse, der 150 kW und 310 Newtonmeter beisteuert. Daraus resultiert eine stattliche Systemleistung von 205 kW beziehungsweise 279 PS bei einem Systemdrehmoment von 365 Newtonmetern. Die Lithium-Eisenphosphat-Batterie verfügt über eine Kapazität von 18,3 Kilowattstunden, was eine rein elektrische Reichweite von bis zu 90 Kilometern nach WLTP ermöglicht. Die Gesamtreichweite im kombinierten Betrieb soll bei bis zu 1.200 Kilometern liegen.

Der Jaecoo 7 PHEV ist 4.5 Meter lang, 1.87 Meter breit und 1.67 Meter hoch, bei einem Radstand von 2.672 Millimetern. Das Leergewicht des Teilzeitstromers liegt bei stolzen 1.870 Kilogramm. Geladen wird die Batterie mit Wechselstrom mit maximal 6,6 kW, was eine Ladezeit von etwa 200 Minuten für eine vollständige Ladung bedeutet. An einer DC-Schnellladesäule sind bis zu 40 kW möglich, wodurch die Batterie in etwa 20 Minuten von 30 auf 80 Prozent geladen werden kann. Die Preisgestaltung ist aggressiv: Die Select-Linie startet bei 36.900 Euro, während die voll ausgestattete Exclusive-Version für 39.490 Euro angeboten wird. Über diesen Modellen positioniert sich der Omoda 9 PHEV als elegantes Mittelklasse-SUV. Mit einer Systemleistung von beeindruckenden 537 PS, einem permanenten Allradantrieb und einer rein elektrischen Reichweite von bis zu 145 Kilometern nach WLTP zielt das Flaggschiff auf anspruchsvollere Kunden ab. Der Einstiegspreis für dieses Modell liegt bei 52.900 Euro.

Die Speerspitze der Hauptmarke: Chery Tiggo 7 und 9
Ab dem ersten Halbjahr 2027 soll dann die Kernmarke Chery mit ihrer Tiggo-Reihe den Massenmarkt erobern. Als kompakter Vertreter ist der Tiggo 7 vorgesehen, der mit einer Karosserielänge von 4.5 Metern und einem Kofferraumvolumen von 484 Litern aufwartet. Dieses Modell, das sich bereits in Nachbarländern wie Österreich etabliert hat, bietet ein besonders interesant konzipiertes Antriebskonzept. Neben einer reinen Verbrennervariante mit Allradantrieb wird der Tiggo 7 als hocheffizienter Plug-in-Hybrid vermarktet. In dieser PHEV-Konfiguration arbeitet ein 1,5-Liter-Turbomotor mit zwei Elektromotoren zusammen, was eine kumulierte Systemleistung von 265 kW beziehungsweise 360 PS sowie ein gewaltiges Drehmoment von 530 Newtonmetern zur Verfügung stellt.
Die Kraftübertragung erfolgt über ein spezielles Hybridgetriebe mit drei mechanischen Fahrstufen. Der Sprint von null auf 100 km/h gelingt in 8,4 Sekunden, während die rein elektrische Reichweite dank der bewährten 18,3-Kilowattstunden-Batterie bei rund 90 bis 95 Kilometern liegt. In Österreich starten die Preise für den Tiggo 7 bei 28.990 Euro für die Hybridversion, was einen ungefähren Richtwert für die zukünftige deutsche Preisgestaltung liefert.
Darüber rangiert das absolute Flaggschiff der Kernmarke, der Chery Tiggo 9 PHEV. Dieses stattliche, siebensitzige Oberklasse-SUV misst 4.82 Metern in der Länge, 1.93 Meter in der Breite und 1.71 Meter in der Höhe, bei einem großzügigen Radstand von 2.820 Millimetern. Der Antrieb ist eine Machtdemonstration: Ein 2,0-Liter-Turbobenziner mobilisiert in Kombination mit einem Elektromotor eine Systemleistung von 428 PS und ein maximales Drehmoment von 580 Newtonmetern. Damit sprintet das schwere Familien-SUV in nur 5,4 Sekunden aus dem Stand auf Landstraßentempo. Unter dem Fahrzeugboden befindet sich eine große Batterie mit einer Kapazität von 34,5 Kilowattstunden, die eine rein elektrische WLTP-Reichweite von bis zu 147 Kilometern ermöglicht. An DC-Schnellladestationen kann der Tiggo 9 mit bis zu 71 kW geladen werden, was die Ladezeit von 30 auf 80 Prozent auf extrem kurze 18 Minuten reduziert. Das Interieur glänzt mit feinsten Materialien, Holzmaserungs-Dekor, einem 15,6-Zoll-Touchscreen mit hoher Auflösung und einer elektromagnetischen CDC-Dämpfungsregelung für maximalen Fahrkomfort. In Großbritannien wird das Modell bereits in der exklusiven Summit-Ausstattung für 43.105 Pfund angeboten, was etwa 50.000 Euro entspricht.
Das Händlernetz als Vertrauensanker gegen den Onlinetrend
Ein entscheidender Faktor für das Gelingen oder Scheitern einer neuen Automarke auf dem hochkompetitiven deutschen Markt ist die Vertriebsstruktur. Während viele etablierte Hersteller im Zuge der Digitalisierung auf reine Online-Direktvertriebe oder starre Agenturmodelle umstellen, geht Chery den exakt entgegengesetzten Weg. Die Chinesen vertrauen vollst. auf den klassischen, inhabergeführten Automobilhandel. Vertriebschef Michael Mandery machte in Branchengesprächen unmissverständlich deutlich, daß jeder, der den klassischen Händlerkanal unterschätze, im deutschen Markt wertvolles Geschäft verliere. Deutsche Kunden verlangen insbesondere bei einer völlig unbekannten Marke einen physischen Ansprechpartner, kompetente Beratung vor Ort und vor allem eine voll ausgestattete, zertifizierte Vertragswerkstatt direkt am Standort.
Deshalb sucht Chery gezielt die Partnerschaft mit etablierten lokalen Handelsgruppen, den sogenannten Local Heroes. Ein prominentes Beispiel ist die Zusammenarbeit mit dem Autohaus Jochem, das bereits im Frühjahr 2026 einen modernen Showroom in Frankfurt am Main eröffnete, dem in Kürze weitere Betriebe in Trier und St. Ingbert folgen sollen. Der Verkaufsstart verlief vielversprechend; in den ersten drei Wochen nach der Eröffnung in Frankfurt konnten bereits rund 30 Fahrzeuge abgesetzt werden, wobei sich insbesondere der Jaecoo 7 als gefragter Kundenliebling entpuppte. Auch Handelsgruppen wie Auto Schrader in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen haben die Modelle bereits in ihr Portfolio aufgenommen. Die Expansionsziele sind ehrgeizig: Bis Ende 2026 will Chery in Deutschland rund 100 Standorte unter Vertrag haben, langfristig soll ein flächendeckendes Netz von 240 Stützpunkten in der gesamten Bundesrepublik entstehen. Um den Kunden finanzielle Sicherheit zu bieten, arbeitet Chery eng mit etablierten Finanzpartnern wie der Santander Consumer Bank und der Allianz zusammen, um maßgeschneiderte Leasing- und Versicherungsangebote für Privat- und Gewerbekunden zu realisieren.
Logistische Absicherung: Der Aftersales-Rettungsring
Ein rotes Tuch für deutsche Autofahrer und Flottenbetreiber ist die Sorge vor extrem langen Wartezeiten bei Ersatzteilen für asiatische Importfahrzeuge. Wenn eine neue Stoßstange oder eine elektronische Steuereinheit erst per Containerschiff aus Shanghai geliefert werden muss, drohen wochenlange Standzeiten, was die Wirtschaftlichkeit im Alltag massiv gefährdet. Chery hat diese Schwachstelle der Konkurrenz genau analysiert und noch vor dem eigentlichen Marktstart der Fahrzeuge eine beachtliche logistische Infrastruktur etabliert. In Kooperation mit dem weltweit führenden Logistikdienstleister Kühne+Nagel betreibt Chery ein zentrales Ersatzteillager im rheinland-pfälzischen Rennerod.
Auf einer Logistikfläche von zunächst 1.200 Quadratmetern sind bereits jetzt fast alle relevanten Komponenten für den Omoda 5 und den Jaecoo 7 eingelagert. Das dortige Aftersales-Team unter der Leitung von Daniel Pokorny garantiert, daß rund 99 Prozent aller benötigten Ersatzteile innerhalb von nur 24 Stunden an jede deutsche Vertragswerkstatt geliefert werden können. Das logistische Konzept umfasst zudem die hochkomplexe und fachgerechte Lagerung sowie den Transport von empfindlichen Hochvolt-Batterien. Um das Vertrauen der deutschen Kundschaft endgültig zu festigen, flankiert Chery diesen Service mit einer weitreichenden Werksgarantie von sieben Jahren auf das Fahrzeug sowie acht Jahren auf die zentralen elektrischen Antriebskomponenten.
Das politische Minenfeld der EU-Zollpolitik und die Rettung durch lokale Produktion
Trotz der minutiösen Vorbereitung in den Bereichen Vertrieb, Technik und Logistik schwebt ein gewaltiges Damoklesschwert über den europäischen Ambitionen der Chery Group. Die Rede ist von der eskalierenden Handelspolitik zwischen Brüssel und Peking. Als die Europäische Union Ende 2024 zusätzliche Ausgleichszölle auf in China produzierte batterieelektrische Fahrzeuge einführte, wurde Chery als kooperierender Hersteller mit einem Strafzoll von 20,7 Prozent belegt, der auf den regulären Einfuhrzoll von 10 Prozent aufgeschlagen wird. Als Reaktion auf diese massive Verteuerung reagierten Chery und andere chinesische Automobilriesen extrem schnell und verlagerten ihren Exportfokus fast über Nacht auf Plug-in-Hybride und klassische Verbrenner, die von den BEV-Strafzöllen ausgenommen waren und weiterhin nur mit dem Standardzollsatz von 10 Prozent belegt wurden.

Diese Strategie ging zunächst spektakulär auf; der Absatz chinesischer Teilzeitstromer in Europa verzeichnete im Jahr 2025 Zuwachsraten von über 32 Prozent. Aber die Europäische Kommission blieb nicht untätig. Am 19. Juni 2026 schloss Brüssel dieses steuerliche Hintertürchen, indem die rechtlichen Grundlagen für die Einführung von Ausgleichszöllen auf chinesische Plug-in-Hybride finalisiert wurden. Die neuen Zollsätze, die sich an den bestehenden BEV-Sätzen orientieren und somit zwischen 17 und 38 Prozent liegen dürften, bedrohen die preisliche Konkurrenzfähigkeit von Modellen wie dem Jaecoo 7 PHEV oder dem Omoda 9 PHEV massiv. Sollten diese Sonderzölle im Herbst 2026 wie erwartet in Kraft treten, drohen empfindliche Preisaufschläge von mehreren tausend Euro pro Fahrzeug, was den kalkulierten Preisvorteil gegenüber der europäischen Konkurrenz im Nu zunichtemachen könnte.
Angesichts dieser protektionistischen Hürden wird eine lokale Wertschöpfung in Europa für Chery zur existenziellen Überlebensfrage. Der Konzern hat dies frühzeitig erkannt und treibt den Ausbau seiner europäischen Produktionskapazitäten mit Nachdruck voran. Ein zentraler Baustein ist das Joint Venture mit dem spanischen Automobilhersteller Ebro im ehemaligen Nissan-Werk in Barcelona. Obwohl der Anlauf der Fertigung aufgrund regulatorischer und kommerzieller Hürden mehrfach verschoben werden musste, soll die Produktion eigener Fahrzeuge nun im Laufe des Jahres 2026 anlaufen. Das erklärte Etappenziel sieht vor, die Kapazität in Barcelona bis zum Jahr 2029 auf jährlich 150.000 bis 200.000 Fahrzeuge hochzufahren.
Aber die spanische Fabrik allein wird nicht ausreichen, um die ehrgeizigen Absatzziele auf dem gesamten Kontinent zu realisieren. Aus diesem Grund verfolgt Chery-Chef Yin Tongyue eine hochgradig pragmatische Expansionsstrategie. Statt langwierig und kostenintensiv eigene Fabriken auf der grünen Wiese zu errichten, sucht der Konzern aktiv nach Kooperationen mit schwächelnden europäischen Herstellern, um deren ungenutzte Überkapazitäten zu übernehmen. Konkret stehen Verhandlungen über Partnerschaften in Frankreich sowie eine engere Kooperation im britischen Nissan-Werk in Sunderland im Raum. Auf diese Weise kann Chery nicht nur wertvolle Zeit beim Produktionsanlauf sparen, sondern umgeht elegant die drohenden Importzölle und sichert sich das prestigeträchtige Label einer europäischen Fertigung. Executive Vice President Charlie Zhang verriet in diesem Zusammenhang, dass mittelfristig ein Nicht-China-Anteil an den Fahrzeugkomponenten von mindestens 50 Prozent angestrebt wird, wobei insbesondere der Zukauf von Antriebsbatterien außerhalb Chinas eine Schlüsselrolle spielt.
Eine nüchterne Bilanz des deutschen Abenteuers
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Chery das Wagnis des deutschen Marktes mit einer bemerkenswerten Professionalität und strukturellen Tiefe vorbereitet hat. Die Fehler früherer chinesischer Marktteilnehmer, die oft als reine Importeure ohne Service-Infrastruktur agierten, wurden akribisch analysiert und vermieden. Das Bekenntnis zum klassischen Händlernetz, das dichte Ersatzteilzentrum in Rennerod und die massiven Investitionen in das Entwicklungszentrum in Raunheim zeugen von einem langfristig angelegten, nachhaltigen Geschäftsmodell.
Dennoch bleibt der Erfolg in Deutschland eine Herkulesaufgabe. Der Markt ist extrem gesättigt, die etablierten europäischen, japanischen und koreanischen Hersteller verteidigen ihre Reviere vehement, und die drohenden Sonderzölle auf Plug-in-Hybride schränken den finanziellen Spielraum empfindlich ein. Zudem birgt die Zersplitterung der Modellpalette in eine unübersichtliche Flut von Submarken das Risiko, den Kunden emotional zu überfordern. Ob Cherys hochkomplexe Hybrid- und Elektroantriebe ausreichen, um sich aus dem sprichwörtlichen China-SUV-Einheitsbrei hervorzuheben, müssen die kommenden Jahre zeigen. Eines ist jedoch sicher: Die Konkurrenz in Wolfsburg, München und Seoul wird die Bewegungen aus Raunheim und Barcelona ab sofort sehr genau beobachten müssen.

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