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Der Tiguan-Schreck zum Dacia-Preis? GWM Haval Jolion Pro bläst zum Angriff

Ausstattungswunder für 24.990 Euro: Der GWM Haval Jolion Pro - Bildnachweis: GWM

Ausstattungswunder für 24.990 Euro: Wo der GWM Haval Jolion Pro den Rotstift ansetzt

Es ist kaum fünf Jahre her, da wurden chinesische Automobile auf dem deutschen Markt noch müde belächelt, doch wenn heute ein knapp 4,50 Meter langes SUV mit 177 PS und Vollausstattung für unter 25.000 Euro beim Händler steht, gefriert der etablierten Konkurrenz das Lächeln. Great Wall Motor, kurz GWM, macht ernst und schickt nach dem größeren H6 nun den Haval Jolion Pro ins Rennen um die Gunst der deutschen Käufer. Das Fahrzeug positioniert sich genau dort, wo es den etablierten Herstellern am meisten wehtut: im volumenstarken Segment der Kompakt-SUVs, in dem sonst VW Tiguan, Hyundai Tucson oder der Kia Sportage das Sagen haben. Doch anders als die Hybrid-Vorreiter setzt GWM beim Jolion Pro überraschenderweise auf einen klassischen Turbobenziner ohne Elektrifizierung, was technisch Fragen aufwirft, aber den Kampfpreis erst ermöglicht. Wir haben die Daten analysiert, die Strategie hinterleuchtet und ordnen ein, ob dieses Angebot einen Haken hat.

Strategische Neuausrichtung: Die große Welle rollt an

Hinter der Einführung des Jolion Pro steckt mehr als nur ein weiteres neues Modell im Showroom. Es ist der nächste logische Schritt einer aggressiven Expansionsstrategie, die GWM zusammen mit dem mächtigen Importeur O! Automobile GmbH, einer Tochter der Emil Frey Gruppe, vorantreibt. Nachdem man in der Vergangenheit mit einer Nomenklatur aus „Funky Cats“ und Kaffeesorten-Namen bei der Schwestermarke Wey für Stirnrunzeln sorgte, kehrt nun Sachlichkeit ein. Great Wall Motor bündelt seine Kräfte unter der Dachmarke GWM und sortiert das Portfolio neu. Bis zum Jahr 2027 sollen insgesamt neun neue Modelle den deutschen Markt erreichen. Der Jolion Pro fungiert hierbei als Türöffner für preissensible Kunden, die bisher vielleicht eher bei Dacia oder jungen Gebrauchtwagen fündig wurden. Deshalb ist die Positionierung unterhalb des bereits eingeführten Haval H6 von entscheidender Bedeutung, denn hier werden Stückzahlen gemacht.

Design und Abmessungen: Gefälligkeit statt Experimente

Betrachtet man den Jolion Pro rein äußerlich, so fällt auf, dass er nicht auffallen will. Mit einer Länge von knapp 4,47 Metern ordnet er sich perfekt in die Kompaktklasse ein. Das Design wirkt routiniert und bedient globale Geschmäcker, ohne dabei eine eigenständige Design-Ikone schaffen zu wollen. Ein sportlich angehauchtes Aerodynamik-Kit und diverse schwarze Akzente sollen Dynamik suggerieren, wo die Formsprache eigentlich eher konservativ bleibt. Das Heck wird, wie es mittlerweile fast schon gesetzlich vorgeschrieben scheint, von einem durchgehenden Leuchtenband dominiert. GWM bietet das Fahrzeug in vier Metallic-Farben an, darunter Moonlight White und HD Blue, und stellt es je nach Ausstattung auf 17- oder 18-Zoll-Leichtmetallfelgen. Man hat hier offensichtlich darauf verzichtet, durch polrisierendes Design anzuecken, was in diesem Segment eine durchaus valide Verkaufsstrategie darstellt.

Der Innenraum: Digitalisierung trifft auf Rotstift

Im Innenraum versucht GWM den Spagat zwischen moderner Anmutung und Kostendruck. Ein beiger Dachhimmel soll das Raumgefühl luftiger machen, während schwarze Sitzbezüge aus Ledernachbildung – ein Euphemismus für Kunstleder – für die nötige Robustheit sorgen. Das Cockpit wird dominiert von der heute üblichen Bildschirmlandschaft. Ein 7-Zoll-Display hinter dem Lenkrad informiert den Fahrer über die wichtigsten Daten, während in der Mittelkonsole je nach Ausstattung ein 10,25- oder 12,3-Zoll-Touchscreen thront. Es ist lobenswert, dass Konnektivitätsstandards wie Apple CarPlay und Android Auto kabellos funktionieren, was selbst bei deutschen Premiumherstellern nicht immer selbstverständlich ist.

Aber hier zeigt sich oft die Achillesferse günstiger Importe: Die Bedienung erfolgt fast ausschließlich über Touch-Oberflächen, was während der Fahrt ablenken kann. Ob die Rechenleistung des Infotainmentsystems für eine ruckelfreie Bedienung ausreicht, muss ein späterer Praxistest zeigen. Der Verzicht auf physische Tasten spart in der Produktion Geld, kostet den Kunden aber oft Nerven. Positiv hervorzuheben ist das Platzangebot, das dank der SUV-Architektur auch im Fond für Erwachsene ausreichend sein dürfte. Die Ausstattungslinie Luxury bietet zudem Features wie einen belüfteten Fahrersitz und kabelloses Laden, was in dieser Preisklasse eine echte Ansage ist.

Antriebstechnik: Viel Leistung, hoher Verbrauch

Technisch geht GWM beim Jolion Pro einen Weg, den man in Europa fast schon als anachronistisch bezeichnen könnte. Unter der Haube arbeitet ein 1,5-Liter-Vierzylinder-Turbobenziner, der 130 kW, also satte 177 PS leistet. Das maximale Drehmoment von 270 Newtonmetern wird über ein 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe (DCT) ausschließlich an die Vorderräder geleitet. Ein Allradantrieb ist nicht vorgesehen. Die Fahrleistungen lesen sich auf dem Papier sportlich: In 7,9 Sekunden erledigt das SUV den Nullhundert-Paradesprint auf Landstraßentempo, bei 190 km/h wird abgeregelt.

Doch diese Leistung hat einen Preis, der nicht an der Kasse, sondern an der Tankstelle gezahlt wird. Der WLTP-Normverbrauch wird mit 7,4 Litern Super auf 100 Kilometer angegeben. Erfahrungsgemäß liegen die Realverbräuche bei turbogeladenen Benzinern in schweren SUV-Karosserien deutlich darüber, sodass im Alltag mit Werten um die 8,5 bis 9 Liter gerechnet werden muss. Das resultiert in einer CO2-Emission von 167 g/km und der wenig schmeichelhaften CO2-Klasse F. Während Wettbewerber auf Mild-Hybride oder Vollhybride setzen, um den Flottenverbrauch zu senken, nimmt GWM hier bewusst den höheren Verbrauch in Kauf, um den Einstandspreis niedrig zu halten.

Das 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe ist eine weitere Komponente, die kritisch betrachtet werden muss. Chinesische Hersteller hatten in der Vergangenheit oft Schwierigkeiten, die Getriebesoftware so fein abzustimmen, wie es europäische Kunden gewohnt sind. Ein ruckeliges Anfahren oder eine Gedenksekunde beim Beschleunigen sind Phänomene, die in dieser Klasse häufig auftreten. Es bleibt abzuwarten, ob die Ingenieure von Great Wall Motor hier ihre Hausaufgaben gemacht haben.

Ausstattungspolitik: Der eigentliche Kaufgrund

Wenn der Motor Zweifel sät, so ist es die Ausstattungsliste, die diese wieder zerstreuen soll. GWM bietet den Jolion Pro in zwei Linien an: „Premium“ und „Luxury“. Bereits die Basis „Premium“ für 24.990 Euro ist so vollgestopft, dass man bei deutschen Herstellern seitenweise Kreuzchen in der Aufpreisliste machen müsste. Eine 2-Zonen-Klimaautomatik, Sitzheizung vorne, ein elektrisch verstellbarer Fahrersitz und sogar ein elektrisches Panorama-Glasdach sind serienmäßig an Bord. Auch das schlüssellose Zugangssystem Smart-Key gehört zum Standardumfang.

Für einen Aufpreis von 2.700 Euro erhält man in der „Luxury“-Version für 27.690 Euro zusätzlich ein Head-Up-Display, welches in dieser Klasse ein absolutes Novum darstellt, sowie einen automatischen Parkassistenten. Diese Preispolitik ist extrem aggressiv und zielt darauf ab, rationale Käufer anzusprechen, die für Prestige nicht extra zahlen wollen. Dennoch muss man sich fragen, wo gespart wurde. Oft sind es die Dämmung, die Fahrwerksabstimmung oder die Langzeitqualität der Materialien, die unter dem Kostendruck leiden.

Assistenzsysteme: Fluch und Segen der Technik

Wie der große Bruder H6 ist auch der Jolion Pro bis unter das Dach mit Sensoren und Kameras bestückt. Eine 360-Grad-Kamera hilft beim Rangieren, was angesichts der meist unübersichtlichen Karosserieform moderner SUVs dringend nötig ist. Hinzu kommen diverse Helferlein wie der intelligente Fahrassistent (ICA), Stauassistent (TJA) und ein Totwinkelwarner. In der Luxury-Version kommen noch ein Querverkehrsassistent mit Notbremsfunktion und ein Ausstiegsassistent hinzu.

Was auf dem Papier nach maximaler Sicherheit klingt, ist in der Praxis bei Fahrzeugen aus chinesischer Produktion oft ein zweischneidiges Schwert. Die Abstimmung dieser Systeme neigt häufig zu übervorsichtigem Eingreifen und nervösem Gepiepe, was dazu führt, dass Fahrer die Assistenten genervt deaktivieren. Besonders die Fahrerüberwachungssysteme agieren oft sehr strikt. Es wird interessant sein zu sehen, ob GWM eine europäische Abstimmung für die Software gefunden hat oder ob der Jolion Pro seine Insassen bevormundet. Die Fülle an Systemen deutet jedoch darauf hin, dass man im Euro-NCAP-Crashtest die volle Punktzahl anstrebt, was für die Vermarktung in Europa essenziell ist.

Garantie und Service: Ein Versprechen für die Zukunft

Um das Vertrauen der skeptischen deutschen Kundschaft zu gewinnen, gewährt GWM eine fünfjährige Garantie ohne Kilometerbegrenzung. Dies ist ein starkes Signal und übertrifft die branchenüblichen zwei bis drei Jahre deutlich. Es zeigt, dass der Hersteller von der Haltbarkeit seiner Produkte überzeugt ist. Zudem ist die Partnerschaft mit der Emil Frey Gruppe ein strategischer Vorteil. Anders als reine Online-Marken oder Start-ups hat GWM damit sofortigen Zugriff auf ein etabliertes Händler- und Werkstattnetz. Dies dürfte für viele Interessenten die Hürde senken, sich auf eine noch relativ unbekannte Marke einzulassen.

Einordnung und Fazit: Ein Angebot für Rechenfüchse

Der GWM Haval Jolion Pro ist kein technologischer Leuchtturm. Sein Antriebsstrang wirkt mit dem durstigen Turbobenziner ohne jegliche Elektrifizierung nicht mehr ganz taufrisch in einer Zeit, die nach elektrischer Unterstützung ruft. Auch das Fahrwerk dürfte, basierend auf der Plattform-Architektur, eher auf Komfort als auf sportliche Präzision ausgelegt sein. 

Aber genau das könnte sein Erfolgsrezept sein. Es gibt eine breite Käuferschicht, die keine komplexe Hybridtechnik möchte, sondern ein gut ausgestattetes, geräumiges Auto für die Familie zu einem bezahlbaren Preis. Mit 24.990 Euro unterbietet der Jolion Pro fast alle vergleichbaren Wettbewerber bei weitem, wenn man die Ausstattung bereinigt. Ob die Haptik im Innenraum und die Feinabstimmung des Fahrwerks mit europäischen Standards mithalten können, wird sich zeigen. doch bei diesem Preis werden viele Kunden bereit sein, Kompromisse einzugehen. Der Jolion Pro ist somit weniger eine Revolution der Automobiltechnik, als vielmehr eine Revolution der Preisgestaltung. Wer über den hohen Verbrauch und das fehlende Markenimage hinwegsehen kann, bekommt hier so viel Auto fürs Geld wie derzeit kaum woanders.