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Die EU-Flotte zunehmend unter Strom: Warum der Umschwung schneller kommt als gedacht

Die Ladensäulendichte zeigt sich in Europa noch höchst unterschiedlich - Bildnachweis: ADAC

 

Europa im Wandel: Die stille Revolution auf vier Rädern sorgt für tektonische Verschiebungen

Leise, fast unmerklich, kippt das Kräfteverhältnis auf Europas Straßen. Während Diesel und Benziner sukzessive an Boden verlieren, rollen mehr voll und teil-elektrische Neuwagen denn je aus den Showrooms der Hersteller. Die neuesten Zahlen des europäischen Automobilverbandes ACEA für September 2025 [LINK] zeigen, dass der Umbruch keine ferne Zukunft mehr ist – er geschieht hier und jetzt, mit spürbarer Dynamik und zugleich ernüchternden Grenzen.

Bildnachweis: ACEA

Leichtes Gesamtwachstum, doch starke Bewegung unter der Haube

Der europäische Pkw-Markt legte bis Ende September 2025 um 0,9 Prozent zu. Rund 8,06 Millionen Neuwagen wurden in der EU erstmals zugelassen. Rein äußerlich ist das nur ein zarter Aufschwung, doch in der Antriebsstatistik offenbart sich eine tektonische Verschiebung. Strom betriebene Fahrzeuge (BEVs) erreichen mittlerweile 16,1 Prozent Marktanteil, nach 13,1 Prozent im Vorjahr. Das entspricht über 1,3 Millionen neu zugelassenen Elektroautos innerhalb von neun Monaten. Besonders dynamisch zeigt sich Deutschland mit einem Sprung um 38,3 Prozent. Auch Belgien und die Niederlande ziehen deutlich an, während Frankreich eine leichte Stagnation meldet.

Doch ausgerechnet in Frankreich, einem Land, das die Elektromobilität früh politisch gefördert hat, zeigt sich, dass die Euphorie abkühlt. Die Zahl der E-Auto-Neuzulassungen ging dort leicht um 0,2 Prozent zurück. Dagegen verbuchte der französische Markt bei Hybriden starke Zuwächse – ein erstes Anzeichen dafür, dass viele Käufer offenbar noch nicht bereit sind, ganz auf den Verbrenner zu verzichten.

Bildnachweis: ACEA

Hybridfahrzeuge als Brückentechnologie auf Erfolgskurs

Mit 2,79 Millionen Neuzulassungen stellen Hybridmodelle inzwischen rund 34,7 Prozent des europäischen Gesamtmarktes. In Spanien und Frankreich liegt das Wachstum bei fast 29 Prozent, aber auch in Deutschland und Italien kaufen deutlich mehr Kunden diese Antriebsart. Es sind Fahrzeuge, die Sicherheit bieten: elektrisches Anfahren und kurze Strecken im Stadtverkehr, dazu die Zuverlässigkeit und Reichweite klassischer Verbrennungsmotoren.

Deshalb bleibt der Hybrid – ob mild, voll oder als Plug-in-Version – für viele die pragmatische Lösung. PHEVs (Plug-in-Hybride), die sich an der Steckdose laden lassen, erreichen bereits neun Prozent Marktanteil und legen mit Wachstumsraten von bis zu 70 Prozent zu. In Ländern wie Spanien oder Italien verdoppelte sich die Zahl der Neuzulassungen sogar. Für die Hersteller ist das ein Segen, denn so lassen sich Flottengrenzwerte senken, ohne beim Absatzradikalbruch Risiken einzugehen.

(Reine) Verbrenner in der Defensive: Vom Rückgrat zur Restgröße

Während elektrische Antriebe boomen, verlieren reine Benziner und Diesel ohne Teilelektrifizierung massiv an Boden. Zusammengenommen halten sie noch 37 Prozent Marktanteil – im Jahr 2024 waren es 46,8 Prozent. Besonders der Diesel erlebt einen historischen Einbruch. Nur noch 9,3 Prozent der neu zugelassenen Pkw in der EU nutzen diesen Kraftstoff. In Deutschland brachen die Dieselzulassungen um rund ein Viertel ein, in Frankreich sogar um ein Drittel. Selbst bei den Benzinern registriert ACEA im laufenden Jahr Rückgänge von fast 19 Prozent.

Das zeigt, dass die Verbrenner-Ära zwar noch nicht vorbei, aber längst im Rückwärtsgang ist. Neue Modelle werden seltener, einige Hersteller kündigen keine Nachfolger mehr an. Gleichzeitig befeuern die Diskussionen um das geplante EU-Verbot neuer Verbrenner ab 2035 Zweifel. Führende Landespolitiker wie Michael Kretschmer fordern bereits eine Lockerung, weil die Marktdaten offenbar nicht zur politischen Zielsetzung passen.

Deutschland als Schlüsselland der Elektrowende

Besonders stark reagiert der größte Einzelmarkt Europas auf diesen Wandel. Deutschland treibt den europäischen Elektroboom mit an und verzeichnet das höchste Wachstum unter den großen Märkten. Selbst der Wegfall nationaler Kaufprämien hat die Nachfrage bislang kaum gebremst. Entscheidend für den Schub dürften die Modellpolitik der Hersteller und der spürbare Preisrückgang bei Einstiegsstromern gewesen sein. Volkswagen, BMW und Mercedes steigerten ihre EU-weiten Neuzulassungen stärker als der Gesamtmarkt. Der Volkswagen-Konzern verteidigt seine Führungsrolle und konnte im September 2025 ein Plus von über elf Prozent verbuchen.

Aber nicht alle deutschen Marken profitieren gleichermaßen. Porsche verzeichnete ein Minus von 6,5 Prozent, BMW immerhin einen Rückgang von 2,8 Prozent, während Mercedes um 4,8 Prozent zulegte. Tesla dagegen rutschte weiter ab, wenngleich weniger dramatisch als noch zu Jahresbeginn. Die USA-Marke büßte im September 18,6 Prozent ein und rangiert inzwischen hinter den europäischen Volumenherstellern.

Elektromobilität auf Kurs – aber noch nicht am Ziel

So eindrucksvoll die Wachstumszahlen auf den ersten Blick wirken: die europäische Branche steht weiterhin unter Druck. Denn trotz des 20-prozentigen Zuwachses bleibt der Anteil von 16,1 Prozent an allen Neuwagen zu gering, um die CO₂-Ziele für 2035 zuverlässig zu erreichen. Auch ACEA warnt, dass das bisherige Tempo der Umstellung nicht ausreicht. Die Ladeinfrastruktur hängt vielerorts hinterher, vor allem im ländlichen Raum. Noch immer gibt es Regionen, in denen weder Schnelllader noch zuverlässige Netzkapazitäten vorhanden sind. Genau hier entscheidet sich, ob der Umschwung auch bei Durchschnittsfahrern ankommt.

Deshalb ist die Elektromobilität längst nicht nur eine Frage technischer Weiterentwicklung, sondern sozialer Akzeptanz. Wer sich ein Elektroauto leisten kann, profitiert von sinkenden Betriebskosten und staatlich gefördertem Strom zu Hause. Doch für viele bleibt der Anschaffungspreis ein Hindernis. Zwar hat sich das Preisniveau durch die Modellvielfalt entspannt, dennoch sind kompakte Stromer zu Listenpreisen unter 30.000 Euro noch sehr überschaubar.

Fazit: Zwischen Fortschritt und Zweifel

Die neuen ACEA-Zahlen belegen den Beginn einer neuen Automobilära – mit zwei Gesichtern. Einerseits wächst die Elektromobilität stabiler als noch vor einem Jahr, andererseits zeigen sich erste Anzeichen von Ermüdung in wichtigen Märkten. Der Hybrid bleibt in Europa die meistgekaufte Antriebsform, während klassische Verbrenner ihren jahrzehntelangen Vorsprung verlieren.

Aber noch ist der Aufbruch nicht die Vollendung. Die Branche steht vor der Frage, wie schnell sich die Bevölkerung von konventionellen Konzepten löst. Und ob sich der elektrische Wandel mit der Realität der Verbraucher vereinbaren lässt. Die Dynamik des Septembers 2025 weckt Hoffnung – doch sie bleibt brüchig, solange Strompreise schwanken, Förderbedingungen unsicher sind und der Netzausbau stockt.

Elektromobilität in Europa gleicht damit einer Bergfahrt: kraftvoll gestartet, steiler werdend mit jedem Kilometer, und noch ungewiss, ob alle durchhalten.