MG IM6 - Bildnachweis: IM / MG
Wenn Superlative bezahlbar werden – MG gibt die Preise für Deutschland bekannt
Eine Systemleistung von 751 PS für deutlich unter 60.000 Euro klingt im ersten Moment wie ein drucktechnischer Fehler in der Preisliste eines etablierten Automobilmagazins. Aber diese Zahlen sind seit Juli 2026 für den deutschen Markt harte Realität, seit die zum chinesischen Saic-Konzern gehörende Marke MG die Bestellbücher für ihre neuen Speerspitzen IM5 und IM6 geöffnet hat. Mit der fast fünf Meter langen Business-Limousine IM5 und dem technisch eng verwandten SUV-Coupé IM6 stürmen die Chinesen in ein Segment, das bislang eifersüchtig von süddeutschen Premiumherstellern verteidigt wurde. Dabei geizen die Neulinge weder mit schierer Kraft noch mit modernster Hochvolt-Technologie, die selbst gestandene Elektro-Pioniere alt aussehen lässt. Mit einer maximalen DC-Ladeleistung von bis zu 396 kW und einer echten 800-Volt-Ladearchitektur setzen sich die IM-Modelle an die Spitze der aktuellen Lademeister.

Deshalb reibt sich die Fachwelt ungläubig die Augen, denn diese Kombination aus extremen Leistungswerten, üppiger Serienausstattung und einem verblüffend niedrigen Einstiegspreis wirft grundlegende Fragen auf. Wie schafft es ein chinesischer Hersteller, der in Europa bislang vor allem für seine preiswerten Volumenmodelle bekannt war, ein solches Technologie-Feuerwerk zu zünden, ohne betriebswirtschaftlich Schiffbruch zu erleiden? Die Antwort liegt nicht nur in der effizienten Massenproduktion im fernen Shanghai, sondern auch in einer tiefen strategischen Krise des Mutterkonzerns auf dem Heimatmarkt. Der Marktstart in Deutschland ist somit weit mehr als nur eine kosmetische Portfolio-Erweiterung. Es ist der mutige, vielleicht sogar verzweifelte Versuch, das bisherige Image der Marke als Billigheimer hinter sich zu lassen und sich dauerhaft im lukrativen Premiumsegment zu etablieren.

Der nackte Kampf ums Überleben hinter der Premium-Fassade
Hinter dem glänzenden Chrom und den spektakulären Beschleunigungswerten der neuen IM-Modellfamilie verbirgt sich ein knallharter wirtschaftlicher Überlebenskampf des Saic-Konzerns. Das Kürzel IM steht für Intelligence in Motion und ging ursprünglich aus einem im Jahr 2020 gegründeten, hochgradig ambitionierten Joint Venture zwischen Saic mit 54 Prozent, dem Technologieriesen Alibaba mit 18 Prozent und der Investmentgesellschaft Zhangjiang Hi-Tech mit ebenfalls 18 Prozent hervor.
Unter dem internen Arbeitstitel Project No. 1 sollte eine Luxusmarke entstehen, die Tesla und aufstrebenden Startups wie Nio im eigenen Land die Stirn bieten sollte. Aber die Realität holte den Giganten schnell ein, als ein brutaler Preiskampf auf dem chinesischen Markt ausbrach und Saic im Jahr 2024 einen dramatischen Gewinneinbruch von fast 93 Prozent verkraften musste. Während die Konkurrenzmarke Rising Auto sang- und klanglos aufgelöst und der Premium-Konkurrent HiPhi im August 2024 Insolvenz anmelden musste, blieb IM Motors als einzig überlebende Premium-Hoffnung des Konzerns übrig.

Deshalb ist der Schritt, die Fahrzeuge in Europa nicht unter dem unbekannten Namen IM, sondern als Submarke unter dem etablierten Dach von MG anzubieten, ein logischer Schachzug. Der Aufbau einer völlig neuen Vertriebs- und Servicestruktur im anspruchsvollen europäischen Markt hätte Hunderte Millionen Euro verschlungen, die der angeschlagene Mutterkonzern schlicht nicht mehr aufbringen konnte. Die Integration in das bestehende Händlernetz von MG ermöglicht es, sofort auf eine funktionierende Infrastruktur zuzugreifen und das Vertrauen der Kunden zu nutzen, das sich die Marke in den letzten Jahren mit Modellen wie dem MG4 aufgebaut hat. Dennoch bleibt ein fader Beigeschmack und die berechtigte Skepsis, ob Kunden, die beim Händler eigentlich nach einem günstigen Kompaktwagen suchen, bereit sind, über 50.000 Euro für ein Fahrzeug auf den Tisch zu legen, das optisch kaum noch Gemeinsamkeiten mit der bisherigen MG-Palette aufweist.

Das Gehirn auf Rädern: Die Geheimnisse des Lizard-Fahrwerks
Das technologische Prunkstück, mit dem sich MG gegen die europäische Konkurrenz durchsetzen will, ist das sogenannte Lizard Digital Chassis, das im Heimatmarkt unter dem Namen Lingxi vermarktet wird. Dieses System fungiert als digitales Kleinhirn des Fahrzeugs und vernetzt die Allradlenkung, die adaptiven Dämpfer, das Continental MKC2 Brake-by-Wire-System und die elektronische Stabilitätskontrolle in einer einzigen, zentralen Steuereinheit. Die Sensoren des Systems sind so feinfühlig, dass sie beispielsweise einen plötzlichen Reifenplatzer innerhalb von nur 300 Millisekunden registrieren. Sofort greift die Elektronik ein und reguliert die Bremskräfte an den verbleibenden Rädern sowie den Lenkwinkel der Hinterachse so präzise, dass das Fahrzeug selbst bei hohem Tempo stur geradeaus fährt und für den Fahrer kontrollierbar bleibt.

Aber die Allradlenkung, die im IM5 und IM6 serienmäßig verbaut ist, entfaltet ihre Talente nicht nur in Notsituationen, sondern vor allem im dichten Großstadtdschungel. Mit einem maximalen Lenkwinkel der Hinterräder von bis zu 12 Grad schrumpft der Wendekreis der stattlichen, 4.931 mm langen Limousine IM5 auf unter 10 Meter. Das entspricht dem Niveau eines Kleinwagens und lässt enge Parkhäuser oder spontane Wendemanöver ihren Schrecken verlieren. Beim etwas kürzeren, aber deutlich breiteren SUV-Modell IM6 liegt der Wendekreis bei ebenfalls beeindruckenden 10,18 Metern. Dass dieses komplexe System im Elchtest seine Wirkung zeigt, beweisen die Testergebnisse aus der Entwicklung, bei denen der IM5 eine Ausweichgeschwindigkeit von 90,96 km/h erreichte. Das SUV-Modell IM6 meisterte den anspruchsvollen Parcours mit immer noch hervorragenden 82,7 km/h.

Der Orkan im Heck: Hurricane-Motoren und Batterie-Thermik
Unter der aerodynamisch optimierten Außenhaut mit einem Luftwiderstandsbeiwert von 0,237 bei der Limousine und 0,237 beim SUV verbergen sich Antriebskomponenten, die mit beachtlichem technischem Aufwand konstruiert wurden. Herzstück der allradgetriebenen Performance-Modelle ist der sogenannte Hurricane-Motor an der Hinterachse, der mit einer maximalen Drehzahl von bis zu 21.000 Umdrehungen pro Minute rotiert. Um diese enormen Drehzahlen und die damit verbundene thermische Belastung schadlos zu überstehen, nutzt der Elektromotor eine hocheffiziente Ölkühlung und eine moderne 8-Schichten-Hairpin-Wicklung im Stator. Zusammen mit dem Frontmotor mobilisiert das System im Premium AWD eine Spitzenleistang von 553 kW, was brachialen 751 PS entspricht, und wuchtet ein maximales Drehmoment von 802 Nm auf den Asphalt. Damit gelingt der Limousine der Sprint von 0 auf 100 km/h in nur 3,2 Sekunden, während das SUV-Coupé mit 3,5 Sekunden kaum nachsteht.

Deshalb benötigt ein solches Kraftpaket auch ein extrem leistungsfähiges Energiespeichersystem. MG setzt in Deutschland bei beiden Modellen auf eine 100 kWh fassende Lithium-Ionen-Batterie mit einer fortschrittlichen Nickel-Mangan-Kobalt-Zellchemie, die von Saic in Kooperation mit dem Batteriegiganten CATL gefertigt wird. Um die versprochenen extremen Ladeleistungen von bis zu 396 kW realisieren zu können, verfügt der Akku über ein integriertes thermisches Managementsystem, das die Zellen bei Bedarf innerhalb von nur 30 Sekunden um bis zu 15 Grad herunterkühlen kann. Damit soll die Batterie an einem 350-kW-Schnelllader in nur 17 Minuten den Ladehub (SoC) von 10 auf 80 Prozent schaffen können. Für die Zukunft hat der Konzern in China bereits eine Semi-Festkörper-Batterie mit 123,7 kWh Kapazität und über 1.000 Kilometern CLTC-Reichweitte im Programm, deren Einführung in Europa allerdings noch in den Sternen steht.

Das digitale Loft: Komfort und das europäische Touchscreen-Dilemma
Wer den Innenraum des IM5 oder IM6 betritt, wähnt sich eher in einer modernen Lounge als in einem klassischen Automobil. Die Passagiere nehmen auf extrem weichen, mit hochwertigem Nappa-Leder oder bayerischem Semi-Anilin-Leder bezogenen Komfortsitzen Platz, die im Fachjargon des Herstellers als Cloud Seats bezeichnet werden und über integrierte Heiz- und Belüftungsfunktionen verfügen. Für eine angenehme Akustik sorgt eine aufwendige Doppelverglasung aller Seitenscheiben in Kombination mit einer aktiven Fahrbahngeräuschunterdrückung, die störende Frequenzen über das mit 20 Lautsprechern bestückte Soundsystem neutralisiert. Das riesige Panorama-Glasdach flutet den Innenraum mit Licht, schützt die Insassen dank einer dreifach silberbeschichteten Low-E-Technologie jedoch wirksam vor Hitze und filtert angeblich 99,9 Prozent der schädlichen UV-Strahlung heraus.

Aber bei aller Liebe zum digitalen Fortschritt offenbart das Cockpit-Konzept eine tiefe philosophische Kluft zwischen chinesischen Entwicklern und europäischen Ergonomie-Ansprüchen. Das Armaturenbrett wird von einem gigantischen, 26,3 Zoll großen Panoramadisplay beherrscht, das durch einen tiefer liegenden, vertikalen 10,5-Zoll-Touchscreen in der Mittelkonsole ergänzt wird. Da physische Tasten und Schalter fast vollständig aus dem Cockpit verbannt wurden, muss nahezu jede alltägliche Funktion über verschachtelte Touchscreen-Menüs gesteuert werden. Während deutsche Automobilhersteller nach heftiger Kritik ihrer Kunden schrittweise zu echten Knöpfen für die Klimatisierung oder Lautstärkeregelung zurückkehren, zwingt MG den Fahrer in eine rein digitale Bedienung. Dies erfordert während der Fahrt viel Aufmerksamkeit und birgt ein Ablenkungspotenzial, das auch durch die hervorragende Sprachsteuerung nicht gänzlich kompensiert werden kann.
Die nackten Zahlen: Modellvarianten und Preise im Detail
Für den deutschen Markt hat sich MG zu einer klaren und sehr selbstbewussten Preisstruktur entschlossen, die im Vergleich zu den bereits bekannten Preisen in Großbritannien leicht angehoben wurde. Auf dem deutschen Markt werden sowohl die Limousine IM5 als auch das SUV-Coupé IM6 ausschließlich mit der großen 100 kWh fassenden Batterie angeboten, während die in England verfügbare Einstiegsversion mit der kleineren 75 kWh LFP-Batterie vorerst nicht zu uns kommt.
Die sportliche Fließheck-Limousine MG IM5 startet in Deutschland als heckangetriebenes Modell Premium mit einer Leistung von 300 kW, was 407 PS entspricht, zu einem Grundpreis von 53.990 Euro. Diese Version glänzt mit einer maximalen WLTP-Reichweite von bis zu 710 Kilometern und einem kombinierten Energieverbrauch von 16,0 kWh pro 100 Kilometer. Für die allradgetriebene Topversion MG IM5 Premium AWD mit zwei Elektromotoren, einer Systemleistung von 553 kW beziehungsweise 751 PS und einer WLTP-Reichweite von 575 Kilometern verlangt der Händler mindestens 58.990 Euro. Der kombinierte Verbrauch dieses Kraftpakets liegt laut Werksangabe bei 19,7 kWh pro 100 Kilometer.
Das geräumigere SUV-Modell MG IM6 steht als heckangetriebener Premium mit 300 kW und einer WLTP-Reichweite von 555 Kilometern ab 56.990 Euro in den Verkaufsräumen. Sein kombinierter Verbrauch wird mit 18,2 kWh pro 100 Kilometer beziffert. Die Speerspitze bildet der allradgetriebene MG IM6 Premium AWD mit der vollen Leistung von 553 kW, der ab 60.990 Euro angeboten wird, eine Reichweite von bis zu 505 Kilometern verspricht und sich im kombinierten Zyklus zwischen 21,7 und 23,4 kWh pro 100 Kilometer genehmigt.
Die Aufpreisliste der neuen IM-Familie ist erfreulich kurz, was den Kunden vor bösen Überraschungen bei der Konfiguration bewahrt. Eine Metallic-Lackierung schlägt für alle Modellvarianten mit einheitlich 790 Euro zu Buche. Wer für die allradgetriebene Limousine IM5 Premium AWD oder das SUV IM6 eine helle, besonders edel wirkende Innenausstattung wünscht, zahlt dafür moderate 650 Euro Aufpreis. Exklusiv für das absolute Topmodell des SUV, den IM6 Premium AWD, bietet MG ein sogenanntes Drive Pack für 2.000 Euro an. Dieses Paket beinhaltet optisch markante 21-Zoll-Räder und eine adaptive Luftfederung, die den Fahrkomfort auf langen Autobahnetappen spürbar verbessern dürfte.
Fazit: Ein riskanter, aber faszinierender Geniestreich
Mit dem Marktstart der Modelle IM5 und IM6 beweist MG eindrucksvoll, dass die Marke bereit ist, das gemütliche Nest der preiswerten Volumenmodelle zu verlassen und den Sprung in das eiskalte Wasser des Premiumsegments zu wagen. Auf dem Papier liefern die Chinesen ein technologisches Meisterwerk ab, das vor allem beim Laden an der Schnellladesäule und bei der Längsdynamik Maßstäbe setzt. Die extrem reichhaltige Serienausstattung und die Kampfpreise, die weit unter denen vergleichbarer deutscher Premium-Stromer liegen, machen die Fahrzeuge zu einem hochattraktiven Angebot für rational kalkulierende Käufer.
Deshalb sollten Interessenten vor dem Kauf dennoch genau prüfen, ob sie mit den nackten Fakten des Alltags harmonieren. Eine Fahrzeugbreite von fast zwei Metern ohne Außenspiegel schränkt den Fahrspaß auf engen Landstraßen oder in Autobahnbaustellen merklich ein, und das sehr straffe Fahrwerk in Kombination mit dem hohen Fahrzeuggewicht von über 2,3 Tonnen ist nicht jedermanns Sache. Wer sich jedoch mit der rein digitalen Touchscreen-Bedienung anfreunden kann, erhält ein faszinierendes Stück Zukunftstechnologie, das den etablierten Herstellern das Leben in den kommenden Jahren verdammt schwer machen dürfte.

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