Xpeng AI Day - Bildnachweis: Xpeng
Der Moment, in dem künstliche Intelligenz den Asphalt verlässt
Es war keine gewöhnliche Produktshow, sondern fast ein Wendepunkt – zumindest, wenn man Xpengs Vision Glauben schenkt. Beim AI Day 2025 im neuen Science Park im chinesischen Guangzhou hat der Elektroautobauer eine Zukunftsskizze gezeichnet, die weit über das traditionelle Automobil hinausgeht. Dort, wo bisher Fahrverhalten, Reichweiten und Ladezeiten dominierten, drehte sich alles um lernfähige Roboter, Fluggeräte und ein Betriebssystem, das Dinge in Bewegung setzt, ohne ein Wort zu verstehen. Doch ist das die Revolution, die Xpeng verspricht? Oder ist es ein futuristischer Balanceakt zwischen Vision und Wirklichkeit?
Der Aufbruch in die Ära der „Physical AI“
Xpeng nennt sein Konzept „Physical AI“ – also eine künstliche Intelligenz, die nicht mehr nur in Datenräumen und Cloudsystemen existiert, sondern sich tatsächlich in Form beweglicher Maschinen manifestiert. Die Idee: Software bekommt einen Körper, und dieser Körper lernt, im physischen Raum zu agieren. Damit positioniert sich Xpeng neu, als sogenannter Pionier „verkörperter Intelligenz“, oder, wie Firmenchef He Xiaopeng es nennt, als „Global Embodied Intelligence Company“.
Das mag nach Vision klingen, doch für Xpeng ist es zugleich strategische Neuausrichtung. Während viele westliche Hersteller sich noch mit der Serienreife assistierter Fahrfunktionen beschäftigen, öffnet der chinesische Konzern sein Denken in drei Dimensionen: autonom fahren, humanoid handeln und fliegen.
VLA 2.0 – das Herz des neuen Systems
Im Zentrum dieser Strategie steht das Betriebssystem VLA 2.0, das Xpeng als „Vision-Language-Action“-Plattform bezeichnet. Hinter dieser Abkürzung steckt die Idee, dass Maschinen ihre Umgebung mit Kameras erfassen, Situationen verstehen und direkt darauf reagieren – ohne Umweg über Sprachinterpretationen. Der Schritt könnte, wenn er sich technisch bewährt, enorme Rechenzeit sparen und Reaktionen nahezu in Echtzeit ermöglichen. VLA 2.0 wird als sogenanntes „aktionengeneratives Modell“ beschrieben, das physikalische Gesetzmäßigkeiten selbst erlernt. Trainiert wurde es mit fast 100 Millionen realen Fahrszenen, eine gewaltige Datenbasis, die Xpeng mit der Erfahrung von rund 65.000 menschlichen Lebensjahren im Straßenverkehr vergleicht. Diese Zahl ist beeindruckend, aber auch schwer überprüfbar. Kritikern zufolge bleibt abzuwarten, ob die KI auch in ungewohnten Situationen jene Flexibilität beweist, die sie in der Simulation erlernt hat.
Kooperation mit Volkswagen – ein Signal mit Symbolkraft
Besondere Aufmerksamkeit erregte die Mitteilung, dass die Volkswagen-Gruppe als erster externer Kunde das VLA 2.0-System einsetzen werde. Für die Wolfsburger, die 2023 für rund 700 Millionen Euro fünf Prozent an Xpeng erworben hatten, ist das ein Schritt in Richtung softwaregestützter Kooperation. Xpeng liefert damit erstmals Technologie an einen global agierenden Automobilkonzern außerhalb Chinas.

Für den Hersteller ist das mehr als nur ein Geschäft – es ist eine Legitimation der eigenen Entwicklungsleistung. Doch auch Volkswagen profitiert: Der Konzern sucht dringend Anschluss an technologische Plattformen für autonomes Fahren, besonders im chinesischen Markt, wo sich Xpeng längst als Lokalfavorit etabliert hat.
Vom Auto zum Roboter: Xpengs dreiteilige Roadmap
Xpeng strukturierte seine Zukunftsvision entlang dreier Säulen – Robotaxi, humanoide Robotik und Flugmobilität. Die gemeinsame Basis: physisch handelnde KI, gespeist aus einer zentralen Datengrundlage.

Das Robotaxi: autonom, vernetzt und kurz vor dem Testeinsatz
Noch im Jahr 2026 soll das erste Robotaxi von Xpeng chinesische Städte erobern. Drei verschiedene Modelle kündigte der Hersteller an – alle vollständig fahrerlos konzipiert, intern mit vier Turing-KI-Chips ausgestattet, die zusammen eine Rechenleistung von bis zu 3.000 TOPS liefern. Damit liegen die Systeme theoretisch über heutigen internationalen Standards.
Doch das ist die technische Seite. Gesellschaftlich steht China noch vor der Herausforderung, rechtliche und sicherheitsrelevante Rahmen zu schaffen, um solche Fahrzeuge im echten Straßenleben zuzulassen. In Partnerschaft mit Amap, dem Navigationsdienst der Alibaba-Gruppe, sollen Testflotten bald in Ballungsräumen starten. Die große Frage bleibt, ob sich die Technologie auch außerhalb kontrollierter Szenarien so souverän verhält wie in den Laboren von Guangzhou.
Der humanoide Roboter Iron der nächsten Generation
Fast surreal wirkte der Moment, als Xpeng einen fast lebensecht wirkenden humanoiden Roboter präsentierte – „Next-Gen Iron“ genannt. Mit bionischer Wirbelsäule, künstlichen Muskeln und einer flexiblen Haut nähert er sich menschlicher Bewegung in bisher selten gesehener Präzision. Seine 82 Freiheitsgrade ermöglichen feinmotorische Gesten und ausbalancierte Bewegungen, die an industrielle Assistenzsysteme erinnern, aber emotionaler wirken sollen.

Drei Turing-Chips liefern auch hier zusammen 3.000 TOPS Rechenleistung, um Sehen, Sprachinteraktion und Motorik zu verknüpfen. Teil des Konzepts ist ein offenes Entwicklungsumfeld – Xpeng plant, das zugehörige Software Development Kit für Drittentwickler zugänglich zu machen. Kritisch betrachtet zeigt sich hier die Ambivalenz des Fortschritts: Einerseits öffnet sich ein neues Innovationsfeld, andererseits wirft die menschenähnliche Gestik Fragen zur gesellschaftlichen Akzeptanz und Ethik solcher Systeme auf.
Die Serienproduktion ist für Ende 2026 vorgesehen, angetrieben von einer neuen Feststoffbatterie, die mehr Sicherheit und Energiedichte verspricht. Ob die weltweiten Märkte aber schon bereit für humanoide Assistenzsysteme im Alltag sind, bleibt offen.
Fliegen mit dem Land Aircraft Carrier und dem A868
Am weitesten von der Straße entfernt, aber vielleicht am greifbarsten, ist Xpengs dritter Innovationsbereich – die Flugmobilität. Mit der Tochter Aridge (vormals AeroHT) präsentierte das Unternehmen zwei funktionsfähige Prototypen: den urbanen „Land Aircraft Carrier“ und das Langstrecken-Flugauto „A868“. Der Land Aircraft Carrier erinnert an ein modulares Fahrzeug, das auf Knopfdruck vom Straßentransporter zum Fluggerät wechseln kann. Bereit für Kurzstrecken und Rettungseinsätze, sei er bereits in Testproduktion, hieß es. Über 7.000 Vorbestellungen liegen laut Xpeng bereits vor, vorwiegend aus Asien, aber auch vereinzelt aus Europa.
Der A868 hingegen zielt auf komfortable Geschäftsflüge: sechs Personen, kipprotorbasierte Mechanik, 500 km Reichweite und 360 km/h Reisegeschwindigkeit. Beide Konzepte verbinden Elektromobilität mit Luftfahrttechnik – ein Feld, das in China zunehmend staatlich unterstützt wird. Die Serienproduktion des kleineren Modells ist für 2026 mit zunächst 10.000 Einheiten pro Jahr geplant, was ambitioniert, wenn nicht sogar riskant wirkt. Denn Vorschriften für diese Form des Flugverkehrs sind außerhalb der Testregionen kaum definiert.
Der Science Park in Guangzhou – Chinas Antwort auf Silicon Valley
So futuristisch die Produkte wirken, so real ist die Basis: Xpengs neuer Science Park in Guangzhou. Auf diesem Campus sollen über 10.000 Fachkräfte aus KI, Robotik, Luftfahrt und Fahrzeugtechnik zusammenarbeiten. Das Gelände fungiert zugleich als Forschungszentrum, Entwicklungsabteilung und Produktionsstandort – eine kompakte Innovationsblase vergleichbar mit den Tech-Zentren im kalifornischen Santa Clara oder in Shenzhen.
Die Idee der „Emergenz“ – das Entstehen von Neuem durch Zusammenspiel bestehender Systeme – beschreibt laut Xpeng das Prinzip, nach dem hier gearbeitet wird. Angesichts der Geschwindigkeit, mit der der Konzern seit seiner Gründung 2014 Technologien integriert, scheint das Konzept aufzugehen.
Marktrealität und Perspektive für Deutschland
Für deutsche Beobachter stellt sich indes die praktische Frage: Wann und wie erreichen diese Entwicklungen Europa? Xpeng ist mit Niederlassungen auch in Deutschland vertreten und hat 2024 die Modelle G9, G6 und P7 für den europäischen Markt angekündigt. Preise bewegen sich in einem Spektrum von etwa 50.000 bis 70.000 Euro, je nach Ausstattung und Batteriegröße.
Diese Modelle bleiben bodenständig – vollelektrische SUV und Limousinen, die sich eher an Tesla und Polestar orientieren als an Science-Fiction. Doch der AI Day zeigt, wohin die Reise langfristig gehen soll. Die Investition von Volkswagen unterstreicht, dass auch etablierte Hersteller die chinesische Entwicklungsdynamik ernst nehmen. Während Deutschland noch über Regelwerke für hochautomatisierte Fahrzeuge debattiert, experimentiert Xpeng bereits mit der nächsten Stufe: der physischen Selbstständigkeit der Maschine.
Zwischen Vision und Machbarkeit
So eindrucksvoll die Präsentationen waren, so groß bleibt die Herausforderung. Viele Technologien von Xpeng existieren derzeit nur als Demonstratoren, in kontrollierten Testumgebungen oder virtuellen Datensätzen. Der Schritt zur industriellen Serienfertigung, insbesondere bei humanoiden Robotern oder fliegenden Fahrzeugen, erfordert nicht nur technisches Können, sondern auch neue Infrastrukturen, Normierungsverfahren und gesellschaftliche Akzeptanz.
China könnte hier aufgrund seiner zentralen Steuerungsmechanismen allerdings Vorteile haben: kürzere Genehmigungswege, stärker staatlich gelenkte Pilotregionen und ein konsumfreudiges Publikum, das Technologie offen annimmt. Für Europa bedeutet das, dass der Innovationsdruck zunimmt – ob von Xpeng, BYD oder anderen Wettbewerbern.
Das Fazit: Blick in eine Zukunft, die schon begonnen hat
Der Xpeng AI Day 2025 war weniger eine Produktvorstellung als eine Programmatik technologischen Selbstbewusstseins. Man merkte, dass die Firma kein klassischer Autobauer mehr sein möchte. Der Konzern will zugleich Fahrzeughersteller, Robotikentwickler und Luftfahrtpionier sein – und dies alles auf Basis eigener Softwareplattformen.
Doch der Abstand zwischen Vision und Realität bleibt. So faszinierend VLA 2.0 auch klingt – es wird Jahre dauern, bis Verbraucher die „verkörperte KI“ tatsächlich im Alltag erleben. Und dennoch: Xpeng hat ein Signal gesetzt. China präsentiert nicht nur Reichweiten und Ladezeiten, sondern gleich ein neues Verständnis dessen, was Mobilität künftig bedeuten kann – eine Verschmelzung von Maschine, Intelligenz und physischer Interaktion.
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