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Ein Reifen gegen alle Jahreszeiten: Continental deklassiert die Konkurrenz im ADAC Ganzjahresreifentest 2026

Im ADAC Ganzjahresreifentest 2026 wurden 16 Modelle für Kleinwagen untersucht - Bildnachweis: ADAC

 

Die Vernachlässigung des Kleinwagensegments durch die Industrie

Der Markt für Pkw-Reifen in Deutschland befindet sich in einem tiefgreifenden, strukturellen Wandel, der weitreichende Konsequenzen für die Verkehrssicherheit hat. Laut aktuellen Daten des Bundesverbands Reifenhandel und Vulkaniseurhandwerk haben Ganzjahresrefein im vergangenen Jahr erstmals den absoluten Spitzenplatz bei den Verkaufszahlen im Bundesgebiet eingenommen. Damit überholten sie die traditionellen, saisonalen Spezialisten für die warme und kalte Jahreszeit. Dieser Trend betrifft vor allem das Segment der Kleinwagen, bei denen Fahrzeughalter aus ökonomischen Gründen und aufgrund tendenziell geringerer Jahresfahrleistungen besonders intensiv nach Allround-Lösungen suchen. Aber der aktuelle, umfassende Belastungstest des ADAC in der populären Kleinwagendimension 185/65 R15 deckt eine gravierende technologische Kluft innerhalb des Marktangebots auf. Von den 16 gründlich unter die Lupe genommenen Reifenmodellen konnte am Ende nur ein einziges Produkt die begehrte Gesamtnote „Gut“ erringen, während die Tester für die Hälfte des gesamten Testfelds ein vernichtendes Urteil fällen mussten.

Bildnachweis: ADAC

Ein genauer Blick auf das Teilnehmerfeld offenbart eine bedenkliche Produktpolitik bei mehreren etablierten Premiumherstellern, die den Markt für kleinere Fahrzeugklassen offenbar nur noch mit sekundärer Priorität bedienen. Es fällt auf, daß die neuesten Evolutionsstufen der Reifenentwicklung oft ausschließlich den großen, gewinnbringenden Reifendimensionen für sportliche Kompaktwagen oder schwere SUV vorbehalten bleiben. Ein prominentes Beispiel hierfür liefert Bridgestone, wo für die getestete Kleinwagengröße lediglich der ältere Weather Control A005-Evo lieferbar ist, obwohl der technologisch deutlich modernere Nachfolger unter dem Namen Turanza All Season 6 in größeren Dimensionen längst fest im Markt etabliert ist. Ein ähnliches Muster zeigt sich bei Michelin, wo anstelle des neuen CrossClimate 3 noch der bewährte, aber eben ältere CrossClimate 2 ins Rennen geschickt wird. Deshalb sehen sich Käufer von Kleinwagenreifen einer Art technologischen Lotterie ausgesetzt, bei der ein älteres Modellkonzept entweder wie im Fall von Michelin immer noch hervorragend funktionieren oder wie bei Bridgestone zu einem echten Sicherheitsrisiko werden kann.

Der einsame Spitzenreiter aus Hannover

An der Spitze des Testfelds steht mit einem klaren Respektabstand der Continental AllSeasonContact 2, der sich mit der Gesamtnote 2,3 den unangefochtenen Testsieg sichert. Dem Reifen aus niedersächsischer Entwicklung gelingt das Kunststück, den inhärenten physikalischen Zielkonflikt eines Ganzjahresreifens am besten auszubalancieren. Auf trockener Fahrbahn glänzt das Modell mit einem präzisen Lenkgefühl, einer klaren Rückmeldung im Grenzbereich und einer hohen Stabilität bei abrupten Ausweichmanövern, was in der Note 2,2 resultiert. Noch überzeugender fallen die Ergebnisse auf nassem Asphalt aus, wo der Continental mit der Note 2,0 dank extrem kurzer Bremswege und einer exzellenten Aquaplaning-Resistenz die absolute Benchmark im Test markiert. Auch auf schneebedeckter Piste leistet sich der Reifen mit der Note 2,3 keine nennenswerten Schwächen beim Bremsen oder der Traktion. Mit einem durchschnittlichen Marktpreis von etwa 84 Euro pro Stück ist er zwar kein Schnäppchen, kompensiert dies aber durch einen niedrigen Kraftstoffverbrauch und eine solide prognostizierte Laufleistung von 41300 Kilometern, womit er die Note 2,6 in der Umweltbilanz erzielt.

Das Verfolgerfeld und der schmale Grat des Kompromisses

Direkt hinter dem Gesamtsieger positionieren sich der Michelin CrossClimate 2 und der Pirelli Cinturato All Season SF 3 mit einer identischen Gesamtnote von 2,6, womit sie ein gutes Gesamturteil nur haarscharf verfehlen. Der Michelin beweist eindrucksvoll, dass ein klug konstruiertes Profil auch in einer älteren Generation Spitzenwerte liefern kann, insbesondere in der ökologischen Bewertung. Mit einer herausragenden Note von 2,2 in der Umweltbilanz setzt der französische Reifen, der im Handel rund 90 Euro kostet, die absolute Bestmarke beim Reifenabrieb und der Haltbarkeit. Auf Schnee operiert er auf dem Niveau reinrassiger Winterreifen, leistet sich jedoch leichte Schwächen bei der nassen Seitenführung, was eine bessere Platzierung verhindert. Pirelli geht beim Cinturato All Season SF 3, der für ungefähr 86 Euro angeboten wird, einen anderen technologischen Weg und setzt auf eine adaptive Profiltechnologie, deren Polymermischung sich flexibel an wechselnde Temperaturen anpassen soll. Das führt zu einer ausgewogenen Leistung auf nasser und trockener Straße, geht jedoch zu Lasten eines leicht erhöhten Abriebs und eines lauteren Vorbeifahrgeräuschs.

Bildnachweis: ADAC

Das breite Mittelfeld und seine spezifischen Schwächen

Hinter diesem Spitzentrio erstreckt sich ein breites, qualitativ abgestuftes Mittelfeld, dessen Modelle das Prädikat befriedigend erhalten und für Autofahrer mit einem exakt definierten Fahrprofil durchaus eine überlegenswerte Alternative darstellen können. Der Vredestein Quatrac erreicht die Gesamtnote 2,9 bei einem recht attraktiven Anschaffungspreis von circa 70 Euro, zeigt jedoch auf nasser Fahrbahn spürbare Defizite bei der Aquaplaning-Vorsorge. Dicht darauf folgt der Hankook Kinergy 4S 2 für etwa 71 Euro mit der Note 3,0, der zwar beim Bremsen auf trockenem Asphalt Bestwerte erzielt, aber auf Schnee und bei Nässe spürbar an Grip verliert. Der Goodyear Vector 4Seasons Gen-3 bricht mit der Note 3,1 und einem Preis von rund 82 Euro etwas ein, da er auf trockener Straße ein schwammiges Fahrverhalten offenbart, während seine Qualitäten bei winterlichen Verhältnissen unbestritten bleiben. Der Nokian Tyres Seasonproof 2 teilt sich die Note 3,1 bei einem Marktpreis von 81 Euro, krankt jedoch an einer mäßigen Umweltbilanz durch erhöhten Verschleiß. Als Budget-Option in dieser Kategorie positioniert sich der GT Radial ClimateActive mit der Note 3,2 für moderate 63 Euro, der sich jedoch in allen Sicherheitsdisziplinen nur im durchschnittlichen Bereich bewegt.

Die Spezialisierungsfalle im ausreichenden Bereich

Ein klassisches Lehrbeispiel für eine völlig misslungene Abstimmung zwischen den Jahreszeiten liefert der Dunlop All Season 2, der mit einer Gesamtnote von 3,7 nur noch das Urteil ausreichend rettet. Der für rund 70 Euro erhältliche Reifen wurde von den Entwicklern extrem einseitig auf winterliche Bedingungen getrimmt, was sich in der phänomenalen Note von 1,7 auf Schnee und Eis niederschlägt. Aber genau diese weiche Gummischmischung und das stark lamellierte Profil führen auf trockener Straße zu einem echten Fiasko, wo der Reifen mit der Note 3,7 extrem lange Bremswege und ein träges Einlenkverhalten zeigt. Der Nexen N Blue 4Season 2 erreicht ebenfalls die Gesamtnote 3,6 bei einem Preis von 66 Euro, liefert jedoch in fast allen Disziplinen eine nur mäßige Vorstellung ab. Das Schlusslicht der noch knapp empfehlenswerten Reifen bildet der Milever All Season Versat MC545 für extrem günstige 51 Euro, der mit der Gesamtnote 4,0 die absolute Grenze des Vertretbaren markiert und aufgrund ausgeprägter Schwächen bei Nässe nur für absolute Wenigfahrer in Regionen ohne nennenswerten Wintereinbruch in Betracht kommen sollte.

Ein erschreckendes Zeugnis am Ende der Tabelle

Deshalb muss vor den verbleibenden fünf Reifen des Testfelds eine deutliche und unmissverständliche Warnung ausgesprochen werden, da sie im Testverfahren aufgrund eklatanter Sicherheitsmängel mit der Note mangelhaft durchgefallen sind. Den Anfang der Verliererliste macht der Norauto 4 Seasons 2 für 63 Euro, der zwar auf trockener Piste ordentlich funktioniert, auf Schnee jedoch mit der Note 4,9 komplett versagt und jegliche Traktion vermissen lässt. Ein technologischer Offenbarungseid ist das Abschneiden des Bridgestone Weather Control A005-Evo, der trotz eines Premiumpreises von etwa 81 Euro eine katastrophale Gesamtnote von 5,3 einfährt. Der Reifen ist auf winterlicher Fahrbahn völlig überfordert, generiert kaum Seitenführungskräfte und rutscht im Schneehandling unkontrollierbar über die Vorderachse. Dieses mangelhafte Zeugnis teilt er sich mit dem Mastersteel All Weather 2 für 53 Euro, dem ebenfalls jede Wintertauglichkeit fehlt. Noch schlechter schneiden nur noch der Roadhog RGAS02 mit der Note 5,4 für 52 Euro und der Tomason Allseason mit der Note 5,5 für 58 Euro ab, die beide ein massives Sicherhaitsrisiko bei winterlichen Straßenverhältnissen darstellen.

Das Phänomen der vermeintlichen Reifen-Zwillinge

Ein hochinteressantes technologisches Detail förderte die genaue Laboranalyse der Modelle von Roadhog und Mastersteel zutage. Bei diesen beiden Fabrikaten handelt es sich um nahezu baugleiche Reifenkonstruktionen, die vom selben Band in ein und derselben Fabrikationsstätte laufen. Dennoch weisen die Messergebnisse im ADAC-Test feine, aber messbare Unterschiede auf, die über die normale Serienstreuung hinausgehen. Des Rätsels Lösung liegt in der Einkaufspolitik der jeweiligen Marken, die sich für die finale Ausformung der Lauffläche bei unterschiedlichen Zulieferbetrieben für chemische Additive bedient haben. Diese feinen Nuancen in der Gummirezeptur führen dazu, dass der Roadhog im nassen Element minimale Vorteile verbucht, während der Mastersteel auf trockenem Asphalt einen Hauch stabiler agiert. Es zeigt sich einmal mehr, dass das äußere Erscheinungsbild eines Reifenprofils völlig täuschen kann, da die wahre Leistungsfähigkeit in den unsichtbaren, molekularen Strukturen der Gummimischung entschieden wird.

Kritische Bilanz des Ganzjahres-Konzepts

Aber welche Lehre müssen Autofahrer nun aus diesem umfangreichen Datenmaterial ziehen? Die technologische Herausforderung, einen Reifen zu bauen, der bei minus 15 Grad auf Eis ebenso funktioniert wie bei 35 Grad Sommerhitze auf glühendem Asphalt, bleibt ein physikalischer Drahtseilakt, der besonders in der preisaggressiven Kleinwagenklasse oft zu Lasten der Qualität geht. Man darf durchaus bezweifeln, ob der vollständige Verzicht auf den saisonalen Reifenwechsel für jeden Fahrzeugnutzer die richtige Entscheidung ist. Für urbane Regionen mit exzellentem Räumdienst und für Menschen, die das Auto bei extremem Wetter schlicht stehen lassen können, bieten die wenigen Top-Modelle wie der Continental eine komfortable und wirtschaftliche Option. Wer jedoch beruflich auf das Fahrzeug angewiesen ist, regelmäßig Mittelgebirge durchquert oder hohe Geschwindigkeiten auf der Autobahn anstrebt, fährt mit zwei spezialisierten Reifensätzen nach wie vor deutlich sicherer. Der Griff zu billigen No-Name-Produkten oder veralteten Premium-Konstruktionen entpuppt sich beim Bremsweg im Ernstfall allzu oft als gefährlicher Trugschluss.