Während des Bidi-Pilotprojekts soll das heimische Ökosystem zusammen mit dem Fahrzeug vollständig automatisiert und unter realen Bedingungen optimiert werden - Bildnachweis: Elli
Elli startet Pilot für bidirektionales Laden auf der IAA Mobility 2025
Die IAA Mobility in München entwickelt sich zunehmend zu einem Schaufenster für die Verknüpfung von Automobil- und Energiewelt. In diesem Jahr steht ein Thema besonders im Fokus: Das bidirektionale Laden von Elektroautos. Elli, die Energie- und Lade-Tochter des Volkswagen-Konzerns, hat auf der Messe ihr erstes groß angelegtes Pilotprojekt vorgestellt und beginnt nun, die ersten Testkunden in Deutschland zu akquirieren. Hinter diesem Vorstoß steckt die Vision, Elektrofahrzeuge nicht nur als Verkehrsmittel, sondern zugleich als flexible Energiespeicher in Privathaushalten und langfristig auch im europäischen Energiemarkt nutzbar zu machen.
Energie für Haushalt und Netz
Im Mittelpunkt des Projekts steht eine neue DC-fähige Wallbox mit einer Ladeleistung von 11 kW, die zusammen mit dem Partner Cubos entwickelt wurde. Diese Technologie erlaubt es, Strom aus der Fahrzeugbatterie nicht nur ins Auto zu laden, sondern auch zurück in den Haushalt zu speisen. Gerade in Kombination mit einer eigenen Photovoltaikanlage können Haushalte ihren Eigenverbrauch steigern und Abhängigkeiten vom Netz reduzieren. Damit ließen sich, je nach Nutzung, die Stromkosten im Haushalt deutlich senken, wie Simulationen von Volkswagen zeigen. In internen Berechnungen nennt das Unternehmen Einsparpotenziale von bis zu 75 Prozent, wobei diese Werte auf modellhaften Annahmen beruhen und nicht pauschal übertragbar sind. Faktisch kommt es darauf an, wie viel Solarstrom zur Verfügung steht, wie hoch der Haushaltsverbrauch ist und welchen Anteil davon das Elektrofahrzeug abdecken kann.
Das System soll nicht allein im Heimgebrauch wirken, sondern mittelfristig auch eine Rolle auf den Energiemärkten spielen. Schon ab 2026 plant Elli, die ersten Hunderten Fahrzeuge zu einem virtuellen Kraftwerk zusammenzuschalten und den gespeicherten Strom über die europäische Energiebörse EPEX anzubieten. Damit ließen sich Angebot und Nachfrage erneuerbarer Energien besser ausgleichen. In einer späteren Ausbaustufe ist vorgesehen, ein sogenanntes „Managed Battery Network“ aufzubauen, das langfristig auf Tausende bis Hunderttausende Fahrzeugbatterien setzen und zusätzliche Großspeicher integrieren könnte. Dieses Netz erhielte so die Funktion eines dezentral organisierten, europaweit einsetzbaren Stromspeichers.
Wer teilnehmen kann
Die Pilotphase startet in Deutschland im Dezember 2025. Bewerben können sich zunächst Besitzer von Fahrzeugen aus dem Volkswagen-Konzern, die auf der MEB-Plattform basieren. Dazu zählen Modelle von Volkswagen, Cupra und Volkswagen Nutzfahrzeuge, sofern sie über die aktuelle Softwaregeneration ID.3.5 oder höher verfügen und mit der 77-kWh-Batterie ausgestattet sind. Diese technischen Bedingungen sind erforderlich, um die Rückspeisung von Energie zu ermöglichen. Interessierte Privatkunden können sich direkt bei Elli oder über den Kooperationspartner Otovo, einen Anbieter von Photovoltaikanlagen, für das Programm einschreiben. Die ausgewählten Haushalte erhalten im Rahmen des Feldtests die notwendige Wallbox als zentrale Schaltstelle.
Technologische Einordnung
Das bidirektionale Laden, oftmals auch als Vehicle-to-Home oder Vehicle-to-Grid bezeichnet, ist technisch seit Jahren in Entwicklung, wird aber bislang nur zögerlich im Markt eingesetzt. Gründe dafür sind fehlende Standards, komplexe Regulierungsvorgaben und die bislang hohen Anforderungen an Abrechnung und Eichrecht. Elli setzt mit dem Pilot auf eine eichrechtskonforme Infrastruktur, die auch die Abrechnung von eingespeistem Strom zulässig macht. Ein wichtiger Schritt, denn in Deutschland und Europa entscheiden gesetzliche Rahmenwerke maßgeblich darüber, wie schnell sich solche Konzepte etablieren können. Während in Ländern wie Japan oder Teilen der USA bidirektionales Laden in ersten Projekten erprobt wird, kommt die deutsche Initiative vergleichsweise spät, allerdings mit einem starken industriellen Rückhalt durch den Volkswagen-Konzern.
Preise und Positionierung im Markt
Für Kunden ergibt sich allerdings die Frage nach den Kosten. Die neuen Wallboxsysteme, Photovoltaikanlagen und ein mögliches Heim-Energiemanagement sind mit erheblichen Investitionen verbunden. Während Elli selbst derzeit keine offiziellen Endkundenpreise für die DC-Wallbox nennt, bewegen sich marktverfügbare bidirektionale Systeme meist im oberen vierstelligen Bereich, zzgl. Installationsaufwand. Hinzu kommen die Anschaffungskosten für PV-Anlagen und gegebenenfalls zusätzliche Heimspeicher. Dem gegenüber stehen potenzielle Einsparungen durch optimiertes Laden und die Möglichkeit, Stromüberschüsse entweder selbst zu verbrauchen oder zu vermarkten. Für viele Privathaushalte wird die Wirtschaftlichkeit daher stark von den individuellen Rahmenbedingungen abhängen. Erste Zahlen können nur als Orientierung dienen und müssen kritisch hinterfragt werden, da etwa Anschaffungskosten in den Herstellerrechnungen bislang nicht berücksichtigt sind.
Großspeicher und Energiemärkte
Parallel zum Pilot für Privathaushalte nimmt Elli ein weiteres Geschäftsfeld ins Visier. In Salzgitter entsteht aktuell das sogenannte PowerCenter, ein Großspeicher mit 20 Megawatt Leistung und einer Kapazität von 40 Megawattstunden. Die Anlage basiert auf Batteriemodulen von PowerCo, einer weiteren Konzerntochter, und soll als Plattform für Energiehandel und Netzdienstleistungen dienen. Die Richtung ist klar: Mit Fahrzeugbatterien und stationären Speichern will Volkswagen nicht nur Mobilität absichern, sondern auch aktiv auf den Energiemärkten auftreten. Elektromobilität wird damit Teil einer größeren Strategie, die über den reinen Verkehr hinausweist und in die Energieinfrastruktur hineinreicht.
Für den Verbraucher hat das Projekt zwei zentrale Dimensionen
Zum einen bietet es die Chance, die eigene Energieversorgung unabhängiger, nachhaltiger und langfristig günstiger zu gestalten. Zum anderen zeigt sich aber auch, dass technologische Pionierarbeit mit Unsicherheiten verbunden ist. Ob und in welchem Tempo das bidirektionale Laden in die Breite kommen wird, hängt stark von den Rahmenbedingungen ab: von der Standardisierung, den regulatorischen Freigaben, der Verfügbarkeit passender Fahrzeuge und nicht zuletzt von der Kostenfrage. Elli betritt hier einen strategisch wichtigen Bereich, öffnet aber gleichzeitig ein Feld, in dem noch viele Fragen offen sind.
Dass Volkswagen dieses Thema jetzt mit Nachdruck besetzt, zeigt jedoch auch, dass Hersteller künftig nicht nur Fahrzeuge verkaufen wollen, sondern die Schnittstelle zwischen Mobilität und Energie langfristig zum zentralen Geschäftsfeld machen. Für die Kunden bedeutet es die Chance, Teil dieser Entwicklung zu werden, vielleicht schon im Pilotprojekt, vielleicht erst, wenn das Konzept den Schritt von der Versuchsanordnung in den Alltag geschafft hat.

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