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Enorme Nachfrage trotz Elektro: Produktion für den neuen vollelektrischen Volvo EX60 wird ausgeweitet

Angesichts der hohen Nachfrage nach dem vollelektrischen Mittelklasse-SUV in Schweden und weiteren wichtigen Märkten wie Deutschland reagiert der schwedische Premium-Automobilhersteller und erhöht die Kapazitäten - Bildnachweis: Volvo


Bereits kurz nach der Premiere über 3.000 feste Bestellungen eingegangen

Ein Auto, das noch gar nicht auf der Straße rollt, zwingt bereits ein ganzes Stammwerk in die Knie und bricht mit jahrzehntelangen skandinavischen Traditionen der Sommerpause. Während die Automobilindustrie derzeit eher durch Meldungen über Absatzflauten bei Elektrofahrzeugen und Werksschließungen geprägt ist, scheint Volvo in eine entgegengesetzte Realität eingetreten zu sein. Der neue EX60, das vollelektrische Pendant zum langjährigen Bestseller XC60, weckt Begehrlichkeiten, die selbst die kühnsten Prognosen der internen Vertriebsabteilungen in den Schatten stellen. Es ist ein Phänomen, das die Frage aufwirft, ob hier lediglich ein geschicktes Marketing auf eine loyale Stammkundschaft trifft oder ob die Schweden technisch tatsächlich den Nerv der Zeit getroffen haben.

Der neue Volvo EX60 – Bildnachweis: Volvo

Der Druck im Kessel des Werks Torslanda ist mittlerweile so groß, dass die Unternehmensleitung drastische Maßnahmen ergreifen muss. In Schweden sind bereits kurz nach der Vorstellung über 3.000 feste Bestellungen eingegangen, was für ein Fahrzeug dieser Preisklasse in einem vergleichsweise kleinen Markt eine beachtliche Marke darstellt. Doch der Erfolg beschränkt sich nicht auf die Heimat, denn auch in Deutschland und weiteren europäischen Kernmärkten übersteigt der Auftragseingang die Kapazitäten deutlich. Das Interesse ist dabei sogar höher als beim kleineren EX30 im Jahr 2023, obwohl dieser in einem deutlich preisaggressiveren Segment wildert. Es zeigt sich, dass die Kundschaft im Premium-Mittelklasse-Segment offenbar bereit für den Umstieg ist, sofern das Gesamtpaket aus Reichweite, Prestige und Preisgefüge stimmig erscheint.

Der neue Volvo EX60 – Bildnachweis: Volvo

Deshalb steht das Management nun in intensiven Verhandlungen mit den Gewerkschaften, um eine Premiere in der Unternehmensgeschichte zu forcieren. Das Werk Torslanda soll im kommenden Sommer eine Woche länger als üblich betrieben werden, um den drohenden Lieferverzug direkt zum Marktstart abzufedern. Aber dieser Schritt birgt auch Risiken, denn eine überstürzte Hochlaufkurve kann die Fertigungsqualität gefährden, die gerade in dieser Preisregion das entscheidende Kaufkriterium ist. Volvo betont zwar, die Steigerung der Stückzahlen umsichtig voranzutreiben, doch der Spagat zwischen Lieferfähigkeit und Perfektionismus bleibt eine Gratwanderung, die schon manchem Hersteller zum Verhängnis wurde.

Volvo EX60 im Volvo Software Center – Bildnachweis: Volvo

Technisch gesehen basiert der EX60 auf einer Weiterentwicklung der bekannten Elektro-Architektur, die nun konsequent auf Effizienz getrimmt wurde. Mit einer Systemspannung von 800 Volt und der Fähigkeit, an entsprechenden Schnellladestationen mit bis zu 400 kW zu laden, adressiert Volvo die größte Sorge der Langstreckenfahrer: die Standzeit an der Säule. Die vorläufigen Daten versprechen eine klassenführende Reichweite, die im Bereich von 600 Kilometern nach WLTP liegen dürfte, wobei die realen Werte unter widrigen Bedingungen natürlich abweichen werden. Diese Leistungswerte sind notwendig, um gegen die erstarkte Konkurrenz aus Süddeutschland und Übersee bestehen zu können, die in diesem Segment keine Fehler verzeiht.

Die Preisgestaltung des EX60 ist ein weiterer Baustein in diesem Kalkül. Die Schweden positionieren das Elektro-SUV preislich auf dem Niveau des aktuellen XC60 Plug-in-Hybriden. Das Einstiegsmodell Core startet voraussichtlich bei rund 62.000 Euro, während die mittlere Ausstattungslinie Plus etwa 67.500 Euro kosten wird. Für die Topversion Ultra, die mit allen verfügbaren Assistenzsystemen und Komfortfeatures ausgestattet ist, werden knapp 74.000 Euro fällig. Damit ist das Fahrzeug kein Schnäppchen, aber im direkten Vergleich zu den konventionell angetriebenen Geschwistern wettbewerbsfähig eingepreist, was den Umstieg für gewerbliche Nutzer und Privatkunden gleichermaßen attraktiv macht.

Man könnte jedoch skeptisch hinterfragen, ob die aktuelle Euphorie auch die Zeit nach dem ersten Bestell-Hype überdauern wird. In Schweden wird die Nachfrage zusätzlich durch ein spezielles Service-Paket befeuert, das drei Jahre kostenloses Laden an der heimischen Wallbox beinhaltet. Solche Anreize verzerren das Bild der organischen Nachfrage und schaffen eine Erwartungshaltung, die langfristig schwer zu halten sein wird. Zudem ist der wichtige US-Markt noch gar nicht geöffnet; wenn dort im Frühjahr die Auftragsbücher aufgeschlagen werden, könnte der Druck auf die schwedische Produktion nochmals massiv zunehmen, bevor die geplante Fertigung in den USA oder China voll angelaufen ist.

Dennoch bleibt festzuhalten, dass Volvo mit dem EX60 offenbar den richtigen Zeitpunkt erwischt hat. Die Architektur des Fahrzeugs wirkt durchdacht, die Materialien im Innenraum folgen dem Trend zur Nachhaltigkeit ohne den Premium-Anspruch zu opfern, und die Software-Integration scheint aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben. Aber Technik allein reicht nicht aus, wenn die Hardware nicht rechtzeitig zum Kunden gelangt. Die nächsten Monate werden zeigen, ob die personelle Aufstockung und die Sonderschichten in Torslanda ausreichen, um die Welle der Begeisterung in dauerhaften Markterfolg zu verwandeln oder ob die langen Wartezeiten die Kunden doch wieder zurück zu den bewährten Verbrenner-Alternativen treiben.

Die Konkurrenz schläft derweil nicht und beobachtet den schwedischen Vorstoß genau. Mit dem EX60 setzt Volvo alles auf eine Karte und transformiert sein wichtigstes Volumenmodell in die rein elektrische Welt. Das Risiko ist immens, denn der XC60 war über ein Jahrzehnt das Rückgrat der Marke. Ein Scheitern der elektrischen Variante könnte das gesamte Unternehmen ins Wanken bringen. Deshalb ist die aktuelle Produktionsausweitung nicht nur eine Reaktion auf hohe Nachfrage, sondern auch ein notwendiger Befreiungsschlag, um die Marktführerschaft im Segment der skandinavischen Premium-SUV zu zementieren. Es bleibt abzuwarten, wie sich die realen Verbrauchswerte und die Zuverlässigkeit der neuen 800-Volt-Technik im Alltag bewähren, wenn die ersten Kundenfahrzeuge im nächsten Monat die Werkshallen verlassen.