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Gegen Audi und Co: Der neue Lynk & Co 07 GT

Lynk & Co erweitert mit dem 07 GT sein Portfolio erstmals um ein Sport-Touring-Modell - Bildnachweis: Lynk & Co

Sport-Touring statt SUV-Einerlei: Der neue Lynk & Co 07 GT wagt den anspruchsvollen Spagat zwischen Dynamik und Nutzwert

Der europäische Automobilmarkt gleicht seit Jahren einer endlosen Monokultur aus hochgebockten Crossovern und vermeintlich geländetauglichen SUVs, die in den engen Parkhäusern der Innenstädte an ihre physikalischen Grenzen stoßen. Doch für eine kleine, aber technisch anspruchsvolle Gruppe von Automobilenthusiasten bleibt der klassische, flach bauende Kombi das unangefochtene Optimum an Effizienz und Fahrdynamik. Genau in diese Nische stößt nun ein neuer Herausforderer aus dem Geely-Konzern. Mit der offiziellen Enthüllung des Lynk & Co 07 GT in China schickt sich ein sportlich gezeichneter Shooting Brake an, das Segment der Business-Kombis neu zu definieren. Dass diese Offensive keine rein asiatische Angelegenheit bleibt, unterstreicht die Ankündigung, das sportliche Touring-Modell ab dem Jahr 2027 auch fest für den europäischen Markt einzuplanen. Für den hiesigen Markt verspricht der Hersteller tiefgreifende Anpassungen an die gesetzlichen Regularien und die hohen Erwartungen der hiesigen Kunden. Doch hinter der emotionalen Linienführung verbirgt sich eine hochkomplexe Hybridtechnologie, die sich im harten europäischen Alltag erst noch gegen etablierte Premium-Größen beweisen muss.

Die technische Basis: Eine bewährte Allianz unter dem Blechkleid

Unter dem athletisch gespannten Blechkleid des neuen Modells steckt kein technisches Experiment, sondern eine solide, über Jahre verfeinerte Plattformstrategie. Der 07 GT basiert auf der Compact Modular Architecture, genauer gesagt auf der evolutionär weiterentwickelten CMA Evo Plattform. Diese technische Basis wurde von der schwedischen Geely-Tochter China Euro Vehicle Technology in Göteborg entwihelte und dient unter anderem auch als Fundament für den Volvo XC40, den Polestar 2 sowie das SUV-Modell Lynk & Co 08. Diese enge Verwandtschaft bringt entscheidende Vorteile bei der strukturellen Steifigkeit und der Unfallsicherheit mit sich. Die Karosseriestruktur besteht zu satten 75 Prozent aus hochfestem Stahl, wobei eine speziell konstruierte Ringstruktur um die Türöffnungen und ein massiver, mehrschichtiger Schutzschild für das Batteriepaket im Falle eines Aufpralls enorme Kräfte absorbieren können.

Mit einer Außenlänge von 4,8 m, einer Breite von 1,9 m und einer geduckten Höhe von 1,49 m ordnet sich der Neuling präzise im Revier des klassischen Business-Kombis ein. Der großzügige Radstand von 2.843 Millimetern sorgt dabei nicht nur für eine optische Streckung, sondern verspricht auch ein stabiles Fahrverhalten bei hohen Geschwindigkeiten. Aber diese stattlichen Abmessungen fordern in Kombination mit der aufwendigen Hybrid- und Sicherheitsarchitektur ihren Tribut auf der Waage. Das Leergewicht bewegt sich je nach Antriebskonfiguration und Ausstattung zwischen 1.915 und 2.029 Kilogramm. Das ist für ein Fahrzeug der Mittelklasse ein erhebliches Gewicht, das die Fahrwerksingenieure vor knifflige Aufgaben stellt.

Deshalb setzt der Hersteller beim Fahrwerk auf ein klassisches, aber anspruchsvoll abgestimmtes Layout. An der Vorderachse kommt eine McPherson-Konstruktion zum Einsatz, während die Hinterachse als Mehrlenker-Einzelradaufhängung ausgeführt ist. Während die Basismodelle mit einer variablen, hydraulischen Dämpfung vorliebnehmen müssen, stattet Lynk & Co die heckgetriebenen und allradgetriebenen Performance-Versionen mit modernsten magnetorheologischen Dämpfern aus. Diese reagieren über elektromagnetische Felder im Bruchteil von Millisekunden auf die Beschaffenheit der Fahrbahnoberfläche und sollen Wankbewegungen der schweren Karosserie effektiv unterdrücken, ohne den Langstreckenkomfort zu schmälern.

Die Gretchenfrage des Designs: Ästhetik contra Alltagsnutzen

Optisch orientiert sich der GT konsequent an der Designphilosophie des Konzeptfahrzeugs namens The Next Day, das bereits im Jahr 2022 einen radikalen stilistischen Neuanfang der Marke einläutete. Die Frontpartie wird von markanten, gespaltenen LED-Tagfahrleuchten in F-Form dominiert, während die Hauptscheinwerfer fast unsichtbar in die darunterliegende Kühlermaske integriert sind. Die rahmenlosen Türen, die bündig abschließenden Türgriffe und die stark geneigte Windschutzscheibe unterstreichen den aerodynamischen Anspruch des Shooting Brakes. Am Heck sorgt ein durchgehendes LED-Leuchtenband mit gepunkteten Grafikelementen für einen futuristischen Abschluss.

Wer es noch extrovertierter mag, kann ein werksseitiges Sportpaket ordern. Dieses verlängert das Fahrzeug durch modifizierte Stoßfänger auf 4866 Millimeter und ergänzt die Silhouette um einen Frontsplitter, markante Seitenschweller, geschmiedete 19 Zoll Leichtmetallräder mit blauen beziehungsweise gelben Vierkolben-Bremssätteln sowie einen Heckflügel aus echtem Sichtcarbon. Das sorgt zweifellos für einen spektakulären Auftritt, der an die Tourenwagen-Erfolge der Marke im internationalen Motorsport anknüpfen soll.

Aber man darf sich durchaus fragen, ob die Designer hier nicht zu viele Kompromisse zulasten des praktischen Nutzwerts eingegangen sind. Die stark abfallende Dachlinie und die extrem breiten D-Säulen reduzieren das Heckfenster auf ein Minimum. Das sorgt im Alltag für einen ausgeprägten toten Winkel und dürfte das Rangieren ohne die serienmäßige 360-Grad-Kamera zur Zerreißprobe machen. Immerhin kann sich das Kofferraumvolumen der FWD-Variante mit 614 Litern, beziehungsweise 1.665 Litern bei umgeklappter Rückbank, absolut sehen lassen und bewegt sich auf dem Niveau klassischer Lademeister. Bei der Allradversion schrumpft das Volumen aufgrund der zusätzlichen E-Maschine an der Hinterachse geringfügig auf 548 bis 1.599 Liter. Ein pfiffiges Detail für Freizeitaktive ist die optionale, elektrisch schwenkbare Anhängerkupplung, die eine gebremste Anhängelast von immerhin 1.6 Tonnen und eine vertikale Stützlast von 64 Kilogramm bewältigt.

Komplexer EM-P-Antrieb: Mechanik trifft auf künstliche Intelligenz

Das Antriebskonzept des 07 GT unterscheidet sich grundlegend von einfachen Parallelhybriden oder seriellen Range-Extender-Systemen. Unter der Haube arbeitet die neueste Ausbaustufe des sogenannten EM-P-Systems. Kernstück der thermischen Kraftquelle ist ein 1.5-Liter-Vierzylinder-Turbobenziner mit Direkteinspritzung, der eine Leistung von 163 PS beziehungsweise 120 Kilowatt mobilisiert. Dieser hocheffiziente Verbrennungsmotor arbeitet mit einem bemerkenswerten thermischen Wirkungsgrad von über 47 Prozent, was im weltweiten Vergleich einen Spitzenwert darstellt.

Gekoppelt ist der Verbrenner an ein komplexes Dreigang-Hybridgetriebe mit integrierten Elektromotoren und einem Planetenradsatz. Diese mechanisch anspruchsvolle Lösung ermöglicht es, die Kraft des Verbrennungsmotors über drei verschiedene Übersetzungsstufen direkt an die Räder zu leiten. Dadurch kann der Benziner nicht nur bei hohem Autobahntempo, sondern bereits bei niedrigen Geschwindigkeiten ab etwa 40 km/h im optimalen Wirkungsgradbereich arbeiten. Das eliminiert den berüchtigten Gummiband-Effekt einfacher stufenloser Hybride nahezu vollständig und senkt den Kraftstoffverbrauch im realen Mischbetrieb signifikant.

Bei den elektrischen Komponenten unterscheidet der Hersteller penibel zwischen den Antriebslayouts. Die Frontantriebsversion nutzt eine E-Maschine mit 245 PS an der Vorderachse, was eine Systemleistung von rund 408 PS ergibt. Das Allradmodell integriert zusätzlich eine zweite E-Maschine an der Hinterachse, die weitere 122 PS beisteuert. Die kumulierte Systemleistung klettert hier auf beeindruckende 530 PS, während das maximale Systemdrehmoment bei 755 Newtonmetern gipfelt. Damit gelingt der Null-Hundert-Paradesprint in unter fünf Sekunden. Das ist ein Niveau, das noch vor wenigen Jahren reinrassigen Sportwagen vorbehalten war.

Als Energiespeicher dient in allen Modellvarianten eine neu entwickelte Lithium-Eisenphosphat-Batterie mit einer Kapazität von 28.3 Kilowattstunden. Diese soll laut dem chinesischen CLTC-Messzyklus eine rein elektrische Reichweite von über 200 Kilometern im Fronttriebler und 170 Kilometern im Allradler ermöglichen. Für den deutschen Autofahrer sind diese Werte jedoch mit Vorsicht zu genießen. Im realistischeren europäischen WLTP-Verfahren dürfte die rein elektrische Reichweite eher bei etwa 120 bis 140 Kilometern liegen. Aber selbst das wäre ein herausragender Wert, der den täglichen Pendelverkehr der meisten Nutzer problemlos emissionsfrei abdeckt. Geladen wird die Batterie an entsprechenden Gleichstrom-Schnellladestationen in flotten 14 Minuten von 30 auf 80 Prozent, was die Langstreckentauglichkeit erheblich steigert.

Digitales Cockpit und das Smartphone als Gehirn des Fahrzeugs

Im Innenraum setzt sich die kompromisslose Digitalisierung fort, die vor allem durch die enge Verwandtschaft mit dem Elektronikriesen Meizu geprägt ist. Das fahrerorientierte Cockpit verzichtet fast vollständig auf mechanische Tasten. Stattdessen blicken die Insassen auf ein 10.2 Zoll großes, digitales Kombiinstrument und einen zentralen, schwenkbaren 15.4 Zoll Touchscreen mit brillanter 2.5K-Auflösung. Ein optisches Highlight ist das gigantische Augmented-Reality-Head-up-Display, das wichtige Fahrdaten und Navigationshinweise mit einer virtuellen Projektionsfläche von bis zu 95 Zoll direkt ins Blickfeld des Fahrers spiegelt.

Das dahinterstehende Betriebssystem Flyme Auto 2.5 läuft auf einem modernen 5-Nanometer-Chip und bietet eine Rechenleistung von 30 TOPS. Der technische Clou liegt jedoch in der tiefen Integration des Smartphones. Unter dem Begriff des sogenannten Mobile Domain versteht der Hersteller das Smartphone als sechste Domäne des Fahrzeugs. Sobald der Fahrer das Auto betritt, koppelt sich das Telefon nahtlos mit dem Bordsystem. Die Rechenleistung des Telefons wird direkt genutzt, um rechenintensive Apps auf dem Fahrzeugbildschirm darzustellen. Das bedeutet im Umkehrschluss: Wer sein Smartphone aktualisiert, wertet indirekt auch die Rechenleistung seines Fahrzeugs auf, was der vorzeitigen Alterung der bordeigenen Hardware wirksam vorbeugt.

Ein weiteres, speziell für den chinesischen Markt entwickeltes Feature ist der animierte KI-Assistent Eva, eine kleine physische Roboterfigur, die auf dem Armaturenbrett thront und über Mimik und Gestik mit den Passagieren kommuniziert. Ob dieses verspielte Detail den Weg nach Europa finden wird, darf jedoch bezweifelt werden. Die hiesigen Autofahrer dürften sich ohnehin mehr für die handfesten Komfortmerkmale interessieren. So verfügt das Interieur über extrem sportlich konturierte Sitze mit hochwertigen Alcantara-Bezügen, einer zwölffachen elektrischen Verstellung sowie integrierten Belüftungs-, Heiz- und Massagefunktionen auf allen äußeren Sitzplätzen. Eine integrierte Kühlbox in der Mittelarmlehne, die Temperaturen von frostigen minus sechs bis hin zu wärmenden 50 Grad Celsius regeln kann, rundet das Oberklasse-Ambiente ab.

Sensorik und Sicherheit: Autonomes Fahren im Fokus

Der 07 GT fährt serienmäßig mit einer wahren Phalanx an Sensoren vor. Prominent über der Windschutzscheibe auf dem Dach platziert befindet sich ein hochmoderner 128-Line-Lidar-Sensor, der durch insgesamt 27 weitere Kameras, Radarsensoren und Ultraschall-Schnittstellen ergänzt wird. Die Rechenarbeit im Hintergrund übernimmt je nach Ausstattungslinie ein Nvidia Orin-Y-Chip mit dem H5 Assistenzsystem für teilautomatisiertes Fahren auf Autobahnen oder der extrem leistungsstarke Thor-U-Chip mit dem H7-System. Letzteres soll dank modernster KI-Algorithmen in der Lage sein, hochautomatisierte Fahrten im städtischen Bereich zu absolvieren, ohne auf hochauflösendes Kartenmaterial angewiesen zu sein. Aber genau hier liegt die größte Herausforderung für den geplanten Verkaufsstart im Jahr 2027. Die europäischen Gesetzgeber stellen extrem hohe Hürden für die Zulassung autonomer Fahrfunktionen auf. Es ist daher stark davon auszugehen, daß die europäische Version des 07 GT in puncto Software und autonomer Assistenzsysteme drastisch modifiziert und im Funktionsumfang beschnitten werden muss, um die hiesigen Typgenehmigungen zu erhalten.

Strategiewechsel in Europa: Weg vom Abo, hin zum klassischen Händler

Dass der Geely-Konzern aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat, zeigt der fundamentale Wandel der Vertriebsstrategie. Zum europäischen Marktstart im Jahr 2020 setzte Lynk & Co fast ausschließlich auf ein flexibles, monatlich kündbares Abonnement-Modell im reinen Direktvertrieb. Dieses Konzept sollte die typischen Hürden des Autokaufs abbauen, erwies sich jedoch als wirtschaftliches Fiasko. Die Abwesenheit eines etablierten physischen Händlernetzwerks führte zu massiven Problemen bei der Auslieferung, der Wartung und dem Kundenservice. Zudem blieb die emotionale Bindung zum eigenen Fahrzeug für viele Käufer in Europa ein entscheidendes Kriterium.

Deshalb zieht die Marke nun die Reißleine und baut das Vertriebsnetz grundlegend um. Über eine offizielle Partnerschaft mit der schwedischen Schwestermarke Volvo Cars wird der Vertrieb komplett neu strukturiert. Volvo fungiert künftig als exklusiver Importeur für die Fahrzeuge in Europa und integriert die Marke schrittweise in sein bewährtes Händlernetzwerk. In Deutschland wurden bereits über 20 Standorte integriert, monatlich sollen zwei weitere Verkaufsräume hinzukommen, um die ehrgeizigen Verkaufsziele im vierstelligen Bereich zu realisieren. Der Service und die Garantiearbeiten werden dabei vollständig von den geschulten Volvo-Partnerwerkstätten übernommen, was das Vertrauen der anspruchsvollen deutschen Kundschaft deutlich stärken dürfte.

Einordnung und Marktchancen: Der Druck aus Fernost wächst

Mit dem 07 GT positioniert sich der Hersteller extrem clever in einer Nische, die von den klassischen europäischen Herstellern zunehmend vernachlässigt wird. Ein sportlicher Kombi mit hoher Fahrdynamik und einem hochmodernen Plug-in-Hybridantrieb, der eine realistische elektrische Reichweite von deutlich über 100 Kilometern bietet, ist auf dem deutschen Markt derzeit Mangelware. Wenn man den Blick auf die Konkurrenz lenkt, wird deutlich, wie groß der technologische Vorsprung der Chinesen in manchen Bereichen bereits ist. Ein Audi A6 Avant e-hybrid bietet zwar exzellente Verarbeitungsqualität und ein hohes Prestige, hinkt jedoch bei der rein elektrischen Reichweite mit rund 104 Kilometern nach WLTP und einer deutlich geringeren Systemleistung von 367 PS dem 07 GT hinterher.

Natürlich darf man die Augen vor den potenziellen Stolpersteinen nicht verschließen. Das extrem niedrige chinesische Preisniveau von umgerechnet rund 21.500 bis 27.000 Euro für die regulären Versionen wird sich in Europa keinesfalls halten lassen. Hohe Logistikkosten, die aufwendige Homologation, die Einfuhrzölle sowie die anstehenden EU-Sonderzölle auf chinesische Hybridfahrzeuge werden den Endpreis in Deutschland spürbar nach oben treiben. Dennoch ist davon auszugehen, dass der 07 GT mit einem anvisierten Einstiegspreis von rund 50.000 bis 55.000 Euro im Vergleich zu den etablierten Premium-Kombis ein extrem attraktives Preis-Leistungs-Verhältnis bieten wird. Für deutsche Dienstwagenfahrer, die von der pauschalen Versteuerung von nur 0.5 Prozent für elektrifizierte Fahrzeuge profitieren wollen, könnte der schicke Shooting Brake ab 2027 eine überaus verlockende Alternative zum gewohnten SUV-Einerlei werden.