HM2026: Preisverleihung an die Gewinner des Hermes Award 2026 in der Kategorie Startup 2026 an das Schweizer Startup BTRY. Auszeichnung des Preisträgers durch Dorothee Bär Dorothee Bär, Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt (links), ebenfalls im Bild (rechts): Jochen Köckler, CEO Deutsche Messe AG, Bundesministerin für Forschung - Bildnachweis: Deutsche Messe AG
Einzug der Halbleitertechnik in den Akkubau
Es gibt Momente in der Industriegeschichte, in denen eine winzige Innovation die gesamte Statik einer Branche ins Wanken bringt. Man stelle sich einen Energiespeicher vor, der nicht dicker als ein menschliches Haar ist, sich innerhalb einer Minute vollständig aufladen lässt und selbst bei extremer Hitze nicht in Flammen aufgeht. Was nach Science-Fiction klingt, hat nun auf der Hannover Messe 2026 eine handfeste Würdigung erfahren, die in Fachkreisen für Aufsehen sorgt. Das Schweizer Startup BTRY wurde mit dem renommierten Hermes Startup Award ausgezeichnet und setzt damit ein deutliches Zeichen gegen die Vorherrschaft klassischer Lithium-Ionen-Akkus. Die Fachjury unter der Leitung von Fraunhofer-Präsident Holger Hanselka erkannte in der Technologie aus Dübendorf ein Potenzial, das weit über den Status eines bloßen Laborexperiments hinausgeht. Die Verleihung durch Forschungsministerin Dorothee Bär unterstreicht die politische und wirtschaftliche Relevanz, die man diesen winzigen Kraftpaketen beimisst, da sie ein grundlegendes Problem der modernen Elektrifizierung lösen könnten.
Doch was verbirgt sich hinter der Fassade des Erfolgs und der glanzvollen Preisübergabe im April 2026 wirklich. Die Grundlage der Innovation liegt in der Abkehr von herkömmlichen Fertigungsverfahren der Batterieindustrie. Während etablierte Hersteller ihre Zellen im Grunde wie in einer Großküche aus flüssigen Schlämmen zusammenmischen und auf Folien streichen, nutzt das Team von BTRY Methoden, die man sonst nur aus der Chip-Herstellung kennt. Hier werden die Schichten der Batterie in einer Vakuumkammer mittels Sputtern aufgetragen, ein Prozess, der eine extrem präzise Kontrolle über die Materialzusammensetzung erlaubt. Das Ergebnis ist eine vollständig feste Batterie, die ohne brennbare flüssige Elektrolyte auskommt. Dieser technologische Kniff eliminiert nicht nur das Brandrisiko nahezu vollständig, sondern ermöglicht auch eine Temperaturresistenz von bis zu 150 Grad Celsius. Für Ingenieure in der Fahrzeugtechnik und Sensorik eröffnet dies völlig neue Freiheitsgrade, da aufwendige Kühlsysteme, die bisher viel Bauraum und Gewicht beanspruchten, deutlich kompakter ausfallen oder gänzlich entfallen könnten.
Aber trotz der Euphorie über den Hermes Award bleibt die Frage nach der Skalierbarkeit im Raum stehen. Die von BTRY entwickelten Zellen erreichen eine Dicke von lediglich 0,1 Millimetern, was sie ideal für Wearables, medizinische Implantate oder vernetzte IoT-Sensoren macht. Für den Einsatz in einem Elektroauto müssten jedoch abertausende dieser Schichten präzise übereinandergestapelt werden, um die nötige Kapazität für hunderte Kilometer Reichweite zu generieren. Hier liegt der kritische Punkt der technologischen Reifeprüfung, denn die Produktion im Vakuum ist kostspielig und zeitintensiv im Vergleich zur herkömmlichen Massenfertigung. Dennoch argumentieren die Entwickler schlüssig, daß ihre Methode ohne giftige Lösungsmittel auskommt und der Materialverbrauch durch die hauchdünnen Schichten massiv reduziert wird. Dies könnte langfristig die ökonomische Bilanz verbessern, auch wenn die Initialkosten für die Anlagen zur Halbleiterfertigung astronomisch hoch erscheinen.
Deshalb ist die Einordnung dieses Preises auch als ein strategisches Signal zu verstehen. BTRY befindet sich bereits in fortgeschrittenen Verhandlungen mit Lizenznehmern, was darauf hindeutet, dass das Geschäftsmodell nicht nur auf der eigenen Produktion, sondern auf dem Transfer des Know-hows in bestehende Industrien basiert. In der Medizintechnik beispielsweise könnten diese Batterien die Lebensdauer von Herzschrittmachern drastisch verlängern oder völlig neue Formen von smarten Pflastern ermöglichen, die Körperdaten in Echtzeit übertragen. Auch in der Luftfahrt, wo jedes Gramm zählt und extreme Sicherheitsanforderungen gelten, wird die Entwicklung mit Argusaugen beobachtet. Die Fähigkeit, eine Batterie innerhalb von 60 Sekunden zu laden und ebenso schnell wieder zu entladen, ohne dass die Struktur der Zelle durch Hitzeentwicklung Schaden nimmt, ist ein Alleinstellungsmerkmal, das die Konkurrenz aus Asien derzeit noch nicht in dieser Form zur Serienreife gebracht hat.
Ein Blick auf die Preisgestaltung und die Marktpositionierung zeigt, dass BTRY derzeit noch kein Massenprodukt für den Endverbraucher anbietet. Die Kostenstruktur für industrielle Partner ist komplex und richtet sich nach dem spezifischen Anwendungsfall und der benötigten Abnahmemenge. Für Pilotprojekte im Bereich der Sensortechnik werden derzeit Modulpreise aufgerufen, die etwa um den Faktor fünf über herkömmlichen Lithium-Ionen-Knopfzellen liegen. Das klingt zunächst abschreckend, doch relativiert sich dieser Preis durch die enorme Zyklenfestigkeit und die Robustheit gegenüber Umwelteinflüssen. Ein Sensor, der zehn Jahre lang wartungsfrei in einer Fabrikhalle arbeitet, ist am Ende wirtschaftlicher als eine Lösung, die alle zwei Jahre einen Batteriewechsel erfordert. Für größere Anwendungen in der Robotik oder bei spezialisierten Transportmodulen werden Lizenzgebühren für die Fertigungstechnologie diskutiert, die sich an der produzierten Speicherkapazität orientieren, wobei Insider von Beträgen im mittleren zweistelligen Eurobereich pro Kilowattstunde ausgehen, sobald die Skaleneffekte der Halbleiterindustrie voll greifen.
Man darf jedoch nicht ignorieren, dass der Weg vom preisgekrönten Startup zum globalen Player steinig ist. Die Geschichte der Festkörperbatterie ist gepflastert mit Versprechungen, die am Ende an der harten Realität der Massenproduktion scheiterten. BTRY muss nun beweisen, dass die Übertragung der Sputter-Technologie auf große Flächen und hohe Durchlaufraten nicht nur technisch möglich, sondern auch wirtschaftlich konkurrenzfähig ist. Die Konkurrenz schläft nicht und investiert Milliarden in alternative Feststoffkonzepte, die vielleicht weniger dünn, aber dafür einfacher zu fertigen sind. Dennoch hat das Team aus der Schweiz einen entscheidenden Vorteil, indem es sich auf die Nische der Hochleistungsmikrobatterien konzentriert, anstatt sofort den direkten Kampf gegen die Giganten der Autobatterieproduktion zu suchen. Diese Spezialisierung könnte das Fundament für ein organisches Wachstum sein, das später auch größere Skalierungen ermöglicht.
Die Jury des Hermes Awards hob besonders hervor, dass die Energiespeicherlösung ressourceneffizient ist und einen Kompass für die zukünftige Industriepolitik darstellt. Es geht nicht mehr nur darum, immer größere Batterien zu bauen, sondern die vorhandene Energie effizienter und intelligenter zu speichern. Die Vision einer vollumfänglichen Elektrifizierung unserer Gesellschaft erfordert genau solche maßgeschneiderten Lösungen, die leicht und flexibel abrufbar sind. Dass ein Startup in der Lage ist, die Präzision der Halbleiterwelt mit der Chemie der Energiespeicher zu verheiraten, ist eine ingenieurtechnische Glanzleistung, die den Preis zweifellos rechtfertigt. Ob wir in fünf Jahren tatsächlich Handys in der Tasche haben, die in einer Minute voll sind, oder ob die Technologie primär in spezialisierten Industrieanwendungen verbleibt, wird massiv von der Geschwindigkeit der Umsetzung abhängen.
Zudem spielt der Umweltaspekt eine gewichtige Rolle in der Bewertung durch die Experten. Der Verzicht auf toxische Lösungsmittel im Produktionsprozess ist ein gewichtiges Argument in einer Zeit, in der Lieferketten und Umweltauflagen immer strenger werden. Klassische Batteriefabriken sind chemische Großanlagen mit entsprechenden Risiken und Abfallproblemen. Eine Fertigung auf Basis von Halbleiterstandards könnte in normalen Reinräumen erfolgen, wie sie ohnehin für die Elektronikfertigung existieren, was die geografische Flexibilität der Produktion erhöht und Abhängigkeiten von spezialisierten Chemielieferanten verringert. Damit positioniert sich BTRY auch als ökologische Alternative, die den ökologischen Fußabdruck der Digitalisierung verringern könnte, indem sie langlebigere und sicherere Komponenten liefert.
Aber der Markt ist unbarmherzig und Preise werden oft nicht für die beste Technologie, sondern für das am schnellsten skalierbare System vergeben. Der Sieg in Hannover ist ein Ritterschlag, doch die eigentliche Schlacht findet nun in den Design-Abteilungen der großen Tech-Konzerne und Automobilzulieferer statt. Dort müssen sich die ultradünnen Zellen im harten Dauertest beweisen. Die versprochene Ladezeit von einer Minute ist ein starkes Verkaufsargument, doch muss sie über tausende Zyklen hinweg stabil bleiben, ohne dass die dünnen Schichten delaminieren oder ihre Kapazität einbüßen. Das Startup gibt sich hierzu zuversichtlich und verweist auf umfangreiche Testreihen in Kooperation mit der Empa, dem Schweizer Forschungsinstitut für Materialwissenschaften. Die wissenschaftliche Fundierung des Projekts ist zweifellos exzellent, was auch den Skeptikern Wind aus den Segeln nimmt, die bei Startup-Ankündigungen oft an bloßes Marketing glauben.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass BTRY mit dem Gewinn des Hermes Startup Awards 2026 einen Meilenstein erreicht hat, der die Aufmerksamkeit der globalen Fachwelt auf die Schweiz lenkt. Die Kombination aus extremer Ladegeschwindigkeit, hoher Sicherheit und der Nutzung bewährter Halbleiter-Produktionstechnologien ist ein vielversprechender Ansatz, um die Limitierungen heutiger Batterien zu überwinden. Auch wenn der direkte Weg in das Elektroauto noch durch technologische Hürden bei der Schichtstapelung versperrt sein mag, so ist der Einsatz in kleineren, smarten Geräten bereits in greifbare Nähe gerückt. Es bleibt abzuwarten, wie schnell die Lizenzverhandlungen Früchte tragen und wann die ersten Produkte mit dem Siegel der Schweizer Innovationskraft auf den Markt kommen. Eines ist jedoch sicher: Das Thema Festkörperbatterie hat durch BTRY eine neue, faszinierend dünne Facette erhalten, die das Potenzial hat, die Art und Weise, wie wir mobile Energie betrachten, nachhaltig zu verändern. Der Weg von der Vision zur Realität ist oft weit, aber der erste Schritt auf dem Podium der Hannover Messe war ein deutliches Ausrufezeichen für eine smartere und sicherere Zukunft der Energiespeicherung. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob der Produktionsprozesss in der Praxis die hohen Erwartungen erfüllen kann, doch die technologische Basis steht auf einem soliden Fundament aus Schweizer Präzision und innovativer Materialforschung, die den Wohlstand von morgen durch heutige Investitionen in Wissen sichern will. Dass die Batterieen dabei fast unsichtbar bleiben, ist vielleicht ihre größte Stärke.

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