Brennstoffzellen-SUV: Der Hyundai Nexo startet ab 69.900 Euro - Bildnachweis: Hyundai
Der stille Revolutionär
Leise, fast unbemerkt, zündet Hyundai das nächste Kapitel der Brennstoffzellentechnologie – und bringt mit dem neuen Nexo ein SUV auf den deutschen Markt, das die Frage nach der Zukunft alternativer Antriebe neu stellt. Während Elektroautos die Schlagzeilen beherrschen, kommt aus Korea ein Fahrzeug, das statt Strom aus der Steckdose Wasserstoff tankt und daraus vor Ort elektrische Energie erzeugt – komplett emissionsfrei und mit über 800 Kilometern Reichweite.
Tatsächlich ist der Nexo kein Newcomer, sondern die zweite Generation eines Pioniers. Hyundai gehörte bereits 2013 zu den ersten Herstellern, die ein Serienfahrzeug mit Brennstoffzelle auf die Straße brachten. Doch der neue Nexo will mehr sein als eine technische Machbarkeitsstudie. Er soll zeigen, dass Wasserstoff als Energieträger für Langstrecken-SUVs nicht nur theoretisch funktioniert, sondern praxistauglich geworden ist.

Technik im Detail: Antrieb für die lange Strecke
Im Herzen des Nexo arbeitet eine überarbeitete Brennstoffzelle, die Sauerstoff aus der Umweltluft und Wasserstoff aus drei Hochdrucktanks kombiniert. Die chemische Reaktion erzeugt Strom, der einen Elektromotor antreibt – und lediglich Wasserdampf als Abgas hinterlässt. Der Motor leistet wie beim Vorgänger 150 kW oder 204 PS, doch Effizienz und Leistungsentfaltung wurden deutlich optimiert. Die Beschleunigung von null auf 100 km/h in 7,8 Sekunden liegt auf solidem SUV-Niveau, während die Dauerleistung gleichmäßiger und der Stromfluss stabiler wirkt.
Neu ist die größere Speicherkapazität des Tanksystems: 6,69 Kilogramm Wasserstoff werden nun bei 700 bar Druck gespeichert, ohne das Platzangebot im Innenraum zu beschneiden. Mit dieser Energie kommt der Wagen laut Hyundai bis zu 826 Kilometer weit. Ein beachtlicher Schritt nach vorn und derzeit Referenzwert unter den Brennstoffzellenautos. Im Alltag dürfte die Reichweite etwas niedriger liegen, dennoch reicht sie komfortabel für Strecken, bei denen batterieelektrische Fahrzeuge häufig an die Ladesäule müssen.
Das kombinierte Verbrauchsniveau von 0,8 bis 0,9 Kilogramm H₂ pro 100 Kilometer zeigt, wie weit die Effizienz des Systems inzwischen fortgeschritten ist. Übertragen auf Energiegehalt entspricht das rund 30 Kilowattstunden – ein Wert, der einem sparsamen Mittelklasse-Elektroauto entspricht, aber bei deutlich schnellerer Betankung. In weniger als fünf Minuten sind die Tanks gefüllt. Sofern man eine der aktuell rund hundert Wasserstoffstationen in Deutschland findet.

Design und Auftritt: „Art of Steel“ als Statement
Optisch hat Hyundai den Nexo rundum neu entwickelt. Die Designsprache trägt den Namen „Art of Steel“ – ein bewusst technischer Begriff, der die Idee von Präzision, Stabilität und industrieller Klarheit betont. Die Front wirkt breiter, die Linienführung straffer, die Beleuchtung präzise integriert. Matrix-LED-Scheinwerfer, versenkbare Türgriffe und eine fließende Dachlinie verleihen dem SUV einen eleganten, beinahe skulpturalen Charakter.
Deshalb wirkt der Nexo kein Laborfahrzeug mehr, sondern wie ein gereiftes Serienmodell, das seinen Platz auf der Straße behauptet. Die neue Farbpalette bleibt dezent, mit warmem Kupferton („Goyo Copper“) und dem technisch kühlen „Ecotronic Grey“. Beide unterstreichen die Materialanmutung, die Hyundai sichtbar in den Fokus rückt.
Innenraum und Bedienung: Zukunft zum Anfassen
Der Innenraum folgt derselben klaren Linie. Die untere Mittelkonsole ist frei von überladenen Bedientasten, der Schalthebel wanderte direkt hinter das Lenkrad, und zwei 12,3-Zoll-Curved-Displays fassen Instrumente und Infotainment zu einer durchgehenden Einheit zusammen. Das System arbeitet auf Basis der neuesten ccNC-Plattform, die erstmals auch Over-the-Air-Updates und eine KI-gestützte Sprachsteuerung bietet.
Bemerkenswert ist die Integration der sogenannten Vehicle-to-Load-Funktion (V2L). Damit lassen sich über Steckdosen im Innenraum oder über eine Außenbuchse elektrische Geräte mit bis zu 3,6 kW betreiben. Vom E-Bike-Ladegerät bis zur Espressomaschine. Das zeigt, dass Hyundai die Brennstoffzelle nicht nur als Antrieb, sondern als mobile Stromquelle versteht.
Aber besonders auffällig ist die neue Raumwirkung. Der Nexo ist in allen Dimensionen gewachsen: länger, breiter, höher. Das sorgt für mehr Beinfreiheit und schafft im Kofferraum bis zu 1.630 Liter Ladevolumen. Eine Anhängelast von 1.000 Kilogramm erweitert den Nutzwert, der bei Brennstoffzellenfahrzeugen bislang ein Schwachpunkt war.
Ausstattung und Modellpolitik: Zwei Linien, viele Optionen
Hyundai bietet den Nexo künftig in zwei Varianten an: dem Basismodell und der Ausstattungslinie Prime. Der Einstiegspreis liegt bei 69.900 Euro – eine selbstbewusste Summe, aber angesichts der Technologie noch nachvollziehbar. Schon die Grundversion bringt eine umfangreiche Ausstattung mit: Matrix-LED-Scheinwerfer, elektrische Sitze mit Heizung, 18-Zoll-Leichtmetallräder, Fernbedienungs-Parkassistent und ein komplettes Kamerarundum-System gehören ebenso zum Standard wie das moderne Infotainment mit Doppel-Display.
Der Nexo Prime für 77.550 Euro geht einen Schritt weiter. Er bietet 19-Zoll-Räder, ein Head-up-Display, Akustikglas, einen Dachhimmel in Wildlederoptik und eine Lederausstattung. Hinzu kommen ein hochwertiges Bang & Olufsen Soundsystem, zweite Sitzreihe mit Heizung und aktive Geräuschunterdrückung. Optional lässt sich die Ausstattung über zwei Pakete erweitern: das Relax-Paket mit Panorama-Glasdach und Relaxsitzen (1.400 Euro) sowie das Kamera-Paket mit digitalen Spiegeln für 1.600 Euro.
Deshalb wirkt die Preisstruktur insgesamt rational aufgebaut. Der Einstieg bleibt teuer, aber die Basisausstattung ist so vollständig, dass kaum zusätzliche Optionen nötig sind. Kritisch bleibt lediglich die Frage, ob ein Fahrzeug dieser Kategorie ohne Allradantrieb, der Nexo treibt ausschließlich die Vorderräder an, in Deutschland auf Dauer überzeugen kann.
Sicherheit und Assistenzsysteme: Vom Assistenten zum Beobachter
Auch in Sachen Sicherheitsausstattung rückt Hyundai den Nexo auf das Niveau seiner batterieelektrischen Modelle. Mit an Bord sind die zweite Generation der autonomen Notbrems- und Fahrassistenten, ein ausgeklügeltes Spurführungssystem und der Autobahnassistent 2.0, der die Hände des Fahrers erkennt und das Fahrzeug aktiv zentriert hält. Das Smart Regenerative System steuert die Rekuperation vorausschauend anhand von Navigationsdaten und Fahrumgebung. So bremst der Nexo bergab automatisch stärker und nutzt Gefälle effizient, während er vor Kurven die Energierückgewinnung reduziert. Eine Technik, die bislang vor allem in vollelektrischen Modellen zu finden war.
Geräuschkomfort stand ebenfalls weit oben auf der Entwicklungsagenda. Akustikscheiben und spezielle Reifen senken den Schallpegel, aktive Geräuschunterdrückung eliminiert Vibrationen und Luftschallquellen. Schon auf den ersten Testfahrten in Korea fiel auf, dass der neue Nexo spürbar leiser arbeitet als sein Vorgänger – ein wichtiger Punkt für Kunden, die bei einem Fahrzeug über 70.000 Euro ein besonders kultiviertes Fahrgefühl erwarten.
Markt und Perspektive: Eine Technik gegen die Zeit
Das größte Fragezeichen steht nicht hinter der Technik, sondern hinter der Infrastruktur. Trotz intensiver Bemühungen von Initiativen wie H2 Mobility Deutschland bleibt das Wasserstofftankstellennetz lückenhaft. Ende 2025 existierten rund 100 Stationen, die meisten entlang von Autobahnen und im süddeutschen Raum. Für den Alltag im ländlichen Umfeld oder für spontane Ausflüge bleibt die Planung notwendig. Damit ringt der Nexo um die gleiche Akzeptanz wie bereits der Toyota Mirai: technisch brillant, aber vom Marktumfeld eingebremst.
Dazu kommt die politische Unsicherheit. Förderprogramme für Wasserstoff-Pkw laufen langsam aus, während sich die Industrie stärker auf Nutzfahrzeuge und Schwerverkehr konzentriert. Hyundai selbst sieht die Zukunft der Brennstoffzelle langfristig vor allem in Transportern und schweren Zugmaschinen. Dennoch hält die Marke an der Technologie im Pkw fest. Ein Signal, das man als Bekenntnis zu technologischer Vielfalt lesen kann.
Aber für Kunden, die emissionsfreie Langstreckenmobilität ohne Ladepausen suchen, bleibt der Nexo derzeit ohne Konkurrenz. Er ist das technisch ausgereifteste Wasserstoffauto, das man in Deutschland kaufen kann, und liegt mit seiner Reichweite deutlich vor dem Toyota Mirai, der mit 650 Kilometern angegeben ist.
Fazit: Pionier mit Anspruch, nicht ohne Risiko
Der Hyundai Nexo 2026 zeigt, wie weit die Brennstoffzellentechnik inzwischen gereift ist. Verarbeitung, Komfort und Effizienz erreichen ein Niveau, das weit über die frühen Experimente dieser Antriebsart hinausgeht. Der Preis bleibt hoch, doch dafür bekommt man ein Fahrzeug, das im alltäglichen Betrieb elektrische Mobilität ohne Reichweitenangst ermöglicht: Leise, langstreckentauglich und technisch beeindruckend.
Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob Wasserstoff im Auto funktioniert, sondern wo er sinnvoll eingesetzt werden kann. Für die breite Masse mag Batterieelektrik die ökonomischere Lösung sein. Für Fahrer, die regelmäßig größere Distanzen ohne Ladepause bewältigen möchten und Zugang zu einer Tankstelle haben, ist der Nexo dagegen ein faszinierendes Alternativkonzept. Ein Auto, das seine innovation leise ausspielt und zugleich ein Stück Zukunft bereits jetzt erlebbar macht.

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