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Jenseits von Stellantis: Wie Leapmotor die europäische Oberklasse hausfordert

Die Bestellungen für den Leapmotor B05 wurden am 23. April in ersten europäischen Märkten geöffnet - Bildnachweis: Leapmotor / Stellantis

Sauerstoff, 1000 Volt und Kampfpreise

Auf der Beijing Auto Show 2026 demonstrierte Leapmotor unter dem vollmundigen Motto eines neuen globalen Fortschritts eine technologische Schlagkraft, die weit über das übliche Maß fernöstlicher Messe-Versprechungen hinausgeht. Im Zentrum dieses Angriffs steht der Lafa5 Ultra, ein Fahrzeug, das nicht nur optisch mit der SUV-Monotonie bricht, sondern preislich und technologisch in Regionen vordringt, die bisher als unmöglich galten. Es ist jedoch nicht nur dieses eine Modell, das für Unruhe sorgt, denn Leapmotor demonstrierte in Peking die vollständige vertikale Integration seiner Produktpalette, die nun lückenlos von der preiswerten Kompaktklasse bis hin zum luxuriösen Flaggschiff-Segment reicht.

Die Bestellungen für den Leapmotor B05 wurden am 23. April in ersten europäischen Märkten geöffnet – Bildnachweis: Leapmotor / Stellantis

Der Auftritt in Peking markiert für das Unternehmen den endgültigen Übergang vom einstigen Start-up zum ernsthaften globalen Player, was nicht zuletzt durch die massive Unterstützung des Stellantis-Konzerns untermauert wird. Leapmotor hat im vergangenen Jahr als einer der wenigen chinesischen Elektrofahrzeug-Hersteller die volle Profitabilität erreicht und nutzt diesen finanziellen Spielraum nun für eine technologische Offensive, die vor allem auf eine junge, technikaffine Käuferschicht abzielt. Dabei verfolgt die Marke eine Philosophie, die sie selbst als hochwertige Technologie für alle bezeichnet, was jedoch bei genauerer Betrachtung der Daten eher einer aggressiven Verdrängungsstrategie gleicht.

Die Bestellungen für den Leapmotor B05 wurden am 23. April in ersten europäischen Märkten geöffnet – Bildnachweis: Leapmotor / Stellantis

Der Lafa5 Ultra: Ein sportliches Manifest gegen den SUV-Trend

Mit der Weltpremiere des Lafa5 Ultra, der auf den globalen Märkten unter der Bezeichnung B05 Ultra firmieren wird, zielt Leapmotor auf das emotionale Zentrum des Marktes und positioniert das Fahrzeug als sportlich orientiertes Elektro-Coupé. Das Fahrzeug bricht mit einer Gesamthöhe von nur 1.510 mm bewusst mit dem Hochbau-Trend der letzten Jahre und positioniert sich als flaches, aerodynamisch optimiertes Sportcoupé für Individualisten. Aber anstatt nur auf visuelle Reize zu setzen, steckt unter der Haube Technik, die man in dieser Preisklasse bisher vergeblich suchte. Der im Heck montierte Elektromotor leistet 180 kW, was etwa 241 PS entspricht, und legt ein Drehmoment von 320 Nm an. Damit gelingt der Null-Hundert-Paradesprint in beachtlichen 5,9 Sekunden, womit das Fahrzeug direkt im Revier etablierter Kompaktsportler wildert. Die technische Basis bildet die rein elektrische Leap 3.5 Plattform, die eine nahtlose Integration von Hardware und Software ermöglicht. Besonders hervorzuheben ist das Ultra-Sportfahrwerkspaket, das in einer Kooperation zwischen chinesischen und europäischen Ingenieuren abgestimmt wurde, um eine Präzision zu erreichen, die den hohen Ansprüchen westlicher Märkte gerecht wird. Mit einer Gewichtsverteilung von 50 zu 50, steiferen Stabilisatoren und Hochleistungs-Stoßdämpfern zeigt Leapmotor zudem, daß sie die fahrdynamischen Hausaufgaben gemacht haben. Deshalb bleibt das Paket aus Lidar-basierter Fahrassistenz, einem Qualcomm Snapdragon 8295 Chipsatz und einem 14,6-Zoll-Zentraldisplay mit 2,5K-Auflösung in dieser Klasse bisher einzigartig.

Die Bestellungen für den Leapmotor B05 wurden am 23. April in ersten europäischen Märkten geöffnet – Bildnachweis: Leapmotor / Stellantis

Preisgestaltung und technische Eckdaten im chinesischen Markt

Die Preise für den chinesischen Markt sind für europäische Hersteller ein Albtraum, auch wenn man berücksichtigen muß, daß die Überführung auf den deutschen Markt durch Steuern und Zölle den Endpreis vermutlich anheben wird. Der B05 Ultra 500 startet in China bei 123.800 Yuan, was etwa 16.500 Euro entspricht, während das Topmodell B05 Ultra 600 für 129.800 Yuan angeboten wird. Aber es gibt auch Schattenseiten, denn die Höchstgeschwindigkeit von 170 km/h ist für ein als Ultra-Sportler vermarktetes Fahrzeug eher bescheiden, und die Reichweitenangaben nach dem chinesischen CLTC-Standard müssen für die europäische Realität korrigiert werden. Dennoch bietet die 800-V-Ultraschnellladefunktion, die ab dem zweiten Halbjahr 2026 verfügbar sein wird, einen Komfortgewinn, da die Batterie in etwa 19 Minuten von 30 % auf 80 % aufgeladen werden kann. Die Spezifikationen umfassen beim 500er Modell eine 56,2 kWh LFP-Batterie, während die 600er Variante auf ein 67,1 kWh Paket setzt. Mit einem Leergewicht von 1.665 kg ist der Wagen für ein Elektrofahrzeug dieser Klasse vergleichsweise leicht, was der Agilität zugutekommt.

Die Bestellungen für den Leapmotor B05 wurden am 23. April in ersten europäischen Märkten geöffnet – Bildnachweis: Leapmotor / Stellantis

Das Flaggschiff D19: Technologische Machtdemonstration in der Oberklasse

Leapmotor bewies in Peking jedoch, daß sie mehr können als nur preiswerte Kompakte, denn das neue Flaggschiff-SUV D19 ist eine Demonstration purer technologischer Macht. Mit einer Länge von über 5,25 Metern und einem Radstand von 3.110 mm dringt das Fahrzeug in Dimensionen vor, die bisher Marken wie BMW oder Mercedes vorbehalten waren. Aber anstatt nur traditionelle Luxuswerte zu kopieren, integriert Leapmotor Innovationen. Das bemerkenswerteste Feature ist der bordeigene Sauerstoffgenerator, der bis zu 8 Liter reinen Sauerstoff pro Minute in die Kabine pumpen kann. Deshalb wirkt dieses Extra für den europäischen Stadtverkehr zwar wie eine Absurdität, ist aber für die chinesische Kundschaft ein gewichtiges Argument für Touren in die Hochebenen, da es die Symptome der Höhenkrankheit lindert. Unter dem Blech arbeitet beim reinen Elektro-Modell des D19 eine konsequente 1,000-Volt-Architektur. In Kombination mit einer 115 kWh Hybrid-Batterie von CATL, die LFP- und NMC-Zellen in einem Gehäuse vereint, ermöglicht dies Ladezeiten, die die Bezeichnung Schnellladen neu definieren. In nur 15 Minuten soll genug Energie für 350 Kilometer Reichweite fließen, was die Reichweitenangst endgültig ad acta legen könnte. Die Tri-Motor-Variante leistet brachiale 540 kW, was etwa 724 PS entspricht, und katapultiert den schweren Allradler in nur 3,94 Sekunden auf 100 km/h. Deshalb ist der D19 nicht nur ein Auto, sondern ein rollendes Rechenzentrum, dessen zentrale Steuereinheit auf zwei Qualcomm Snapdragon 8797 Elite Chipsätzen basiert, die sowohl das Infotainment als auch die hochkomplexe Fahrassistenz steuern.

Leapmotor B03X – Bildnachweis: Leapmotor / Stellantis

Digitale Architektur: Die Vier-Blatt-Klee-Plattform und VLA-Intelligenz

Die eigentliche Revolution von Leapmotor liegt jedoch in der elektronischen Architektur, die sie als Vier-Blatt-Klee bezeichnen. Diese domänenübergreifende Integration führt die bisher getrennten Welten von Cockpit, Fahrassistenz, Karosserie und Antrieb auf einer einzigen, hocheffizienten Plattform zusammen. Das Herzstück ist die Leap 4.0 Architektur, die eine Rechenkapazität von 1280 TOPS bietet und damit selbst aktuelle Workstations in den Schatten stellt. Die Nutzung von VLA-Modellen (Vision-Language-Action) erlaubt es dem Fahrzeug zudem, seine Umgebung nicht nur geometrisch zu erfassen, sondern semantisch zu verstehen. Dank dieser Technolgoie kann das Fahrzeug komplexe Anweisungen in natürlicher Sprache verarbeiten und in Fahrmanöver umsetzen, was Leapmotor zum Anlass nahm, 2026 zum Jahr des intelligenten Fahrens auszurufen. City NAP, das navigationsgestützte Fahren in urbanen Gebieten, wird bereits ab Mai 2026 landesweit in China verfügbar sein. Ergänzt wird dies durch das integrierte Bestellsystem von Tencent und McDonald’s, das es ermöglicht, während der Fahrt Speisen zu ordern, die punktgenau bei der Ankunft am Drive-In bereitstehen.

Leapmotor B03X – Bildnachweis: Leapmotor / Stellantis

Die Brücke nach Europa: Stellantis und die Lokalisierung der Produktion

Für den Erfolg von Leapmotor auf dem Weltmarkt ist die Partnerschaft mit Stellantis von existentieller Bedeutung, da der europäische Automobilriese eine 21-prozentige Beteiligung hält und den exklusiven Vertrieb außerhalb Chinas kontrolliert. In Deutschland ist die Präsenz bereits spürbar, da der Kleinstwagen T03 für eine Leasingrate von nur 49 Euro pro Monat angeboten wird, was den Markt für elektrische Stadtautos komplett aufmischt. Deshalb ist es kaum verwunderlich, dass die Verkaufszahlen von Leapmotor in Deutschland allein im April 2026 um über 350 % gestiegen sind. In Rüsselsheim entsteht zudem derzeit ein neues, vollelektrisches Opel-SUV im C-Segment, das massiv von der Leapmotor-Technik profitieren wird und ab 2028 im spanischen Werk Saragossa vom Band rollen soll. Stellantis prüft sogar die Übernahme des Werks in Madrid durch Leapmotor International, um die Kapazitäten für den europäischen Markt weiter zu sichern.

Volumenstrategie: Der A10 als erschwinglicher Einstieg in die E-Mobilität

Während der D19 und der Lafa5 Ultra für Schlagzeilen sorgen, ist es der A10 (global B03X), der die eigentliche Basis für das ehrgeizige Ziel von 1 Million Auslieferungen im Jahr 2026 bildet. Dieser kompakte Elektro-SUV zeigt eindrucksvoll, wie Leapmotor die Kosten im Griff hat, da das Modell in China bei umgerechnet etwa 9.500 US-Dollar startet und dennoch Funktionen wie einen Lidar-Sensor und eine Schnellladefähigkeit bietet. Für den deutschen Markt wird der A10 vermutlich unter 25.000 Euro starten und damit etablierte europäische Kompaktwagen massiv unter Druck setzen. Besonders beeindruckend ist hierbei, dass Leapmotor auch in dieser Preisklasse nicht an der Rechenleistung spart und den Qualcomm Snapdragon 8295P verbaut. Das Fahrzeug bietet eine Reichweite von bis zu 505 km nach CLTC und nutzt die CTC 2.0 (Cell-to-Chassis) Technolgoie zur Maximierung des Innenraums.

Kritische Einordnung: Technik-Hype versus automobile Realität

Man darf sich jedoch nicht von den glänzenden Displays und den beeindruckenden Beschleunigungswerten blenden lassen, da ein kritischer Blick auf die Details auch bei Leapmotor Herausforderungen offenbart. Die massive Rechenpower der Dual-Chip-Architektur führt zwangsläufig zu einem höheren Energieverbrauch der Bordelektronik, was die Effizienz im Stand-by-Modus beeinträchtigen könnte. Zudem bleibt abzuwarten, wie stabil die hochkomplexen VLA-Modelle im chaotischen europäischen Stadtverkehr reagieren, wo die sozialen Regeln oft weniger eindeutig sind als in den strenger reglementierten chinesischen Metropolen. Auch die Materialwahl im Innenraum muss sich erst noch beweisen, da Leapmotor zwar viel synthetisches Wildleder verwendet, aber die Langzeitqualität im Vergleich zu europäischen Premium-Interieurs erst noch bestätigt werden muss. Ebenfalls kritisch zu betrachten ist die Höchstgeschwindigkeit von 170 km/h beim B05 Ultra, was für ein sportlich positioniertes Modell auf deutschen Autobahnen eher zum Verkehrshindernis als zum Imageträger taugt.

Beginnt in Hangzhou ein neues Zeitalter der Mobilität?

Die Beijing Auto Show 2026 hat unmissverständlich klargemacht, dass Leapmotor kein Geheimtipp mehr ist, sondern eine reale Bedrohung für das europäische Automobil-Establishment darstellt. Mit dem Lafa5 Ultra als emotionalem Zugpferd und dem D19 als technologischem Leuchtturm hat die Marke ein Portfolio geschnürt, das technologisch an der Weltspitze agiert und preislich den Boden unter den Füßen der Konkurrenz wegreißt. Die konsequente vertikale Integration und die Allianz mit Stellantis bilden ein Fundament, das weit über das hinausgeht, was andere chinesische Newcomer bisher bieten konnten. Deshalb wird der Fahreugmarkt der Zukunft nicht mehr nur in Hubraum gemessen, sondern in TOPS und Lade-Volt, und in dieser neuen Währung scheint Leapmotor momentan über die prallsten Konten zu verfügen. Wer diese Entwicklung heute noch unterschätzt, wird morgen vermutlich nicht mehr Teil des automobilen Geschehens sein.