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Jet-Design und Joystick-Steuerung: Kias radikale Neudeutung der Langstrecke

Kia-Studie Vision Meta Turismo - Bildnachweis: Kia

Ästhetik der Gegensätze und aeronautische Präzision

Die Formensprache des Vision Meta Turismo folgt der mittlerweile etablierten Philosophie der vereinten Gegensätze, die Kia unter dem Banner Opposites United zusammenfasst. Doch in Mailand zeigt sich eine Weiterentwicklung, die fast schon provozierend weit nach vorne rückt. Die sogenannte Cab-Forward-Architektur sorgt dafür, dass die Fahrgastzelle weit über der Vorderachse zu thronen scheint, was dem Fahrzeug ein Profil verleiht, das weniger an klassische Proportionen und mehr an die flache Silhouette eines Düsenjets erinnert. Man muss Kia lassen, dass sie hier Mut beweisen, denn die niedrige Nase und das extrem breite Heck brechen mit den konventionellen Sehgewohnheiten aktueller Elektro-Limousinen. Interessant ist dabei die Integration technischer Details wie der X-förmigen Tagfahrleuchten und der Kamerasysteme in den unteren, dunkel abgesetzten Bereich der Front, was die optische Masse reduziert und den Wagen förmlich über dem Asphalt schweben lässt.

Kia-Studie Vision Meta Turismo – Bildnachweis: Kia

Besonders beachtliche Akzente setzen die Designer mit Anleihen aus der Luftfahrt. Wer genau hinsieht, erkennt an der Front kleine flügelartige Elemente, die sogenannten Canards, welche normalerweise bei Kampfjets für zusätzliche Stabilität sorgen. Beim Vision Meta Turismo beherbergen diese Bauteile die Kameras der digitalen Außenspiegel und unterstreichen den funktionalen, fast schon kühlen Technik-Look. Am Heck wiederum mündet die fließende Dachlinie in einer scharf geschnittenen Abrisskante, die nicht nur der Aerodynamik dient, sondern auch eine optische Brücke zu den GT-Legenden vergangener Jahrzehnte schlägt. Ein hauchdünnes LED-Band spannt sich über die gesamte Breite und betont den niedrigen Schwerpunkt des Fahrzeugs, was in Kombination mit den massiven Radhäusern für eine Präsenz sorgt, die man einem Kia vor wenigen Jahren kaum zugetraut hätte.

Kia-Studie Vision Meta Turismo – Bildnachweis: Kia

Geteilte Innenwelt zwischen Fokus und Lounge

Sobald man den Innenraum betritt, wird klar, dass Kia hier zwei völlig unterschiedliche Welten in einer Karosserie vereint. Der Fahrerplatz ist eine Hommage an die sportliche Konzentration und wirkt fast wie eine isolierte Kapsel innerhalb des Fahrzeugs. Ein hochpräzises, ultraflaches Display liefert alle relevanten Informationen, während der Sitz durch eine extrem leichte Rahmenstruktur und atmungsaktives Mesh-Gewebe besticht. Hier geht es nicht um gemütliches Reisen, sondern um die physische Verbindung zum Fahrzeug, was durch die tief sitzende Position zusätzlich unterstrichen wird. Aber man darf nicht vergessen, dass dies nur die eine Seite der Medaille ist, denn auf der Beifahrerseite herrscht eine völlig andere Atmosphäre.

Kia-Studie Vision Meta Turismo – Bildnachweis: Kia

Dort ist der Sitz zwar optisch an das Fahrer-Pendant angelehnt, jedoch konstruktiv auf maximale Entspannung ausgelegt. In einer Lounge-ähnlichen Haltung kann der Beifahrer über ein dreidimensionales Head-up-Display in digitale Welten abtauchen oder Inhalte mittels erweiterter Realität konsumieren. Ein Clou, der vor allem bei längeren Ladestopps oder im autonomen Modus Sinn ergibt, ist die Drehfunktion des Beifahrersitzes. Dieser lässt sich um 180 Grad rotieren, sodass man den Fondpassagieren direkt gegenübersitzt. Das Fahrzeug verwandelt sich so von einer Fahrmaschine in einen sozialen Raum, was den Anspruch von Kia unterstreicht, Mobilität als ganzheitliches Erlebnis zu definieren. Dennoch stellt sich die Frage, wie viel von dieser Flexibilität am Ende in einer möglichen Serienversion übrig bleibt, wenn Sicherheitsaspekte und Crash-Vorschriften ihr Gewicht in die Waagschale werfen.

Digitale Haptik als Brücke zur analogen Vergangenheit

Technisch gesehen geht Kia mit dem Vision Meta Turismo einen Weg, der die Grenzen zwischen Realität und Simulation verwischt. In einer Zeit, in der viele Elektroautos durch die Abwesenheit von mechanischen Rückmeldungen auffallen, führen die Koreaner analoge Bedienelemente ein, die rein digitale Funktionen steuern. Das prominenteste Beispiel ist der Joystick für virtuelle Gangwechsel. Er simuliert das Schalten eines Automatikgetriebes, inklusive der dazugehörigen Geräuschkulisse und physischer Vibrationen, die auf die Insassen übertragen werden. Man könnte dies als Spielerei abtun, doch für Automobil-Enthusiasten, denen die emotionale Rückmeldung eines Verbrenners fehlt, könnte dies genau der richtige Ansatz sein, um die Lücke zu schließen.

Über einen zentralen Drehregler lässt sich zudem die Fahrdynamik so präzise justieren, dass nicht nur das Ansprechverhalten der Motoren, sondern auch die gesamte Charakteristik des Fahrwerks individualisiert werden kann. Deshalb bietet der Wagen verschiedene Modi an, die weit über das hinausgehen, was wir heute als Eco oder Sport kennen. Der Modus Speedster ist dabei konsequent auf das Erlebnis von Geschwindigkeit getrimmt. Hier geht es nicht um nüchterne Zahlen auf dem Tacho, sondern um eine immersive Inszenierung durch Lichteffekte und Sound, die das Gefühl vermitteln, eins mit der Maschine zu sein. Ein Tastendruck auf den GT-Boost setzt zudem die volle Leistung des Elektroantriebs frei, was in einem unmittelbaren Beschleunigungsschub resultiert, der an die radikalen GT-Modelle der Marke anknüpft.

Die Evolution des Lenkrads zum Gaming-Interface

Das Lenkrad des Vision Meta Turismo ist vielleicht das radikalste Bauteil der gesamten Studie. Inspiriert von modernen Gaming-Controllern, fungiert es als zentrale Schnittstelle für drei digitale Erlebnismodi. Neben dem bereits erwähnten Speedster-Modus gibt es den Dreamer-Modus, der speziell für den städtischen Raum entwickelt wurde. Hier nutzt das System Augmented-Reality-Brillen und das Head-up-Display, um dem Fahrer zusätzliche Informationsebenen über die reale Welt zu legen, was die Navigation durch komplexe Großstadt-Dschungel erleichtern soll. Dass dies im Alltag tatsächlich so ablenkungsfrei funktioniert wie versprochen, muss sich erst noch in der Praxis beweisen, aber der Ansatz ist mutig.

Besonders kurios wirkt der Gamer-Modus, der erst im Stand aktiviert werden kann. Hier wird das Auto zur stationären Gaming-Station. Mit dem Lenkrad als Controller und dem Head-up-Display als Monitor können die Insassen an virtuellen Rennen teilnehmen. Ein Außenprojektor erlaubt es sogar, die Spielinhalte an Wände oder Leinwände in der Umgebung zu werfen, um das Fahrzeug zum Mittelpunkt eines sozialen Treffpunkts zu machen. Es ist offensichtlich, dass Kia hier eine junge, technikaffine Zielgruppe im Blick hat, für die das Auto nicht mehr nur ein Transportmittel, sondern ein integraler Bestandteil ihres digitalen Lebensstils ist. Ob der klassische Autofahrer diese Funktionen jemals nutzen wird, bleibt abzuwarten, aber als Demonstration dessen, was technologisch möglich ist, überzeugt das Konzept.

Einordnung und Preisgestaltung in der Kia-Hierarchie

Obwohl es sich beim Vision Meta Turismo um ein Konzeptfahrzeug handelt, das so nicht direkt beim Händler stehen wird, lässt sich seine Positionierung innerhalb der Marke gut einordnen. Schaut man sich die aktuelle Preisstruktur von Kia in Deutschland an, so markiert der EV9 GT mit rund 90.490 Euro derzeit die Spitze des Angebots. Ein seriennaher Ableger des Meta Turismo, der als prestigeträchtiger Nachfolger des Stinger fungieren könnte, würde sich zweifellos im sechsstelligen Bereich bewegen. Zum Vergleich: Ein EV6 GT ist ab etwa 69.990 Euro erhältlich und bietet bereits beachtliche 585 PS. Die Vision Meta Turismo würde technisch und preislich nochmals eine Schippe drauflegen, um gegen Konkurrenten im Bereich der elektrischen Luxus-GTs zu bestehen.

Man kann davon ausgehen, dass eine mögliche Serienversion auf der weiterentwickelten E-GMP-Plattform basieren würde, die Systemspannungen von 800 Volt und Ladeleistungen jenseits der 240 Kilowatt ermöglicht. Die im Konzept erwähnte Launch Control deutet zudem darauf hin, dass wir es hier mit einer Beschleunigung von 0 auf 100 Stundenkilometer in deutlich unter 3,5 Sekunden zu tun hätten. Auch wenn Kia in Mailand keine konkreten Angaben zur Batteriekapazität macht, wäre eine Größe von etwa 100 Kilowattstunden für einen echten Gran Turismo angemessen, um Reichweiten von über 500 Kilometern auch bei zügiger Gangart zu realisieren.

Kritische Würdigung des digitalen Ansatzes

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Kia hier sehr viel Technik auffährt, um ein Problem zu lösen, das die Elektromobilität selbst geschaffen hat: die emotionale Distanz zwischen Mensch und Maschine. Während die Hardware des Vision Meta Turismo durchweg beeindruckt, lässt die Software-Seite mit ihren virtuellen Gängen und künstlichen Motorgeräuschen manche Fragen offen. Ist es wirklich der richtige Weg, alte Gewohnheiten digital zu simulieren, oder sollte man das Elektroauto nicht lieber als eine völlig neue Gattung begreifen, die ihre eigene Ästhetik und Haptik findet? Dennoch muss man anerkennen, dass Kia den Mut hat, diese Diskussion überhaupt anzustoßen und dabei eine Verarbeitungsqualität und ein Designverständnis zeigt, das die Marke endgültig aus dem Schatten der etablierten Premium-Konkurrenz heraustreten lässt.

Die Vision Meta Turismo ist am Ende ein Versprechen für eine Zukunft, in der Mobilität nicht mehr nur aus Ankommen besteht. Das Fahrzeug zeigt, wie weit sich Kia von seinen Ursprüngen als Budget-Marke entfernt hat. In Mailand wurde deutlich, dass die Koreaner gewillt sind, das Feld der hochemotionalen Fahrzeuge nicht kampflos den europäischen Traditionsmarken zu überlassen. Ob der Durchschnittskunde am Ende wirklich im Stand Videospiele über sein Autolenkrad steuern möchte, ist zweitrangig. Viel wichtiger ist das Signal, dass Kia technologisch an der Spitze mitspielt und keine Angst vor unkonventionellen Lösungen hat. Der Weg vom simplen Fortbewegungsmittel zum komplexen Erlebnisraum scheint unumkehrbar, und der Vision Meta Turismo ist einer der bisher konsequentesten Entwürfe in diese Richtung.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Kia mit dieser Studie ein starkes Ausrufezeichen setzt. Die Kombination aus radikalem Design, hochmoderner Antriebstechnik und einer fast schon spielerischen Herangehensweise an die Interaktion zwischen Mensch und Maschine macht den Vision Meta Turismo zu einem der spannendsten Exponate der diesjährigen Designwoche. Dass dabei nicht jede Funktion auf ungeteilte Gegenliebe stoßen wird, liegt in der Natur der Sache. Aber Innovation entsteht selten durch Konsens, sondern durch das Verschieben von Grenzen. Und genau das hat Kia in Mailand getan, ohne dabei die handfeste Ingenieurskunst aus den Augen zu verlieren, die man für einen echten Gran Turismo im digitalen Zeitalter benötigt.