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Kante statt Kurve: Wie Nissan mit dem Juke EV das Erbe des Kompakt-Crossovers in das Elektrozeitalter transformiert

Der neue vollelektrische Nissan Juke startet 2027 - Bildnachweis: Nissan

Sunderlands neuer Stromschlag: Der vollelektrische Nissan Juke und die Zukunft der CMF-B-Plattform

Der Nissan Juke war schon immer das Auto, das man entweder liebte oder aus tiefster Übezeugung ignorierte, doch mit dem Schritt in die reine Elektrifizierung verliert er nun seine letzte Ausrede für Zurückhaltung. Als der japanische Hersteller vor über 15 Jahren den ersten Juke präsentierte, rieben sich Experten und Laien gleichermaßen die Augen über das zerklüftete Design, das so gar nicht in das damals herrschende Schema der gefälligen Rundungen passen wollte.  Doch der Erfolgg gab Nissan recht, denn über 1,5 Millionen verkaufte Einheiten in Europa sind ein Beleg dafür, dass Individualität im Massenmarkt ein valides Verkaufsargument darstellt. Nun steht die dritte Generation in den Startlöchern, die im Rahmen des Nissan Vision Events am Hauptsitz in Japan erstmals der Weltöffentlichkeit präsentiert wurde. Dieser neue Juke verzichtet erstmals vollständig auf den Verbrenner und setzt stattdessen auf eine rein batterieelektrische Architektur, die den Crossover in ein neues Zeitalter katapultieren soll.

Der neue vollelektrische Nissan Juke startet 2027 – Bildnachweis: Nissan

Aber der Markt für kompakte Elektro-SUV ist im Jahr 2026 ein völlig anderer als noch zu Zeiten des ersten Juke, da die Konkurrenz mittlerweile aus allen Himmelsrichtungen drängt und die technologischen Anforderungen massiv gestiegen sind. Deshalb reicht ein mutiges Design allein nicht mehr aus, um die Gunst der Käufer zu gewinnen. Nissan greift deshlab tief in den technologischen Baukasten der Renault-Allianz. Der neue Juke EV nutzt die hochflexible CMF-B EV-Plattform, die intern nun oft als AmpR Small bezeichnet wird und die Basis für eine ganze Reihe kompakter Stromer bildet. Diese Plattform ermöglicht es, die Batterieeinheit flach im Fahrzeugboden zu integrieren, was nicht nur den Schwerpunkt senkt, sondern auch die für kompakte Fahrzeuge so kritische Raumausnutzung verbessert. Dennoch bleibt abzuwarten, ob die markante Linienführung des Juke, die sich stark am futuristischen Hyper Punk Concept orientiert, nicht erneut zulasten der Übersichtlichkeit und des Kofferraumvolumens geht.

Der neue vollelektrische Nissan Juke startet 2027 – Bildnachweis: Nissan

Design und Karosserie im Fokus

Das äußere Erscheinungsbild des Juke EV ist eine konsequente Weiterentwicklung des bekannten Themas, wobei die Designer die charakteristischen Merkmale wie die getrennten Leuchteinheiten und die abfallende Dachlinie beibehalten, aber deutlich schärfer und kantiger gezeichnet haben. Die Frontpartie wirkt durch den Entfall des klassischen Kühlergrills deutlich geschlossener und aerodynamisch optimiert, was bei einem Elektrofahrzeug essenziell für die Reichweite ist. Scharfkantige Falten in den Flanken und massiv ausgestellte Radhäuser betonen den robusten Auftritt, während versteckte Türgriffe hinten den Eindruck eines zweitürigen Coupés aufrechterhalten sollen. Aber hinter der Fassade des Lifestyle-Objekts verbirgt sich eine ernsthafte technische Neuausrichtung, die vor allem auf Effizienz getrimmt wurde. Die Aerodynamik wurde laut den Ingenieuren in unzähligen Windkanalstunden verfeinert, um den Luftwiderstandswert zu senken, was bei Autobahngeschwindigkeiten über den einen oder anderen Kilometer Reichweite entscheiden kann.

Der neue vollelektrische Nissan Juke startet 2027 – Bildnachweis: Nissan

Deshalb ist die Entscheidung für eine reine Elektro-Plattform auch ein Bekenntnis zu einer veränderten Architektur, die längere Radstände bei kompakten Außenmaßen erlaubt. Der neue Juke misst in der Länge rund 4,25 Meter, was ihn fest im B-Segment verankert, ihm aber durch den flachen Boden im Innenraum mehr Kniefreiheit verschaffen sollte als seinem Vorgänger. Zweifel bleiben jedoch bei der Kopffreiheit im Fond bestehen, da die abfallende Dachlinie zwar dynamisch wirkt, aber für großgewachsene Passagiere oft zum Hindernis wird. Im Interieur setzt Nissan auf eine konsequente Digitalisierung, wobei ein großflächiges Display-Verbundsystem das Cockpit dominiert und die meisten physischen Taster ersetzt. Dass Nissan hierbei auf eine hochwertige Materialauswahl und eine nachhaltige Produktion setzt, ist löblich, muss sich jedoch im harten Alltagstest erst noch gegen die haptische Qualität der europäischen Premium-Konkurrenz beweisen.

Antriebstechnik und Batteriekapazitäten

Unter der Haube beziehungsweise im Unterboden des Juke EV steckt Technik, die auf maximale Alltagstauglichkeit ausgelegt ist, ohne dabei in utopische Leistungsregionen vorstoßen zu wollen. Für den deutschen Markt werden voraussichtlich zwei Batteriegrößen angeboten, um unterschiedliche Kundenbedürfnisse und Budgets abzudecken. Den Einstieg bildet ein 40 Kilowattstunden fassender Akku, der vor allem für den urbanen Einsatz und Pendler konzipiert ist und eine WLTP-Reichweite von etwa 310 Kilometern ermöglichen soll. Das Herzstück der Modellpalette wird jedoch der 52 Kilowattstunden große Akku sein, der eine Reichweite von bis zu 420 Kilometern in Aussicht stellt. Aber diese Werte sind wie immer mit Vorsicht zu genießen, da die Realität auf deutschen Autobahnen im Winter oft deutlich andere Zahlen schreibt. Deshalb ist es positiv hervorzuheben, dass Nissan serienmäßig eine Wärmepumpe integriert, die den Energieverbrauch der Klimatisierung spürbar reduzieren soll.

Der neue vollelektrische Nissan Juke startet 2027 – Bildnachweis: Nissan

Angetrieben wird der Juke EV von einem fremderregten Synchronmotor an der Vorderachse, der ohne kritische seltene Erden auskommt und eine Leistung von 110 Kilowatt erbringt, was etwa 150 PS entspricht. Das Drehmoment von 300 Newtonmetern steht elektrotunypisch sofort zur Verfügung und dürfte den rund 1,6 Tonnen schweren Crossover in etwa acht Sekunden von Null auf Einhundert beschleunigen. Die Höchstgeschwindigkeit wird elektronisch auf 160 Kilometer pro Stunde begrenzt, was in dieser Fahrzeugklasse ein vernünftiger Kompromiss zwischen Fahrspaß und Reichweitenschutz ist. Besonders interessant ist die Ladeperformance, da der Juke EV an einer Schnellladestation mit bis zu 130 Kilowatt Gleichstrom laden kann. Damit lässt sich der 10 auf 80 Prozent-Ladehub in etwa 30 Minuten ereldigen, was für die Langstreckentauglichkeit in dieser Klasse einen soliden Wert darstellt, wenngleich die Konkurrenz aus Korea hier teilweise bereits schnellere Systeme anbietet.

Nissan-Produkt-Stack – Bildnachweis: Nissan

Das Energieökosystem und Vehicle to Grid (V2G)

Ein technisches Highlight, das Nissan besonders hervorhebt und das den Juke EV von vielen Mitbewerbern abheben soll, ist die konsequente Integration der Vehicle-to-Grid-Technologie. Hierbei fungiert das Fahrzeug nicht mehr nur als reiner Stromverbraucher, sondern als mobiler Energiespeicher, der Strom bei Bedarf auch wieder zurück in das öffentliche Netz oder das eigene Heimnetzwerk speisen kann. Dies setzt jedoch eine entsprechende Infrastruktur voraus, wie zum Beispiel eine bidirektionale Wallbox, die Nissan gemeinsam mit Partnern anbieten möchte. Aber der Nutzen für den Endverbraucher hängt stark von den rechtlichen Rahmenbedingungen und den Tarifen der Energieversorger ab, weshalb dieses Feature zum Marktstart im Frühjahr 2027 vielleicht eher ein technisches Versprechen für die Zukunft als ein sofortiger Alltagsnutzen sein könnte.

Dennoch zeigt dieser Ansatz, dass Nissan das Elektroauto als Teil eines größeren Ganzen versteht und nicht nur als isoliertes Fortbewegungsmittel betrachtet. Deshalb wird der Juke EV auch über eine fortschrittliche Software verfügen, die das Laden intelligent steuert und beispielsweise bevorzugt dann Strom bezieht, wenn viel erneuerbare Energie im Netz vorhanden ist. Ob die deutschen Kunden bereit sind, ihr Fahrzeug als Teil des Stromnetzes zur Verfügung zu stellen und damit eine potenziell höhere Zyklenbelastung der Batterie in Kauf zu nehmen, bleibt eine spannende Frage für die kommenden Jahre. Nissan begegnet diesen Bedenken mit einer umfassenden Batteriegarantie über acht Jahre oder 160.000 Kilometer, was das Vertrauen in die eigene Zellchemie unterstreichen soll.

Produktion und wirtschaftliche Einordnung

Die strategische Bedeutung des Juke EV für den Standort Europa kann kaum überschätzt werden, da das Fahrzeug im britischen Nissan-Werk in Sunderland vom Band laufen wird. Dieses Werk hat sich in den letzten Jahren zum Zentrum der europäischen Elektrofahrzeug-Produktion von Nissan entwickelt und beherbergt bereits die Fertigung des Leaf. Dass auch die Design- und Entwicklungszentren in Großbritannien, Spanien und Deutschland maßgeblich an der Entstehung des neuen Modells beteiligt waren, unterstreicht den Anspruch, ein Auto von Europäern für Europäer zu bauen. Aber die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind durch den Brexit und die globale Konkurrenzsituation komplexer geworden, weshalb Nissan massiv in die Modernisierung der Fertigungsanlagen investiert hat, um die Kostenstruktur wettbewerbsfähig zu halten.

Deshalb spielt die Preisgestaltung eine entscheidende Rolle für den Erfolg des Juke EV, der sich in einem Segment bewegt, das zunehmend unter Druck durch preiswerte Modelle aus China gerät. Nissan hat für den deutschen Markt eine Staffelung vorgesehen, die bei der Basisversion Visia beginnt, welche vor allem über den Preis von etwa 34.990 Euro Kunden locken soll, dafür aber auf einige Komfortmerkmale verzichtet. Die Volumenmodelle werden jedoch voraussichtlich die Ausstattungslinien Acenta und N-Connecta sein, die preislich zwischen 37.500 und 40.000 Euro liegen und bereits das größere Infotainment sowie die Wärmepumpe enthalten. Für Kunden mit gehobenen Ansprüchen stehen die Versionen Tekna und Tekna Plus zur Wahl, die mit Preisen von bis zu 44.500 Euro dann allerdings bereits in Regionen vorstoßen, in denen größere Fahrzeuge wie der Nissan Ariya oder das Tesla Model Y als Konkurrenten auftreten.

Der neue vollelektrische Nissan Juke ist zweifellos ein mutiger Schritt für eine Marke, die sich den Übergang zur Elektromobilität fest auf die Fahnen geschrieben hat. Er verbindet die exzentrische Design-DNA seiner Vorgänger mit einer modernen Elektro-Plattform, die technisch solide, wenn auch nicht revolutionär erscheint. Aber die Zeit bis zum Marktstart im Frühjahr 2027 ist lang, und es besteht die Gefahr, dass der Juke EV bei seinem Erscheinen bereits gegen modernere Architekturen mit effizienteren Antriebseinheiten antreten muss. Dass Nissan weiterhin auch den Juke Hybrid und den Qashqai e-Power im Programm behält, zeigt, dass man dem reinen Elektro-Frieden noch nicht ganz traut und den Kunden weiterhin Brückentechnologien anbieten möchte.

Deshalb ist der Juke EV vor allem ein Fahrzeug für Individualisten, die den Umstieg auf den Elektroantrieb mit einem Statement verbinden wollen. Die Integration von V2G ist lobenswert. Der praktische Nutzen hängt hier jedoch massiv von externen Faktoren ab. Am Ende wird der Erfolg des neuen Juke davon beeinflusst, ob Nissan es schafft, das emotionale Design mit einer Preispolitik zu paaren, die im Vergleich zu den immer stärker werdenden Mitbewerbern bestehen kann. Die technischen Eckdaten wie die 130 Kilowatt Ladeleistung und die 52 Kilowattstunden Batterie sind standesgemäß, setzen aber keine neuen Maßstäbe in einem Segment, das sich schneller entwickelt als jede andere Fahrzeugklasse zuvor.