KGM auf der Adventure Southside - Bildnachweis: KGM
Der Spagat zwischen Nutzwert und Wohnkomfort
Die Entwicklung der Overland- und Campingszene in Deutschland hat in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Dynamik angenommen. Was einst als Nische für eingefleischte Weltenbummler und handwerklich geschickte Selbstausbauer begann, ist längst in der Mitte der automobilen Gesellschaft angekommen. Ein zentraler Treffpunkt dieser Bewegung ist die Fachmesse Adventure Southside in Friedrichshafen, die strategisch günstig im Dreiländereck liegt und als wichtiger Gradmesser für Trends abseits befestigter Straßen gilt. Auf der diesjährigen Veranstaltung zeigt sich ein deutlicher Trend zu modularen und flexiblen Lösungen, die den Spagat zwischen Alltagstauglichkeit und extremer Freizeitnutzung meistern müssen. In diesem Umfeld versucht sich ein Hersteller neu zu positionieren, den viele deutsche Autofahrer bisher vor allem mit pragmatischen und preisgünstigen Nutzfahrzeugen assoziiert haben. Die südkoreanische Marke KGM, die aus der traditionsreichen Ssangyong Motor Company hervorgegangen ist, nutzt die Messe für einen strategischen Auftritt mit eigenem Stand. Es ist der handfeste Versuch, das Image der reinen Arbeiterautos abzustreifen und ein emotional aufgeladenes Publikum anzusprechen, das hohe technische Erwartungen an das Material stellt.
Neuer Pick-up Musso Grand debütiert mit vollwertiger Decamps Wohnkabine
Im Zentrum des Publikumsinteresses steht ein Fahrzeug, das aufgrund seiner schieren Abmessungen die Blicke auf sich zieht. Der KGM Musso Grand stellt mit einer Gesamtlänge von 5,46 Meter die gestreckte Variante des südkoreanischen Pick-up-Konzepts dar. Für die Messe wurde dieser Pritschenwagen mit einer vollwertigen Absetzkabine des Typs Backpack S vom Spezialisten Decamp kombiniert. Diese technische Kombinaton ist deshalb so interessasnt, weil sie die grundlegenden Nachteile eines festen Wohnmobils umgeht. Die Kabine besteht aus einer 3 Millimeter dicken Konstruktion aus Aluminium, was zu einem bemerkenswert niedrigen Leergewicht von lediglich 325 Kilogramm führt, solange keine zusätzlichen Individualisierungen verbaut sind. In der Praxis ist das Gewicht ein entscheidender Faktor, da die Zuladung bei Pick-ups der Ein-Tonnen-Klasse durch schwere Aufbauten schnell an ihre legalen und fahrdynamischen Grenzen stößt. Der Zugang zum Wohnbereich erfolgt über eine solide Hecktur mit einer doppelten Verriegelung, die auch härteren Erschütterungen im Gelände standhalten soll. Im Inneren haben die Entwickler versucht, jeden Quadratzentimeter optimal zu nutzen. Neben integrierten Fenstern mit Verdunkelungs- und Insektenschutzfunktionen befinden sich dort Sitzbänke mit darunter liegenden Staufächern, ein klappbarer Tisch sowie eine ebenfalls einklappbare Küchenarbeitsfläche. Die Wasserversorgung wird über einen integrierten Frischwassertank mit einem Fassungsvermögen von 34 Liter realisiert. Das Schlafabteil befindet sich in der oberen Etage, die durch ein aufstellbares Dach zugänglich wird. Hier entsteht eine Liegefläche von 197 mal 148 Zentimeter. Dank einer 30 Millimeter starken Isolierung der Wände und Decken sowie der Verwendung eines strapazierfähigen Vier-Jahreszeiten-Zeltstoffs soll die Kabine ohne Einschränkungen ganzjährig nutzbar sein.
Die mechanische Basis unter der Lupe
Aber ein durchdachter Wohnaufbau ist nur so gut wie das Basisfahrzeug, das ihn transportiert. Unter der Haube des Musso Grand arbeitet der bekannte 2,2 Liter große Vier-Zylinder-Turbodiesel. Der Selbstzünder leistet 148 kW/202 PS bei 3.800 Umdrehungen pro Minute. Für den harten Offroad-Einsatz und das Bewegen hoher Lasten ist jedoch das maximale Drehmoment von 441 Nm weitaus entscheidender, das in einem breiten Drehzahlband zur Verfügung steht. Die Kraftübertragung übernimmt eine Automatik, die über 6 Stufen verfügt und die Leistung standardmäßig an die Hinterachse leitet. Bei Bedarf kann der Fahrer einen zuschaltbaren Allradantrieb aktivieren, der zusätzlich über eine Geländeuntersetzung verfügt. Ein mechanisches Sperrdifferenzial an der Hinterachse sorgt dafür, daß die Traktion auch dann erhalten bleibt, wenn ein Rad den Bodenkontakt verliert. Da der Schwerpunkt durch die Wohnkabine deutlich nach oben wandert, wurde das Fahrwerk für den Messeauftritt gezielt modifiziert. Ein verstärktes Blattfederfahrwerk an der Hinterachse soll die permanente Last ausgleichen und unschönes Durchhängen verhindern. Ergänzt wird das Paket durch grobstollige All-Terrain-Reifen und einen vollständigen Unterfahrschutz, der die empfindlichen Aggregate an der Fahrzeugunterseite vor Beschädigungen durch Felsen oder Baumstämme schützt. In dieser Konfiguration behält der Pick-up seine hohe Anhängelast von bis zu 3,5 Tonnen bei gebremsten Anhängern bei, was ihn zu einem extrem vielseitigen Zugfahrzeug macht.
Eine differenzierte Betrachtung der Preisstruktur
Deshalb lohnt sich ein genauer Blick auf die Preisliste, die im Vergleich zu den etablierten Mitbewerbern aus Japan oder Amerika traditionell das Hauptargument der Südkoreaner darstellt. In Deutschland startet der Musso Grand in der Basisversion namens Core bei 40.490 Euro. Wer ein Mindestmaß an modernen Assistenzsystemen und Komfortmerkmalen sucht, wird eher zur Ausstattungslinie Bliss greifen, die ab 43.990 Euro in den Preislisten geführt wird. Das vorläufige Komfort-Maximum im regulären Programm markiert die Variante Lux für mindestens 48.490 Euro, während die optisch aufgewertete Sonderedition Black mit 51.490 Euro das obere Ende der werksseitigen Fahnenstange definiert. Zu diesen Beträgen muss der Kunde jedoch die Kosten für die Decamp-Kabine addieren. Die Backpack S startet nackt bei etwa 12.990 Euro, klettert aber mit autonomen Energiepaketen inklusive Solarzellen, einer Diesel-Standheizung von Eberspächer und erweiterten Küchenmodulen schnell in Richtung 18.000 Euro. Das Gesamtfahrzeug bewegt sich somit in einem Bereich von 55.000 bis knapp 70.000 Euro. Angesichts der gebotenen Leistung und der Flexibilität, die Kabine im Alltag einfach absetzen zu können, bleibt das Angebot kalkulatorisch attraktiv, bewegt sich aber aus dem klassischen Budget-Rahmen heraus.
Der elektrische Paradigmenwechsel im Gelände
Ein noch größerer technologischer Sprung und zugleich ein Wagnis im Overland-Bereich lässt sich am Nachbarfahrzeug beobachten. Der vollmolekulare Technologiewandel macht auch vor der Allradwelt nicht halt, weshalb KGM den vollelektrischen Musso EV in einer speziellen Offroad-Variante der Black Edition präsentiert. Dieses Fahrzeug unterscheidet sich grundlegend von der Diesel-Variante, da es nicht auf dem klassischen, schweren Leiterrahmen aufbaut. Stattdessen nutzt der Musso EV die modernere Plattform des Elektro-SUV Torres EVX. Dies führt zu einer deutlich zivilisierteren, eher SUV-artigen Silhouette mit einer geringeren Einstiegshöhe und einem längeren Radstand, was im harten Gelände allerdings Einschränkungen bei den Rampen- und Böschungswinkeln bedeuten kann. Der Antrieb wird über zwei Elektromotoren realisiert, die jeweils an der Vorder- und Hinterachse platziert sind und so einen permanenten, elektronisch geregelten Allradantrieb bilden. Die Systemleistung beträgt 175 kW beziehungsweise 234 PS, während das maximale Drehmoment bei beeindruckenden 678 Nm liegt. Diese Kraft liegt elektrotypisch ab der ersten Umdrehung an, was das feinfühlige Rangieren an steilen Passagen theoretisch erleichtert. Als Energiespeicher dient eine 80,6 kWh große Lithium-Eisen-Phosphat-Batterie, die mittels moderner Cell-to-Pack-Technologie direkt in die Fahrzeugstruktur integriert ist. Diese Bauweise spart Gewicht und erhöht die Crashsicherheit, da die LFP-Zellen als extrem robust und thermisch stabil gelten.
Die offizielle Reichweite nach dem standardisierten WLTP-Zyklus wird mit bis zu 379 Kilometer angegeben. Zu bedenken ist hier jedoch: Das auf der Messe gezeigte Fahrzeug verfügt über eine um 30 Millimeter erhöhte Bodenfreiheit, massive All-Terrain-Reifen, einen Aluminiumdeckel für die Ladefläche und einen schweren Unterbodenschutz für die Batterieelemente. Zudem ist auf dem Dach ein aufstellbares Dachzelt des Herstellers Yakima montiert. All diese Modifikationen erhöhen den Luftwiderstand und den Rollwiderstand drastisch. In der harten Realität des Reisealltags, voll beladen und bei Autobahntempo oder auf sandigen Pisten, dürfte die reale Reichweite spürbar unter die Marke von 300 Kilometer sinken. Für klassische Fernreisen in Regionen mit schwacher Infrastruktur bleibt das Konzept daher vorerst ein theoretisches Konstrukt. Ein hochinteressantes Feature ist dagegen die integrierte V2L-Technologie (Vehicle-to-Load). Sie erlaubt es, den Fahrstrom-Akku als gigantische Powerbank zu nutzen. Über haushaltsübliche Steckdosen können elektrische Verbraucher wie Kochplatten, Kühlboxen oder Werkzeuge direkt mit Energie versorgt werden, was den klassischen Gaskocher im Camp überflüssig macht. Die maximale Anhängelast des elektrischen Pick-ups sinkt im Vergleich zum Diesel auf 2.300 Kilogramm, und die maximale Zuladung auf der Pritsche ist auf 690 Kilogramm begrenzt. Der Grundpreis für den Musso EV in der üppig ausgestatteten Black Edition liegt bei 54.490 Euro, wobei bis auf ein optionales Soundsystem von Alpine für 400 Euro bereits alle Extras serienmäßig enthalten sind.
Klassischer Karosseriebau im modernen Gewand
Ergänzt wird das Portfolio in Friedrichshafen durch den KGM Rexton, ein Fahrzeug der klassischen Schule, das vom deutschen Geländewagenspezialisten delta4x4 für den harten Outdoor-Einsatz optimiert wurde. Der Rexton ist eines der wenigen verbliebenen echten SUV-Modelle auf dem Markt, das noch an der traditionellen Bauweise mit einem separaten Leiterrahmen festhält. Angetrieben vom identischen 2,2 Liter Turbodiesel mit 202 PS bietet der Siebensitzer vor allem Raum und mechanische Belastbarkeit. Die Experten von delta4x4 haben das Fahrzeug mit einem robusten Dachträgersystem von Yakima und einem maßgeschneiderten Schubladensystem im Heck ausgestattet. Dadurch verwandelt sich der Kofferraum in ein perfekt organisiertes Magazin für Ausrüstung, Werkzeug und Proviant. Mit seiner hohen Anhängelast von 3,5 Tonnen bleibt der Rexton eine solide Alternative für Reisende, die eine geschlossene Karosserie gegenüber einer offenen Pick-up-Pritsche bevorzugen, aber keine Kompromisse bei der Robustheit eingehen wollen.
Das Umfeld der Adventure Southside
Die Messe selbst präsentiert sich als umfassendes Erlebnis für die ganze Familie. Der Stand von KGM mit der Nummer 231 befindet sich in der Halle A4 und ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, wobei die Tore am Sonntag bereits um 17 Uhr schließen. Die Eintrittspreise sind mit 17 Euro für Erwachsene und 8 Euro für Kinder moderat angesetzt. Neben den reinen Fahrzeugpräsentationen bietet das Event ein dichtes Rahmenprogramm mit über 60 Fachworkshops zu Themen wie Navigation, Fahrzeugtechnik und weltweitem Reisen. Die Veranstalter versuchen, den Messebesuch durch Foodtrucks, Livemusik am Lagerfeuer und diverse Attraktionen für Kinder wie eine Hüpfburg, einen Bungee-Run sowie einen Bobbycar-Parcours zu einem emotionalen Event aufzuwerten. Für eine authenthisch auftretende Marke bietet dieses Umfeld die perfekte Bühne, um mit den Endverbrauchern in den direkten Dialog zu treten und die Tauglichkeit der eigenen Produkte unter Beweis zu stellen. Die technischen Daten und die Preisstrukturen der südkoreanischen Modelle zeigen, daß eine ernstzunehmende Alternative zu den oft überteuerten europäischen Lifestyle-Produkten heranreift. Ob sich die Fahrzeuge auf Dauer in der anspruchsvollen Overland-Gemeinschaft etablieren können, wird letztlich nicht auf den polierten Messeböden entschieden, sondern auf den rauen Pisten dieser Welt.

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