Vorbereitung Batterie-Montage für den neuen BMW i7 - Bildnachweis: Rimac
Die Abkehr vom prismatischen Dogma
Der bayerische Stolz, verkörpert in der prestigeträchtigen Siebener-Reihe, bezieht seine Lebensenergie ab sofort aus einer Quelle, die noch vor einem Jahrzehnt kaum jemand auf der Rechnung hatte. Es ist eine Nachricht, die in der Branche für hochgezogene Augenbrauen sorgt: Die neue Generation des vollelektrischen BMW i7 wird mit einem Batteriesystem ausgestattet, das maßgeblich in Kroatien entwickelt und gefertigt wird. Wenn die Weltpremiere am 22. April auf der Auto China 2026 in Peking gefeiert wird, steht nicht nur ein neues Fahrzeug im Rampenlicht, sondern das Ergebnis einer technologischen Allianz, die das Ende der klassischen Rollenverteilung zwischen OEM und Zulieferer einläutet. Rimac Technology, bisher eher bekannt für exklusive Rekordjäger in Kleinstserie, steigt damit endgültig in den Olymp der Tier-1-Zulieferer auf und übernimmt die Verantwortung für das Herzstück des wichtigsten bayerischen Technologieträgers.
Der technologische Kern dieser Zusammenarbeit markiert einen radikalen Bruch mit bisherigen Überzeugungen im Hause BMW. Während man in München lange Zeit auf prismatische Zellen setzte, vollzieht man nun unter dem Einfluss der Partnerschaft mit Rimac den Schritt hin zu zylindrischen Lithium-Ionen-Zellen des Formats „4695“. Diese Zellen, mit einem markanten Durchmesser von 46 Millimetern und einer Höhe von 95 Millimetern, versprechen eine signifikant höhere Energiedichte und ein verbessertes thermisches Verhalten unter Last. Deshalb wurde eine Architektur entwickelt, die diese Gen6-Rundzellen mit der bewährten Modultechnologie der fünften Generation von BMW verknüpft. Das Ziel ist eine skalierbare Plattform, die nicht nur im i7, sondern perspektivisch im gesamten Portfolio der kommenden Fahrzeuggenerationen eine Rolle spielen könnte. Aber dieser Wechsel ist nicht ohne Tücken, denn die Integration von Rundzellen in ein flaches Limousinen-Chassis erfordert eine völlig neue Herangehensweise beim Packaging und beim Crashmanagement. Hier bringt Rimac jene Agilität ein, die man von einem Unternehmen kennt, das seine Wurzeln im Bereich der Hochleistungselektrik hat.

Ein Kraftakt namens Rimac Campus
Um den enormen Anforderungen eines Premiumherstellers wie BMW gerecht zu werden, hat Rimac in der Nähe von Zagreb eine Infrastruktur geschaffen, die in Europa ihresgleichen sucht. Auf dem neuen Rimac Campus wurden innerhalb von nur wenigen Jahren zwei komplette Produktionslinien aus dem Boden gestampft, die speziell auf die Bedürfnisse dieses Programms zugeschnitten sind. Auf einer Fläche von etwa 15.000 Quadratmetern, eingebettet in einen 90.000 Quadratmeter großen Gesamtkomplex, werden die Hochvolt-Systeme im industriellen Maßstab gefertigt. Dabei ist besonders bemerkenswert, dass Rimac nicht nur die Montage übernimmt, sondern eine vollständige End-to-End-Lieferkette aufgebaut hat. Dies umfasst alles von der Beschaffung der Rohmaterialien bis hin zur finalen Qualitätskontrolle nach den strengen Standards der BMW Group. Es ist ein industrieller Kraftakt, der zeigt, dass die Kroaten den Status des reinen Engineering-Dienstleisters längst hinter sich gelassen haben. Dennoch bleibt die kritische Frage offen, ob ein relativ junges Unternehmen die logistische Präzision und die fehlerfreie Serienqualität über den gesamten Lebenszyklus eines Volumenmodells garantieren kann, die Kunden in dieser Preisklasse schlicht voraussetzen.
Strategische Neuausrichtung und europäische Souveränität
Die Zusammenarbeit wird von beiden Seiten als Paradebeispiel für europäische Innovationskraft gefeiert. Thomas Engelhardt, der bei BMW die Entwicklung für Hochvolt-Batterien und Laden verantwortet, betonte in internen Kreisen, dass die Teams beider Unternehmen in bemerkenswert kurzer Zeit eine maßgeschneiderte Lösung für den i7 entwickelt haben. Er sieht darin einen wichtigen Baustein, um die Technologien der Neuen Klasse schnellstmöglich in die Serie zu bringen. Aber hinter der diplomatischen Fassade des Pressetextes verbirgt sich auch eine strategische Notwendigkeit. BMW muss sich gegenüber der Konkurrenz aus den USA und China behaupten, die bei der Batterietechnik oft einen Entwicklungsvorsprung für sich beanspruchen. Durch die Partnerschaft mit Rimac sichert sich München den Zugriff auf hochmodernes Know-how, ohne sich vollständig von den großen asiatischen Zellproduzenten abhängig zu machen. Nurdin Pitarevic, der Chef von Rimac Technology, ordnet die Kooperation zudem als einen Schritt ein, bei dem BMW nicht bloß als Käufer auftritt, sondern als echter Technologiepartner agiert. Dies ist ein entscheidender Punkt, denn nur durch eine tiefe Integration der Systeme lässt sich die maximale Effizienz aus den neuen Rundzellen herauskitzeln.
Die Preisstruktur des elektrischen Luxus
Ein Blick in die Preislisten verdeutlicht, welche Verantwortung auf den Schultern des neuen Batteriesystems lastet. Wer sich in Deutschland für einen BMW i7 entscheidet, bewegt sich in Regionen, in denen technische Perfektion kein Wunsch, sondern eine Grundvoraussetzung ist. Den Einstieg bildet der i7 eDrive50, der zu einem Grundpreis von etwa 115.700 Euro angeboten wird und bereits einen hohen Standard an Komfort und Reichweite bietet. Eine Stufe darüber rangiert der i7 xDrive60, der mit zwei Elektromotoren und Allradantrieb ausgestattet ist und ab 139.800 Euro in den Preislisten steht. Das absolute Aushängeschild ist jedoch der i7 M70 xDrive. Mit einer Systemleistung, die ihn in die Nähe von Supersportwagen rückt, und einem Startpreis von rund 181.800 Euro markiert er die Spitze dessen, was elektrisch in München derzeit möglich ist. In all diesen Modellen muss die Rimac-Technik beweisen, dass sie nicht nur auf dem Prüfstand glänzt, sondern auch bei minus 20 Grad Celsius in den Alpen oder bei extremer Hitze in der Wüste zuverlässig funktioniert. Die Kunden dieser Fahrzeugklasse verzeihen keine Ausfälle bei der Ladeleistung oder der Reichweitenprognose.
Zwischen Innovationsdrang und Serienrisiko
Deshalb ist es nur fair, auch eine gewisse Skepsis an den Tag zu legen. Die Geschichte der Automobilindustrie ist voll von gescheiterten Partnerschaften zwischen etablierten Riesen und dynamischen Newcomern. Mate Rimac, der Gründer der Rimac Gruppe, gibt sich zwar gewohnt selbstbewusst und erklärt, dass man gemeinsam ein System entwickelt habe, das das volle Potenzial der neuen Zellen in Rekordzeit freischaltet. Aber die Realität der Großserie ist grausam. Ein Rückruf wegen Batterieproblemen könnte für ein Unternehmen wie Rimac existenzbedrohend sein und das Image von BMW nachhaltig beschädigen. Doch bisher hat das Team aus Zagreb bewiesen, dass es unter Druck zur Höchstform aufläuft. Die Tatsache, dass mittlerweile 70 Prozent der Produktionskapazitäten auf dem Campus für globale OEMs reserviert sind, spricht eine deutliche Sprache über das Vertrauen, das die Branche in die kroatische Ingenieurskunst setzt. Es scheint, als habe man in Zagreb verstanden, dass man für den Erfolg in der Massenfertigung mehr braucht als nur geniale Ideen: Man braucht Disziplin, Skalierbarkeit und einen unbedingten Willen zur Qualität.
Ein Ausblick auf die Premiere in Peking
Die Vorstellung des aktualisierten i7 auf der Auto China 2026 wird zeigen, wie tiefgreifend die Änderungen wirklich sind. Man darf gespannt sein, ob die versprochenen Verbesserungen bei der Ladeperformance und der Reichweite in der Praxis einen spürbaren Unterschied machen. Wenn die neuen „4695“er-Zellen in Kombination mit dem Rimac-Management-System tatsächlich die Ladezeiten signifikant verkürzen, könnte BMW einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem Mercedes EQS oder dem Audi Q8 e-tron erlangen. Es geht hierbei um weit mehr als nur ein technisches Detail. Es geht um die Frage, ob ein traditioneller Autobauer durch die gezielte Öffnung für externe Partner seine Innovationszyklen entscheidend beschleunigen kann. Der i7 ist das Versuchskaninchen für diese neue Ära. Gelingt das Experiment, wird der Name Rimac bald ebenso fest mit BMW verbunden sein wie einst legendäre Motorenbauer der Vergangenheit. Scheitert es, wird man in München sehr schnell wieder über die vollständige Inhouse-Fertigung diskutieren. Die Zeichen stehen jedoch auf Erfolg, denn die ersten Daten aus der Vorserienfertigung in Kroatien lassen darauf schließen, dass hier ein echtes Kraftpaket geschnürt wurde, das die elektrische Oberklasse ordentlich aufmischen wird.

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