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Kurswechsel bei Mercedes: Neue Köpfe, neue Kommunikation, neue Ausrichtung

Mercedes CLA 250+ Shooting Brake mit EQ Technologie - Bildnachweis: Mercedes

Bleiben Mercedes-Benz und seine Kommunikation auf Kurs, oder steht die Traditionsmarke vor einer weitreichenden Neuausrichtung?

Schon seit Monaten sorgt ein spürbarer Wandel in der Kommunikations- und PR-Landschaft von Mercedes für Gesprächsstoff unter Branchenbeobachtern und in der deutschen Medienwelt. Mit zahlreichen hochkarätigen Personalentscheidungen, strategischen Neuausrichtungen und neuen Modellen nimmt das Unternehmen augenscheinlich nicht nur Kurs auf die Zukunft der Mobilität, sondern hinterfragt auch die eigene Außenwirkung – und die bisher stark socialmedia- und marketinggetriebene Markeninszenierung. Was genau steckt hinter dem Wandel, welche Köpfe prägen die neue Mercedes-Kommunikation, welche Modelle wurden aufgelegt und vor allem: Wie soll künftig die Ansprache von Medien, Investoren und Kunden aussehen?

Die Führungswechsel in der Presse- und Kommunikationsarbeit bei Mercedes sind unübersehbar

Nach langjährigem Kurs unter Bettina Fetzer, die als bisherige Kommunikations- und Marketingleiterin eine Bündelung beider Disziplinen verantwortete, fällt der Staffelstab ab Oktober an Christina Schenck. Zuvor leitete Schenck als Finanzchefin zentrale Bereiche der Mercedes-Benz Group und übernimmt nun Marketing, Kommunikation sowie die Digitalisierung der Vertriebsprozesse. Die Presselandschaft beobachtet diesen Schritt durchaus kritisch, da mit der neuen Führung nicht nur personelle Kompetenz, sondern auch neue Prioritäten Einzug erhalten dürften. Parallel dazu kommt es zu weiteren prominenten Wechseln: Rob Halloway übernahm im September 2023 die Verantwortung für die globale Produkt-, Technologie- und Markenkommunikation der Bereiche Mercedes-Benz Cars & Vans und bringt knapp 20 Jahre internationale PR- und Marketingerfahrung – u.a. bei Renault, Volkswagen und Mercedes-Benz UK – in die Stuttgarter Zentrale ein. Willem Spelten übernahm im November 2023 die Leitung der globalen Unternehmenskommunikation und verantwortet Themen von Finanzen bis Nachhaltigkeit. Damit wird deutlich: Die bereits etablierte Führungsebene unterliegt einem Erneuerungsprozess, der sowohl neue fachliche Impulse als auch einen sichtbar internationalen Ansatz verfolgt.

Nicht nur die Personalien sind bemerkenswert, sondern auch der strukturelle Umbau der Kommunikation

Bereits seit einiger Zeit ist die Zusammenführung von Marketing und Public Relations in einer zentralen Einheit fester Bestandteil der Mercedes-Strategie. Ziel ist es, an allen globalen und regionalen Kontaktpunkten einen konsistenten und hochwertigen Markenauftritt zu gewährleisten. Statt dezentraler oder gar widersprüchlicher Ansprache spricht Mercedes-Benz künftig mit einer Stimme – deutlich erkennbar im sogenannten One-Voice-Prinzip. Gleichzeitig bündelt die neue Organisation nicht nur die Entwicklung und Harmonisierung sämtlicher Marketing-Assets und -Kampagnen im zentralen Bereich Stuttgart, sondern setzt auch verstärkt auf personalisierte, datengesteuerte Kundenkommunikation. Die Zeiten, in denen die deutsche Pressearbeit getrennt von internationalen Kampagnen agierte, scheinen angesichts der weltweiten Aufstellung und den komplexen Anforderungen des Luxussegments passé.

Die neue Kommunikationsstrategie bleibt allerdings nicht ohne kritische Stimmen

Beobachter werten den veränderten Fokus auf Effizienz, Digitalisierung und datengetriebene Kommunikation einerseits als Zeichen für zukunftsweisenden Wandel, andererseits als Risiko, bei dem Markenpersönlichkeit und individuelle Medienbeziehungen auf der Strecke bleiben könnten. Gerade im deutschen Markt dürfte es entscheidend sein, dass die Balance zwischen globaler Markenidentität und lokaler Relevanz gewahrt bleibt. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass allzu zentralisierte Kommunikationsstrukturen mitunter an Flexibilität und mediensozialer Kompetenz verlieren. Demgegenüber steht der Anspruch der Stuttgarter, den internationalen Wettbewerb um die technologische und narrative Führungsrolle im Segment der Premium- und Luxusautomobile zu gewinnen.

Sascha Pallenberg, ehemals in der Digitalstrategie von Daimler tätig, kommentiert den aktuellen Wechsel bei der Mercedes-Kommunikation auf seinen Kanälen sehr pointiert. Ihm zufolge hat die Marke in den vergangenen Jahren vor allem auf kurzfristige Reichweite und Influencer-Auftritte gesetzt, dabei jedoch oft die Verbindung zur echten Kundenerfahrung aus den Augen verloren. Pallenberg sieht in der neuen Besetzung und der angekündigten Neuausrichtung nun das Potenzial, die Kommunikation hin zu mehr Substanz, Relevanz und Glaubwürdigkeit zu führen. Statt nur auf digitale Reichweite zu setzen, fordert er, dass Mercedes-Benz authentische Inhalte und technologische Stärken wieder stärker in den Mittelpunkt rücken sollte. In Blog und Podcast macht er deutlich, daß es hierfür mehr Dialogoffenheit und ein Abrücken von reiner Luxusinszenierung braucht. Pallenbergs Position steht beispielhaft für einen kritischen, faktenbasierten Umgang mit der Zukunft der Markenkommunikation – abseits reiner Marketingfloskeln.

Der strategische Wandel schlägt sich nicht zuletzt auch im Produktportfolio nieder

Für das Jahr 2025 stehen zentrale Modellneuheiten im Mittelpunkt: So wird etwa der neue Mercedes CLA zum Hoffnungsträger als Einstiegsmodell, nachdem die bisherigen Basismodelle der A- und B-Klasse ersatzlos entfallen sind. Der rein elektrische CLA 250+ mit EQ-Technologie startet ab knapp 55.900 Euro, während der leistungsstärkere CLA 350 4MATIC bei etwa 60.400 Euro liegt. Weitere Modelle mit Einstiegspreisen ab unter 46.500 Euro – gewerblich sogar unter 39.000 Euro netto – sollen folgen und sind für den Spätherbst angekündigt. Vor dem Hintergrund der schwankenden Nachfrage nach Elektromobilität plant Mercedes zudem Preisanpassungen im US-Markt, um den Absatz der EQ-Reihe zu beleben und auf die kommenden Steueranpassungen zu reagieren. Im Luxussegment bereichern künftig Modelle wie der Mercedes-Maybach SL 680 Monogram Series sowie ein zweites Facelift des Mercedes GLS das Portfolio. Mercedes positioniert sich damit weiterhin klar im gehobenen und Luxussegment, ein Schritt der mit der aktuellen Kommunikations- und Marketingstrategie eng verzahnt erscheint.

Innerhalb des Unternehmens markiert der Wandel in der Kommunikationsleitung dabei durchaus einen Umbruch: Schlüsselpersonen wie Katja Bott, bisherige Leiterin Global Communications, wechseln auf Führungsposten außerhalb des PR-Geschäfts – unter anderem als CEO zum Mercedes-Benz Customer Assistance Center im niederländischen Maastricht. Tobias Just wechselt in eine Leitungsposition im Vertrieb. Über die zukünftigen Aufgaben und die weitere Ausgestaltung dieser neuen Verantwortlichkeiten gibt der Konzern nach und nach Details bekannt. Hinter diesen Wechseln steht offensichtlich die Überzeugung, dass neue Anforderungen an PR und Marketing auch neue Köpfe und Kompetenzen erfordern. Die Neuausrichtung verzahnt Unternehmensstrategie, Produktentwicklung und Kommunikation stärker als bisher, während gleichzeitig Effizienz und Internationalisierung als Leitmotive betont werden.

Eine Zeit des Wandels mit weniger bling-bling und mehr Relevanz-Orientierung

Die vielfältigen personellen und inhaltlichen Veränderungen in der Kommunikationsarbeit von Mercedes spiegeln eine Zeit des Wandels wider, die weit über das übliche Stühlerücken hinausgeht. Sowohl für das Unternehmen selbst als auch für die Öffentlichkeit bleibt abzuwarten, inwieweit es gelingt, die traditionsreiche Marke mit Substanz und Innovation in eine neue Ära der Mobilität und Markenkommunikation zu führen – jenseits von Oberflächenpolitur und bloßen Marketingfloskeln. Die Weichenstellungen, die in Stuttgart und über die Landesgrenzen hinaus getroffen werden, dürften künftig nicht nur darüber entscheiden, wie Medien, Investoren und Kunden Mercedes-Benz wahrnehmen, sondern auch, ob das Unternehmen als Vorbild im Wandel der Industrie agiert – oder im Sog der eigenen Transformation die Balance zwischen Anspruch, Glaubwürdigkeit und Nähe verliert.