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Lenkung ohne Verbindung: ZF bringt Steer-by-Wire nach Europa – was bedeutet das für Fahrer und Hersteller?

Elektro-Flaggschiff ET9 der Marke Nio vermittelt mit modernem Steer-by-Wire-Systeme ein sehr präzises und natürliches Fahrgefühl - Bildnachweis: ZF

  

Steer-by-Wire von ZF: Wie die Lenkung der Zukunft das Autofahren verändert

Die Automobilwelt steht vor einem Umbruch, der weit über neue Antriebe hinausgeht. Mit der Einführung der Steer-by-Wire-Technologie von ZF rückt eine Entwicklung in den Mittelpunkt, die das Fahrerlebnis grundlegend verändern könnte. Während die Digitalisierung im Fahrzeugcockpit längst Einzug gehalten hat, bleibt die Lenkung für viele Autofahrer ein Bereich, in dem Mechanik und Fahrgefühl untrennbar verbunden erscheinen. Doch was, wenn das Lenkrad künftig nicht mehr mechanisch mit den Rädern verbunden ist? ZF, einer der weltweit führenden Zulieferer, bringt diese Vision ab 2026 in die Serienproduktion – und das erstmals auch für europäische Hersteller wie Mercedes-Benz.

Was ist Steer-by-Wire? Prinzip und Funktionsweise

Steer-by-Wire steht für die vollständige elektronische Übertragung von Lenkbefehlen. Das klassische Prinzip, bei dem das Lenkrad über Wellen und Zahnstangen direkt mit den Vorderrädern verbunden ist, wird durch Sensoren, Aktuatoren und Software ersetzt. Das bedeutet, dass die Lenkbewegung des Fahrers nicht mehr mechanisch, sondern rein elektrisch an die Räder weitergegeben wird. Ein zentrales Element ist dabei die sogenannte Torque-Feedback-Unit, die das natürliche Lenkgefühl simuliert und Rückmeldungen von der Fahrbahn an das Lenkrad zurückgibt. ZF setzt hier auf ein patentiertes „Twin Worm“-Konzept, das mit zwei separat ansteuerbaren Schneckenantrieben arbeitet. Dieses System ist nicht nur besonders kompakt, sondern auch redundant ausgelegt, was für die funktionale Sicherheit entscheidend ist.

Vorteile und Möglichkeiten: Dynamik, Sicherheit, Designfreiheit

Die Potenziale der Steer-by-Wire-Technologie sind vielfältig. Im Fahrbetrieb sorgt die variable, softwaregesteuerte Lenkübersetzung für ein spürbar präziseres und agileres Handling. Beim Rangieren oder Parken kann die Lenkung extrem direkt reagieren, während sie bei höheren Geschwindigkeiten für mehr Stabilität und Komfort sorgt. Für den Innenraum ergeben sich neue Freiheiten: Da keine mechanische Verbindung mehr durch den Motorraum geführt werden muss, können Cockpit und Lenkrad völlig neu gestaltet werden. Klappbare oder flache Lenkradformen sind ebenso denkbar wie mehr Platz für Passagiere. Auch die Geräuschentwicklung im Innenraum sinkt, da keine Welle mehr Schwingungen überträgt.

Ein weiterer entscheidender Punkt ist die Sicherheit. Das ZF-System erfüllt die höchste Stufe für funktionale Sicherheit (ASIL-D) und ist damit auch für hochautomatisierte Fahrfunktionen bis Level 4 und darüber hinaus geeignet. Während klassische Lenksysteme Assistenzsysteme bis Level 3 unterstützen, ermöglicht Steer-by-Wire die Umsetzung komplexer automatisierter Manöver, etwa automatisiertes Ausweichen bei Gefahrensituationen.

Herausforderungen und kritische Einordnung

Trotz der zahlreichen Vorteile wirft die Umstellung auf Steer-by-Wire auch Fragen auf. Die vollständige Abkehr von der mechanischen Verbindung bedeutet, dass die gesamte Lenkung auf die Zuverlässigkeit der Elektronik und Software angewiesen ist. Zwar setzt ZF auf umfangreiche Redundanzen, dennoch bleibt die Herausforderung, das System gegen Ausfälle abzusichern. Die Akzeptanz bei Fahrern dürfte ebenfalls ein Thema sein, denn das gewohnte Lenkgefühl entsteht nun künstlich. Wie überzeugend das simulierte Feedback tatsächlich ist, wird sich erst im Alltag zeigen. Erste Erfahrungen aus asiatischen Märkten, etwa mit dem Elektro-Flaggschiff ET9 der Marke Nio, deuten darauf hin, dass moderne Steer-by-Wire-Systeme ein sehr präzises und natürliches Fahrgefühl vermitteln können. Dennoch bleibt abzuwarten, wie europäische Kunden auf die neue Technologie reagieren werden.

EasyTurn: Wendigkeit neu definiert

Ein besonders spannender Aspekt ist die Kombination von Steer-by-Wire mit dem von ZF entwickelten EasyTurn-Achskonzept. Hierbei wird der maximale Einschlagwinkel der Vorderräder von 40 auf bis zu 80 Grad erhöht. Das Resultat: Der Wendekreis eines Mittelklassewagens kann von über zehn auf unter sieben Meter schrumpfen. Gerade im Stadtverkehr oder beim Beliefern enger Straßen ist das ein deutlicher Vorteil. In Verbindung mit einer aktiven Hinterachslenkung werden selbst große Limousinen oder Crossover-Modelle überraschend wendig. Diese technische Lösung könnte nicht nur für kompakte Stadtfahrzeuge, sondern auch für Lieferwagen und People Mover im urbanen Raum neue Maßstäbe setzen.

Wirtschaftliche Aspekte und Modellpreise

Die Einführung von Steer-by-Wire ist nicht nur eine technische, sondern auch eine wirtschaftliche Entscheidung. Für Hersteller bedeutet die Umstellung auf elektronische Lenkung eine höhere Flexibilität in der Produktion. Die Fahrcharakteristik kann künftig über Software angepasst werden, aufwendige mechanische Varianten für unterschiedliche Modelle entfallen. Das spart Entwicklungs- und Montagezeit und erleichtert die Skalierung auf verschiedene Märkte. Konkrete Preise für Fahrzeuge mit Steer-by-Wire stehen noch nicht fest, da die Technologie zunächst in Oberklassemodellen wie dem Mercedes EQS oder dem Nio ET9 eingeführt wird. Branchenkenner erwarten, dass der Aufpreis für das System in der Anfangsphase mehrere tausend Euro betragen dürfte. Mit zunehmender Verbreitung und Serienfertigung könnten die Kosten jedoch sinken und die Technologie auch in günstigeren Modellen Einzug halten.

Ausblick: Kommt jetzt die Revolution im Lenksystem?

Mit der geplanten Einführung von Steer-by-Wire in Serienfahrzeugen ab 2026 steht die Branche an der Schwelle zu einer neuen Ära. Die Technologie eröffnet nicht nur neue Möglichkeiten für Fahrzeugdesign, Sicherheit und Fahrdynamik, sondern ist auch ein wichtiger Baustein für das autonome Fahren. Gleichzeitig bleiben Fragen zur Langzeitzuverlässigkeit, zur Nutzerakzeptanz und zu den tatsächlichen Kosten offen. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob Steer-by-Wire den Durchbruch schafft und zum neuen Standard wird – oder ob die klassische mechanische Lenkung noch länger Bestand hat. Fest steht: Die Entwicklung ist in vollem Gange und ZF positioniert sich mit seiner Lösung als einer der Vorreiter auf diesem Gebiet.