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Mehr Reichweite durch Feinjustierung: Mercedes und die Kunst der Aerodynamik

Aerodynamik-Entwicklung bei Mercedes - Bildnachweis: Mercedes

Weniger Luftwiderstand, mehr Reichweite: Die stille Revolution bei Mercedes

Es ist fast unscheinbar, wenn ein Auto über die Autobahn gleitet und kaum Geräusche hinterlässt. Doch genau dieser Moment ist das Ergebnis jahrelanger Forschung und stiller Perfektionierung. Denn während Motoren, Batterien und digitale Anzeigen oft im Rampenlicht stehen, entscheidet eine Macht im Verborgenen ganz wesentlich über Effizienz, Reichweite und Komfort – der Wind.

Windkanal: Aerodynamik-Entwicklung bei Mercedes – Bildnachweis: Mercedes

Die Aerodynamik besitzt im Zeitalter der Elektromobilität eine neue Dringlichkeit. Während frühe Optimierungen noch unter dem Aspekt der Geschwindigkeit entwickelt wurden, geht es heute primär darum, aus jeder Kilowattstunde so viele Kilometer wie möglich herauszuholen. Ein cw-Wert, der nur um 0,01 besser ist, steigert die Reichweite auf längeren Strecken bereits um bis zu 2,5 Prozent. Für einen Fahrer mit 15.000 Kilometern Jahresleistung können so rechnerisch 375 zusätzliche Kilometer entstehen. Deshalb gilt: Wer den Luftwiderstand beherrscht, gewinnt nicht nur im Windkanal, sondern im Alltag.

Aerodynamik-Entwicklung bei Mercedes – Bildnachweis: Mercedes

Tradition und Technik: Von Rekordwagen bis Elektro-Avantgarde

Deshalb lohnt ein Blick zurück. Schon in den 1930er-Jahren suchte Mercedes den Wettstreit im Windkanal, baute Stromlinienwagen wie den 540 K oder Rekordfahrzeuge wie den W125, der 1938 unglaubliche 432,7 km/h auf öffentlicher Straße erreichte – eine Marke, die noch heute Bestand hat. Später legte das Unternehmen mit Modellen wie dem W124 oder der frühen CLA-Limousine nach, die 2013 als erstes Serienfahrzeug einen cw-Wert von 0,22 erreichte. Heute ist bei den E-Autos das Bild entscheidend gewandelt: Der EQS mit einem cw-Wert von 0,20 und das Forschungsprojekt Vision EQXX mit rekordverdächtigen 0,17 gelten als Benchmark der Branche.

Aerodynamik-Entwicklung bei Mercedes – Bildnachweis: Mercedes

Aber Rekorde allein erzählen die Geschichte nicht vollständig. Sie dokumentieren zwar das technologische Potential, aber im Alltag sind es kleine Verbesserungen an Rädern, Unterboden oder Spoilern, die den Unterschied ausmachen. Die Mercedes-Ingenieure haben gerade beim neuen CLA mit EQ-Technologie gezeigt, wie konsequent jedes Detail auf Effizienz getrimmt werden kann.

AAerodynamik-Entwicklung bei Mercedes – Bildnachweis: Mercedes

Beispiel CLA: Vom Rad bis zum Diffusor

Der vollelektrische CLA startet mit einem cw-Wert ab 0,21 in seiner Klasse nahezu konkurrenzlos. Möglich wird dies durch eine Vielzahl unscheinbarer Kniffe. Unter anderem wurde eine neue Bicolor-Vollblende für Leichtmetallräder eingeführt, die im Windkanal bis zu 15 cw-Punkte Verbesserung gegenüber herkömmlichen Rädern brachte. Selbst der Unterboden ist nahezu komplett geschlossen und die Federlenker verkleidet, während an der Hinterachse eine feststehende Abdeckung jede Strömungsstörung verhindert. Auffällig ist auch die Liebe zum Detail am Heck: Weil eine nachträglich montierte Anhängerkupplung den Luftstrom verändert, liefert Mercedes gleich zwei Diffusor-Varianten, um Effizienzverluste zu vermeiden.

Aerodynamik-Entwicklung bei Mercedes – Bildnachweis: Mercedes

Deshalb darf man durchaus fragen, ob dieser Aufwand im Alltag spürbar ist. Kritisch betrachtet profitieren Fahrer vor allem auf der Autobahn, wo Luftwiderstand den Löwenanteil der Fahrenergie bestimmt. Bei Stadtfahrten ist der Effekt geringer. Auch bleibt offen, inwieweit die komplexe Technik – etwa voll verkleidete Bauteile – langfristig robust bleibt und wie sich Reparaturkosten entwickeln.

Mehr als Reichweite: Komfort und Sicherheit

Aber Aerodynamik ist nicht nur eine Frage von Kilometern pro Akkuladung. Geringere Windgeräusche erhöhen den Komfort auf langen Strecken. Strömungsoptimierte Außenspiegel oder A-Säulen verhindern störende Pfeiftöne und steigern die Verständlichkeit im Innenraum. Mercedes arbeitet hier nicht nur mit klassischen Schalldruckmessern, sondern sogar mit psychoakustischen Tests, bei denen Probanden die wahrnehmbaren Unterschiede einstufen. Ziel ist ein Innenraum, der möglichst frei von störenden Frequenzen bleibt – ein Qualitätsmerkmal, das im Premiumsegment zunehmend von Bedeutung ist.

Auch die Sicherheit profitiert. Sauber umströmte Scheiben und Spiegel behalten länger die Sicht frei, während Detailmaßnahmen an Spiegelgehäusen oder Türrahmen verhindern, dass Regenwasser ungünstig abläuft. Nicht zuletzt widmen sich die Aerodynamiker bei Cabriolets dem sogenannten Zugfreihaltungskomfort, also dem minimierten Luftzug im Innenraum. Systeme wie der bekannte Aircap oder die Nackenheizung Airscarf sind sichtbare Ergebnisse dieser eher unsichtbaren Wissenschaft.

Forschung unter Laborbedingungen: Windkanäle als Stillarbeiter

Dass all dies keine Zufallsprodukte sind, zeigt ein Blick auf die aufwändigen Versuchs- und Messeinrichtungen. Im Entwicklungszentrum Sindelfingen arbeitet ein riesiger Aeroakustik-Windkanal, der bei Windgeschwindigkeiten von 250 km/h immer noch präzise Ergebnisse liefert. Zusammen mit dem traditionsreichen „Großen Windkanal“ in Untertürkheim, dessen Geschichte bis ins Jahr 1943 zurückreicht, entsteht ein ausgereiftes Testfeld, in dem Geräuschmessungen, Strömungsanalysen und selbst Verschmutzungstests möglich sind. Während andere Hersteller mit aufwendigen Outdoor-Versuchen unterwegs sind, finden viele Szenarien hier kontrolliert statt – vom arktischen Schneesturm bis zur trockenen Sahara-Hitze.

Historische Linie und Bedeutungswandel

Die Geschichte verdeutlicht, welche Verschiebung stattgefunden hat. Während die Pionierjahre von Geschwindigkeit und Rekorden geprägt waren, ist heute der Alltag wichtiger. Aus dem Streben nach Weltrekorden wurde die Suche nach Effizienzrekorden. Konkret bedeutet das: weniger Verbrauch bei gleich hohem Fahrkomfort. Trotzdem bleibt der Wettbewerb um den besten cw-Wert eine Art traditionelles Kräftemessen, bei dem sich Mercedes, Tesla und andere Hersteller regelmäßig überbieten.

Deshalb wirkt die Aerodynamik heute fast wie die unsichtbare Marke im Premiumsegment. Wer die Strömung beherrscht, verkauft keine Werte auf dem Papier, sondern reale Alltagserfahrungen – sei es leiser Innenraum, stabile Spurtreue bei Seitenwind oder eben zusätzliche Reichweite. Dennoch bleibt die Frage offen, ob Kunden diese Vorteile bewusst wahrnehmen oder ob sie erst im Fahralltag spürbar verstanden werden.