Multivan und California: Produktion der weiterentwickelten Modelle startet bei Volkswagen Nutzfahrzeuge in Hannover - Bildnachweis: VWN / Volkswagen
Zeitenwende in Hannover: Wie Volkswagen den Multivan und California neu positioniert
Die Automobilindustrie erlebt derzeit einen tiefgreifenden Wandel, bei dem veränderte Fertigungskonzepte und hochkomplexe Antriebsarchitekturen zusammentreffen. Kaum ein Fahrzeug verkörpert diesen Spagat zwischen gewerblichem Nutzen, alltäglicher Flexibilität und freizeitorientierter Autarkie so konsequent wie der Bulli aus Hannover. Mit dem Produktionsstart der weiterentwickelten Modellreihen von Multivan und California im Hauptwerk Hannover-Stöcken schlägt Volkswagen Nutzfahrzeuge ein neues Kapitel auf. Was auf den ersten Blick wie ein gewöhnliches Facelift wirkt, offenbart bei genauerer Betrachtung sowohl eine umfassende fertigungslogistische Restrukturierung als auch eine markante technische Evolution der Plattform.
Deshalb richtet sich das Interesse der Fachwelt nicht nur auf die optischen Modifikationen der Fahrzeugfront, sondern vor allem auf die tiefgreifenden Anpassungen unter dem Blechkleid. Die Modelle basieren weiterhin auf der Modularen Querbaukasten-Architektur, erfahrne jedoch eine spürbare Aufwertung in den Bereichen Fahrassistenz, Infotainment und vor allem beim Plug-in-Hybridantrieb. Dennoch wirft die zunehmende Technologisierung Fragen bezüglich Fahrzeuggewicht, Alltagstauglichkeit und Preisgestaltung auf, denen sich der Hersteller stellen muss.

Fertigungsstrategie: Der Umzug von Limmer nach Stöcken
Ein zentraler Aspekt der Modellpflege betrifft die Konsolidierung der Produktionsstandorte. Seit August wird das Reisemobil California erstmals vollständig auf den Hauptmontagelinien im Werk Hannover-Stöcken gefertigt. Bislang war die Produktion des beliebten Campers organisatorisch und geografisch getrennt. Während das Basisfahrzeug in Stöcken montiert wurde, erfolgte der aufwendige Reisemobilausbau im etwa 8 Kilometer entfernten Werk Hannover-Limmer. Dort bauten rund 600 Mitarbeiter der Volkswagen Group Services seit dem Jahr 2004 das Aufstelldach, die Küchenzeilen und die Schrankmodule ein. In zwei Jahrzehnten verließen mehr als 200.000 California-Modelle die Hallen im Stadtteil Limmer.
Aber der Transport der Rohkarosserien zwischen den beiden Standorten verursachte erhebliche logistische Aufwände und verlängerte die Durchlaufzeiten im Fertigungsprozess. Die Zusammenführung der kompletten Fahrzeugmontage und des Ausbaus an einem einzigen Standort ermöglicht nun eine wesentlich engere Verzahnung der Produktionsabläufe. Dies sichert eine durchgängige Qualitätssicherung direkt an der Linie und steigert die Gesamteffizienz des Werks. Der Standort Hannover, der im Jahr 2026 sein 70-jähriges Bestehen feiert und auf eine Historie von fast 11 Millionen produzierten Fahrzeugen zurückblickt, festigt damit seine Rolle als Leitwerk der Marke. Neben dem Multivan und dem California läuft dort auch der vollelektrische ID. Buzz vom Band, was den Standort schrittweise in eine hochmoderne Multimarken-Fabrik verwandelt.
Deshalb baut Volkswagen auf ein solides Fundament. Der Multivan verzeichnete im Jahr 2025 mit 38.700 an Kunden ausgelieferten Einheiten ein Rekordjahr, was einem Plus von 31 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Diese steigende Nachfrage soll durch die optimierten Produktionskapazitäten in Stöcken effizienter bedient werden.
Antriebstechnik: Der eHybrid 4Motion im Detail
Das technische Highlight der weiterentwickelten Modellreihen ist der eHybrid 4Motion. Dieses Plug-in-Hybrid-System kombiniert einen Teilzeit-Elektroantrieb mit einem Allradsystem und entwickelt eine Systemleistung von 180 kW, was umgerechnet 245 PS entspricht, sowie ein maximales Systemdrehmoment von 350 Nm. An der Vorderachse kommt ein 1,5 Liter großer Vierzylinder-Turbobenziner der Baureihe TSI evo2 zum Einsatz, der eine Leistung von 130 kW beziehungsweise 177 PS sowie ein Drehmoment von 250 Nm bereitstellt. Dieser Verbrennungsmotor wird durch eine im Getriebegehäuse integrierte Permanentmagnet-Synchronmaschine unterstützt, die 85 kW beziehungsweise 115 PS leistet und bis zu 330 Nm Drehmoment abgibt. Die Kraftübertragung an die Vorderräder übernimmt ein speziell entwickeltes 6-Gang-Doppelkupplungsgetriebe.
Aber die Besonderheit dieser Antriebsarchitektur liegt an der Hinterachse. Dort verbaut Volkswagen einen zweiten, vollkommen separat arbeitenden Elektromotor mit einer Leistung von 100 kW, was 136 PS entspricht. Da keine mechanische Kardanwelle den vorderen Motorraum mit den Hinterrädern verbindet, erfolgt die Steuerung des Allradantriebs rein elektronisch über die zentralen Fahrzeugsteuergeräte. Binnen Millisekunden kann die hintere E-Maschine zugeschaltet werden, um Traktionsverluste auf rutschigem Untergrund oder nassen Campingplatz-Wiesen auszugleichen.
Gespeist wird das Gesamtsystem aus einer flüssigkeitsgekühlten Lithium-Nickel-Mangan-Kobalt-Batterie mit einer Nettokapazität von 19,7 kWh, die Platz sparend unter den Vordersitzen im Fahrzeugboden integriert ist. Nach dem WLTP-Prüfverfahren ermöglicht dieser Energiespeicher eine rein elektrische Reichweite von bis zu 87 bis 95 Kilometern. Rein elektrisch bewegt sich der Bulli mit einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu 130 km/h, während im kombinierten Hybridmodus eine Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h erreicht wird.
Ladeinfrastruktur und Energieverwaltung im Camper
Deshalb haben die Ingenieure auch das Ladesystem grundlegend überarbeitet, um die Nutzbarkeit des Steckdosen-Hybrids im Alltag deutlich zu verbessern. Während das Vorgängersystem beim Wechselstrom-Laden auf eine Phase und bescheidene 3,6 kW beschränkt war, unterstützt die neue Leistungs-Elektronik nun dreiphasiges AC-Laden an der Wallbox mit bis zu 11 kW. Damit lässt sich der leere Akku in etwa 150 Minuten vollständig aufladen. Für Reisen auf der Langstrecke ist jedoch die Implementierung der DC-Schnellladefunktion über den CCS-Ladeanschluss an der rechten Fahrzeugseite von wesentlicher Bedeutung. Unter idealen Bedingungen erreicht das System an Schnellladesäulen eine Ladeleistung von bis zu 50 kW. Ein Ladevorgang von 10 auf 80 Prozent Kapazität dauert somit knapp 26 Minuten.
Aber ein Reisemobil stellt vollkommen andere Anforderungen an das Bordnetz als ein gewöhnlicher Pkw. Im California eHybrid 4Motion kommt daher eine Dreiteilung der Batteriearchitektur zum Tragen. Neben der 19,7 kWh fassenden Hochvoltbatterie für den Fahrantrieb verfügt der Wagen über eine 12-Volt-Starterbatterie für die Aktivierung der Steuergeräte sowie eine separate 12-Volt-Campingbatterie mit einer Kapazität von 0,8 kWh für den Wohnbereich. Über diese Bordbatterie werden Kühlbox, Beleuchtung und USB-Ladebuchsen versorgt, wenn das Fahrzug parkt.
Ein echter Mehrwert für Reisende ist die elektrische Standklimatisierung. Sie nutzt die Energie der Hochvoltbatterie, um den Innenraum beim Parken, Laden oder Campen bis zu 8 Stunden lang elektrisch zu kühlen, zu belüften oder zu beheizen. Ist das Fahrzeug an das Stromnetz angeschlossen, schaltet sich die Klimatisierung nicht ab. Für die kalte Jahreszeit rüstet Volkswagen den California Ocean eHybrid zudem serienmäßig mit einer klassischen, kraftstoffbetriebenen Luftstandheizung aus, die direkt aus dem 45 Liter fassenden Kraftstofftank gespeist wird und unbegrenzten Heizbetrieb ermöglicht.
Konventionelle Antriebe und Karosserievarianten
Deshalb bleiben neben dem innovativen Hybridantrieb auch klassische Verbrennungsmotoren im Programm, die sich vor allem an Langstreckenfahrer und Fuhrparkbetreiber richten. Den Einstieg bei den konventionellen Aggregaten bildet der bewährte 2,0 Liter Turbodiesel TDI mit einer Leistung von 110 kW beziehungsweise 150 PS und einem maximalen Drehmoment von 360 Nm. Ebenfalls erhältlich ist ein 2,0 Liter Turbobenziner TSI mit 150 kW beziehungsweise 204 PS. Beide Verbrenner sind ausschließlich mit Frontantrieb kombiniert und übertragen ihre Kraft über ein 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe an die Vorderräder. Der eHybrid 4Motion bleibt somit die einzige Möglichkeit, den Multivan oder California mit Allradantrieb zu bestellen.
Beide Modellreihen stehen weiterhin in zwei Karosserielängen zur Wahl, wobei der Radstand von 3.124 mm bei beiden Varianten identisch bleibt. Die Gesamtlänge beträgt 5.173 mm, die Fahrzeugbreite liegt bei 1.941 mm ohne Außenspiegel. Mit einer Gesamthöhe von 1.972 mm bei geschlossenem Aufstelldach bleibt der California tiefgaragentauglich, was im Segment der kompakten Reisemobile ein wichtiges Kaufkriterium darstellt.
Optisch sticht die neu gestaltete Frontpartie unterhalb der Motorhaube ins Auge. Die LED-Scheinwerfer wurden vergrößert und bieten eine wesentlich höhere und homogenere Straßenausleuchtung des Vorfelds sowie ein breiteres Lichtfeld bei Kurvenfahrten. Der neu geformte Stoßfänger unterstreicht durch zwei horizontale Lufteinlässe und eine in Wagenfarbe lackierte Zwischenfläche die Breite des Fahrzeugs. Das Farbprogramm umfasst 16 Lackierungen, darunter neue Bi-Color-Varianten wie Candy Weiß in Kombination mit Sunset Red Metallic für das Sondermodell Generation sowie erstmals die Mattlackierung Indiumgrau Matt.
Cockpit-Ergonomie und Assistenzsysteme
Große Veränderungen prägen auch das Innenraumdesign. Die neu entwickelte Schalttafel verfügt über hochwertige Oberflächenstrukturen und eine eingearbeitete Ziernaht. Das Digital Cockpit bietet drei verschiedene Darstellungsmodi, die sich direkt über die Taste am Multifunktionslenkrad umschalten lassen. Zentral auf der Mittelkonsole befindet sich das freistehende Touchdisplay des Infotainmentsystems mit einer Bildschirmdiagonale von 12,9 Zoll beziehungsweise 32,8 Zentimetern. Darunter sind beleuchtete Touchslider für die Justierung der Lautstärke und der Innenraumtemperatur angebracht.
Aber auch der Sitzkomfort und die Variabilität wurden überarbeitet. Erstmals sind die optionalen AGR ErgoComfort Sitze mit Memory- und Massagefunktion auch für den Beifahrersitz bestellbar. Für den Multivan gibt es zudem eine neue achtsitzige Vis-à-Vis-Konfiguration, bei der sich im Fond jeweils zwei Dreierreihen gegenüberstehen. Auf Wunsch stehen nun dunkle ArtVelours- und Leder-Innenausstattungen inklusive dunklem Dachhimmel zur Auswahl, was die Schmutzempfindlichkeit im Alltag reduziert.
Bei den Fahrerassistenzsystemen hält die neueste Generation des Travel Assist Einzug. Das System beinhaltet nun eine integrierte Ampelerkennung sowie eine Funktion für den assistierten Spurwechsel auf mehrspurigen Straßen. Sollte der Fahrer aufgrund eines medizinischen Notfalls nicht mehr reagieren können, übernimmt der Emergency Assist das Kommando, bringt das Fahrzeug kontrolliert auf dem Randstreifen zum Stehen und setzt einen automatischen Notruf ab.
Transparenz beim Preisgefüge
Deshalb erfordert der Blick auf die Preisliste eine nüchterne Betrachtung, denn die technologische Aufrüstung schlägt sich deutlich in den Anforderungsprofilen für die Geldbörse der Käufer nieder. Der Einstieg in die Modellreihe erfolgt über den Multivan Trend mit dem 150 PS starken TDI-Motor zu einem Nettopreis von 48.290 Euro, was inklusive 19 Prozent Mehrwertsteuer exakt 57.465 Euro brutto entspricht.
Wer mehr Komfort wünscht, greift zu höheren Ausstattungslinien. Der Multivan Life beginnt bei circa 61.142 Euro brutto, während die sportlicher orientierte Variante Edition ab 64.075 Euro geführt wird. Das neue Sondermodell Generation schlägt mit mindestens 66.402 Euro zu Buche. Die Topausstattung Multivan Style markiert mit 69.763 Euro brutto das obere Ende des regulären Pkw-Angebots.
Aber das Freizeitmobil California fordert traditionell noch höhere Investitionen. Die Basisausführung California Beach startet als Frontantrieb-Diesel bei 55.535 Euro netto beziehungsweise 66.087 Euro brutto. Entscheidet man sich für den technisch anspruchsvollen eHybrid 4Motion Allradantrieb im California Beach Camper, klettert der Grundpreis auf knapp 84.878 Euro brutto. Die voll ausgestattete Spitzenversion California Ocean eHybrid 4Motion mit integrierter Küchenzeile, Doppelkochfeld und elektrohydraulischem Aufstelldach knackt je nach gewählten Optionen mühelos die Grenze von 94.704 Euro und erreicht in Vollausstattung Werte von bis zu 99.574 Euro brutto.
Technische Evaluation: Gewicht, Effizienz und Praxisnutzen
Deshalb ist eine kritische Würdigung der technischen Daten unerlässlich, um das Fahrzeugkonzept neutral einzuordnen. Das Zusammenspiel der drei Motoren im eHybrid 4Motion überzeugt in der Fahrpraxis durch beeindruckende Laufruhe und kraftvollen Antritt aus dem Stand. Die rein elektrische Reichweite von rund 90 Kilometern deckt das typische Nutzungsprofil täglicher Pendelstrecken ab, und das 50 kW Schnellladen hebt den Nutzwert auf langen Urlaubsfahrten spürbar an.
Aber die physikalischen Grenzen lassen sich auch von den Ingenieuren in Hannover nicht gänzlich aufheben. Der Einbau des 19,7 kWh Akkus, des zweiten Elektromotors an der Hinterachse sowie der aufwendigen Lade-Elektronik treibt das Leergewicht massiv in die Höhe. Ein fahrbereiter California eHybrid 4Motion wiegt inklusive Ausbau und Fahrer knapp 2.650 Kilogramm. Bei einem zulässigen Gesamtgewicht von 2.850 bis 2.980 Kilogramm verbleibt eine nutzbare Zuladung von lediglich 330 bis 400 Kilogramm. Wenn vier Erwachsene mit Gepäck, gefülltem Frischwassertank und Fahrrädern verreisen möchten, wird das zulässige Gesamtgewicht schnell überschritten.
Ein weiterer kritischer Punkt ist die Effizienz bei entladener Batterie. Ist der Stromspeicher auf langer Strecke aufgebraucht, muss der kompakte 1,5 Liter Benziner das schwere Fahrzeug allein anschieben. Der WLTP-Kraftstoffverbrauch bei entladener Batterie liegt dann zwischen 7,4 und 8,2 Litern auf 100 Kilometer. Wer das Fahrzeug nicht regelmäßig an der Ladesäule nachlädt, schleppt das Totgewicht der Elektrokomponenten ohne nennenswerten Verbrauchsvorteil über die Autobahn.
Ausblick
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Produktionsstart der überarbeiteten Modelle in Hannover-Stöcken einen konsequenten Schritt darstellt. Die Werkskonsolidierung bringt deutliche Effizienzvorteile in der Fertigungslogistik und stärkt den deutschen Produktionsstandort im harten Konzernwettbewerb. Die harte Diskussion um eine Standortschliessung steht dennoch im Raum. Mit dem eHybrid 4Motion bietet Volkswagen Nutzfahrzeuge ein hochmodernes, technisch faszinierendes Antriebskonzept an, das die Lücke zwischen Elektroauto und Allrad-Camper gekonnt schließt. Dennoch verlangen das hohe Fahrzeuggewicht, die knappen Zuladungsreserven und die ambitionierte Preisgestaltung von den Kunden Kompromissbereitschaft. Der Multivan und der California bleiben faszinierende Werkzeuge für Familie und Freizeit, haben sich jedoch endgültig im Premiumsegment festgesetzt.

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