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MG4 Urban: Mit mehr Radstand und neuen LFP-Akkus in die Stromer-Zukunft

MG4 Urban - Bildnachweis: MG Motor UK

 

MGs strategischer Ausbau der 4er-Reihe

Ein Auto, das gleichzeitig wächst und im Preis sinkt, widerspricht eigentlich den ehernen Gesetzen der Automobilindustrie, doch genau dieses Kunststück versucht MG nun mit der Einführung des MG4 Urban zu vollbringen. Während die etablierte Konkurrenz aus Wolfsburg oder Paris oft mit komplexen Preisstrukturen und Aufpreislisten kämpft, schlägt die chinesische Marke mit britischen Wurzeln einen Weg ein, der vor allem durch pragmatische Vielseitigkeit und eine aggressive Preisgestaltung besticht. Mit dem Marktstart im Vereinigten Königreich zeichnet sich eine Entwicklung ab, die auch für den deutschen Markt eine Zäsur bedeuten könnte, denn der MG4 Urban ist nicht einfach nur eine weitere Ausstattungsvariante, sondern eine eigenständige Karosserieform mit signifikantem Mehrwert beim Platzangebot.

MG4 Urban – Bildnachweis: MG Motor UK

Karosserie und Raumkonzept: Wenn Kompaktwagen über sich hinauswachsen

Der erste Blick auf die technischen Daten offenbart eine interessante Verschiebung der Dimensionen. Während der herkömmliche MG4 EV mit einer Länge von 4287 Millimetern fest im klassischen C-Segment verankert ist, legt der neue MG4 Urban deutlich zu. Mit einer Gesamtlänge von 4395 Millimetern überragt er das Basismodell um satte elf Zentimeter. Dieser Zuwachs ist kein bloßes Resultat voluminöserer Stoßfänger, sondern spiegelt sich auch in einem um fünf Zentimeter verlängerten Radstand von nun 2750 Millimetern wider. In der Fahrpraxis bedeutet dies vor allem für die Passagiere im Fond einen spürbaren Gewinn an Kniefreiheit, was den Wagen näher an das Komfortniveau der Mittelklasse rückt. Aber auch in der Höhe hat der Urban zugelegt und misst nun 1549 Millimeter, was im Vergleich zum Standardmodell ein Plus von drei Zentimetern bedeutet.

MG4 Urban – Bildnachweis: MG Motor UK

Besonders eindrucksvoll liest sich die Statistik beim Gepäckraum. Der MG4 Urban bietet ein Volumen von 577 Litern, das sich durch Umklappen der Rücksitze auf bis zu 1.364 Liter erweitern lässt. Ein entscheidender Faktor ist hierbei ein spezielles Unterbodenfach mit einem Fassungsvermögen von 98 Litern, das den Stauraum effizient strukturiert. Im direkten Vergleich zum normalen MG4, der lediglich 388 bis 1.164 Liter zur Verfügung stellt, positioniert sich der Urban damit als das deutlich praktischere Fahrzeug für Familien oder Nutzer mit erhöhtem Transportbedarf. Es bleibt abzuwarten, ob die gewachsenen Dimensionen die Agilität des Fahrzeugs beeinflussen, doch der Fokus liegt hier klar auf der Nutzbarkeit im Alltag.

Antrieb und Batterie: Effizienz trifft auf neue Speichertechnologien

Unter dem Blech des MG4 Urban und der überarbeiteten MG4 EV-Modelle vollzieht sich ein Technologiewechsel, der die Spreu vom Weizen trennt. MG setzt nun verstärkt auf unterschiedliche Zellchemien, um spezifische Kundenbedürfnisse abzudecken. Die Basis bildet beim herkömmlichen MG4 EV in der Long Range Premium-Version künftig eine Lithium-Eisenphosphat-Batterie (LFP) mit einer Netto-Kapazität von 61,7 Kilowattstunden. Diese Entscheidung ist technisch höchst interessant, da LFP-Akkus als robuster gegenüber häufigen Vollladungen gelten und ohne das umstrittene Kobalt auskommen. Trotz der etwas geringeren Energiedichte im Vergleich zu NMC-Speichern überzeugt diese Variante durch eine beachtliche Ladeperformance.

MG4 Urban – Bildnachweis: MG Motor UK

Mit einer maximalen DC-Ladeleistung von 154 Kilowatt benötigt der LFP-Speicher nur 25 Minuten, um von zehn auf 80 Prozent geladen zu werden. Dies entspricht einer rechnerischen Ladegeschwindigkeit von 1,7 Kilowattstunden pro Minute. In der Praxis bedeutet das, dass pro Minute Ladezeit Strom für etwa 12,7 Kilometer Reichweite nachgetankt wird, sofern die Ladesäule die volle Leistung bereitstellt. Die Reichweite nach WLTP wird für diese Version mit 452 Kilometern angegeben, was für die meisten Anwendungsszenarien absolut ausreichend ist. Der kombinierte Verbrauch von 17,6 Kilowattstunden auf 100 Kilometer zeigt jedoch, dass die Aerodynamik des kompakten Stromers bei höheren Geschwindigkeiten ihren Tribut fordert.

Die Langstrecken-Option: Mehr Energie, aber langsameres Laden

Für Kunden mit höherem Aktionsradius bietet MG die Extended Range Premium-Version an. Hier kommt ein Nickel-Mangan-Cobalt-Akku (NMC) mit einer Netto-Kapazität von 74,4 Kilowattstunden zum Einsatz. Die Reichweite steigt dadurch auf beachtliche 545 Kilometer, was den MG4 in die Spitzengruppe seiner Klasse befördert. Aber der Blick auf die Ladekurve dämpft die Euphorie ein wenig. Trotz der größeren Kapazität sinkt die maximale Ladeleistung auf 144 Kilowatt, und der Ladevorgang von zehn auf 80 Prozent nimmt nun 40 Minuten in Anspruch. Das resultiert in einer Nachladegeschwindigkeit von lediglich 9,5 Kilometern Reichweite pro Minute.

Deshalb muss man sich als Käufer genau überlegen, ob der größere Akku den Zeitverlust an der Schnellladesäule wert ist. Wer primär Langstrecken fährt, profitiert zwar von den zusätzlichen 100 Kilometern Reichweite, steht aber bei jedem Ladestopp deutlich länger. Der Heckantrieb leistet in dieser Konfiguration 180 Kilowatt, was den Wagen in 6,2 Sekunden auf Landstraßentempo beschleunigt. Die Höchstgeschwindigkeit wird bei 180 Kilometern pro Stunde elektronisch abgeregelt, was für deutsche Autobahnen einen soliden Wert darstellt, im internationalen Vergleich jedoch eher die Ausnahme im Segment der bezahlbaren Elektromobilität ist.

XPower: Die brachiale Spitze der Modellreihe

Am oberen Ende der Nahrungskette rangiert weiterhin der MG4 EV XPower mit Allradantrieb. Mit einer Systemleistung von 320 Kilowatt katapultiert sich der Wagen in nur 3,8 Sekunden aus dem Stand auf 100 Kilometer pro Stunde. Hier wird der 61,7 Kilowattstunden große NMC-Akku genutzt, der allerdings eine geringere Ladeperformance als die LFP-Variante aufweist. Mit einer Ladedauer von 30 Minuten für den Standardzyklus und einer WLTP-Reichweite von 405 Kilometern ist der XPower klar als Performance-Modell positioniert. Der Energieverbrauch ist mit 19,0 Kilowattstunden auf 100 Kilometer erwartungsgemäß der höchste im Portfolio, was bei der gebotenen Leistung kaum überrascht. Aber es bleibt die Frage, ob die Fahrwerksabstimmung mit dieser schieren Kraft in jeder Situation souverän umgehen kann, da das Grundlayout eher auf Komfort und Alltagstauglichkeit ausgelegt ist.

MG4 Urban – Bildnachweis: MG Motor UK

Das Cockpit: Digitale Evolution statt Revolution

Im Innenraum hat MG ebenfalls Hand angelegt und versucht, die Kritikpunkte der Vorgängermodelle auszumerzen. Das Instrumentendisplay hinter dem Lenkrad misst nun 10,25 Zoll und bietet vielfältige Konfigurationsmöglichkeiten, während der zentrale Touchscreen auf 12,8 Zoll angewachsen ist. Die Benutzeroberfläche wurde laut Hersteller übersichtlicher gestaltet, was im harten Testalltag noch zu beweisen sein wird. Elemente aus den größeren Modellen MGS5 und MGS6 halten Einzug und sollen die Qualitätsanmutung steigern. Die Materialwahl wirkt nun etwas wertiger, wenngleich in dieser Preisklasse natürlich weiterhin Hartplastik an weniger exponierten Stellen zu finden ist. Die Bedienung erfolgt weitgehend über den Bildschirm, was nicht jedem Puristen gefallen dürfte, aber dem aktuellen Zeitgeist entspricht.

Preisgestaltung und Marktpositionierung: Ein Schlagabtausch mit VW

Die Preisstruktur in Großbritannien lässt tief blicken. Der Einstieg in die Welt des MG4 EV beginnt bei 29.995 Pfund, was umgerechnet etwa 34.500 Euro entspricht. Dies stellt eine effektive Preissenkung dar, die MG durch Optimierungen in der Produktion und den Einsatz der günstigeren LFP-Technik realisiert. Der MG4 Urban soll sogar noch deutlich darunter starten, mit einem Einstiegspreis von 23.495 Pfund. In Deutschland wird das Preisgefüge vermutlich leicht darüber liegen, da hierzulande ein dreiphasiger 11-Kilowatt-Onboard-Lader als Standard erwartet wird, während in UK oft noch einphasige 7-Kilowatt-Lader verbaut werden.

Dennoch bleibt die Kampfansage an Volkswagen deutlich. Ein vergleichbarer ID.3 Pro wird in Deutschland zwar offiziell teurer gelistet, ist aber durch diverse Rabattaktionen oft für ähnliche Beträge zu haben. MG versucht jedoch, durch eine bessere Serienausstattung und die großzügigen Garantieversprechen zu punkten. Es ist eine Strategie, die darauf setzt, den Kunden durch ein überlegenes Preis-Leistungs-Verhältnis zu überzeugen, ohne dabei billig zu wirken. Ob der MG4 Urban mit seinem Fokus auf Nutzwert und den etwas geringeren Fahrleistungen tatsächlich den Weg nach Deutschland findet, ist noch nicht final bestätigt, aber angesichts des hiesigen Interesses an geräumigen Kompaktwagen höchst wahrscheinlich.

Ausblick auf den deutschen Markt

Mit der Diversifizierung der 4er-Reihe in den MG4 EV und den geräumigeren MG4 Urban reagiert die Marke geschickt auf die unterschiedlichen Lebensentwürfe der Kunden. Der MG4 EV bleibt der dynamische Allrounder, während der Urban die Lücke zum SUV-Segment schließt, ohne deren optische Wuchtigkeit zu übernehmen. Technisch bietet MG eine interessante Mischung, wobei besonders die LFP-Batterie mit ihrer hohen Ladegeschwindigkeit im Alltag überzeugen könnte. Die Extended Range-Version erkauft sich ihre Reichweite hingegen mit längeren Standzeiten am Schnelllader, was eine bewusste Entscheidung des Käufers erfordert.

Im März werden die ersten Linkslenker-Modelle für den europäischen Markt erwartet, und es ist davon auszugehen, dass MG auch die Nomenklatur vereinheitlicht. Die Bezeichnung MG4 Electric dürfte dann auch in Deutschland der globalen Bezeichnung MG4 EV weichen. Es bleibt ein spannender Wettbewerb in der Kompaktklasse, in dem MG nicht mehr nur der Herausforderer aus der zweiten Reihe ist, sondern mit validen technischen Daten und einem durchdachten Raumkonzept die etablierten Hersteller unter Druck setzt. Die Kombination aus gesteigertem Raumangebot beim Urban und optimierter Ladetechnik beim Standardmodell zeigt, dass die Lernkurve der Ingenieure steil nach oben zeigt.