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Mut zur Offenheit: Mercedes wagt das Viersitzer-G-Klasse Cabriolet

Die Mercedes G-Klasse Familie wächst: Anspruchsvolle Testfahrten beginnen - Bildnachweis: Mercedes

 

Mehr Luft als je zuvor: Offroad-Ikone wird offenherzig

Mit einem viertürigen Cabriolet bricht Mercedes zum ersten Mal radikal mit einem Tabu der Automobilbranche: Darf eine Offroad-Ikone tatsächlich so offenherzig sein, ohne sich selbst untreu zu werden? Die Gerüchte waberten bereits seit Monaten durch die Szene, nun ist es offiziell – die G-Klasse Familie bekommt eine Cabrio-Variante mit vier seitlichen Einstiegen und vollwertigem, elektrisch betätigtem Stoffverdeck. In einer automobilen Welt, in der meist nur Performance oder Digitalisierung die Diskurse bestimmen, will Mercedes mit diesem Modell nicht weniger als ein Statement setzen – und dafür sorgt die aufsehenerregende Form schon jetzt.

Die Mercedes G-Klasse Familie wächst: Anspruchsvolle Testfahrten beginnen – Bildnachweis: Mercedes

Ein neues Kapitel G-Klasse

Die G-Klasse zählt zu den wenigen Allradler-Legenden, deren Form über Jahrzehnte fast unverändert zur Ikone gereift ist. Doch der Anspruch, weltweit begehrte Luxus-SUVs auch für Individualisten attraktiv zu halten, verlangt radikale Innovationen. Deshalb schickt Mercedes die viertürige Cabrio-Version aktuell auf ausgedehnte Testfahrten. Erste Prototypen nehmen anspruchsvolle Etappen unter realen Bedingungen unter die Lupe. Dies sowohl im urbanen Umfeld als auch auf Teststrecken und bald, wie zu erfahren ist, in winterlicher Skandinavien-Kulisse. Offen bleibt jedoch noch, wie weit sich das Fahrerlebnis tatsächlich von einem konventionellen G unterscheidet. Während Pressemitteilungen eine „fortgeschriebene Ikone“ preisen, wirkt der Schritt zur vollen Cabrio-Offenheit eher mutig als traditionsbewusst: Die G-Klasse war bisher der Inbegriff geschlossener Stabilität.

Technik und Entwicklung im Blick

Technisch bleibt der Wagen erwartungsgemäß auf dem für die G-Klasse typischen Niveau. Der markante Leiterrahmen bildet weiterhin das Sicherheitsfundament, das bereits seit dem Ursprung der Baureihe als Garant für extreme Karosseriesteifigkeit und Geländegängigkeit gilt. Mercedes betont, dass keine Abstriche beim Chassis gemacht wurden. Das elektrische Stoffverdeck ist mehrfach verstärkt und integriert sich in die Fahrzeugarchitektur, ohne Kompromisse bei Torsionssteifigkeit und Insassensicherheit. Kritische Beobachter werden allerdings spätestens nach den Wintertests in Schweden genauer hinsehen, wie sich das Cabrio gegen widrige Bedingungen schlägt. Die Fahrzeuge erleben eisige Temperaturen, verschneite Pisten und den Langzeittest auf abgelegenen Forstwegen.

Die Mercedes G-Klasse Familie wächst: Anspruchsvolle Testfahrten beginnen – Bildnachweis: Mercedes

Aber darf eine viertürige G-Klasse als Cabrio auch emotional überzeugen? Die silikongepolsterten Verdecktunnels und die neuen Verstrebungen seitlich und im Unterboden sollen das unverkennbare G-Klasse-Gefühl wahren und das Fahrzeug nicht zu flattrig wirken lassen. Doch zeigt die Erfahrung, dass selbst premium-gepolsterte Verdecke keine vollständige Dämmung gegen Windgeräusche und Temperaturschwankungen bieten. Der Alltagseinsatz in Deutschland, mit herbstlichen Schauern von der Nordsee bis zu dichtem Winterregen im Alpenvorland, wird zur Bewährungsprobe auf realem Terrain.

Design und Exterieur: Charakter bewahrt?

Die Formgebung des G-Klasse Cabriolets bleibt fast unberührt und unterstreicht, wie stark Mercedes an der DNA der Baureihe festhält. Dennoch muss sich das Modell vielen Erwartungen stellen: Zum einen hat der exklusive zweisitzige Vorläufer, das „Final Edition Cabrio“ der Baureihe W463, längst Kultstatus erreicht und wird von Sammlern gesucht. Nun erweitert sich das Angebot um eine neue Fahrzeuglänge, deutlich mehr Alltagsnutzen und kompromisslosen Auftritt: Vier Türen, massige Scharniere, aufwendige Abdichtung und markante Türgriffe signalisieren Alltagstauglichkeit, während die Grundproportionen der G-Klasse offenkundig erhalten bleiben. Ein mutiger Designschritt ist das große, vollständig elektrische Stoffverdeck, das in weniger als 20 Sekunden lautlos öffnet und schließt. Die passgenaue Integration ins Dach und die hoch gezogenen Flankenkanten lassen trotz der Offentheit wenig Einwände in Sachen Regenschutz zu. Auffällig ist jedoch die leicht bulligere Frontgestalltung mit breiterem Kühlergrill und polierten Details, die sich optisch an den AMG-Modellen orientiert. Ein Stilzugeständnis an das Zeitgeist-affine Publikum.

Innenraum: Komfort neu inszeniert

Im Innenraum werden bewährte G-Klasse-Materialien und Designelemente weitergeführt. Querverstrebungen bedrängen weder den Einstieg noch beeinträchtigen sie das Raumgefühl. Fahrer und Beifahrer erleben ein Cockpit, das mit digitaler Vernetzung, intuitiver Bedienung und edlen Materialien spielt. Hinzu kommen Klimaautomatik, Sitzheizung für alle vier Plätze und optionale Ausstattungen wie Ledersitze und ein hauseigenes Burmester-Soundsystem. Ein Alkantara-verkleideter Überrollschutz rundet die Sicherheitsausstattung ab, wobei sämtliche Airbags – inklusive Kopfairbags – auch auf die spezielle Cabrioarchitektur hin angepasst wurden. Mercedes will dadurch einen Spagat leisten zwischen gehobenem G-Luxus und einem Originalgefühl offener Mobilität. Dennoch bleibt abzuwarten, ob diese Balance in der Praxis Bestand hat, oder ob Hardcore-G-Fans einen Verlust der Puristik befürchten müssen.

Fahrdynamik und Antriebskonzept

Eine der meistdiskutierten Fragen betrifft die Motorisierung. Zwar hält sich Mercedes offiziell noch bedeckt, doch Branchenhinweise sprechen von modernisierten Sechszylindern und optional elektrifiziertem Antriebsstrang. Denkbar ist der Einbau des aktuellen G 450 d Mildhybrid oder das Aggregat aus dem G 500 mit rund 449 PS. Auch AMG-typische V8-Motoren stehen im Raum, allerdings könnte die Cabrio-Variante zunächst auf extreme Motorisierungen verzichten, um Stabilität und Sicherheit nicht zu kompromittieren. Die neu entwickelte Fahrwerksabstimmung trägt den veränderten Karosserieschwerpunkten Rechnung und verspricht laut den Entwicklern, das gewohnte Maß an Offroad-Kompetenz der G-Klasse auch als Cabrio zu erhalten. Ob dies in der Praxis gelingt, wird der intensive Testbetrieb auf losem Untergrund, in Watttiefen und auf Steigungen zeigen. Deshalb wird die Antriebspalette besonders kritisch beobachtet.

Ausstattungen und Preise: Maß nehmen an der Oberklasse

Der neue G-Klasse Cabrio positioniert sich klar in der Oberklasse des Luxus-SUV-Markts. Mercedes hat sich auf eine sehr umfangreiche Serienausstattung verständigt und will damit eine klar definierte Zielgruppe bedienen. Die genaue Preisaufstellung hat das Unternehmen zwar bislang noch nicht veröffentlicht, doch aus dem Umfeld ist zu hören, dass der Einstiegspreis voraussichtlich jenseits von 180.000 Euro liegen dürfte, je nach Motorisierung und Sonderausstattung. Verglichen mit der letzten zweisitzigen Cabrio-Variante, die damals mit rund 120.000 Euro startete, zeigt sich eine deutliche Preissteigerung. Limitierte Sondereditionen, etwa mit Individualisierung durch die Manufaktur, können Einzelpreise im Bereich von 250.000 Euro erreichen. In der Grundausstattung werden Lederausstattung, hochwertige Zierelemente und ein spezifisches Soundsystem erwartet. Klassische Offroad-Tools wie Differenzialsperren, ein adaptives Fahrwerk sowie moderne Fahrerassistenzsysteme gehören ebenso dazu. Später sollen nach ersten offiziellen Angaben weitere Motorisierungen und exklusive Sonderfarben folgen, um Individualisten zu bedienen. Die deutschen Preise werden, wie in der Oberklasse üblich, auch durch Umwelt- und Luxussteuern beeinflusst – und könnten auf dem Heimatmarkt leicht variieren.

Einordnung im Markt und kritische Würdigung

Mit dem viertürigen Cabrio reagiert Mercedes auf eine anspruchsvolle Kundschaft, die ein Höchstmaß an Exklusivität mit Alltagstauglichkeit und Ausflugsabenteuer verbinden möchte. Während der Wettbewerb in diesem Segment merklich ausgedünnt ist – vergleichbare offene Offroader exisitieren momentan nicht oder allenfalls in Kleinserie – sichert sich Mercedes über diesen USP eine Sonderstellung. Dennoch muss sich zeigen, ob das Konzept zwischen klassischem Geländewagen und Luxus-Cabrio im rauen deutschen Alltag bestehen kann. Cabriolets in Offroad-Bauweise litten bislang häufig unter Kompromissen beim Wetterschutz, im Geräuschniveau und in der Fahrpräzision auf langen Strecken. Deshalb bleibt eine gewisse Skepsis angebracht, ob der G-Klasse Cabrio Emotion und Rationalität so kompromisslos vereinen kann, wie es die Konstrukteure propagieren. Dazu kommt die Frage, wie weit der Kultcharakter der G-Klasse durch die Öffnung erhalten bleibt – oder ob Kunden, die kompromisslose Authentizität schätzen, lieber auf die geschlossenen Varianten setzen.

Ausblick

Die nächsten Monate werden zeigen, wie die Mercedes-Ingenieure die letzten Stresstests und Optimierungen abschließen, bevor erste Details zu Bestellungen und Marktstart erwartet werden. Testkilometer in Schweden werden die Gelegenheit bieten, Verdeck, Heizung und Karosserie nochmals auf Herz und Nieren zu prüfen. Aber so sehr der G-Klasse Cabrio eine faszinierende Erweiterung des Modellportfolios ist, so wenig kann ausgeschlossen werden, dass Hardcore-Fans irritiert auf die radikale Öffnung der Traditionsbaureihe reagieren. Bleibt die G-Klasse das, was sie immer war? Oder wird sie ein Lifestyle-Mobil wie viele andere? Ein Restzweifel im Hinblick auf technische Standfestigkeit und Alltagstauglichkeit bleibt, auch wenn der Mut zur Innovation und die Erschliessung neuer Kundensegmente Respekt verdient.