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Nissan nutzt KI für schnellere Fahrzeugentwicklung

Nissan nutzt KI für schnellere Fahrzeugentwicklung - Bildnachweis: Nissan

Weniger Teststrecken, mehr Intelligenz: Wenn Algorithmen den Schraubenschlüssel ersetzen

Es wirkt fast unscheinbar, was da auf dem Testgelände in Wesseling passiert: Ein Ingenieur sitzt in einem noch getarnten Fahrzeug, Laptop auf dem Schoß, und blickt konzentriert auf Zahlenkolonnen und Diagramme. Keine klassische Messfahrt, keine Sonde im Windkanal – stattdessen arbeitet im Hintergrund ein lernendes System, das die Entwicklung des nächsten Nissan-Modells beschleunigen soll. Seit Kurzem setzt der japanische Hersteller intensiv auf künstliche Intelligenz, um Entwicklungszyklen zu verkürzen und weniger physische Prototypen bauen zu müssen.

Diese Strategie ist Teil des globalen Transformationsplans Re:Nissan, mit dem das Unternehmen seine Modellpolitik modernisieren und die Kosten deutlich senken möchte. Während bisher Simulationen und klassische Prüfstandtests getrennte Welten waren, verschmelzen sie jetzt zu einem datengetriebenen Prozess, der sich auf historische Versuchsdaten und maschinelles Lernen stützt.

Daten statt Dauer-Testfahrten

Nissan arbeitet hierzu mit dem britischen Unternehmen Monolith zusammen, das sich auf KI-Lösungen für die physikalische Produktentwicklung spezialisiert hat. Die Kooperation wurde jetzt um weitere drei Jahre verlängert, nachdem die Systeme beispielsweise bei der Entwicklung des neuen Nissan Leaf überzeugende Ergebnisse geliefert hatten. Monolith liefert die Softwareplattform, Nissan das jahrzehntelang gewachsene Testwissen – eine Kombination, die den Ingenieuren erlaubt, aus Millionen von Datensätzen zuverlässige Prognosen über künftiges Fahrzeugverhalten abzuleiten.

In der Praxis bedeutet das, dass die Software in Cranfield, dem europäischen Technischen Zentrum von Nissan, die Ergebnisse geplanter physischer Tests vorhersagt. Dadurch müssen weniger Prototypen aufgebaut werden, die Ingenieure können gezielter jene Szenarien untersuchen, die auf Basis der KI-Berechnungen tatsächlich relevant erscheinen. In einer Branche, in der jeder Versuchstag auf der Teststrecke hohe Kosten verursacht, ist das ein enormer Fortschritt.

Der Schraubmoment-Test als Wendepunkt

Ein besonders anschauliches Beispiel stammt aus der Chassis-Entwicklung: Dort analysierte Monoliths System tausende Schraubverbindungen, um das optimale Drehmoment je Bauteil zu bestimmen. Die KI empfahl anschließend jene Stellen, an denen menschliche Ingenieure zusätzliche Tests durchführen sollten – ein Algorithmus also, der nicht ersetzt, sondern priorisiert. Das Ergebnis war bemerkenswert: Nissan reduzierte die Zahl physischer Tests um 17 Prozent.

Würde dieser Ansatz auf die gesamte Modellpalette Europas ausgedehnt, ließe sich laut Nissans eigenen Hochrechnungen die Entwicklungszeit theoretisch halbieren. Ganz so weit ist es noch nicht, aber der Weg dahin ist klar abgesteckt. Die gewonnene Effizienz soll langfristig auch die Kostenstruktur verbessern und den Einsatz knapper Ressourcen wie Prüfstände, Material und Energie senken.

Der unsichtbare Ingenieur im Rechner

Doch wie genau funktioniert ein solches System? Monoliths Plattform basiert auf neuronalen Netzwerken, die historische Messdaten und Simulationen miteinander verknüpfen. In einem iterativen Lernprozess erkennt die Software komplexe Zusammenhänge zwischen Eingangsparametern – etwa Schwingungen, Materialtemperaturen oder Drehmomente – und gewünschten Zielwerten wie Komfort, Haltbarkeit oder Energieeffizienz. Diese Beziehung kann das Modell anschließend auf neue Varianten anwenden.

Deshalb verlagert sich die Entwicklung zunehmend vom physischen in den digitalen Raum. Dabei bleibt menschliche Expertise unverzichtbar, denn die Eingabedaten müssen sorgfältig kuratiert und bewertet werden. Der Rechner selbst versteht keine Physik, er erkennt lediglich Muster. Falsche Daten führen also auch in diesem Ansatz ins Leere.

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Doch so beeindruckend die Rechenleistung ist – die Abhängigkeit von künstlicher Intelligenz birgt auch Risiken. Die Validierung physischer Tests kann zwar reduziert, aber nicht komplett ersetzt werden. Gerade bei Sicherheits- und Crashversuchen schreiben die Homologationsvorschriften reale Messungen weiterhin zwingend vor. KI-Systeme können außerdem nur auf Basis vorhandener Daten lernen; völlig neue Konstruktionsprinzipien erfordern nach wie vor reale Erprobung.

Nissan betont zwar regelmäßig, dass Mensch und Maschine partnerschaftlich zusammenarbeiten sollen. Doch in Wahrheit steht das Unternehmen wie viele Wettbewerber vor einer kulturellen Zäsur: Entwicklungsprozesse, die über Jahrzehnte auf Erfahrungswissen und Handwerkskunst basierten, werden zunehmend datenbasiert gesteuert. Das ändert den Arbeitsalltag in den Entwicklungszentren spürbar – weg vom Schraubenschlüssel, hin zum Algorithmus.

Cranfield als KI-Schmiede Europas

Das Herz dieser Strategie liegt im Nissan Technical Centre Europe in Cranfield nördlich von London. Rund 1200 Spezialisten entwickeln hier Fahrzeuge für den europäischen Markt, darunter auch künftige Elektromodelle, die ab 2026 in Sunderland produziert werden. Monoliths Software ist dort inzwischen Bestandteil des regulären Entwicklungs-Workflows.

Dass Nissan diesen Standort trotz des Brexits weiter ausbaut, zeigt die strategische Bedeutung der Region. Großbritannien gilt europaweit als einer der führenden Standorte für angewandte KI in der Technikforschung. Universitäten wie das Imperial College London und Unternehmen wie Monolith bilden ein Ökosystem, das Automobilfirmen anzieht. Cranfield fungiert damit als Brücke zwischen japanischem Konzernwissen und britischer Datenforschung.

KI im Dienst des elektrischen Wandels

Besonders relevant wird die Technologie in der Vorbereitung kommender E-Modelle. Beim Nachfolger des Nissan Leaf, der 2026 in Europa debütieren dürfte, sollen nahezu alle Antriebs- und Batterietests bereits digital modelliert werden. In der Folge verkürzt sich nicht nur die Zeit zwischen Designfreeze und Serienstart, auch die energetische Bilanz der Entwicklungsphase verbessert sich.

Ein Testfahrzeug auf der Strecke verursacht schnell mehrere hundert Kilogramm CO₂-Emissionen durch Transport, Energieeinsatz und Materialverbrauch. Wenn ein Teil dieser Prozesse künftig virtuell abläuft, schont das Ressourcen und zahlt auf die Nachhaltigkeitsziele des Konzerns ein.

Was die Allianzpartner daraus lernen

Nissan ist in der Renault-Nissan-Mitsubishi-Allianz traditionell für strukturelle Fahrzeugplattformen verantwortlich, während Renault im Bereich Softwarearchitektur und Vernetzung führt. Es liegt daher nahe, dass Erkenntnisse aus der KI-basierten Testentwicklung künftig auch in gemeinsame Projekte einfließen. Schon jetzt experimentiert Renault mit eigenen KI-Systemen für Aerodynamik-Simulationen und Fertigungssteuerung. Monolith dürfte als Partner auf Allianz-Ebene zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Preisstruktur und Marktbezug

Für den europäischen Markt bleibt der Leaf weiterhin das Aushängeschild elektrischer Nissans. In Deutschland kostet er derzeit zwischen rund 36.000 und 44.000 Euro, je nach Akkukapazität und Ausstattung. Diese Preisspanne soll sich laut Branchenkreisen auch beim Nachfolgemodell in ähnlicher Größenordnung bewegen, wobei die digitale Entwicklung helfen könnte, Materialkosten zu stabilisieren.

Im Hintergrund arbeitet Nissan bereits an zwei weiteren Elektroprojekten für Europa: einem kompakten SUV unterhalb des Ariya und einem Nachfolger des Micra, der ebenfalls auf einer Plattform der Allianz basiert. Auch hier sollen die Systeme von Monolith zur Anwendung kommen.

Ein Blick über den Tellerrand

Nissan steht mit dieser Strategie nicht allein. Inzwischen investieren nahezu alle großen Hersteller in ähnliche Technologien. Mercedes-Benz testet KI-Algorithmen zur Crashsimulation, BMW zur Schall- und Vibrationsanalyse, und Volkswagen integriert KI-basierte Vorhersagen in den Batteriebereich. Der Unterschied liegt im Umfang der Anwendung: Während viele Marken noch Pilotprojekte betreiben, setzt Nissan die Software bereits in seriennahen Entwicklungsprozessen ein.

Interessant ist die Beobachtung, dass nicht nur Elektronik- oder Softwareingenieure von dieser Entwicklung betroffen sind. Klassische Maschinenbauer müssen zunehmend Datenkompetenz erwerben, während Programmierer mit physikalischen Grundlagen vertraut sein müssen. Die Grenzen zwischen den Disziplinen verschwimmen.

Ausblick: Wenn Software das Auto mitentwickelt

Langfristig könnte Nissans Ansatz die Art und Weise verändern, wie Fahrzeuge entstehen. Entwicklungszyklen von sieben Jahren waren lange Standard; künftig könnten neue Modelle innerhalb von drei bis vier Jahren marktreif werden. Der Weg dahin führt über lernende Systeme, die Korrelationen schneller erkennen, Varianten durchrechnen und Prototypen digital erproben.

Doch es bleibt ein Balanceakt. Zu große Abhängigkeit von Statistik und Modellvorhersagen kann Kreativität einschränken. Gute Ingenieure verlassen sich nicht blind auf die Maschine, sondern nutzen sie als Werkzeug der Erkenntnis. Am Ende bleibt das Auto ein menschliches Produkt – auch wenn es zunehmend von einer KI begleitet wird, die im stillen Hintergrund rechnet.

Nissan steht beispielhaft für das rasante Tempo, mit dem sich die Automobilentwicklung in Richtung datengetriebener Prozesse bewegt. Die Partnerschaft mit Monolith zeigt, dass künstliche Intelligenz nicht Selbstzweck, sondern Werkbank ist – eine, die künftig auch in Deutschland immer mehr Entwicklungsarbeit übernimmt. Zwischen digitaler Vision und realem Schraubenschlüssel liegt ein spannendes Zukunftsfeld, in dem Präzision, Nachhaltigkeit und Schnelligkeit neu austariert werden.