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Open Source-Initiative der deutschen Auto-Industrie: Wie BMW, Mercedes und VW digitale Freiheit zurückgewinnen möchten

Software-Bausteine aus den Entwicklungsumgebungen von Bosch und Five ergänzen sich - Bildnachweis: Bosch

Wie Europas Autobauer mit Open Source die Weichen neu stellen

Europäische Autohersteller und Zulieferer präsentieren sich in diesen Tagen geeint und ambitioniert. Die Zeiten der isolierten und verschlossenen Entwicklung von Fahrzeugsoftware sind vorbei: Ein breites Konsortium aus Unternehmen wie BMW, Mercedes-Benz, Volkswagen, Bosch, Continental und ZF verfolgt das Ziel, einen offenen, modularen Software-Stack für die Fahrzeuge der Zukunft zu schaffen. Diese Initiative, koordiniert von der Eclipse Foundation im Rahmen des S-CORE-Projektes, soll Europas Automobilindustrie wieder an die Spitze der globalen Innovationsführerschaft führen und zugleich ein starkes Zeichen der digitalen Unabhängigkeit setzen.

Referenzarchitektur bis Ende 2025  

Die ersten sichtbaren Ergebnisse sind für Ende 2025 angekündigt. Bis dahin soll eine Referenzarchitektur entstehen, die alle beteiligten Anbieter nutzen und gemeinsam weiterentwickeln können. 2026 wird der vollständige Software-Stack dann für die Serienentwicklung bereitstehen – zunächst mit Blick auf Plattformen für automatisiertes Fahren. Ein vollintegriertes Serienfahrzeug, das ausschließlich mit Open-Source-Software läuft, soll spätestens 2030 in den Markt eingeführt werden. Die Beteiligten setzen damit auf einen ambitionierten Zeitplan, der auch die bisherigen Versäumnisse in der Softwareentwicklung kompensieren soll. Nach dem teuren und zeitaufwendigen Misserfolg einzelner Marken mit eigenen Lösungen – etwa bei Volkswagen mit Cariad – gilt es nun, die Kräfte zu bündeln und die Entwicklung zu beschleunigen.

Modularer Architektur-Ansatz  

Basis des Projekts ist ein Core Stack, der zentrale, nicht-differenzierende Komponenten wie Middleware, Betriebssystem und Kommunikationsdienste umfasst. Dieses Fundament bleibt für die Endkunden im Verborgenen, ist aber für die Betriebssicherheit und Konnektivität der Fahrzeuge entscheidend. Die Architektur ist modular ausgelegt: Hersteller und Zulieferer können zusätzlich zu diesem gemeinsamen Basiskern individuell angepasste Module für verschiedene Fahrzeugklassen und Märkte entwickeln und implementieren. Zentrale Dienste wie Schlüssel- und Speichermanagement, Diagnosefunktionen oder Kommunikationsprotokolle werden so von Grund auf offen und gemeinsam entwickelt – jeder Teilnehmer kann an der Optimierung mitwirken, ohne ständig bei null beginnen zu müssen.

Transparente Governance-Strukturen 

Die Organisation unter dem Dach der Eclipse Foundation wird als Garant für Transparenz und klare Governance-Strukturen gesehen. Nach dem „Code-First“-Prinzip – also lauffähige Software statt langwieriger Spezifikationen – wird der Stack fortlaufend erweitert, geprüft und vorvalidiert, sodass alle Beteiligten auf ausgereifte und konsistente Softwarekomponenten zurückgreifen können. Ziel ist es, die Zertifizierbarkeit etwa nach ISO 26262 und die Kompatibilität mit Industriestandards wie Autosar zu gewährleisten. Dies ist insbesondere für sicherheitskritische Anwendungen bei immer komplexer werdender Fahrzeugsoftware unerlässlich.

Oberstes Ziel der Initiative ist die Reduzierung der Abhängigkeit von marktbeherrschenden Technologiekonzernen, vor allem aus den USA. Noch heute dominieren proprietäre Betriebssysteme von Google oder Apple das Infotainment und die Steuergeräte moderner Fahrzeuge. Mit der neuen Open-Source-Initiative setzen Deutschlands Autohersteller einen Gegenakzent: Sie wollen ihre Systemlandschaften nach europäischen Vorstellungen gestalten, die Kontrolle über Daten und digitale Angebote behalten und flexibel auf neue Anforderungen reagieren können. In Zeiten wachsender Digitalisierungskraft und zunehmender Regulierungsanforderungen erweist sich dieser Schritt als alternativlos.

Chancen für Start-ups

Der zunehmende Wertschöpfungsanteil der Software im Automobil ist nicht nur ein Innovationsmotor, sondern auch eine große Herausforderung. Während in China und den USA längst neue Geschäftsmodelle rund um Fahrzeugsoftware entstehen, drohte Europa ins Hintertreffen zu geraten. Die Open-Source-Initiative eröffnet daher nicht nur die Chance, Entwicklungszyklen zu verkürzen, Kosten einzusparen und Komplexität zu verringern, sondern auch neue Märkte für Zulieferer, Serviceanbieter und Start-ups zu erschließen. Denn durch offene Architekturen wird die Integration von Drittanbietern erleichtert, während bestehende Arbeitsplätze gesichert und perspektivisch ausgebaut werden können.

Die Kostenstruktur für die Einführung der neuen Softwareplattform wird von den Herstellern und Zulieferern unterschiedlich eingeschätzt. Konkrete Preislisten für einzelne Modellversionen werden zum aktuellen Zeitpunkt von den Unternehmen nicht veröffentlicht, da sich die Preispolitik und Strategie im laufenden Entwicklungsprozess dynamisch gestaltet. Allerdings ist eines der erklärten Ziele, durch die Zusammenarbeit die Entwicklungskosten für alle beteiligten Unternehmen signifikant zu senken, was sich mittelfristig auch vorteilhaft auf die Preisgestaltung der Serienfahrzeuge auswirken könnte.

Kritisch bleibt der Blick auf die weichen Faktoren: Zwar verspricht die Kooperation Effizienz und einen Innovationsschub, doch der Erfolg wird sich erst in der Praxis erweisen. Die Gefahr besteht, dass einzelne Hersteller bei besonders markendifferenzierenden Funktionen doch wieder eigene, proprietäre Lösungen verfolgen, was die Gesamtdynamik der Initiative schwächen könnte. Auch besteht die Herausforderung, mit der hohen Innovationsgeschwindigkeit außerhalb Europas Schritt zu halten. Ob der Open-Source-Stack zum globalen Industriestandard avanciert und auch international Akzeptanz findet, bleibt offen.

Die deutsche und europäische Automobilindustrie steht mit dem Open-Source-Projekt an einem Wendepunkt. Gemeinsam will man nicht nur verlorenes Terrain wettmachen, sondern ein neues Kapitel aufschlagen, das den Wandel zum softwaredefinierten Fahrzeug nachhaltig prägt. Ob das Vorhaben gelingt, hängt nicht zuletzt vom politischen Willen und der konsequenten Bereitschaft zur offenen Zusammenarbeit ab. Fest steht: Der Ruf nach digitaler Souveränität und die Notwendigkeit, die Kontrolle über zentrale Wertschöpfungsketten zurückzugewinnen, sind aktueller denn je. Der Startschuß für die Open-Source-Initiative ist erfolgt, der Ausgang des Experiments bleibt spannend – doch Europa hat sich entschieden, diesen Weg mit Nachdruck zu gehen.