Modellbild: Cellforce beginnt im Jahr 2022 mit den Bauarbeiten im interkommunalen Industriegebiet Mahden - Bildnachweis: Cellforce
Von der Euphorie zum Rückschlag
Kaum ein anderes Projekt symbolisierte den Anspruch eines deutschen Premiumherstellers, beim Wandel zur Elektromobilität die technologische Spitze zu besetzen, so stark wie Cellforce. 2021 noch als Hoffnungsprojekt gefeiert, ist die Batterietochter von Porsche heute der Inbegriff gescheiterter Ambitionen. Nach Jahren wechselnder Strategien und hoher Versprechungen steht nun das Abräumen der Werkshallen im schwäbischen Kirchentellinsfurt (Lokalsprech K´furt) bevor. Für rund 200 der knapp 280 Beschäftigten droht die Entlassung, übrig bleiben soll nur ein kleiner Entwicklungsbereich. Ein Milliardenprojekt, das mit politischer Rückendeckung begann, endet damit in einer ernüchternden Realität.
Cellforce wurde 2021 gemeinsam mit dem Batterie-Spezialisten Customcells gegründet. Porsches Ziel war es, mit neuartigen Hochleistungszellen die Brücke in die elektrische Zukunft zu schlagen. Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Bundespolitiker und Fördergeber standen damals strahlend neben dem Porsche-Vorstand. Geplant war zunächst ein Standort in Tübingen, später verlagerte man nach Kirchentellinsfurt. Die Erwartungen waren hoch: eine Gigafactory mit bis zu 20 Gigawattstunden Produktionskapazität, genug für mehr als 180.000 E-Autos jährlich. Technologisch sollte Cellforce mit innovativen Silizium-Anoden und Schnellladefähigkeit Maßstäbe setzen.
Statt Großproduktion blieb es bei einer Pilotanlage. Immer neue Richtungswechsel bei den Zellformaten, Produktionsengpäße und immense Kostensteigerungen verhinderten den Durchbruch. Die politisch beförderte Standortsuche in Nordamerika war mehr ein Subventionspoker als eine ernsthafte Option. Gefördert wurde das Vorhaben mit 57 Millionen Euro Steuergeldern von Bund und Land – Geld, dessen Rückforderung jetzt im Raum steht.
Wirtschaftlicher Druck und schwindende Geduld
Die Probleme bei Cellforce fallen in eine Phase massiver Herausforderungen für Porsche. Nach einem Glanzstart an der Börse 2022 fiel die Rendite des Konzerns 2025 unter die Marke von neun Prozent, zuletzt sogar auf 5,2 Prozent. Der Gewinn brach im zweiten Quartal um mehr als 90 Prozent ein. Das Ziel, im laufenden Jahr die Hälfte aller Fahrzeuge elektrisch zu verkaufen, wird klar verfehlt. Marktführer Tesla dominiert weiterhin den US-Markt, während China – lange Porsches wichtigster Abnehmer – zunehmend skeptisch gegenüber europäischen E-Luxusmodellen ist. Das Auslaufen der deutschen E-Auto-Prämie belastete zusätzlich den Absatz.
In diesem Umfeld stachen die Verluste von Cellforce besonders ins Auge. Interne Abwertungen von 295 Millionen Euro zeigen, dass Produktionsanlagen weitgehend wertlos geworden sind. Aussagen aus dem Unternehmen deuten darauf hin, dass evaluierte Zelltechnologien inzwischen zu teuer und nicht industriell wettbewerbsfähig sind, während Zulieferer aus China und Korea serienreife Produkte in großen Stückzahlen liefern können.
Beschäftigte zwischen Hoffen und Bangen
Für die Belegschaft in Kirchentellinsfurt ist die Perspektive bitter. Eine Beschäftigungsgarantie wie im Mutterkonzern gibt es nicht, ein Betriebsrat wurde erst im Sommer 2025 aufgestellt, zu spät für die nun eingeleitete Massenentlassung. Viele Mitarbeiter sprechen von einem abrupten Ende, das die gesamte Start-up-Mentalität zerschlägt. Während Volkswagen bei Stellenstreichungen traditionell soziale Abfederungen anbietet, stehen diese Optionen hier nicht in Aussicht. Gewerkschaften wie die IG Metall verlangen daher, Kündigungen zurückzuhalten, bis Arbeitnehmervertreter etabliert sind.
Politische Dimension und Signalwirkung
Für Baden-Württemberg ist das Ende von Cellforce mehr als ein lokaler Rückschlag. Die Landesregierung hatte hohe Erwartungen, Steuermittel flossen in zweistelliger Millionenhöhe, um die Batteriefertigung als Schlüsselsektor zu stärken. SPD und Grüne kritisieren Porsche scharf für mangelnde Weitsicht. Bürgermeister und IHK-Vertreter aus der Region appellieren an Berlin, einen technologischen Ausverkauf zu verhindern. Sie verweisen auf massive staatliche Unterstützung in China und den USA, während Deutschland erneut eine Chance in der Batteriefertigung vergibt.
Die Symbolwirkung ist deutlich: Nach der Krise beim schwedischen Hersteller Northvolt, der in Deutschland Fördergelder erhielt und dennoch scheiterte, reiht sich mit Cellforce ein weiteres Projekt in die Liste ambitionierter, aber nicht realisierter Batteriepläne ein. Damit rückt Deutschland noch stärker in die Abhängigkeit von asiatischen Produzenten.
Strategiewechsel bei Porsche
Porsche reagiert inzwischen mit einem Rückzug auf Kernthemen. Statt eigener Großserienfertigung setzt man wieder stärker auf Kooperationen und zugekaufte Zellen. Ein weiteres Batterie-Engagement existiert in Form der übernommenen Varta-Tochter V4Smart, die mit hochspezialisierten Rundzellen für Nischenanwendungen neue Märkte erschließen soll. Das gilt jedoch weniger für die breite Elektromobilität, sondern für Branchen wie Luftfahrt oder Werkzeuge. Für den Konzern dürfte damit klar sein: Die Vision einer eigenen, dominierenden Zellfertigung ist krachend gescheitert.
Folgen für den Standort Deutschland
Die Entwicklung hat auch eine industriepolitische Dimension. Während die Pkw-Dichte in Deutschland weiter Rekordwerte erreicht und die Elektrozulassungen wachsen, bleibt der heimische Beitrag zur Wertschöpfung bei Batterien schwach. Nur 3,3 Prozent der zugelassenen Pkw in Deutschland sind reine Elektroautos, auch wenn der Anteil an Neuwagen zuletzt höher war. Entscheidend ist aber die Abhängigkeit von Importen. Mit jeder aufgegebenen Zellfabrik geht Know-how verloren, das für Europas Zukunftsfähigkeit im Wettbewerb eine Schlüsselrolle spielen würde.
Ausblick
Im „worst-case“ wird Cellforce in wenigen Jahren vermutlich nur noch eine Randnotiz sein. Als Beispiel für ehrgeizige, aber von der Realität eingeholte Pläne. Für Porsche und den gesamten Volkswagen-Konzern bedeutet das Scheitern, dass sie beim Thema Batterietechnik verstärkt externe Partner einbinden müssen. Für Deutschland stellt sich die Frage, wie zukunftsträchtig es ist, Milliarden in Projekte zu investieren, ohne dass diese langfristig Stand halten. Und für die betroffenen Beschäftigten bleibt die bittere Erkenntnis, dass aus einem Traum von Hochtechnologie und sicheren Arbeitsplätzen ein abruptes Ende geworden ist.

Ähnliche Berichte
711 PS und 800 Newtonmeter: Der Pirelli P Zero R und die Physik der Kraftübertragung
Das Ende der Experimente: Wie der ID.3 Neo das Erbe der Diess-Ära abstreift
Zwischen Rennstrecke und Boulevard: Das Erbe des S/T im neuen Porsche 911 GT3 S/C