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Silicon Shenzhen: BYDs neuer 4-Nanometer-Chip und das riskante Versprechen der Schadensfreiheit

Dongsheng Yang, Vizepräsident von BYD und Leiter des Forschungsinstituts für Automobilproduktstrategie und neue Technologien mit der neuesten Technologie_3 - Bildnachweis: BYD

Haftungsrevolution beim autonomen Fahren: BYD übernimmt als erster Autohersteller die volle Schadensabdeckung für intelligentes Parken und assistiertes Fahren in China

Die Grenzen der Haftung beim autonomen Fahren galten in der Automobilbranche bislang als eiserne Bastion der Hersteller – bis ein chinesischer Branchenriese diese Abgrenzung nun kurzerhand einreißt. Während etablierte europäische und amerikanische Automobilkonzerne bei ihren Assistenzsystemen der Stufe zwei peinlich genau darauf achten, jede Verantwortung auf den Fahrer abzuwälzen, geht der Elektroauto-Gigant BYD einen völlig neuen Weg. Im Rahmen seiner jüngsten Technologiekonferenz verkündete das Unternehmen, künftig die vollständige finanzielle Schadensabdeckung zu übernehmen, wenn ein Unfall während der Nutzung seiner fortschrittlichen Fahrfunktionen auftritt. Was auf den ersten Blick wie ein kühner Marketing-Schachzug wirkt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als ein hochkomplexes Zusammenspiel aus massiver Datenüberlegenheit, maßgeschneiderter Halbleiter-Entwicklung und einem tiefgreifenden Verständnis für die Psychologie der Autokäufer. Die Fachwelt reagiert gleichermaßen fasziniert wie skeptisch, denn dieses Angebot rüttelt an den Grundfesten des automatisierten Fahrens und stellt die gesamte Konkurrenz unter Zugzwang.

Der rechtliche Geniestreich: Wer lenkt, haftet nicht mehr allein

Das neue Versprechen von BYD is eine Kampfansage an die etablierten Haftungsmodelle der Automobilindustrie. Die einjährige Garantie zur vollständigen Schadensabdeckung gilt sowohl für Neukunden als auch für Bestandskunden im chinesischen Heimatmarkt, die ein Upgrade auf das hauseigene System namens God’s Eye in der Version 5.0 erhalten. Sollte während der vorschriftsmäßigen Nutzung der städtischen Navigationsfunktion auf Autopilot, im Fachjargon Urban Navigate on Autopilot genannt, ein rechtlich relevanter Unfall entstehen, übernimmt der Hersteller alle direkten wirtschaftlichen Schäden. Dies umfasst nicht nur die Reparaturkosten am eigenen Fahrzeug, sondern deckt auch Sachschäden an Dritten sowie Personenschäden ab. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass diese Absicherung für die Kunden vollkommen kostenlos ist, keine Obergrenze bei der Schadenssumme besitzt und sich nicht negativ auf die Versicherungsprämien des Halters im Folgejahr auswirkt. Für das automatisierte Parken greift dieses Sicherheitsnetz bereits seit Sommer des vergangenen Jahres, nun dehnt BYD das Konzept auf den weitaus komplexeren Stadtverkehr aus.

Aber der Teufel steckt wie so oft im juristischen Kleingedruckten, das man mit nüchternem Blick analysieren muss. Formal handelt es sich bei dem System God’s Eye auf Level 2+ nicht um ein rechtlich autonomes Fahrsystem, bei dem die Haftung gesetzlich auf den Hersteller übergeht. Der Fahrer bleibt auch weiterhin der rechtliche Führer des Fahrzeugs und muss die Fahrt theoretisch überwachen. BYD hebelt diese rechtliche Hürde jedoch auf kommerzieller Ebene aus, indem das Unternehmen eine vertragliche Freistellung im Schadensfall anbietet. Diese Doppelabsicherung ist ein Novum auf dem Weltmarkt. Konkurrenten wie Xpeng bieten in China lediglich kostenpflichtige Zusatzversicherungen für rund 239 Yuan pro Jahr an, während andere Konsortien zeitlich begrenzte Pakete schnüren. BYD nutzt seine Finanzkraft, um das Vertrauen der Kunden direkt zu kaufen und die Hemmschwelle zur Nutzung der Technologie massiv zu senken. Die Strategie scheint aufzugehen, denn seit der Einführung der Parkgarantie stieg die Nutzungsrate der automatischen Einparkfunktion von mageren 21 Prozent auf beeindruckende 93 Prozent an.

Der deutsche Maßstab: Warum Mercedes-Benz und BYD aneinander vorbeifahren

Um die Tragweite dieser Ankündigung einzuordnen, lohnt sich ein kritischer Vergleich mit dem deutschen Markt. Mercedes-Benz gilt hierzulande als Pionier, da die Stuttgarter mit dem Drive Pilot als erster Hersteller weltweit ein zugelassenes System auf Level 3 anboten und dafür unter bestimmten Bedingungen die rechtliche Haftung übernahmen. Doch die deutschen Rahmenbedingungen sind extrem eng gesteckt. Das Mercedes-System darf nur auf geeigneten Autobahnabschnitten, bei Tageslicht, ohne Baustellen, bei Temperaturen über dem Gefrierpunkt und bis zu einer Geschwindigkeit von derzeit maximal 95 km/h aktiviert werden. Es ist ein hochgradig reguliertes Komfortsystem für den Stau. BYD hingegen rollt sein System für den dichten, unvorhersehbaren Stadtverkehr in chinesischen Megacitys aus. Hier kreuzen Motorroller die Fahrbahn, Fußgänger nutzen ungekennzeichnete Übergänge und die Verkehrsführung ist hochdynamisch.

Aus Sicht der Redaktion weckt dieser mutige Ansatz durchaus Zweifel an der langfristigen wirtschaftlichen Tragfähigkeit für den Hersteller, sollten die Systeme im realen Chaos der Großstädte versagen. Dennoch zeigt der Schritt, dass sich die Gewichte in der globalen Automobilindustrie verschieben. Während europäische Hersteller sich hinter bürokratischen Hürden und extrem konservativen Sicherheitsmargen verbarrikadieren, nutzt die chinesische Konkurrenz die Agilität ihres Heimatmarktes, um Fakten zu schaffen. Es ist ein kalkuliertes Risiko, das BYD auf der Basis einer schieren Datenmacht eingeht, die im Westen schlicht unvorstellbar ist.

Das Gehirn aus Shenzhen: Xuanji A3 als technologisches Fundament

Das Vertrauen in das eigene System basiert auf einer massiven Aufrüstung bei der Hardware. Im Zentrum der neuen Intelligenz-Strategie steht der Xuanji A3, Chinas erster selbst entwickelter Automotive-Prozessor, der im hochmodernen 4-nm-Verfahren hergestellt wird. Der Vorstandsvorsitzende Wang Chuanfu betonte auf der Präsentation, dass die Entwicklung eines solchen Chips für den Automobileinsatz aufgrund der extremen Anforderungen an Temperaturbeständigkeit und Langlebigkeit weitaus anspruchsvoller sei als im Consumer-Bereich. Ein einzelner Chip dieser Baureihe ist für hochgradig automatisierte Fahrfunktionen ausgelegt. In einer Konfiguration mit drei zusammengeschalteten Prozessoren erreicht das System eine Rechenleistung von mehr als 2100 TOPS pro Fahrzeug. Das übertrifft die Rechenleistung vieler westlicher Konkurrenzsysteme deutlich und stellt sicher, dass selbst komplexeste Verkehrsszenarien in Millisekunden verarbeitet werden können.

Aber die reine Rechenleistung ist nur die halbe Wahrheit. BYD hat die Architektur des Chips so optimiert, dass der Energieverbrauch pro Rechenoperation im Vergleich zu ähnlichen Produkten um etwa 20 Prozent gesenkt werden konnte. Das schont nicht nur die Fahrzeugbatterie, sondern minimiert auch die Wärmeentwicklung im Zentralrechner, was wiederum die Zuverlässigkeit des Gesamtsystems unter Extrembedingungen erhöht. Durch die enge Verzahnung des Chips mit den hauseigenen Algorithmen soll sich die Auslastung der Rechenleistung im Vergleich zu Standardlösungen verdoppelt haben. BYD ist damit der einzige Automobilhersteller weltweit, der die gesamte Wertschöpfungskette der assistierten Fahrtechnologie kontrolliert – von der Halbleiter-Entwicklung über die Sensorik bis hin zur Batterie. Diese vertikale Integraton ermöglicht eine Kostenstruktur, die für Zulieferer-abhängige Hersteller kaum zu erreichen ist.

Sensoren-Overkill oder notwendiges Sicherheitsnetz?

Um die ehrgeizige Vision von null Verkehrsunfällen zu realisieren, erteilt BYD dem radikalen Sparkurs von Tesla eine klare Absage. Während der amerikanische Pionier ausschließlich auf Kameras setzt, vertrauen die Ingenieure aus Shenzhen auf eine redundante Sensor-Architektur. Das System God’s Eye nutzt eine Kombination aus Festkörper-LiDAR-Sensoren mit einer Auflösung von 1.000 Zeilen, Kameras mit einer Bildwiederholrate von 1.000 Bildern pro Sekunde sowie weitreichenden Infrarot-Kameras für die Nachtsicht. Diese Nahinfrarot-Technik erlaubt es dem System, die Wärmeausstrahlung von Fußgängern und Tieren selbst bei dichtem Nebel oder völliger Dunkelheit präzise zu erfassen. Ergänzt wird dieses Arsenal durch klassische Radar- und Ultraschallsensoren.

Deshalb bietet BYD die LiDAR-Version seines Systems künftig als Option für die gesamte Modellpalette an. In China schlägt dieses Hardware-Paket mit einem Aufpreis von lediglich 12.000 Yuan zu Buche, was umgerechnet etwa 1.550 Euro entspricht. Im Vergleich zu den oft mehrere tausend Euro teuren Assistenzpaketen europäischer Premiummarken ist dies ein echter Preisbrecher. Das System soll die Technologie der breiten Masse zugänglich machen, ganz im Sinne der Firmenphilosophie, die bereits die kostengünstige Blade-Batterie zum globalen Erfolg führte. Die physische Sensorik wird durch ein KI-Großmodell unterstützt, das physikalische Gesetzmäßigkeiten der realen Welt versteht und so das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer besser antizipieren kann.

Das gigantische Datennetzwerk: Warum Masse hier Klasse schafft

Ein Assistenzsystem ist immer nur so gut wie die Daten, mit denen es trainiert wird. Hier kann BYD auf eine Flotte verweisen, die im weltweiten Vergleich ihresgleichen sucht. Mehr als 3,15 Millionen Fahrzeuge mit intelligenten Fahrfunktionen sind bereits auf den Straßen unterwegs. Diese Flotte generiert täglich mehr als 200 Millionen Kilometer an realen Fahrdaten. Diese gigantische Informationsflut fließt direkt in ein selbstlernendes Datennetzwerk. Es handelt sich um eine geschlossene Feedback-Schleife, bei der das System im Alltag aufgetretene Grenzsituationen erfasst, analysiert und zur Optimierung der Algorithmen nutzt. Das neuronale Netz lernt so kontinuierlich aus den Fehlern und dem Fahrverhalten von Millionen von Autofahrern.

Aber auch im Innenraum soll die künstliche Intelligenz Einzug halten. Das DiLink Cockpit ist mit einem digitalen Assistenten ausgestattet, der proaktiv Aufgaben übernehmen und komplexe Analysen durchführen kann. Er soll den Fahrer nicht nur unterhalten, sondern ihn durch vorausschauende Hinweise unterstützen und so das Sicherheitsrerspektive des Fahrzeugs abrunden. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob die Kunden diese permanente Datenübertragung und die tiefgreifende Überwachung des Innenraums auf Dauer akzeptieren oder ob sich hier ein Akzeptanzproblem abzeichnet, das vor allem außerhalb Chinas zum Stolperstein werden könnte.

Preise und Marktchancen in Deutschland: Was kommt beim Kunden an?

Für deutsche Autofahrer bleibt diese Haftungsrevolution vorerst ein Blick in die Ferne, was sich auch bei einer genauen Betrachtung der Preis- und Modellpolitik zeigt. BYD drängt zwar mit einer breit gefächerten Palette auf den europäischen Markt, doch die technologischen Flaggschiff-Systeme und die dazugehörige Schadensabdeckung sind bis auf Weiteres dem chinesischen Markt vorbehalten. Wer hierzulande einen BYD erwerben möchte, stößt auf eine ganz andere Preisrealität als im Heimatmarkt des Herstellers.

Als Einstieg dient der kompakte BYD Dolphin Surf, der als agiler Stadtbegleiter konzipiert ist. Während dieses Modell in Deutschland einen offiziellen Bruttolistenpreis von 22.990 Euro aufweist, drücken aggressive Rabattaktionen und herstellereigene Verkaufsförderungen den tatsächlichen Einstiegspreis in zeitlich begrenzten Aktionen (inkl. max. staatl. Förderung) auf bis zu 12.990 Euro. Eine Klasse darüber rangiert das beliebte Kompakt-SUV Atto 3, das im Zuge des jüngsten Facelifts als Atto 3 Evo an den Start geht. Der reguläre Einstieg für den Atto 3 mit der kleineren Batterie liegt bei 38.990 Euro für die Variante Comfort und klettert auf 40.990 Euro für die Design-Ausstattung. Für den technisch stark aufgewerteten Atto 3 Evo mit der größeren Batterie verlangt BYD laut Liste 44.990 Euro für die Design-Version, während das allradgetriebene Topmodell Excellence mit satten 50.990 Euro zu Buche schlägt.

Das sportliche Aushängeschild der Marke ist die Reiselimousine BYD Seal, die für das Modelljahr 2026 umfassend überarbeitet wurde. Der Einstiegspreis für die Comfort-Variante mit Heckantrieb liegt offiziell bei 47.990 Euro. Wer sich für das Modell Design entscheidet, muss mit mindestens 49.990 Euro kalkulieren, und das allradgetriebene Spitzenmodell Excellence AWD mit einer Systemleistung von über 500 PS verlangt nach einer Investition von mindestens 53.990 Euro. Auch hier relativieren sich die Preise durch zeitlich begrenzte Werbekampagnen spürbar, sodass der Einstieg für den Seal im besten Fall bereits bei 31.990 Euro beginnen kann.

Vergleicht man diese Preissstrukturen mit den Kosten für zusätzliche Fahrassistenz, wird die Diskrepanz zwischen China und Europa erst richtig deutlich. Während chinesische Kunden das LiDAR-Paket für umgerechnet rund 1.550 Euro aufbuchen können, sind vergleichbare Systeme bei deutschen Premiummarken wie Mercedes-Benz oder BMW an teure Ausstattungslinien gekoppelt, die schnell mittlere vierstellige Euro-Beträge verschlingen.

Zudem verhindern strenge europäische Datenschutzrichtlinien nach der Datenschutz-Grundverordnung die für das System notwendige, permanente Datenübertragung in die chinesischen Rechenzentren massiv. Ohne diese Datenübertragung kann das selbstlernende Netzwerk jedoch nicht funktionieren. Hinzu kommt, dass in Europa flächendeckend hochauflösende Karten und die länderspezifische Infrastruktur fehlen, um ein städtisches Assistenzsystem auf diesem Niveau fehlerfrei zu betreiben. Auch die behördlichen Zulassungsprozesse für Systeme, die derart tief in die Fahrdynamik eingreifen, ziehen sich in Europa erfahrungsgemäß über viele Jahre hinweg.

Aus Sicht des Fachpublikums ist diese Ankündigung dennoch ein Weckruf mit enormer Sprengkraft. BYD beweist, dass der Übergang vom reinen Batterie-Hersteller zum Software- und Halbleiter-Spezialisten vollzogen ist. Wenn ein Hersteller bereit ist, finanziell für die Fehler seiner künstlichen Intelligenz geradezustehen, zeigt das ein technologisches Selbstbewusstsein, das man bei westlichen Herstellern derzeit schmerzlich vermisst. Die deutschen Autobauer müssen aufpassen, dass sie bei diesem rasanten Entwicklungstempo im Bereich der Software-definierten Fahrzeuge nicht dauerhaft den Anschluss verlieren. Der Preiskampf wird in Zukunft nicht mehr nur über Spaltmaße und Fahrwerksabstimmungen entschieden, sondern über die Rechenleistung im Cockpit und den Mut, die Verantwortung für die eigene Technologie zu übernehmen.