Rückkehr unter drei Metern: Der neue Smart #2 baut den Spannungsbogen vor Paris auf - Bildnachweis: smart / Geeely
Das Erbe des Zweisitzers im veränderten Marktumfeld
Enge Parklücken, verstopfte Innenstädte und ein unerbittlicher Parkdruck prägen das Bild europäischer Metropolen. Genau in diesem überfüllten Verkehrsraum hinterließ das Produktionsende des klassischen Smart Fortwo im Frühjahr 2024 eine spürbare Lücke. Die Grundidee eines ultrakompakten Automobils stammte ursprünglich aus den frühen 1990er-Jahren, als Visionäre ein radikal verkürztes Stadtauto erdachten, das Daimler schließlich zur Serienreife führte. Über drei Modellgenerationen hinweg entwickelte sich der Zweisitzer zu einem festen Bestandteil des europäischen Straßenbildes.
Während die Marke im Rahmen des neu strukturierten Joint Ventures zwischen Mercedes und der Geely Holding Group mit wuchtigen Elektro-SUVs wie dem #1, dem #3 und dem ausladenden #5 in völlig neue, margenstarke Segmentklassen drängte, warteten die treuen Anhänger des Kleinstwagens vergeblich auf ein Lebenszeichen. Nun verdichten sich die Anzeichen für eine Rückkehr zum eigentlichen Markenkern, denn das Serienmodell des neuen Smart #2 steht kurz vor seiner offiziellen Weltpremiere auf dem Pariser Autosalon im Oktober 2026. Vorab gewährt der Hersteller tiefere Einblicke in die Technik und schickt Prototypen in schwarz-weißer Tarnlackierung durch weltweite Erprobungsläufe.

Deshalb blickt die Fachwelt gespannt auf das Projekt, da die Transformation des Ur-Smart in das Zeitalter der modernen Elektomobilität keineswegs als Selbstläufer gilt. Der europäische Markt verlangt zwar nach erschwinglichen, städtischen Stromern, doch das Segment der Kleinstwagen gilt wegen geringer Marge als technisch wie wirtschaftlich extrem anspruchsvoll. Die europäische Führungsebene rund um Europachef Wolfgang Ufer betont dabei stets das gewaltige Kundenpotenzial der Marke. Allein in Deutschland sichern noch immer zwischen 300.000 und 400.000 zugelassene Fortwo den Bestand, während in Italien sogar fast 600.000 Fahrzeuge der früheren Generationen unterwegs sind, von denen rund 90 Prozent nach wie vor täglich genutzt werden. Europaweit summiert sich der Bestand auf über zwei Millionen Fahrzeuge. Diese treue Kundschaft soll nun den Übergang zur nächsten Generation vollziehen.
Die technische Basis – Die Electric Compact Architecture
Aber die Konstruktion eines rein elektrischen Zweisitzers unter drei Metern Gesamtlänge stellte die Entwicklungsabteilungen vor erhebliche Hürden. Die Lösung liegt in einer eigenständigen technischen Baukastenarchitektur namens Electric Compact Architecture, kurz ECA. Anders als der bisherige Smart EQ Fortwo, der noch auf einer zusammen mit Renault entwickelten Mischplattform für Verbrenner und Elektroantriebe aufbaute, handelt es sich bei der ECA-Architektur um einen reinen Elektro-Baukasten. Das von den internationalen Entwicklungsteams konstruierte Fahrwerk setzt konsequent auf das Prinzip der weit an die Karosserieecken gerückten Räder.

Mit einer Karosserielänge von exakt 2,79 Metern – genauer gesagt 2.792 Millimetern – übertrifft der Smart #2 seinen direkten Vorgänger um knapp zehn Zentimeter. Dieser Zuwachs kommt primär der Crashsicherheit und dem Passagierraum zugute. Dennoch bleibt die wichtigste Kennzahl für die agile Parziereffizienz in der Innenstadt unangetastet, denn der Wendekreis beträgt lediglich 6,95 Meter von Bordstein zu Bordstein. Damit erreicht der Neuling exakt die Wendigkeit der letzten Fortwo-Generation.
Der Verzicht auf Antriebswellen an der Vorderachse ermöglicht extrem steile Einschlagwinkel der Vorderräder. Für den Vortrieb sorgt ein an der Hinterachse positionierter Elektromotor, der in Kombination mit einer aufwendig konstruierten Fünflenker-Hinterachse für gesteigerte Traktion und ein deutlich erwachseneres Fahrverhalten sorgen soll als die bisherigen Starrachsen-Konstruktionen.
Erprobung und Abstimmung – Von Prüfständen und Großstadt-Asphalt
Vor der Publikumspremiere absolviert das Fahrzeug derzeit ein anspruchsvolles Abstimmungsprogramm. Die Erprobungsträger tragen ein vom Mercedes Global Design Team entworfenes Tarnkleid und werden auf abgesperrten Testgeländen sowie im realen Stadtverkehr an ihre Grenzen gebracht. Im Mittelpunkt der Abstimmungsfahrten stehen Ausweichmanöver bei Nässe, Not-Spurwechsel und das Fahrverhalten bei unvorhergesehenen Hindernissen. Die Ingenieure feilen hierbei an den Befestigungspunkten des Fahrwerks, der Kennlinie der Lenkung sowie an den Dämpferraten, um die Spreizung zwischen städtischer Agilität und Zielgenauigkeit bei höheren Geschwindigkeiten zu optimieren.
Über die reine Fahrdynamik hinaus nimmt das Testprogramm die akustische und thermische Behaglichkeit im Innenraum unter die Lupe. Bei sogenannten NVH-Analysen, was für Geräusch, Vibration und Rauheit steht, werden Wind- und Fahrgeräusche sowie störendes Quietschen oder Klappern eliminiert. Die Tests erstrecken sich über Akustikkammern, Windkanäle, temperaturgeregelte Vier-Säulen-Prüfstände und Marterstrecken mit tiefen Schlaglöchern oder gerilltem Beton. Auf diesen Oberflächen suchen die Techniker nach dem passenden Kompromiss bei den Reifenmischungen, um einen niedrigen Rollwiderstand für hohe Reichweiten mit adäquater Dämpfung von Fahrbahnstößen zu vereinen. Dauerläufe simulieren zudem das Überfahren hoher Bordsteinkanten, um die Dauerhaltbarkeit der Aufhängungen zu garantieren.
Antrieb, Akku und Ladeleistung im Härtetest
Der Blick auf die Leistungsdaten offenbart den eigentlichen Generationssprung gegenüber dem ausgelaufenen Smart EQ Fortwo. Das alte Modell litt unter seiner extrem kleinen Batterie von brutto 17,6 kWh, die im Alltag selten für mehr als 100 reale Kilometer ausreichte und bei zügiger Fahrt rasch Ladefrust erzeugte. Mit einem Verbrauch von rund 15 bis 17 kWh pro 100 Kilometer war der Ausflug auf die Autobahn stets von Reichweitenängsten begleitet.
Deshalb pflanzt der Hersteller dem Smart #2 einen Energiespeicher mit einer Kapazität von 35,7 kWh in den Unterboden. Bei der Zellchemie setzt das Entwicklerteam auf Lithium-Eisenphosphat, was im Vergleich zu klassischen Nickel-Mangan-Kobaltdaten als robuster, thermisch stabiler und kostengünstiger gilt. Als Entwicklungsziel strebt das Unternehmen eine Reichweite von rund 300 Kilometern nach dem WLTP-Messverfahren an. Im realen Alltagsbetrieb mit gemischtem Streckenprofil dürfte dies verlässlichen 200 bis 220 Kilometern entsprechen, was den Radien des Stadt- und Pendlerverkehrs vollauf gerecht wird.
Auch beim Nachladen zeigt sich das System grundlegend überarbeitet. An einer Gleichstrom-Schnellladesäule soll der Akku dank einer maximalen Ladeleistung von 75 kW in weniger als 20 Minuten von 10 auf 80 Prozent Ladezustand gebracht werden. Das entspricht einer deutlichen Beschleunigung gegenüber dem Vorgänger, der Gleichstromladen gar nicht oder nur sehr begrenzt beherrschte. Ergänzend verfügt die ECA-Plattform über eine Schnittstelle für bidirektionales Laden im Rahmen einer Vehicle-to-Load-Funktion, wodurch das Auto externe elektrische Verbraucher mit Strom versorgen kann. Dennoch bleiben leise Zweifel angebracht, ob die 75 kW Ladeleistung an kalten Wintertagen im Alltag tatsächlich konstant gehalten werden können, wenn die Zellchemie LFP ohne extrem ausgeklügeltes Thermomanagement an ihre physikalischen Grenzen stößt.
Sicherheitsarchitektur – Die Tridion-Zelle im Elektro-Zeitalter
Ein zentrales Sorgenkind bei Kleinstwagen bleibt die passive Sicherheit bei Zusammenstößen mit schwereren Fahrzeugklassen. Smart begegnet diesem Umstand mit der Weiterentwicklung der Tridion-Sicherheitszelle. Diese ikonische Gehäusestruktur nutzt hochfeste und warmumgeformte Stähle, um eine extrem steife Fahrgastzelle zu bilden.
Bei einem Unfall übernimmt die Struktur die Aufgabe, die Aufprallenergie um die Passagiere herumzuleiten und über definierte Belastungspunkte in den Unterboden abzuführen. Da bauartbedingt ausgeprägte Knautschzonen an Front und Heck fehlen, kommt der Versteifung der Karosserie eine entscheidende Rolle zu. Die Batterie ist tief im Rahmen integriert und somit vor seitlichen Deformationen geschützt. Gezielte Aufpralltests simulieren zudem typische städtische Feindkontakte wie das Überfahren hoher Bordsteinkanten oder harte Schläge durch tief abgesackte Kanaldeckel, um strukturelle Schwachstellen frühzeitig auszuschließen.
Das Innenraumkonzept – Function becomes Fashion
Einblicke in die Kabinengestaltung lieferte die europäische Enthüllung des Smart Concept #2 in den engen Gassen Roms. Die Designphilosophie folgt dem Leitgedanken, dass funktionale Notwendigkeiten direkt das optische Erscheinungsbild prägen sollen. Zu den augenfälligsten Merkmalen der Studie und des kommenden Serienmodells gehören rahmenlose Türen und ein zweifarbiges Lackierungskonzept, das die Sicherheitszelle optisch herausarbeitet.
Im Innenraum verzichtet der Hersteller auf die klassische Trennung von Fahrer und Beifahrer durch eine breite Mittelkonsole und führt stattdessen eine durchgehende Sitzbank ein. Diese Lösung schafft nicht nur eine wohnliche Atmosphäre, sondern bringt handfeste praktische Vorteile mit sich. Parkt das Fahrzeug in extrem engen Lücken dicht an der Fahrertür, kann der Fahrer ohne großen Aufwand über die Beifahrerseite aussteigen.
Das Armaturenbrett folgt einer S-förmigen Wölbung, die Bedienelemente ergonomisch zum Fahrer neigt. Hinter dem unten abgeflachten Lenkrad informiert ein kompaktes Instrumentendisplay über Tempo und Batteriestand, während die übrigen Infotainment-Funktionen über einen zentralen Touchscreen gesteuert werden. Stoffbezüge im Netzdesign, runde Luftausströmer und dezent platzierte Farbakzente sollen ein wertiges Raumgefühl erzeugen, das die rechnerische Enge der Grundfläche optisch aufhebt.
Kostenstruktur, Modellvarianten und Konkurrenzanalyse
Für den kommerziellen Erfolg auf dem europäischen Markt bildet die Preisgestaltung den ausschlaggebenden Faktor. Europachef Wolfgang Ufer deutete an, dass sich der Einstiegspreis des neuen Smart #2 in der Spanne zwischen 20.000 und 25.000 Euro bewegen wird, wobei er explizit einen Wert unterhalb der Mitte dieser Spanne in Aussicht stellte. Ein Basispreis von unter 22.500 Euro würde bedeuten, dass die Neuauflage trotz doppelter Akkukapazität und modernster Plattform nur rund 500 Euro teurer ausfiele als der alte Smart EQ Fortwo bei seinem Produktionsende im Jahr 2024, der zuletzt ab 21.940 Euro in den Preislisten stand.
Aber der Markt für kleine Elektrofahrzeuge hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Ein direkter Vergleich mit Mitbewerbern verdeutlicht die Positionierung des Modells. Der Dacia Spring markiert mit rund 18.000 Euro den Einstieg in das Segment, bietet jedoch mit einem 27 kWh kleinen Akku, lediglich 230 Kilometern Reichweite und einer sehr einfachen Materialanmutung ein deutlich schwächeres Gesamtpaket. Auf der anderen Seite drängen kommende Rivalen wie der Renault Twingo E-Tech oder der VW ID.1 auf den Markt, die ebenfalls Preisregionen um 20.000 bis 25.000 Euro anpeilen.
Diese Konkurrenten bieten allerdings vier Sitzplätze und eine deutlich höhere Alltagsvariabilität durch vollwertige Rücksitze sowie ein größeres Kofferraumvolumen. Der Smart #2 fordert von seinen Käufern also einen bewussten Verzicht auf Raumvolumen und zusätzliche Sitzplätze. Er rechtfertigt seinen Preis primär durch den extrem kleinen Wendekreis, die überlegene Ladeperformance und den Anspruch, ein hochwertiges Premium-Produkt für die Stadt zu sein.
Produktion, Zollthematik und Marktchancen
Die Fertigung des Smart #2 erfolgt zum Marktstart in den chinesischen Produktionsstätten des Geely-Konzerns. Zwar stellt die Unternehmensführung bei entsprechend hohen Verkaufszahlen eine spätere Montage in Europa in Aussicht, doch kurzfristig bleiben die Skaleneffekte und die niedrigeren Fertigungskosten in China maßgebend.
Hierin verbirgt sich jedoch ein erhebliches Risiko für den europäischen Markterfolg. Die laufenden Handelskonflikte und die von der Europäischen Union verhängten Ausgleichszölle auf in China produzierte Elektroautos könnten die Kausalität der Preisgestaltung ins Wanken bringen. Sollte das Joint Venture gezwungen sein, zusätzliche Zollaufschläge an die Endkunden weiterzugeben, droht der anvisierte Einstiegspreis von unter 22.500 Euro zu kippen. Bei Preisen deutlich oberhalb dieser Marke könnte das Interesse der Kundschaft schnell erlahmen, da der Abstand zu größeren, universeller einsetzbaren Elektro-Kompaktwagen drastisch schrumpfen würde.
Zusammenfassend wagt Smart mit dem #2 ein mutiges Comeback. Die Mischung aus moderner Baukastentechnik, radikaler Fokussierung auf zwei Sitzplätze und spürbar gesteigerter Elektro-Performance besitzt das Potenzial, den Geist des Ur-Smart erfolgreich in die Gegenwart zu übertragen. Ob das Konzept aufgeht, entscheidet sich final im Herbst auf der Weltpremiere in Paris und beim anschließenden Händlerstart.

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