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Sportliche Veredlung und Emotionalisierung eines Weltauto: Was die Kooperation mit Irmscher dem Leapmotor B10 wirklich bringt

Leapmotor B10 Dynamic - Bildnachweis: Leapmotor / Stellantis

Der Leapmotor B10 Dynamic im Detailbericht

Wenn ein traditionsreicher schwäbischer Veredler, dessen Name untrennbar mit legendären Opel-Modellen der Manta- und Ascona-Ära verknüpft ist, auf ein hochmodernes Elektro-SUV aus Hangzhou trifft, dann reiben sich Branchenkenner verwundert die Augen. Es ist eine Allianz der Gegensätze, die hier im Rampenlicht steht: Die Rede ist vom Leapmotor B10 Dynamic, einem Sondermodell, das im Mai 2026 den deutschen Markt erreichen soll. Während Leapmotor als jüngster Spross im riesigen Stellantis-Portfolio die Rolle des preisbewussten Technologieträgers übernimmt, bringt Irmscher das nötige Prestige und die handwerkliche Finesse ein, um dem sachlichen Chinesen eine Prise Emotionalität einzuhauchen. Dieser Schritt ist strategisch klug, denn im hart umkämpften Markt der kompakten Elektro-SUV reicht ein günstiger Preis allein oft nicht mehr aus, um sich gegen die etablierte Konkurrenz von VW oder Hyundai zu behaupten.

Leapmotor B10 Dynamic – Bildnachweis: Leapmotor / Stellantis

Die technische Basis und das Erbe der LEAP 3.5 Architektur

Unter der optisch nachgeschärften Hülle des B10 Dynamic steckt die bekannte LEAP 3.5 Architektur. Diese Plattform ist das Herzstück der aktuellen Modelloffensive und zeichnet sich durch eine hohe Integration der elektronischen Komponenten aus. Man spricht hier von einer sogenannten Cell-to-Chassis-Technologie, bei der die Batteriezellen direkt in die Fahrzeugstruktur integriert werden. Das spart Gewicht und erhöht die Steifigkeit, was wiederum der Fahrdynamik zugutekommt. Aber genau hier setzte die Kritik bei den ersten Standardmodellen des B10 an, die zwar komfortabel abgestimmt waren, aber in schnell gefahrenen Kurven eine gewisse Rückmeldung vermissen ließen.  Deshlb ist die Kooperation mit Irmscher mehr als nur kosmetische Retusche. Durch eine Tieferlegung um 30 Millimeter wandert der Schwerpunkt des ohnehin schon schweren Elektroautos spürbar nach unten. In Kombination mit einer spezifisch angepassten Fahrwerksabstimmung versprechen die Ingenieure ein deutlich agileres Einlenkverhalten. Die Wankbewegungen,die bei hochbeinigen SUV oft den Fahrspaß trüben, sollen signifikant reduziert worden sein.

Leapmotor B10 Dynamic – Bildnachweis: Leapmotor / Stellantis

Design und Aerodynamik im Fokus der Individualisierung

Optisch gibt sich der B10 Dynamic eher zurückhaltend, folgt aber einer klaren Linie. Der Käufer hat die Wahl zwischen den drei Lackierungen Tundra Grey, Light White und Galaxy Silver. Dass hier keine schrillen Farben angeboten werden, unterstreicht den seriösen Anspruch der Marke in Europa. Ein markantes Merkmal des Sondermodells ist der in Wagenfarbe lackierte Dachspoiler. Er dient nicht nur der Optik, sondern soll auch die Strömungsabrisskante am Heck definieren, was bei Elektrofahrzeugen aufgrund der Reichweitenrelevanz der Aerodynamik eine wichtige Rolle spielt. Die seitliche Linienführung wird durch eine exklusive Dynamic-Beklebung akzentuiert, die bewusst dezent gehalten wurde, um den Charakter des Fahrzeugs nicht zu überfrachten. Man merkt deutlich, dass Irmscher hier einen schmalen Grat wandert: Einerseits muss die Exklusivität erkennbar sein, andererseits darf das Design das Massenmarkt-Potenzial des B10 nicht einschränken.

Leapmotor B10 Dynamic – Bildnachweis: Leapmotor / Stellantis

Das Interieur und die harten Fakten der Exklusivität

Im Innenraum setzt sich die Handschrift der Remshaldener Designschmiede fort, wenngleich die Änderungen hier eher punktueller Natur sind. Die Basis bildet die Ausstattungslinie Pro Max, was bedeutet, dass der B10 ohnehin mit nahezu allen verfügbaren Komfortfeatures vom Band läuft. Irmscher ergänzt dies durch hochwertige Fußmatten mit spezifischer Stickung und einer Ziernaht, die farblich auf das Gesamtkonzept abgestimmt ist. Das eigentliche Highlight für Sammler dürfte jedoch die Aluminiumplakette mit der individuellen Nummerierung sein. Da die Sonderserie auf lediglich 500 Einheiten limitiert ist, wird hier ein künstliches Verknappungsmoment geschaffen, das in dieser Preisklasse eher ungewöhnlich ist. Aber man muss kritisch hinterfragen, ob diese Details ausreichen, um den Aufpreis gegenüber dem Standardmodell zu rechtfertigen. Mit einer unverbindlichen Preisempfehlung von 38.500 Euro positioniert sich der Dynamic am oberen Ende der B10-Skala. Dennoch bleibt er damit unter der psychologisch wichtigen Grenze von 40.000 Euro, was ihn im Vergleich zu einem ähnlich ausgestatteten VW ID.3 oder einem Renault Megane E-Tech durchaus wettbewerbsfähig erscheinen lässt.

Antriebseffizienz und reale Verbrauchswerte

Ein Blick auf die technischen Daten offenbart die ökonomische Ausrichtung des Antriebs. Der kombinierte Energieverbrauch wird mit 17,3 kWh pro 100 Kilometer nach WLTP-Standard angegeben. In der Realität, gerade bei Autobahnfahrten oder niedrigen Temperaturen, dürften diese Werte erfahrungsgemäß etwas höher liegen. Da der B10 im C-Segment antritt, trifft er auf Kunden, die das Fahrzeug oft als Erstwagen für die Familie nutzen. Hier wird sich zeigen müssen, ob die Batteriekapazität und die Ladegeschwindigkeit der LEAP 3.5 Architektur im Alltag überzeugen können. Die CO2-Emissionen liegen lokal bei 0 Gramm, was dem Fahrzeug die Einstufung in die CO2-Klasse A einbringt. Ein wichtiger Punkt für deutsche Käufer ist die Förderfähigkeit: Sofern die staatlichen Rahmenbedingungen zum Zeitpunkt der Zulassung erfüllt sind, können Privatkunden von entsprechenden Prämien profitieren, was den effektiven Anschaffungspreis weiter drückt.

Marktpositionierung und die Rolle von Stellantis

Leapmotor verfolgt in Deutschland eine aggressive Wachstumsstrategie. Der B10 soll das Volumenmodell der Marke werden und den Weg für weitere Segmente ebnen. Die Zusammenarbeit mit Irmscher ist dabei ein geschickter Schachzug von Leapmotor-Deutschland-Chef Martin Resch. Durch die Einbindung eines renommierten deutschen Partners wird das oft bei chinesischen Marken vorhandene Misstrauen bezüglich Qualität und Service teilweise entkräftet. Irmscher wiederum, vertreten durch Geschäftsführer Günther Irmscher, nutzt die Kooperation, um seine Expertise im Bereich der Elektromobilität weiter auszubauen. Das Unternehmen, das seit 1968 mehr als 550.000 Fahrzeuge individualisiert hat, zeigt damit Wandlungsfähigkeit. Aber der Erfolg des B10 Dynamic wird maßgeblich davon abhängen, wie die Kunden das Paket aus chinesischer Großserientechnik und deutscher Detailarbeit annehmen. Es ist ein Experiment, das den Wandel der Automobilindustrie par excellence widerspiegelt.

Zweifel an der Nachhaltigkeit des sportlichen Versprechens

Trotz der Optimierungen bleibt der B10 Dynamic in seinem Kern ein kompaktes SUV, das auf Effizienz und Platzangebot getrimmt ist. Die 19-Zoll-Räder sehen zwar beeindruckend aus und füllen die Radhäuser dank der Tieferlegung gut aus, könnten aber den Abrollkomfort auf schlechten Straßen schmälern. Zudem stellt sich die Frage, ob die Zielgruppe eines preisgünstigen Familienautos tatsächlich Wert auf ein agileres Einlenkverhalten legt oder ob hier nicht eher die Reichweite und die Konnektivität im Vordergrund stehen. Dennoch ist das Bestreben, ein Fahrzeug in dieser Klasse individuell abzustimmen, lobenswert. Es hebt den B10 aus der grauen Masse der oft austauschbaren Elektro-Crossover hervor. Deshalb könnte die Limitierung auf 500 Stück genau die richtige Strategie sein, um schnell eine kleine, begeisterte Fangemeinde aufzubauen und gleichzeitig das Markenimage von Leapmotor als „einfach mehr Auto“ mit einer Prise Exklusivität aufzuladen.

Leapmotor, Stellantis und Irmscher 

Die Konstellation rund um Leapmotor ist ein Paradebeispiel für die neue, globale Vernetzung der Automobilindustrie. Im Zentrum steht das Joint Venture „Leapmotor International“, an dem der Autogigant Stellantis (u.a. Opel, Fiat, Peugeot) mit 51 % die Mehrheit hält. Während die technologische Basis und die Entwicklung aus China stammen, nutzt Leapmotor für den europäischen Markt die gewaltige Infrastruktur von Stellantis. Das betrifft vor allem die Logistik und das Servicenetz, was potenziellen Käufern die Sorge vor mangelnder Ersatzteilversorgung nimmt.

In Deutschland erfolgt der Vertrieb über ausgewählte Stellantis-Partner, wodurch Leapmotor von Beginn an auf ein etabliertes Händlernetz zugreifen kann, statt mühsam eigene Standorte aufbauen zu müssen. Hier kommt die Firma Irmscher ins Spiel: Als langjähriger Exklusiv-Partner von Opel und Spezialist für Individualisierungen besetzt das schwäbische Unternehmen die Nische der Veredelung. Irmscher fungiert quasi als Brücke zwischen der chinesischen Großserie und dem Wunsch europäischer Kunden nach Exklusivität und sportlicher Tradition. Durch diese Dreierkonstellation entsteht ein hybrides Geschäftsmodell: Ein chinesisches Produkt wird durch europäisches Marketing-Know-how (Stellantis) und deutsche Handwerkskunst (Irmscher) lokalisiert und veredelt. Für den Handel bedeutet das attraktive Zusatzmargen durch Sondermodelle wie den B10 „Dynamic“, während der Kunde ein Fahrzeug erhält, das trotz seiner Herkunft tief im hiesigen Werkstatt- und Tuning-Ökosystem verwurzelt ist.

Ausblick auf die Modellfamilie

Mit dem Verkaufsstart im Mai 2026 setzt Leapmotor ein deutliches Zeichen. Der B10 Dynamic ist nach dem Erfolg des größeren C10 das zweite Projekt mit Irmscher, und laut Unternehmensangaben sind weitere gemeinsame Vorhaben bereits in Planung. Dies deutet darauf hin, dass die Partnerschaft langfristig angelegt ist. Für den deutschen Kunden bedeutet dies eine größere Auswahl und die Möglichkeit, ein Fahrzeug zu fahren, das nicht an jeder Straßenecke steht. Ob die dynamischen Versprechungen im Fahralltag halten, was die Datenblätter versprechen, wird erst ein ausführlicher Praxistest zeigen können. Fest steht jedoch: Die Kombination aus modernster chinesischer Elektro-Architektur und traditioneller deutscher Individualisierungskunst ist ein spannender Ansatz, der zeigt, wie globalisiert und vernetzt die Autowelt von morgen agiert. Wer ein Auge auf den B10 Dynamic geworfen hat, sollte nicht zu lange zögern, denn das Kontingent ist begrenzt und die Bestellbücher sind bereits geöffnet.