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Stellantis testet die Wechselstrom-Batterie: Revolution für E-Autos oder Ingenieurwette?

Wenn Batterien zu Wechselrichtern werden: Wie IBIS den Antriebsstrang neu denkt - Bildnachweis: Stellantis

Die Vorstellung, dass eine Autobatterie direkt Wechselstrom liefern kann, wirkt zunächst fast widersinnig – immerhin speichern klassische Lithium-Ionen-Batterien bislang ausschließlich Gleichstrom. Doch mit dem aktuellen Technologiewandel unter Führung von Stellantis und Saft rückt dieses Konzept nun erstmals in greifbare Nähe. Das Forschungsprojekt IBIS verlagert die üblichen Funktionen von Wechselrichter und Ladegerät direkt in das Batteriegehäuse und setzt damit einen neuen Meilenstein in der Entwicklung elektrischer Antriebe.

Deshalb markiert diese Entwicklung einen verblüffend direkten Bruch mit bisherigen Paradigmen. Bislang brauchte es im Elektroauto stets separate, platz- und gewichtsfressende Komponenten für die Umwandlung von Gleichstrom in Wechselstrom und umgekehrt. Mit IBIS gewinnt die Batterie an Intelligenz, Effizienz und Vielseitigkeit: Auf Knopfdruck stellt sie die benötigte Form der elektrischen Energie für den Motor, das Bordnetz und sämtliche Nebenaggregate bereit, was nicht nur Gewicht reduziert, sondern ebenso mehr Bauraum für Design und Aerodynamik schafft. Bereits die ersten Versuchsfahrzeuge zeigen eindrucksvoll, wie sich das System im Alltag bewähren könnte – Effizienzgewinne von rund zehn Prozent und ein Leistungszuwachs am Antrieb von etwa fünfzehn Prozent erscheinen in der Praxis durchaus realistisch. Die Technik ermöglicht Ladezeiten, die um bis zu fünfzehn Prozent niedriger ausfallen als bei klassischen Lösungen.

Aber damit sind die Vorteile nicht erschöpft. Besonders die Wartungsfreundlichkeit der neuen Architektur könnte auf lange Sicht ein Gamechanger werden. Während bei herkömmlichen Batteriepaketen häufig die schwächste Zelle das Gesamtsystem einschränkt, erlaubt die dynamische Verschaltung der IBIS-Batterie das Umgehen defekter Zellen. Fällt eine Zelle aus, übernimmt eine andere ihre Funktion, so dass das Fahrzeug weiterhin mit etwas herabgesetzter Leistung zuverlässig fährt. Für Werkstätten wird die Handhabung ebenfalls deutlich einfacher und sicherer – denn die Batterie kann im ausgeschalteten Zustand so geschaltet werden, dass keine Hochspannung mehr anliegt. Das senkt das Risiko für Techniker und erleichtert Wartung wie Reparatur erheblich.

Dennoch bleibt der Forschungsstand noch offen für kritische Nachfragen. Ein wesentliches Fragezeichen steht hinter der Großserienumsetzung. Die Integration zahlreicher Funktionen in ein Gehäuse erzeugt neue thermische und organisatorische Herausforderungen. Inwiefern die angestrebte Kostenersparnis tatsächlich realisiert werden kann oder ob Interferenzen und steigende Komplexität neue Fehlerquellen auftun, müssen erst Langzeittests im realen Betrieb zeigen.

Deshalb lohnt sich ein Blick auf die Konkurrenz. Porsche entwickelte ein eigenes Konzept für die Wechselstrombatterie und verfolgt einen modularen, multistufigen Ansatz, ebenfalls mit Zielrichtung hohe Flexibilität und geringe Verluste. Die Ansätze unterscheiden sich im Detail: Während Stellantis radikal die komplette Umwandlungstechnik in die Batterie integriert, kombiniert Porsche verschiedene elektrische Komponenten in einer Einheit, um ebenfalls Gewicht zu sparen und die Effizienz zu steigern. Parallel dazu forschen etablierte Autohersteller weltweit an der Weiterentwicklung der Zellchemie – etwa durch Festkörperbatterien – um Energiedichte und Langlebigkeit zu verbessern. Dennoch hebt sich das IBIS-System besonders hervor, da es erstmals einen fahrbereiten Prototypen auf sein Innovationspotential hin testen lässt.

Aber trotz aller positiven Perspektiven ist Skepsis angebracht. Die Serienreife ist frühestens gegen Ende dieses Jahrzehnts zu erwarten und viele Hürden – von der Standardisierung über die Skalierbarkeit bis zu den Servicekosten – sind noch nicht überwunden. Die Herausforderung wird sein, das System auch in anderen Fahrzeugkategorien, von Kleinwagen bis zu Nutzfahrzeugen, wirtschaftlich und technisch attraktiv zu machen. Erst wenn sich diese Fragen im Alltag beantworten lassen, dürfte die Wechselstrom-Batterie das Potenzial erfahren, das ihr von vielen Beobachtern zugesprochen wird.

Man bleibt als Beobachter fasziniert und zweifelnd zugleich: Die Idee, daß das Herz eines Elektroautos in Zukunft auch den Strom für den Herzschlag liefert, ist faszinierend – aber nicht frei von technischen Restrisiken in der Alltagstauglichkeit. In jedem Fall beobachten wir hier einen potenziellen Innovationsschub, der zeigen wird, wie viel Pioniergeist noch in der Branche steckt.