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Strategiewechsel bei GWM: Kann der Haval Jolion Pro die Preislücke im SUV-Segment schließen?

GWM Haval Jolion Pro - Bildnachweis: Haval / GWM

Markteinführung des zweiten GWM Haval Modells

Wer heute durch die deutschen Innenstädte fährt, bemerkt schnell, dass das gewohnte Bild aus Wolfsburger und Stuttgarter Emblemen Risse bekommt, denn die automobile Globalisierung findet längst nicht mehr nur auf dem Papier statt. Während etablierte Hersteller ihre Preislisten in Regionen treiben, die für viele Haushalte kaum noch erreichbar scheinen, drängen neue Akteure mit einer Aggressivität auf den Markt, die man zuletzt beim Aufstieg der koreanischen Marken vor zwei Jahrzehnten beobachten konnte. Einer dieser Protagonisten ist Great Wall Motor, kurz GWM, ein chinesischer Gigant, der nun mit dem Haval Jolion Pro sein zweites Modell unter dem Haval-Label in den deutschen Handel bringt. Es handelt sich dabei um ein Kompakt-SUV, das nicht nur durch seine optische Präsenz, sondern vor allem durch eine Preisgestaltung aufhorchen lässt, die im aktuellen Marktumfeld fast schon provokativ wirkt.

Viel Ausstattung für wenig Geld

Die Strategie hinter dem Markteintritt ist dabei so simpel wie ambitioniert, da GWM versucht, die klassische Lücke zwischen Budget-Marken und dem Premium-Segment zu besetzen. Der Haval Jolion Pro basiert auf der sogenannten Lemon-Plattform, einer modularen Architektur, die speziell für globale Märkte entwickelt wurde und eine hohe Steifigkeit bei gleichzeitig optimiertem Gewicht verspricht. Aber ein glänzendes Blechkleid und eine moderne Plattform allein reichen in Deutschland nicht aus, um gegen Kaliber wie den VW T-Roc oder den Hyundai Kona zu bestehen. Hier zählt die technische Substanz, die beim Jolion Pro auf einem 1,5-Liter-Turbo-Benziner fußt. Dieser Motor leistet 130 kW, was einer Leistung von 177 PS entspricht, und stellt damit ein Kraftpaket dar, das nominell deutlich über den Basismotorisierungen vieler Konkurrenten liegt. Dennoch stellt sich für den kritischen Beobachter die Frage, wie harmonisch sich dieses Triebwerk in Verbindung mit dem serienmäßigen 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe im Alltag schlägt.

Das Design des Fahrzeugs folgt einem Trend, den man als mutig und gleichzeitig massentauglich beschreiben könnte. An der Front dominieren markante LED-Leuchteinheiten, die dem SUV ein Gesicht geben, das im Rückspiegel durchaus Überholprestige signalisiert. Die Linienführung ist sportlich-dynamisch gestaltet, was durch das abfallende Dach und die muskulösen Radhäuser unterstrichen wird. Deshalb wirkt das Fahrzeug im Stand deutlich größer, als es seine Abmessungen von knapp 4,50 Meter Länge vermuten lassen. Im Innenraum setzt GWM das fort, was sie bereits bei den ersten Modellen der Ora-Serie gezeigt haben, nämlich eine konsequente Digitalisierung. Ein digitales Cockpit hinter dem Lenkrad und ein zentrales Multimediasystem sind die optischen Ankerpunkte eines Armaturenbretts, das fast vollständig auf physische Tasten verzichtet. Dies mag modern wirken, birgt aber im Bedienalltag die bekannte Problematik ablenkender Menüstrukturen, was ein Punkt ist, den konservative Kunden skeptisch betrachten könnten.

Besonders interessant wird es beim Blick auf die Preisliste, die GWM zum Verkaufsstart sehr scharf kalkuliert hat. Die unverbindliche Preisempfehlung für die Ausstattungslinie Premium startet bei 24.990 Euro, während die höherwertige Version namens Luxury mit 27.690 Euro veranschlagt wird. Aber das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange, da GWM zum Marktstart einen Aktionsrabatt von 2.200 Euro gewährt, der bis zum 30.06.2026 gültig ist. Dadurch sinkt der effektive Einstiegspreis für das Modell Premium auf 22.790 Euro. In einer Zeit, in der viele Kleinwagen bereits die 20.000-Euro-Marke überschreiten, ist dies ein deutliches Signal an die Konkurrenz. Deshalb lockt der Hersteller zusätzlich mit einer Finanzierungsrate ab 159 Euro monatlich bei einer Anzahlung von 6.000 Euro und einer Laufzeit von 24 Monaten, was das Fahrzeug besonders für Privatkunden attraktiv machen soll, die auf ihr Budget achten müssen.

Ein technisches Highlight, das GWM gerne betont, ist die umfangreiche Serienausstattung. Bereits in der Basisversion Premium sind Features enthalten, für die man bei europäischen Herstellern oft tief in die Aufpreisliste greifen muss. Dazu gehört eine 360-Grad-Kamera, die besonders beim Rangieren in engen Parklücken wertvolle Dienste leistet, sowie ein Panorama-Glasschiebedach, das den Innenraum optisch aufwertet und für viel Licht sorgt. Die Integration von Smartphones via kabellosem Apple Carplay und Android Auto gehört ebenfalls zum Standard. In der Ausstattungslinie Luxury kommen dann noch weitere Assistenzsysteme und Komfortmerkmale wie eine Lenkradheizung hinzu. Aber trotz dieser Fülle an Ausstattung bleibt abzuwarten, wie sich die Materialanmutung im Langzeittest schlägt. Zwar sehen die Oberflächen auf den ersten Blick hochwertig aus, doch bei genauerem Hinsehen finden sich im unteren Bereich des Cockpits durchaus harte Kunststoffe, die den Rotstift der Buchhalter verraten.

Fahrtechnisch verspricht der Haval Jolion Pro solide Werte. Die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h wird mit 7,9 Sekunden angegeben, was für ein SUV dieser Klasse durchaus flott ist. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 190 km/h, was für deutsche Autobahnen völlig ausreichend erscheint. Kraftvoll und selbstbewusst soll der Auftritt sein, doch die wahre Herausforderung liegt in der Abstimmung des Fahrwerks. Chinesische Fahrzeuge neigten in der Vergangenheit oft zu einer sehr weichen, fast schon schwammigen Federung, die zwar Komfort bietet, aber bei schnelleren Kurvenfahrten an ihre Grenzen stößt. GWM gibt an, den Jolion Pro für europäische Bedürfnisse angepasst zu haben, was auf ein strafferes Setup hindeutet. Deshalb ist die Spannung groß, wie sich das Fahrzeug auf den teils maroden deutschen Landstraßen verhält und ob die Dämpfung den Spagat zwischen Komfort und Dynamik tatsächlich beherrscht.

Ein wesentlicher Aspekt beim Kauf eines Fahrzeugs eines noch relativ unbekannten Herstellers ist das Vertrauen in die Langlebigkeit. Hier versucht GWM mit einem umfangreichen Garantieversprechen zu punkten. Eine Fahrzeuggarantie über fünf Jahre ohne Kilometerlimit ist ein Wort, das vor allem Vielfahrer hellhörig machen dürfte. Es ist ein klares Statement gegen die Skepsis gegenüber der Technik aus Fernost. Dennoch bleibt die Frage nach dem Servicenetz bestehen. GWM kooperiert in Deutschland mit der Emil Frey Gruppe, was eine flächendeckende Versorgung sicherstellen soll. Aber der Aufbau einer neuen Marke erfordert Zeit und Gedinenten, und die Kunden müssen erst noch lernen, dass Haval kein exotischer Nischenanbieter, sondern Teil eines Weltkonzerns ist.

Zweifel bleiben oft bei den Fahrassistenzsystemen bestehen, die in modernen Fahrzeugen eine immer größere Rolle spielen. Der Haval Jolion Pro ist mit einer Vielzahl dieser Helfer ausgestattet, die auf Radar- und Kameratechnik basieren. In der Praxis neigen diese Systeme bei asiatischen Herstellern manchmal zu einer Übervorsichtigkeit, was sich in häufigen Pieptönen und unnötigen Lenkeingriffen äußert. Es bleibt zu hoffen, dass die Ingenieure hier eine Abstimmung gefunden haben, die den Fahrer unterstützt, ohne ihn zu bevormunden oder zu nerven. Die Hardware ist mit modernen Sensoren vorhanden, doch die Software-Kalibrierung entscheidet letztlich über den Fahrkomfort.

Die Antriebstechnik des 1,5-Liter-Turbo-Benziners ist klassisch aufgebaut, verzichtet aber in der Basis auf eine weitreichende Elektrifizierung wie einen Vollhybrid oder Plug-in-Hybrid. Dies könnte in Zeiten strenger werdender Emissionsvorschriften und steigender Spritpreise ein Nachteil sein, auch wenn der Motor als effizient bezeichnet wird. GWM setzt hier auf Bewährtes, um den Einstiegspreis niedrig zu halten. Deshalb richtet sich der Jolion Pro vor allem an Kunden, die eine einfache, ehrliche Verbrennungstechnik bevorzugen und noch nicht bereit für den vollständigen Umstieg auf die Elektromobilität sind. Aber auch GWM weiß, dass die Zukunft elektrisch ist, und wird vermutlich mittelfristig weitere Antriebsvarianten nachschieben müssen, um technologisch den Anschluss nicht zu verlieren.

Das Platzangebot im Innenraum profitiert von der Lemon-Plattform, die einen vergleichsweise langen Radstand ermöglicht. Passagiere im Fond genießen für diese Fahrzeugklasse eine überraschende Beinfreiheit, was den Jolion Pro zu einem ernsthaften Familienauto macht. Auch das Kofferraumvolumen ist konkurrenzfähig, wenngleich die Ladekante SUV-typisch etwas hoch ausfällt. Die Variabilität beschränkt sich auf das klassische Umklappen der Rücksitze, was im Alltag meist ausreicht, aber keine innovativen Lösungen wie verschiebbare Rückbänke bietet. Dennoch überzeugt das Gesamtpaket durch eine klare Struktur und eine gute Übersichtlichkeit, die durch die Kamerasysteme noch unterstützt wird.

Der Haval Jolion Pro ist ein Fahrzeug, das durch sein Preis-Leistungs-Verhältnis besticht und den Markt für Kompakt-SUVs ordentlich aufmischen könnte. Er bietet viel Technik und eine souveräne Leistung zu einem Preis, der deutlich unter dem Durchschnitt liegt. Aber der Erfolg wird davon abhängen, ob die Kunden bereit sind, einer neuen Marke das nötige Vertrauen entgegenzubringen und ob die Fahrbarkeit des SUVs den hohen Ansprüchen der europäischen Autofahrer gerecht wird. GWM hat mit den attraktiven Finanzierungskonditionen und dem hohen Ausstattungsniveau die Weichen gestellt, doch der eigentliche Test findet nun täglich auf der Straße statt. Deshalb wird es spannend zu beobachten sein, ob der Jolion Pro nur ein kurzes Gastspiel gibt oder sich als feste Größe in der deutschen Automobillandschaft etablieren kann. Das Potenzial dazu ist zweifellos vorhanden, sofern die Qualität über die gesamte Haltedauer das hält, was das Datenblatt verspricht.