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Unsichtbare Autos, reale Wende: BMW bereitet Münchner Werk auf Produktionsstart des i3 im nächsten Sommer vor

Start der Serienproduktion des neuen BMW i3 in der zweiten Jahreshälfte 2026 - Bildnachweis: BMW

Trockentraining für die Zukunft: Das Werk München rüstet sich für den neuen BMW i3

Im Münchner BMW-Werk vollendet sich derzeit Schicht für Schicht ein Fahrzeug, das es noch gar nicht gibt. Deshalb wirkt der sogenannte Common Function Test zunächst wie eine merkwürdige Übung: Anlagen laufen im gewohnten Takt, Roboter schwenken, Fördertechnik läuft. was fehlt sind die Bauteile. Das Auto entsteht lediglich virtuell im System. Aber genau dieses Trockentraining markiert einen entscheidenden Schritt für das Stammwerk der Marke, denn es bereitet die Produktion der Neuen Klasse vor, allen voran der neuen Elektro-Limousine BMW i3, deren Serienfertigung in der zweiten Jahreshälfte 2026 anlaufen soll.

Unsichtbare Fahrzeuge, sichtbare Zäsur

Deshalb lohnt sich ein genauer Blick hinter die Kulissen: Wie gelingt es, ein traditionsreiches Werk im dicht bebauten Münchner Norden binnen nur 18 Monaten für eine komplett neue Elektroarchitektur umzubauen – und gleichzeitig bis zu 1.000 Fahrzeuge der 3er- und 4er-Reihe pro Tag weiterzubauen? Und welche Rolle spielt der neue i3 dabei im deutschen Markt, in dem sich die Stimmung gegenüber Elektroautos zuletzt deutlich abgekühlt hat?

iFactory in der Praxis: Was der Common Function Test wirklich leistet

Der Common Function Test ist weit mehr als ein formaler Haken auf einer Projektliste. Deshalb fährt BMW sämtliche neuen Anlagen im Karosseriebau und in der Endmontage vollständig im Serienrhythmus, allerdings ohne Bauteile, um das Zusammenspiel tausender Sensoren, Antriebe und Steuerungen in Echtzeit zu überprüfen. Dabei durchläuft ein virtuelles Fahrzeug denselben Takt wie später die reale Karosserie: Schweißzangen positionieren, Roboterarme greifen, Fördersysteme schieben und heben, obwohl keine Karosse aufliegt.

Aber erst durch diese abstrakte Vorgehensweise zeigt sich, ob die digital geplante iFactory-Architektur trägt: Das Werk München ist konsequent in einer virtuellen Fabrikumgebung vorentwickelt, vom Presswerk über die Lackiererei bis hin zu den neuen Montagelinien. Sämtliche Prozessschritte sind modelliert, Materialflüsse simuliert, Wartungszugänge geprüft – erst wenn die Simulation plausibel ist, folgt der physische Aufbau. Deshalb konnte BMW den Funktionstest für die Neue Klasse schon lange vor dem aktuellen Warm-up virtuell durchspielen, inklusive Störungen, Variantenwechseln und Taktanpassungen.

Warm-up für Neue Klasse im BMW Group Werk München – Bildnachweis: BMW

Umbau unter Volllast: ein Drittel Werkfläche neu strukturiert

In nur anderthalb Jahren hat BMW in München rund ein Drittel der vorhandenen Werkfläche neu geordnet, Hallen zurückgebaut und gleichzeitig neue Strukturen für Karosseriebau, Montage und Logistik aufgebaut. Deshalb läuft hier ein Umzug im laufenden Betrieb: Während die bekannten 3er- und 4er-Modelle weiterhin mit bis zu 1.000 Einheiten täglich vom Band laufen, wächst parallel die Infrastruktur für eine vollständig neue Fahrzeuggeneration.

Aber ein solch dichter Umbau in einem innerstädtischen Stammwerk hat seinen Preis: Materialströme müssen temporär umgeleitet, Anlagen in engen Zeitfenstern angehalten und wieder hochgefahren, Testphasen sorgfältig eingetaktet werden. Der Übergang zur Neuen Klasse erfolgt deshalb mehrstufig: Zunächst werden im Forschungs- und Innovationszentrum (FIZ) Pilot- und Vorserienfahrzeuge aufgebaut, anschließend wandert die Montage des neuen i3 schrittweise in das Werk München, um dort das Serienlayout einzufahren.

Der neue BMW i3: Rückkehr eines Namens mit anderer Aufgabe

BMW kehrt 2026 zu einem Namen zurück, der in der Elektromobilität Geschichte geschrieben hat, nutzt ihn diesmal aber für eine klassische Limousine im Format des 3er. Deshalb sollte man den neuen i3 nicht als Nachfolger des Carbon-Kleinwagens verstehen, sondern als zentrale Volumenbaureihe der Neuen Klasse, die unterhalb des Elektro-SUV iX3 positioniert ist und auf eine breitere Kundengruppe zielt.

Aber das Lastenheft ist deutlich umfangreicher als beim früheren i3: Die modulare Elektroplattform der Neuen Klasse ist auf Reichweiten von bis zu etwa 600 Kilometern nach WLTP ausgelegt, setzt auf eine 800-Volt-Architektur für hohe Ladeleistungen und soll Effizienz und Kostenniveau spürbar verbessern. Der neue i3 wird damit im Kernsegment der Marke verankert, also dort, wo der 3er seit Jahrzehnten als Maßstab gilt – eine hohe Erwartungshaltung, die Produktion und Produktentwicklung gleichermaßen unter Druck setzt.

Marktpositionierung und Preisbild in Deutschland

Konkrete Preislisten für den neuen BMW i3 liegen noch nicht vor, doch die Einordnung im BMW-Portfolio erlaubt bereits belastbare Erwartungen. Deshalb ist entscheidend, dass der i3 unterhalb des Neue-Klasse-SUV iX3 einsortiert wird, der zum Marktstart 2026 zunächst als leistungsstarke 50er-Variante rund 68.900 Euro kosten soll und später mit einer Basisversion um etwa 60.000 Euro ergänzt werden dürfte.

Aber genau daraus ergibt sich für den i3 eine voraussichtliche Einstiegspreisregion um etwa 45.000 Euro in Deutschland, je nach Ausstattung und späteren Antriebskonfigurationen. Damit läge der neue i3 im Bereich gut ausgestatteter Mittelklasse-Verbrenner und Plug-in-Hybride, würde aber in einer Phase an den Start gehen, in der Förderprogramme auslaufen und Kunden sensibler auf Anschaffungskosten und Restwerte reagieren.

Deshalb ist zu erwarten, dass BMW den i3 mit mehreren Leistungsstufen und Varianten anbietet, um Flottenkunden, Dienstwagenfahrer und Privatkäufer gleichermaßen anzusprechen, ähnlich wie bei den klassischen 3er-Baureihen. Konkrete deutsche Preisstaffelungen – etwa Basisvariante, mittlere Leistungsstufe und eventuell allradgetriebene Topversion – dürften erst 2026 offiziell folgen, wenn der Serienanlauf näher rückt.

Die Rolle Münchens im Produktionsnetzwerk

Das Werk München bleibt trotz des wachsenden internationalen Produktionsverbundes für BMW ein strategisches Schaufenster, insbesondere mit Blick auf die Neue Klasse. Deshalb betont das Unternehmen, dass hier ab 2027 ausschließlich Elektrofahrzeuge vom Band laufen sollen – ein deutlicher Bruch mit der jahrzehntelangen Rolle als 3er-Hochburg.

Aber diese Fokussierung auf reine Elektromodelle bedeutet nicht nur eine Umstellung von Antriebskomponenten, sondern verändert die gesamte industrielle Logik: Kabelbäume, Aggregate-Träger und Crashstrukturen können anders ausgelegt werden, wenn Variantenvielfalt bei Motoren entfällt. Dadurch entfallen bestimmte Montage- und Anpassungsschritte, was in Summe die Fertigungskosten am Standort München senken soll – ein entscheidender Faktor, um Elektrofahrzeuge in einem kostenkritischen Umfeld konkurrenzfähig zu halten.

Virtuelle Fabrik: von der Planung zur Realität

Die Idee der BMW iFactory wirkt abstrakt, bekommt in München aber sehr konkrete Konturen. Deshalb sind Presswerk, Lackiererei, Karosseriebau und Endmontage in einer gemeinsamen virtuellen Fabrik abgebildet, in der Materialflüsse, Roboterwege, Instandhaltungszugänge und Sicherheitsbereiche simuliert werden, bevor überhaupt Stahl geschnitten oder Beton gegossen wird.

Aber die eigentliche Bewährungsprobe zeigt sich erst beim Übergang von der Simulation zur physischen Anlage: Wenn das Trockentraining im Common Function Test im realen Takt läuft, zeigt sich, ob Sensorik, Steuerungslogik und Mensch-Maschine-Schnittstellen so funktionieren, wie es das digitale Modell versprochen hat. Fehler lassen sich in dieser Phase zwar noch vergleichsweise günstig beheben, dennoch ist der Zeitdruck hoch, weil Umbaufenster begrenzt sind und der Serienanlauf des i3 nicht beliebig verschoben werden kann.

Mitarbeitende zwischen zwei Welten

Hinter den nüchternen Projekttiteln und Taktzahlen steht im Münchner Werk eine Mannschaft, die parallel in zwei Welten arbeitet. Deshalb werden Beschäftigte, die bisher vor allem mit 3er- und 4er-Baureihen gearbeitet haben, schrittweise in den Umgang mit der Neuen Klasse eingeführt, sowohl an den neuen Anlagen als auch im Umgang mit Hochvolttechnik und spezifischen Qualitätsanforderungen von Elektrofahrzeugen.

Aber der Übergang ist auch kulturell anspruchsvoll: Wo früher Verbrenner und Hybridantriebe mit vielfältigen Varianten dominierten, konzentriert sich die Neue Klasse auf reine Elektroantriebe und eine stärker vereinheitlichte Architektur. Das reduziert gewisse Komplexitäten, schafft aber neue, etwa bei der Qualitätssicherung von Batteriemodulen,  der Hochvolt-Sicherheit oder der Software-Integration, die bei modernen E-Fahrzeugen einen deutlich größeren Anteil am Gesamtprodukt hat.

Zwischen Anspruch und Skepsis im Markt

Die technische Transformation des Werks München findet in einem Umfeld statt, das nicht nur von Euphorie für Elektromobilität geprägt ist. Deshalb bleibt die Frage, wie der neue i3 im deutschen Markt ankommt, mehr als eine Randnotiz: In den vergangenen Monaten ist die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen hierzulande volatil gewesen, getrieben von wechselnden Förderbdingungen, Diskussionen um Infrastruktur und Restwerte.

Aber gerade in diesem Umfeld könnte ein Elektro-3er mit klarer Positionierung, solider Reichweite und seriösem Langstreckenprofil eine Brücke schlagen. Anders ausgedrückt: Weg vom Image des reinen Stadtstromers, hin zu einem vollwertigen Geschäfts- und Familienfahrzeug mit vertrautem Format. Ob das gelingt, hängt nicht nur von technischen Kennzahlen ab, sondern auch davon, ob BMW es schafft, Betriebskosten und Ladeerlebnis so zu gestalten, dass Kunden im Alltag keine Kompromisse fürchten müssen.

Technische Eckpfeiler der Neuen Klasse

Die „Neue Klasse“ bildet die gemeinsame Basis für den neuen i3 und weitere Modelle wie den iX3. Deshalb vereint die Architektur mehrere wichtige technische Bausteine: Eine 800-Volt-Batteriearchitektur für höhere Ladeleistungen, neue Elektromotoren-Generation mit verbesserter Effizienz und eine Fahrzeugstruktur, die von Beginn an auf Elektroantrieb ausgelegt ist, statt ihn nachträglich in einen Verbrennerbaukasten zu integrieren.

Aber gerade hier entscheidet sich, ob sich der Aufwand in München langfristig rechnet: Höhere Reichweiten von bis zu etwa 600 Kilometern nach WLTP, schnellere Ladezeiten und effizientere Produktion sollen die Mehrkosten der E-Technik kompensieren. Gelingt dies, könnten Fahrzeuge wie der i3 preislich näher an konventionelle Mittelklassemodelle heranrücken und so einen breiteren Kundenzugang eröffnen, als es frühere Elektro-Pioniere geschafft haben.

Zeithorizont: Vom Pilotbau zur Serie 2026

Der aktuelle Warm-up im Werk München ist ein Zwischenstand, kein Endpunkt. Deshalb folgt nach dem Common Function Test eine Phase, in der Vorserienfahrzeuge zunächst weiterhin im Pilotwerk des FIZ aufgebaut werden, unterstützt von Mitarbeitern aus dem Stammwerk. Parallel wandert die Montage des i3 ab Januar schrittweise in das Werk München, wo sämtliche Technologien im Verbund getestet und Produktionsprozesse weiter verfeinert werden.

Aber der eigentliche Härtetest steht in der zweiten Jahreshälfte 2026 an, wenn der Serienanlauf der Neuen Klasse in München beginnt und der neue i3 nicht mehr im geschützten Entwicklungsumfeld, sondern im harten Alltag der Taktfertigung steht. Dann wird sich zeigen, ob die digitale Planung, der aufwendige Umbau unter Volllast und das Trockentraining mit unsichtbaren Fahrzeugen ausreichen, um die Stückzahlen, Qualitätsziele und Kostenrahmen zu erreichen, die für ein Kernmodell in der BMW-Mittelklasse notwendig sind.

Fazit ohne Schlussstrich: ein Werk im Stresstest der Transformation

Die Vorgänge im BMW-Werk München stehen exemplarisch für den Umbruch der deutschen Automobilindustrie. Deshalb wirkt das Bild des unsichtbaren Fahrzeugs im Common Function Test fast sinnbildlich: Vieles, was die Branche in den nächsten Jahren prägen wird, ist bereits als Prozess, Infrastruktur und Architektur angelegt, ohne daß es auf der Straße schon sichtbar wäre.

Aber ob aus diesen strukturellen Vorleistungen tatsächlich ein belastbares Geschäftsmodell für Elektroautos in der gehobenen Mittelklasse entsteht, wird sich erst zeigen, wenn der neue BMW i3 in Deutschland konfiguriert, bestellt, geleast und im Alltag gefahren wird. Bis dahin bleibt München ein Werk im Stresstest: Zwischen laufender 3er-Produktion, den hohen Erwartungen an die Neue Klasse und einer Kundschaft, die genauer hinschaut als je zuvor.