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Urs von Känel übernimmt Vorsitz im TK 69

Urs von Känel übernimmt den Vorsitz des TK 69 bei der Electrosuisse - Bildnachweis: Juice Technology

Machtwechsel im Normen-Maschinenraum: Wenn der Praktiker die Regeln schreibt

Es ist eine Binsenweisheit der Technikgeschichte, dass Standards oft erst dann wirklich griffig werden, wenn die Theorie auf die harte Realität der Anwendung trifft. Seit Anfang 2026 steht dem Technischen Komitee 69, kurz TK 69, der Electrosuisse ein Mann vor, der diese Realität aus dem täglichen Geschäft eines Hardware-Herstellers kennt. Urs von Känel, bislang vor allem als Leiter des Testzentrums bei Juice Technology bekannt, hat den Vorsitz dieses für die Schweizer und internationale Elektromobilität zentralen Gremiums übernommen. Das ist insofern bemerkenswert, als dass hier ein Vertreter eines Unternehmens, das explizit von den zu definierenden Normen profitiert oder durch sie eingeschränkt wird, den Hammer des Vorsitzenden schwingt. Diese Konstellation ist in der Industrienormung zwar nicht unüblich, birgt aber stets eine gewisse Brisanz, die es kritisch zu beleuchten gilt.

Normen-Machtkampf in E-Mobilität

Deshalb lohnt sich ein genauerer Blick auf das, was das TK 69 eigentlich tut, denn für den Endverbraucher ist dieses Kürzel meist ein Buch mit sieben Siegeln. Das Gremium ist der Schweizer Spiegelterausschuss zu den internationalen IEC-Arbeitsgruppen. Hier werden die Standards erarbeitet, die festlegen, wie elektrische Systeme von Straßenfahrzeugen beschaffen sein müssen. Es geht um nicht weniger als die zentralen Grundlagen für sicheres Laden. Wenn Sie ihren Wagen an eine Säule anschließen und der Ladevorgang startet, ohne dass die Sicherung fliegt oder das Kabel schmilzt, dann ist das die Arbeit von Gremien wie dem TK 69. Eines der Hauptthemen ist dabei die Normenreihe IEC 61851.

Das klingt trocken, ist aber der Herzmuskel der Ladeinfrastruktur. Diese Norm regelt die Energieübertragung, die Kommunikation zwischen dem Fahrzeug und der Ladestation sowie die Schutzkonzepte. Dass nun Urs von Känel diesen Posten übernimmt, fällt in eine Zeit, in der diese Normenreihe unter extremem Anpassungsdruck steht. Die Technologie entwickelt sich derzeit schneller als die Tinte unter den Standardisierungspapieren trocknen kann. Von Känel übernimmt den Vorsitz also nicht in einer Phase der Verwaltung, sondern inmitten eines Sturms aus neuen Anforderungen und technologischen Umbrüchen.

Man muss hierbei die Herkunft des neuen Vorsitzenden betrachten. Von Känel ist kein reiner Theoretiker. Er verfügt über Erfahrung in der Normung, Prüfung und Zertifizierung, insbesondere im Bereich der elektromagnetischen Verträglichkeit, kurz EMV, und der Produktsicherheit. Bevor er Ende 2021 in die Industrie zu Juice Technology wechselte, war er lange Zeit auf der anderen Seite des Tisches tätig, bei der Electrosuisse selbst und bei Prüflaboren. Er kennt also den regulatorischen Apparat von innen. Bei Juice leitet er das Testzentrum und die Zulassungen. Kritiker könnten anmerken, dass die Grenze zwischen den Interessen eines Herstellers mobiler Ladestationen und der neutralen Normungsarbeit hier verschwimmen könnte. Befürworter hingegen werden argumentieren, dass genau diese Praxisnähe gefehlt hat.

Die Elektromobilität zählt heute zu einem der aktivsten Bereiche der nationalen und internationalen Normungsarbeit. Die Organisationen CES, Cenelec und IEC produzieren Papier am laufenden Meter, doch die Qualität dieser Normen entscheidet sich an ihrer Anwendbarkeit. Themen wie Installationsvorschriften und Kommunikationsschnittstellen erfordern zunehmend eine Zusammenarbeit über die traditionellen Fachbereichsgrenzen hinweg. Ein reiner Elektrotechniker reicht hier oft nicht mehr aus; es braucht Verständnis für Softwareprotokolle, für Netzlastmanagement und für die thermischen Eigenheiten moderner Hochvoltbatterien.

Aber warum ist diese Personalie gerade jetzt so relevant? Weil wir vor einem Paradigmenwechsel stehen. Bisher war Laden eine Einbahnstraße: Strom fließt vom Netz in das Auto. Fertig. Doch die neuen Anwendungsszenarien, die nun auf der Agenda des TK 69 stehen, sind ungleich komplexer. Ein besonderer Fokus liegt auf dem bidirektionalen Laden mit Wechselstrom. Hierbei geht es um Vehicle-to-Grid, abgekürzt V2G, und Vehicle-to-Home, V2H. Das sind Konzepte, die das Elektroauto vom reinen Verbraucher zum aktiven Teilnehmer am Stromnetz machen. Das klingt in Marketingbroschüren fantastisch einfach, ist aber technisch und regulatorisch ein Albtraum.

Für das netzdienliche Laden und Entladen ohne kostenintensive DC-Infrastruktur müssen völlig neue Sicherheitsmechanismen definiert werden. Wenn ein Auto Strom in ein Hausnetz einspeist, muss sichergestellt sein, dass es sich bei einem Stromausfall des Versorgers sofort vom Netz trennt, um keine Techniker zu gefährden, die am vermeintlich toten Netz arbeiten. Diese sogenannte Inselnetzerkennung und die Synchronisation der Frequenz sind hochkomplexe Vorgänge, die im bestehenden IEC-Normenwerk bislang noch nicht vollständig abgebildet sind. Hier muss das TK 69 liefern, und zwar schnell. Dass ein Vertreter von Juice Technology hier federführend ist, ist logisch, da das Unternehmen stark auf AC-Ladelösungen setzt, während viele andere Akteure und Autohersteller das bidirektionale Laden eher über Gleichstrom, also DC, realisieren wollen, wo der Wechselrichter nicht im Auto, sondern in der Wallbox sitzt. Es wird spannend zu beobachten sein, ob unter von Känels Führung die AC-Lösung wieder mehr Gewicht in der Normung bekommt.

Ein weiteres Minenfeld ist die Vehicle-to-Load Technologie, kurz V2L, bei der Verbrauchsgeräte direkt aus dem Fahrzeugakku versorgt werden. Auch hier stellen sich Fragen nach dem Personenschutz, der Erdung und der Fehlerstromüberwachung, die genormt werden müssen, bevor Massenschäden auftreten. Die Tatsache, dass innovative Konzepte wie portable DC-Ladegeräte unter der Kennung IEC 61851-23-4 ebenfalls auf der Agenda stehen, spielt dem Arbeitgeber des neuen Vorsitzenden natürlich in die Karten. Juice ist bekannt für portable Lösungen. Hier wird die kritische Öffentlichkeit genau hinsehen müssen, ob die Normen so gestaltet werden, dass sie allgemein gültig bleiben und nicht auf das Produktdesign eines einzelnen Marktteilnehmers zugeschnitten werden.

Deshalb ist die Aussage von Christoph Erni, dem CEO von Juice Technology, auch mit einer gewissen Vorsicht zu genießen, wenn er betont, dass die aktive Mitarbeit in Normungsgremien ein wichtiger Beitrag zur Weiterentwicklung sei. Natürlich ist sie das. Aber sie ist auch ein strategisches Instrument. Wer die Norm schreibt, bestimmt den Markt. Wenn Erni sagt, dass die Expertise eine frühzeitige Ausrichtung der Produktentwicklung auf künftige Normen erlaube, dann bestätigt dies den enormen Wettbewerbsvorteil, den ein Sitz im Vorsitz eines solchen Komitees mit sich bringt. Man weiß früher als die Konkurrenz, wohin die Reise geht, oder bestimmt das Reiseziel gleich selbst mit.

Dennoch wäre es unfair, die Personalie nur unter dem Aspekt des Lobbyismus zu betrachten. Die Arbeit des TK 69 leistet einen unverzichtbaren Beitrag zur Sicherstellung der technischen Konformität und Interoperabilität. Nichts frustriert den Elektroautofahrer mehr als eine Ladesäule, die den „Handshake“ mit dem Fahrzeug verweigert, weil Protokolle unsauber implementiert wurden. Ein Vorsitzender aus der Industrie stärkt die Praxisnähe. Reine Verwaltungsbeamte tendieren dazu, Sicherheitsmargen so hoch anzusetzen, dass Produkte unbezahlbar oder unbenutzbar werden. Ein Ingenieur, der selbst Produkte verkaufen muss, wird versuchen, den „Sweetspot“ zwischen maximaler Sicherheit und wirtschaftlicher Machbarkeit zu finden.

Ein technisches Detail, das in der allgemeinen Berichterstattung oft untergeht, aber auf der Agenda des TK 69 steht, ist das symmetrische Laden. Es zielt darauf ab, Schieflasten im Netz zu vermeiden. Einphasig ladende Autos mit hohen Leistungen sind für Netzbetreiber ein Graus. Entwicklungen innerhalb der 61851-Serie sollen ermöglichen, auch bei Leistungen bis 22 kW netzfreundlich zu laden. Das erfordert intelligente Steuermechanismen im Fahrzeug und in der Ladeinfrastruktur, die genormt werden müssen. Hier prallen die Interessen der Netzbetreiber, die ein stabiles Netz wollen, auf die der Autohersteller, die Kosten sparen wollen, und die der Nutzer, die einfach nur schnell laden wollen. Von Känel muss hier als Moderator zwischen diesen Welten fungieren.

Die Zusammensetzung seiner bisherigen Tätigkeiten deutet darauf hin, dass er fachlich dazu in der Lage ist. Sein Engagement umfasste bereits mehrere Arbeitsgruppen innerhalb des TK 69, unter anderem die Working Group 12 und die Joint Working Group 20, sowie Einsitz in weiteren Komitees wie WG 7 und WG 8 im SC 23E. Das sind keine Frühstücksdirektorenposten, sondern Arbeitsgruppen, in denen um jedes Wort in den technischen Spezifikationen gerungen wird.

Die Herausforderungen für die kommenden Jahre sind gewaltig. Der technologische Fortschritt wartet nicht auf die nächste Komiteesitzung. Die Ladeinfrastrukturbetreiber, Elektrizitätswerke, Verteilnetzbetreiber und Stromproduzenten haben alle unterschiedliche Anforderungen. Hinzu kommen die Immobilienbesitzer und schlussendlich die Fahrer. Das TK 69 muss einen Standard schaffen, der für den Betreiber einer Schnellladesäule an der Autobahn genauso funktioniert wie für den Eigenheimbesitzer mit Solaranlage auf dem Dach.

Man darf gespannt sein, ob es gelingt, die oft behäbige Normungsarbeit zu beschleunigen. Die IEC-Prozesse sind berüchtigt für ihre Langwierigkeit. Bis ein Standard international ratifiziert ist, ist die Technologie oft schon zwei Schritte weiter. Ein „Macher“ aus der Industrie könnte hier frischen Wind reinbringen, läuft aber auch Gefahr, an den starren Strukturen der internationalen Dachverbände aufzulaufen. Electrosuisse hat mit dieser Besetzung ein Signal gesetzt: Man will näher an den Markt.

Es bleibt jedoch eine Gratwanderung. Die Unabhängigkeit des Gremiums muss gewahrt bleiben. Wenn Standards zu sehr die Handschrift einzelner Firmen tragen, leidet die Akzeptanz im Markt. Konkurrenten könnten eigene Wege gehen oder auf andere Standards wie ISO 15118 ausweichen, was zu einer Fragmentierung des Marktes führen würde – das genaue Gegenteil von dem, was Normung erreichen soll.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Ernennung von Urs von Känel zum Vorsitzenden des TK 69 eine gute Nachricht für die technische Kompetenz des Gremiums ist, aber eine Herausforderung für dessen wahrgenommene Neutralität darstellt. Die Branche wird genau beobachten, ob die kommenden Normenentwürfe neutral und technologieoffen formuliert sind oder ob sie spezifische Architekturpräferenzen begünstigen. Für den Endkunden bleibt zu hoffen, dass am Ende dieser Arbeit Ladesysteme stehen, die einfach funktionieren – egal ob man Strom tankt oder ihn für den Fernsehabend aus dem Auto zieht. Die technische Basis dafür wird jetzt gelegt, in den Sitzungszimmern der Electrosuisse, unter neuer Leitung. Der Weg zur perfekten Ladeinfrastruktur ist noch lang und steinig. Normen sind das Fundament, auf dem dieser Weg gebaut wird.