Changan präsentiert auf der Auto China 2026 seinen richtungsweisenden „Vast Ocean Plan 2.0“ und den BlueCore Hybridantrieb der nächsten Generation - Bildnachweis: Changan
Hochdruck-Einspritzung und globale Expansion
Man stelle sich vor, ein Automobilhersteller presst Kraftstoff mit dem gleichen physikalischen Druck in die Brennräume, der am Grund des Indischen Ozeans in 5.000 Metern Tiefe herrscht. Mit genau dieser Marke von 500 Bar markiert der chinesische Staatskonzern Changan auf der Auto China 2026 in Peking ein technisches Territorium, das bisher der theoretischen Forschung vorbehalten schien. Während der europäische Markt noch mit der Balance zwischen reiner Elektromobilität und schärferen Abgasnormen ringt, zeigt das Unternehmen aus Chongqing eine beachtlichee Entschlossenheit, den Verbrennungsmotor im hybriden Verbund auf ein neues Effizienzniveau zu heben. Es ist kein Geheimnis, dass Changan nach der Marke von 30 Millionen produzierten Einheiten Ende 2025 nun die Weltbühne mit einer Vehemenz betritt, die weit über das bisherige Maß an Exportbemühungen hinausgeht. Die Vorstellung des Vast Ocean Plan 2.0 und der vierten Generation der BlueCore Hybridtechnologie bildet dabei das Rückgrat einer Strategie, die darauf abzielt, bis zum Ende des Jahrzehnts zu den führenden globalen Automobilmarken aufzuschließen. Dass dies nicht nur durch Marketing, sondern durch massive Investitionen in Fertigung, R&D und lokale Strukturen geschehen soll, unterstreicht die Ernsthaftigkeit dieses Vorhabens.
Der Strategiewechsel
Die strategische Neuausrichtung unter dem Namen Vast Ocean Plan 2.0 markiert dabei einen Wendepunkt, weg vom reinen Exportgeschäft hin zu einer systematischen globalen Operation. Wo früher lediglich Fahrzeuge verschifft wurden, sollen nun lokale Wurzeln geschlagen werden. Das Ziel ist ehrgeizig gesteckt, denn bis zum Jahr 2030 strebt der Konzern einen Auslandsabsatz von 1.5 bis 1.8 Millionen Fahrzeugen an. Dabei geht es nicht nur um Volumen, sondern um eine Verdoppelung der Kennzahlen in den Bereichen Umsatz, Gewinn und Markenwert. Deshalb verlagert Changan seinen Fokus von einer China-zentrierten Produktentwicklung hin zu globalen Plattformen, die von Beginn an auf die unterschiedlichen Bedürfnisse in Europa, Eurasien, Südostasien und Amerika zugeschnitten sind. In Europa will man sich nicht weniger als die Spitzenposition unter den chinesischen Marken sichern, was angesichts der erstarkten Konkurrenz durch BYD oder Geely eine strategsich komplexe Aufgabe darstellt. Der Plan sieht sieben Optimierungsbereiche vor, die von der technologischen Innovation über Produktanpassungen bis hin zum Aufbau kompetenter lokaler Teams reichen. Es ist ein integrierter Ansatz, der Fertigung, Handel und Serviceleistungen verbindet, um den Kunden weltweit einen nachhaltigen Mehrwert zu bieten und sich als zuverlässiger Partner zu etablieren.

Der weltweit erste 500-Bar-Ultrahochdruck-Hybridmotor mit Direkteinspritzung
Die vierte Generation des BlueCore Hybridantriebs basiert auf der sogenannten iDE-H Architektur, die eine tiefgreifende Elektrifizierung mit hocheffizienten Verbrennungszyklen kombiniert. Das Herzstück ist der weltweit erste 500-Bar-Ultrahochdruck-Hybridmotor mit Direkteinspritzung. Dieser enorme Druck ermöglicht eine extrem feine Zerstäubung des Kraftstoffs, was wiederum die Verbrennungseffizienz steigert und die Partikelemissionen signifikant senkt. Die Ingenieure haben hier ein Triebwerk geschaffen, das eine thermische Spitzen-Effizienz von 44.28 Prozent erreicht, wobei der Durchschnittswert über das gesamte Lastspektrum bei beachtlichen 40.9 Prozent liegt. Aber die Effizienz eines Hybrids entscheidet sich nicht nur im Zylinderkopf, sondern im Zusammenspiel der Komponenten. Das System nutzt ein hocheffizientes Elektroantriebssystem mit einem Wirkungsgrad von 98.1 Prozent und eine KI-basierte Energiesteuerung, die den Kraftstoffverbrauch durch intelligente Lastverteilung minimiert. In Medientests erzielte die Limousine Eado mit diesem Antrieb einen Bestwert von 1.6 Litern auf 100 Kilometer, wobei Changan für den realen Fahrbetrieb einen Durchschnitt von 3.87 Litern angibt. Dies ermöglicht eine theoretische Gesamtreichweite von bis zu 1.500 Kilometern, was insbesondere für Märkte mit noch im Aufbau befindlicher Ladeinfrastruktur ein gewichtiges Argument darstellt.
Praktische Anwendung findet diese Technik zunächst in zwei der wichtigsten Volumenmodelle der Marke, dem Eado und dem SUV CS75 PLUS. Der neue Eado der vierten Generation positioniert sich als technischer Vorreiter im Kompaktsegment. Mit einer Länge von 4785 mm und einem Radstand von 2765 mm bietet die Limousine Platzverhältnisse, die man eher eine Klasse höher vermuten würde. In China wird dieses Farhzeug zu Preisen ab etwa 87.900 Yuan angeboten, was nach aktuellem Kurs rund 11.400 Euro entspricht, während die höher ausgestatteten Varianten bis zu 13.000 Euro kosten können. Dass solche Preise auf dem europäischen Markt aufgrund von Zöllen und Logistikkosten nicht haltbar sein werden, versteht sich von selbst, dennoch bleibt die technologische Basis beeindruckend. Das System wurde über 20.000 Stunden auf Prüfständen und zwei Millionen Kilometer im Realbetrieb getestet, um die notwendige Zuverlässigkeit zu garantieren. Ein Sicherheitsfeature, das dabei besonders hervorgehoben wurde, ist die Stabilität des Fahrwerks bei extremen Situationen wie einem Reifenplatzer bei hoher Geschwindigkeit von 225 km/h, was auf eine hochentwickelte elektronische Stabilitätskontrolle hindeutet.
Das SUV CS75 PLUS in der hybriden Ausführung der vierten Generation folgt einer ähnlichen Logik, legt jedoch den Schwerpunkt auf Komfort und intelligente Konfiguration. Mit Abmessungen von 4770 mm in der Länge und 1910 mm in der Breite tritt er direkt gegen etablierte Mittelklasse-SUV an. Besonders interessant ist hier die Verwendung einer CDC-Federung mit stufenloser Dämpfung, die in diesem Segment bisher eine Seltenheit war. Diese Technologie passt die Dämpfungsrate in Echtzeit an die Straßenbeschaffenheit an und soll so den Fahrkomfort und die Stabilität massiv verbessern. Der Kraftstoffverbrauch des SUV wird im Stadtverkehr mit 3.54 Litern angegeben, während der kombinierte WLTC-Verbrauch bei etwa 4.67 Litern liegt. Preislich rangiert der CS75 PLUS Hybrid in China im Bereich von etwa 129.900 Yuan, was umgerechnet circa 17.000 Euro entspricht. Aber trotz dieser attraktiven Zahlen bleibt abzuwarten, wie sich das Farhzeug in europäischen Crashtests und unter den hiesigen Qualitätsansprüchen schlagen wird. Die Integration eines großzügigen Display-Setups im Interieur, das an moderne Luxuslimousinen erinnert, zeigt jedoch, daß Changan auch beim Innenraumdesign keine Kompromisse mehr eingehen will.
Jenseits des Volumengeschäfts nutzt Changan seine Submarken, um technologische Spitzenleistungen zu demonstrieren und spezifische Kundengruppen anzusprechen. Die Premiummarke Avatr präsentierte in Peking das Vision Car Vision Xpectra, das mit einer Länge von 5.84 Metern ein monolithisches Statement für die Designphilosophie des Emotive Luxury darstellt. Basierend auf einem 800-Volt-System und ausgestattet mit Siliziumkarbid-Motoren, die einen Wirkungsgrad von 99.1 Prozent erreichen, zielt Avatr direkt auf das Luxussegment ab. Die Rechenleistung des Fahrzeugs von über 3.000 TOPS unterstreicht den Anspruch, bei der autonomen Fahrtechnologie der Stufe L4 ganz vorne mitzuspielen. Zeitgleich erhielten die bereits im Markt befindlichen Modelle Avatr 12 und der neue Avatr 06T umfangreiche Updates bei Leistung und Intelligenz. Aber es stellt sich die Frage, ob solche gigantischen Dimensionen für den europäischen Markt überhaupt praktikabel sind oder ob sie eher dazu dienen, das technologisch Machbare zu visualisieren. Dennoch ist der Erfolg der Marke mit über 140.000 verkauften Einheiten seit dem Start ein Indiz dafür, dass Changan die Transformation zum Premiumhersteller ernsthaft vorantreibt.
Die Marke Deepal hingegen richtet sich an eine jüngere, technikaffine Zielgruppe und setzt auf eine Vielfalt bei den Antriebsformen. Neben reinen Elektrofahrzeugen bietet Deepal auch REEV-Modelle an, also Elektroautos mit Range Extender. In Peking wurde das Portfolio auf sechs Modelle erweitert, wobei der Deepal L06 im Mittelpunkt stand. Dieser bietet als elektrische D-Segment-Limousine ein beachtliches Preis-Leistungs-Verhältnis. In China startet der L06 bereits ab etwa 14.360 Euro, wobei die Long-Range-Varianten mit einer CLTC-Reichweite von bis zu 670 Kilometern bei rund 17.970 Euro liegen. Technisch besticht der L06 durch ein serienmäßiges LiDAR-System und einen 3-Nanometer-Cockpit-Chip, was in dieser Preisklasse weltweit bisher einzigartig ist. Dass Changan hier Hardware verbaut, die man sonst nur in deutlich teureren Fahrzeugen findet, zeigt den massiven Skaleneffekt, den der Konzern durch seine hohen Produktionszahlen erzielen kann. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass diese Modelle als Speerspitze für den globalen Markt fungieren sollen, wobei sie sowohl durch Leistung als auch durch vernetzte Intelligenz punkten wollen.
Aber die Ambitionen von Changan enden nicht beim privaten Pkw. Ein oft übersehener, aber strategsich entscheidender Bereich ist die gewerbliche Logistik. Unter der Marke Changan Kaicheng wurde in Peking der Robovan vorgestellt, ein fahrerloses Logistikfahrzeug für die Zustellung auf der letzten Meile. Basierend auf der SDA-Architektur verfügt der Robovan über mehrstufige Systemredundanzen, einschließlich eines doppelt redundanten Brake-by-Wire-Systems. Diese technische Redundanz ist die Grundvoraussetzung für einen sicheren autonomen Betrieb, da sie sicherstellt, dass das Fahrzeug selbst beim Ausfall einer Komponente kontrolliert zum Stillstand gebracht werden kann. In Kooperation mit JD Logistics befindet sich der Robovan bereits im realen Einsatz und zeigt, wie Changan das Thema Mobilität ganzheitlich denkt. Es geht nicht mehr nur um das Fahrzeug an sich, sondern um die Integration in intelligente Ökosysteme, die von der Produktion über den Transport bis hin zur Zustellung reichen. Dass diese Fahrzeuge für jede Witterung und lange Betriebszyklen ausgelegt sind, unterstreicht die industrielle Reife dieser Technologie.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Changan auf der Auto China 2026 ein beeindruckendes, aber auch forderndes Bild seiner Zukunft gezeichnet hat. Der Übergang vom Exporteur zum globalen integrierten Automobilkonzern ist ein massives Unterfangen, das weit über die bisherigen chinesischen Expansionen hinausgeht. Die BlueCore Hybridtechnologie könnte dabei genau die Brücke schlagen, die viele Kunden weltweit suchen, denen ein reines Elektrofahrzeug noch zu viele Einschränkungen auferlegt. Mit dem Vast Ocean Plan 2.0 hat der Konzern die Marschrichtung klar definiert: Lokale Verankerung statt bloßem Handel. Dennoch bleiben Herausforderungen bestehen, insbesondere bei der Anpassung der Software und der Erfüllung der strengen europäischen Zulassungs- und Datenschutzregeln. Auch die Akzeptanz einer Marke, die in Europa noch keinen festen Platz in den Köpfen der Käufer hat, muss erst mühsam erarbeitet werden. Deshalb ist die Gründung der Changan Automobile Deutschland GmbH in München ein konsequenter Schritt, um näher am Puls des wohl anspruchsvollsten Automobilmarktes der Welt zu sein. Es wird spannend sein zu beobachten, ob die harten technischen Fakten wie die 500-Bar-Einspritzung und die hohe thermische Effizienz ausreichen werden, um den etablierten Wettbewerb dauerhaft unter Druck zu setzen. Dass Changan bereit ist, den Weg mit langem Atem und technischer Finesse zu gehen, daran lässt dieser Messeauftritt keinen Zweifel. Die Reichweitee der Ambitionen aus Chongqing reicht nun endgültig bis an die Ufer Europas, und der Vast Ocean Plan 2.0 ist das Schiff, auf dem diese Ambitionen segeln. Man darf gespannt sein, wie die etablierten Hersteller auf diesen Hochdruck aus Fernost reagieren werden, wenn die ersten Modelle auf deutschen Straßen auftauchen.

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