Rekordauslieferungen im Jahr 2025: Leapmotor sichert sich Top-Position unter den elektrischen Start-up-Marken in China - Bildnachweis: Leapmotor / Stellantis
Eine Marke zwischen Aufbruch und Erwachsenwerden
Es begann fast unbemerkt. Während viele chinesische Elektroautohersteller um Aufmerksamkeit rangen, hat sich Leapmotor still, aber entschlossen an die Spitze der sogenannten „New Energy Vehicle“-Start-ups in China gesetzt. 2025 war das Jahr, in dem der Newcomer endgültig in der ersten Liga mitspielte. Mit über 596.000 ausgelieferten Fahrzeugen weltweit – doppelt so viele wie im Vorjahr – hat sich Leapmotor von einem ambitionierten Herausforderer zu einem ernstzunehmenden Akteur der globalen E-Mobilitätsbranche entwickelt. Das ist mehr als ein bloßer Absatzrekord: Es ist ein Signal, daß die Elektroauto-Landschaft eine neue Ära der Konsolidierung erreicht.
Aufstieg mit System
Deshalb lohnt sich ein Blick auf die Strategie hinter dem Wachstum. Leapmotor, 2015 gegründet und in Hangzhou beheimatet, hat sich von Beginn an auf eine ungewöhnlich vertikale Wertschöpfung verlegt. Statt sich auf Zulieferer zu verlassen, entwickelt das Unternehmen viele zentrale Komponenten selbst – von der Fahrzeugsoftware über Batteriemanagementsysteme bis zu eigenen Elektromotoren. Diese technische Eigenständigkeit wurde 2025 weiter ausgebaut, als die neue „Leap 3.5“-Technologieplattform vorgestellt wurde. Sie bildet die Grundlage für modulare Baukästen vom Kompaktsegment bis zur Oberklasse und vereint leistungsfähige Steuerungsarchitektur mit neuer Antriebstechnik, die Effizienz und Produktionskosten gleichermaßen verbessern soll.
Aber Leapmotor verdankt seinen Erfolg nicht allein der Technik, sondern auch einer präzise getakteten Modellpolitik. Mit neuen Fahrzeugen wie dem B10 SUV, dem B011, dem sportlich gezeichneten Coupé B051 und dem Limousinenmodell B03X1 hat die Marke die Lücke zwischen Volumen- und Premiumherstellern gefüllt. Der B10 – ein Mittelklasse-SUV mit rund 4,8 Metern Länge – gilt als internationalstes Modell der Marke. Er soll europaweit den Eintritt erleichtern und technische Elemente teilen mit dem ebenfalls neu entwickelten E-Segment-SUV D191, das 2026 als technologische Spitze der Marke erscheinen dürfte.
Von China in die Welt
Im Jahr 2025 trat Leapmotor auch geografisch aus dem Schatten der heimischen Konkurrenz. Märkte in Südamerika, im Mittleren Osten und in Afrika wurden erschlossen, und die Zahl der Händler weltweit stieg auf über 1.700 Standorte. Damit wurde das Fundament gelegt, um die ehrgeizige Internationalisierungsstrategie fortzusetzen. Eine Strategie, die spätestens seit der Partnerschaft mit Stellantis im Herbst 2023 eine neue Dynamik gewonnen hat.
Stellantis hält inzwischen über das Joint Venture „Leapmotor International“ rund 51 Prozent der Auslandsgeschäfte und ermöglicht Leapmotor damit Zugang zu globalen Vertriebs-, Logistik- und Produktionsnetzwerken. Für den europäischen Markt bedeutet das: Leapmotor-Fahrzeuge werden künftig auch über etablierte Stellantis-Kanäle vertrieben, in Deutschland voraussichtlich über das weit gespannte Händlernetz von Marken wie Opel und Peugeot. Das erste Modell für Europa, der C10 – ein Mittelklasse-SUV mit wahlweise rein elektrischem oder Range-Extender-Antrieb – soll noch 2026 auf den Markt kommen. Er steht auf derselben Plattform wie die in China erfolgreiche Mittelklasselimousine C11.
Ein Rekordjahr mit vielen Botschaften
2025 war aber nicht nur ein Jahr der Expansion, sondern auch ein Jahr der Konsolidierung. Zum ersten Mal in der Firmengeschichte schrieb Leapmotor im ersten Halbjahr einen positiven Nettogewinn. Noch vor wenigen Jahren war das undenkbar, angesichts hoher Investitionen in Forschung, Entwicklung und Produktion. Drei aufeinanderfolgende Quartale mit schwarzen Zahlen zeigen nun, dass sich die Strategien auszahlen. Die Marke hat ihr millionstes Fahrzeug produziert und sich wirtschaftlich stabilisiert, während viele jüngere Wettbewerber – darunter WM Motor oder Aiways – ins Schlingern geraten sind.
Der Erfolg läßt sich auch im direkten Vergleich einordnen: Andere Startup-Marken wie Nio, Xpeng oder Li Auto setzten 2025 jeweils zwischen etwa 430.000 und 480.000 Fahrzeuge ab. Leapmotor überholte sie erstmals deutlich und lag damit hinter den großen etablierten Herstellern BYD und Tesla auf Platz drei der rein elektrischen Volumenmarken Chinas. Dass ausgerechnet ein Hersteller, der bis vor Kurzem noch als „Zweitreihe“ galt, dieses Ergebnis erreicht, zeigt, wie schnell sich Machtverhältnisse im größten Elektromobilitätsmarkt der Welt verschieben.
Technologie für den globalen Wettbewerb
Der technologische Unterbau spielt dabei eine Schlüsselrolle. Die neue „Leap 3.5“-Architektur erlaubt nicht nur die Integration unterschiedlicher Batterietypen von LFP bis NCM, sondern auch die flexible Skalierung der Leistungselektronik. Dadurch können in einem Baukasten Fahrzeuge entstehen, die von 100 bis über 400 kW leisten. Zudem nutzt Leapmotor zunehmend sogenannte „Cell-to-Chassis“-Konzepte, bei denen die Batterie formschlüssig in die Fahrzeugstruktur integriert ist. Das spart Gewicht und verbessert vor allem die Verwindungssteifigkeit, was sich positiv auf Komfort und Sicherheit auswirkt.
Eine Eigenentwicklung ist auch die zentrale Steuerplattform „Leapmotor OS“, ein auf Android basierendes Betriebssystem, das alle Infotainment- und Assistenzfunktionen bündelt. Durch „Smart-Connectivity“-Funktionen sollen Nutzer künftig Over-the-Air-Updates für Fahrassistenzsysteme und Batteriesteuerung erhalten können – ähnlich wie bei Tesla. Dennoch bleibt ein kritischer Punkt: Leapmotor muss beweisen, dass die Systemintegration auch auf westliche Sicherheitsanforderungen angepasst werden kann, gerade mit Blick auf europäische Datenschutzrichtlinien und ECE-Homologation.
Von der Start-up-Dynamik zur industriellen Stabilität
Die Fertigungskapazitäten in China haben im Rekordjahr 2025 Produktionsdimensionen erreicht, die jene etablierter Hersteller kaum mehr übertreffen. Das Werk Jinhua in der Provinz Zhejiang, das gleichzeitig Forschung, Testfelder und Endmontage umfasst, ist auf mehr als 800.000 Fahrzeuge pro Jahr ausgelegt. Ergänzende Werke in Chengdu und Nanchang befinden sich im Ausbau. Hinter den Kulissen geht es längst nicht mehr um reines Start-up-Wachstum, sondern um industrielle Stabilität. Leapmotor arbeitet mit strengen Qualitätsmetriken, nachdem frühe Modelle in China wegen Softwareproblemen und Fahrwerksabstimmung in der Kritik standen. Diese Schwächen scheinen inzwischen behoben: Fahrzeuge wie der C11 wurden zuletzt von mehreren chinesischen Fachmagazinen als solide und ausgewogen beurteilt – was in einem hochkompetitiven Markt fast als Ritterschlag gilt.
Eine Marke mit Geschichte und Zukunftsplan
Im Dezember 2025 feierte Leapmotor sein zehnjähriges Bestehen. Das Jubiläum diente weniger dem Eigenlob, sondern markierte intern den Übergang zu einer neuen Entwicklungsphase. In den Anfangsjahren kämpfte die Firma gegen Vorbehalte, da sie anders als Nio oder Xpeng ohne massive Staatsinvestitionen startete. Statt Prestige-Kampagnen zu fahren, investierte man in eigene Chips, Motoren und Softwarearchitekturen. Diese Langfriststrategie wird nun zum entscheidenden Erfolgsfaktor. Gründer Zhu Jiangming betont in internen Statements, dass Technologie und Pragmatismus wichtiger seien als Hochglanz-Marketing. Ein Ansatz, der auch im Ausland zunehmend als seriöser wahrgenommen wird.
Leapmotor in Europa – Chancen und Hürden
Aber leicht wird der Schritt nach Europa nicht. Der Wettbewerb ist dichter, die Margen kleiner und die Anforderungen an Crashsicherheit, Zulassung und Markenwahrnehmung deutlich höher als in China. Stellantis bringt hier Erfahrung ein: Über das Joint Venture sollen Montage und Homologation zentral in Europa erfolgen, um die Logistik zu vereinfachen. Eine Fertigung in Polen oder der Slowakei ist möglich, wohl aber erst ab 2027 realistisch. Bis dahin bleiben die Fahrzeuge Importmodelle – eine Hürde für Preisgestaltung und Marketing.
Der geplante C10, dessen europäischer Marktstart für Ende 2026 erwartet wird, dürfte ab rund 36.000 Euro angeboten werden. Damit würde Leapmotor preislich unterhalb von Kia EV6, Tesla Model Y und Hyundai Ioniq 5 positioniert sein, mit ähnlicher Ausstattung, aber etwas geringeren Reichweiten. In China kostet das Modell umgerechnet etwa 28.000 Euro. Realistisch dürfte auch in Deutschland mit einer adaptiven Preisstrategie zu rechnen sein: Einstiegspreise knapp unter 40.000 Euro bei umfangreichen Sicherheits- und Konnektivitätsmerkmalen.
Starkes Wachstum, fragiles Vertrauen
Dennoch stellt sich die Frage, ob Leapmotor den Übergang vom heimischen Wachstumsmarkt zum globalen Player ohne Stolpern schafft. Die chinesische E-Auto-Branche ist extrem volatil, und viele Hersteller spüren den Druck sinkender Subventionen und steigender Exportzölle. Auch Leapmotor bleibt davon nicht völlig unberührt. Das starke Absatzwachstum 2025 ist zwar eindrucksvoll, resultiert aber teilweise aus Preisoffensiven im Inland – vor allem auf Provinzmärkten, wo Fahrzeuge mit Rabatten von bis zu 15 Prozent verkauft wurden. Analysten sehen daher die Profitabilität als noch nicht nachhaltig an, obwohl die Zahlen nach außen positiv erscheinen.
Deshalb gilt es, die Euphorie zu relativieren. Die Marke steht technisch überzeugend da, aber die Wahrnehmung im Ausland muss sich erst entwickeln. Anders als BYD verfügt Leapmotor weder über jahrzehntelange Fertigungserfahrung noch einen hohen Wiederverkaufswert im westlichen Gebrauchtmarkt. Das Vertrauen europäischer Kunden wird sich erst auf Basis konkreter Produkte bilden, nicht auf Basis von Statistiken. Genau das will Leapmotor 2026 unter Beweis stellen – mit Qualität statt nur Volumen.
Was Leapmotor von anderen unterscheidet
Aber es gibt auch Argumente, die die Marke langfristig stark machen könnten. Der besonders hohe Eigenfertigungsanteil erlaubt eine ungewöhnlich schnelle Anpassung an Marktanforderungen. Während einige Konkurrenten externe Plattformen oder Elektroniksysteme beziehen, produziert Leapmotor Chips, Inverter und Batteriepacks selbst – eine Seltenheit selbst unter chinesischen Herstellern. Diese Struktur könnte sich in Zeiten geopolitischer Unsicherheiten als Vorteil erweisen, etwa wenn Lieferketten zwischen China und Europa gestört würden.
Ein weiterer Unterschied liegt in der Fokussierung auf softwarebasierte Effizienz. Anstatt teure Luxusfunktionen zu betonen, setzt Leapmotor auf skalierbare Technologie und modulare Bauteile. Die neue Generation der Elektromotoren erreicht Wirkungsgrade von über 92 Prozent und kann in verschiedene Fahrzeugsegmente integriert werden. Auch das Wärmemanagementsystem wurde optimiert, um Reichweitenverluste bei niedrigen Temperaturen zu reduzieren – ein Aspekt, der gerade in Europa entscheidend sein wird.
Der Blick auf 2026 und darüber hinaus
Für das Jahr 2026 hat Leapmotor ehrgeizige Ziele formuliert. Der Absatz soll laut interner Planung auf etwa 850.000 Fahrzeuge steigen, darunter schätzungsweise 100.000 im Ausland. Der Fokus liegt auf stabiler Expansion und erhöhter internationaler Markenbekanntheit. Zudem wird erwartet, dass der europäische Markteintritt – unterstützt durch Stellantis – in der zweiten Jahreshälfte mit einem ersten Händlernetz in Südeuropa beginnt. Deutschland dürfte kurz darauf folgen.
Gemeinsam mit Stellantis arbeitet Leapmotor an einer europäischen Software-Cloud, um künftige Modelle per Fernwartung aktualisieren zu können. Diese Integration ist strategisch bedeutsam: Sie soll die Fahrzeuge auf europäische Standards trimmen und Serviceprozesse vereinfachen. Damit geht Leapmotor den Weg, den Tesla vor einem Jahrzehnt vorgemacht hat – allerdings mit einem industriellen Partner im Rücken, der über jahrzehntelange Marktkenntnis verfügt.
Zwischen Euphorie und Realität
Zum Abschluss bleibt ein ambivalentes Bild. Leapmotor ist 2025 zweifellos zum Shootingstar unter den chinesischen E-Auto-Herstellern aufgestiegen – rekordverdächtig in Zahlen, mutig in Strategie, technisch gut aufgestellt. Aber der entscheidende Test steht erst bevor. Die globale Bühne verzeiht keine Anlaufphase. Europäische Käufer werden Genauigkeit, Qualität und Transparenz erwarten, nicht nur Reichweite und Preis. Ob Leapmotor diesen Spagat schafft, hängt weniger vom Absatz als vom Vertrauen ab, das man jenseits der Statistik gewinnen kann.
2025 war das Jahr, in dem Leapmotor bemerkenswert gewachsen ist. 2026 könnte das Jahr werden, in dem sich zeigt, ob dieses Wachstum nachhaltig ist. Der Markt wartet darauf, es zu erfahren.

Ähnliche Berichte
Kundensport: Opel öffnet die Auftragsbücher für den neuen Mokka GSE Rally
MG4 Urban: Mit mehr Radstand und neuen LFP-Akkus in die Stromer-Zukunft
Glamour trifft Hochvolt: Die kalkulierte Inszenierung des Cupra Raval auf der Berlinale