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Vom Nischenplayer zum Vollsortimenter: Polestar kündigt vier neue Modelle bis 2028 an

Roadmap: Polestar 5, Polestar 4, Polestar 2 und Polestar 7 - Bildnachweis: Polestar

 

Warum Polestar jetzt auf Volumen statt Exklusivität setzt

Wer heute ein Elektroauto der gehobenen Mittelklasse sucht, kommt an den kühlen Entwürfen aus Göteborg kaum vorbei, doch der Glanz der ersten Jahre ist in einem volatilen Marktumfeld merklich verblasst. Polestar steht an einem Scheideweg, der nicht nur über das Design der nächsten Jahre entscheidet, sondern über das Fortbestehen einer Marke, die sich bisher vor allem durch Reduktion und Ästhetik definierte. Inmitten einer globalen Abkühlung der Nachfrage nach reinen Stromern bläst das Unternehmen nun zur größten Modelloffensive seiner Geschichte. CEO Michael Lohscheller, ein erfahrener Sanierer der Branche, übernimmt das Ruder in einer Phase, in der die ursprüngliche Euphorie einem harten Realismus weichen muss. Das Ziel ist klar formuliert: weg vom Dasein als One-Hit-Wonder mit dem Polestar 2, hin zu einem breit aufgestellten Portfolio, das bis 2028 vier völlig neue Modelle umfasst.

Roadmap: Polestar 5, Polestar 4, Polestar 2 und Polestar 7 – Bildnachweis: Polestar

Vom Nischenplayer zum Vollsortimenter: Die 2028er-Roadmap der Schweden Michael Lohschellers Masterplan für Polestar

Der neue Kurs sieht vor, dass Polestar in Rekordzeit in Segmente vordringt, die bisher von etablierten deutschen Premium-Herstellern oder der amerikanischen Konkurrenz besetzt waren. Aber dieser Expansionsdrang birgt Risiken, denn die Erwartungshaltung der Kunden an Software-Stabilität und Reichweiten-Effizienz ist massiv gestiegen. Deshalb setzt Lohscheller auf eine Doppelstrategie aus prestigeträchtigen Flaggschiffen und volumenstarken Einstiegsmodellen. Im Sommer 2026 macht der Polestar 5 den Anfang, ein viertüriger Grand Tourer, der technisch wie optisch die Speerspitze bildet. Mit einer Länge von 509 Zentimetern und einem Radstand von 3054 Millimetern zielt er direkt auf das Luxussegment ab. Die technischen Eckdaten beeindrucken auf dem Papier: Eine 800-Volt-Architektur sorgt für Ladegeschwindigkeiten, die bei entsprechenden Säulen in 22 Minuten von 10 auf 80 Prozent führen.

Neue Version des Polestar 4 – Bildnachweis: Polestar

Besonders die Performance-Variante des Polestar 5 lässt aufhorchen, da sie mit einer Systemleistung von 650 kW (884 PS) und einem Drehmoment von 1.015 Nm in nur 3,2 Sekunden auf 100 km/h sprintet. Aber Exklusivität hat ihren Preis, denn die Launch Edition startet bei 118.600 Euro für den Dual Motor mit 550 kW (748 PS) und reicht bis zu 141.600 Euro für das Topmodell. In einer Welt, in der 100.000-Euro-Elektroautos kein Selbstläufer mehr sind, muss der Polestar 5 beweisen, dass seine verklebte Aluminiumplattform tatsächlich die versprochene Torsionssteifigkeit eines Supersportwagens bietet. Zweifellos ist dies ein mutiger Schritt, um die Marke emotional aufzuladen, doch das eigentliche Geld muss in anderen Preisregionen verdient werden.

Deshalb rückt bereits im vierten Quartal 2026 eine neue Variante des Polestar 4 in den Fokus. Das aktuelle Modell, das mit seiner markanten Heckpartie ohne Rückfenster polarisiert, soll durch mehr Vielseitigkeit massentauglicher werden. Lohscheller spielt hier geschickt mit der schwedischen Tradition des Kombis an. Eine Karosserieform, die im Elektrozeitalter bisher sträflich vernachlässigt wurde, könnte dem Polestar 4 jenen Nutzwert verleihen, den pragmatische Käufer bisher vermissen. Mit einem Einstiegspreis von 61.900 Euro für den Single Motor mit 200 kW (272 PS) bleibt der Polestar 4 preislich zwar ambitioniert, bildet aber die Brücke zwischen dem Luxus des 5ers und dem Volumen des Nachfolgers der 2er-Reihe.

Polestar 7 – Bildnachweis: Polestar

Der Polestar 2, seit 2020 das Fundament der Marke mit über 190.000 verkauften Einheiten, nähert sich dem Ende seines Lebenszyklus. Anfang 2027 wird die zweite Generation erwartet, die unter der Leitung des neuen Designchefs Philipp Römers entsteht. Es ist die erste große Bewährungsprobe für den ehemaligen Audi-Designer bei den Schweden. Man darf gespannt sein, ob er die kühle, minimalistische DNA beibehält oder neue, emotionalere Akzente setzt. Der Nachfolger muss technologisch einen gewaltigen Sprung machen, um gegen die erstarkte Konkurrenz aus China und die Dauerbrenner von Tesla bestehen zu können. Die aktuelle Basis, die sich das Fahrzeug noch mit dem Volvo XC40 teilt, wirkt im Vergleich zu dedizierten Elektro-Plattformen zunehmend betagt.

Den wohl wichtigsten Baustein für den wirtschaftlichen Erfolg bildet jedoch der Polestar 7, der für 2028 angekündigt ist. Als kompaktes Premium-SUV besetzt er das in Europa volumenstärkste Segment. Besonders interessant ist die Ankündigung, dass dieses Modell in Europa produziert werden soll, was nicht nur logistische Vorteile bringt, sondern auch ein Signal gegen die drohenden Handelshemmnisse für Fahrzeuge aus chinesischer Produktion ist. Polestar verspricht hier einen progressiven Ansatz zu einem attraktiven Preis, was im Klartext bedeutet, dass man sich unterhalb der Preisgestaltung von Audi Q4 e-tron oder BMW iX3 positionieren muss, ohne den Premium-Anspruch aufzugeben. Aber der Erfolg in diesem Segment wird maßgeblich von der Software abhängen, einem Bereich, in dem die Marke in der Vergangenheit öfter mit Kinderkrankheiten zu kämpfen hatte.

Trotz der expansiven Pläne bleibt Polestar seiner Linie treu: Es wird keine Range Extender oder hybride Zwischenlösungen geben. Während andere Hersteller angesichts stagnierender Quoten ihre Verbrenner-Pläne reaktivieren, setzt Lohscheller alles auf die rein elektrische Karte. Das ist konsequent, aber auch riskant. Um die Profitabilität zu sichern, muss der Absatz im Jahr 2026 im niedrigen zweistelligen Bereich wachsen. Im Jahr 2025 konnte das Unternehmen bereits eine Steigerung auf rund 60.000 Fahrzeuge weltweit verzeichnen, was einem Zuwachs von etwa 34 Prozent entspricht. Doch um die Gewinnschwelle nachhaltig zu erreichen, ist ein deutlich höheres Volumen erforderlich, weshalb das Vertriebsnetzwerk zeitgleich um 30 Prozent ausgebaut wird.

Neue Generation des Polestar 2 – Bildnachweis: Polestar

Die Herausforderung für Polestar liegt in der nächsten Phase der Transformation. Man muss den Spagat schaffen zwischen der Design-Ikone für Individualisten und dem zuverlässigen Alltagsbegleiter für die breite Masse. Dass man den Polestar 6 Roadster vorerst hintenanstellt, um den Volumenmodellen Vorrang zu geben, ist eine vernünftige Entscheidung, die zeigt, dass betriebswirtschaftliche Realitäten nun über Prestige-Projekte triumphieren. Ob die Kunden den Weg mitgehen und die ambitionierten Preise für die neuen Modelle akzeptieren, wird sich zeigen. Eines ist jedoch sicher: Polestar hat den Modus des Wartens verlassen und sucht die Entscheidung in der Offensive.