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Vom Prototyp zur Ressource: Wie Seat und Cupra Recycling industrialisieren

Circular Economy Hub von Seat und Cupra - Bildnachweis: Seat

 

Was der Circular Economy Hub konkret leistet

Wenn aus einem ausgeschlachteten Prototypen ein zweites Autoleben entsteht, zeigt sich, wie ernst ein Hersteller das Thema Nachhaltigkeit wirklich nimmt.

Seat und Cupra haben in der Industriezone Zona Franca in Barcelona einen Circular Economy Hub in Betrieb genommen, der weit über das übliche Recycling-Image hinausgehen soll und sich als Baustein einer tiefgreifenden Transformation von Produktion und Produkt versteht. Dabei geht es um harte Technik, um Daten und um Prozesse – nicht um grüne Schlagworte. Trotzdem bleibt die Frage, wie groß der reale Hebel dieser Anlage ist und ob sich die ambitionierten Ziele am Ende im Flottenalltag und beim Ressourcenverbrauch tatsächlich messen lassen.

Der neue Circular Economy Hub ist in einer bestehenden Struktur entstanden: der ehemaligen Werkstatt 7 in der Zona Franca von Barcelona, die zu einem Zentrum für Demontage, Rückgewinnung und Recycling von Bauteilen umgebaut wurde. Zusätzlich stammen Fördermittel aus dem spanischen Perte-Programm für Kreislaufwirtschaft, das gezielt industrielle Transformationsprojekte im Kontext von Wiederaufbau, Transformation und Resilienz fördert. Deshalb ist der Hub nicht nur interne Technikspielwiese, sondern auch politisch gewolltes Pilotprojekt, an dem sich ablesen lässt, ob Kreislaufwirtschaft in einem volumenstarken Herstellerverbund industriell skalierbar ist.

Zunächst konzentriert sich die Anlage auf Vorserienfahrzeuge von Seat und Cupra, also Fahrzeuge, die in Entwicklung und Homologation eingesetzt wurden und nie an Kunden ausgeliefert werden. Diese Autos werden systematisch zerlegt, Bauteile werden identifiziert, geprüft und in definierte Material- und Komponentenströme überführt, die entweder in neuen Fahrzeugen wiederverwendet, stofflich recycelt oder von externen Partnern für den Wiederverkauf aufbereitet werden. Deshalb entsteht im Idealfall ein Kreislauf aus Testfahrzeugen und Bauteilen, der weniger Neuware erfordert und die Lebensdauer einzelner Komponenten verlängert.

Demontage als industrieller Prozess

Auf den ersten Blick wirkt Demontage banal: Auto aufbocken, Teile ausbauen, Metalle trennen. In einem Circular Economy Hub läuft das allerdings als strukturierter industrieller Prozess mit definierten Abläufen und Qualitätsanforderungen ab. Ausgangspunkt ist ein standardisiertes Demontageprotokoll, das festlegt, in welcher Reihenfolge und mit welchen Sicherheitsvorkehrungen relevante Baugruppen wie Antriebsstrang, Hochvoltbatterie, Fahrwerkskomponenten, Karosserieteile oder sicherheitsrelevante Elemente ausgebaut werden.

Aber die Herausforderung liegt nicht nur in der technischen Zerlegung, sondern im intelligenten Routing der Bauteile: Welche Komponente eignet sich für eine direkte Wiederverwendung, welche muss erst überholt werden, welche wird besser direkt in metallurgische oder chemische Recyclingprozesse überführt. Deshalb agiert der Hub als Schnittstelle zwischen Demontagehallen, Qualitätssicherung, Werkstechnik und externen Partnern – und bildet im Idealfall eine Art internes Rohstoff- und Teilelager, das künftig über digitale Systeme mit den Fertigungswerken in Martorell, Barcelona und El Prat verknüpft werden kann.

Zweites Leben für Komponenten

Seat und Cupra betonen, dass aus den zurückgewonnenen Bauteilen „kostengünstigere Lösungen mit geringerer Umweltbelastung“ entstehen sollen, etwa wenn wiederaufbereitete Komponenten als Ersatzteile im Aftermarket oder in bestimmten Baureihen zum Einsatz kommen. Deshalb wird der Hub perspektivisch nicht nur Demontagezentrum, sondern auch Ausgangspunkt für standardisierte Remanufacturing-Prozesse sein, bei denen Komponenten, ähnlich wie bei überholten Austauschaggregaten, technisch und optisch auf Neuteilniveau gebracht werden.

Die Praxis wird zeigen, welche Teile sich am besten eignen.  Mechanische Komponenten wie Fahrwerkslenker, Achsbauteile oder bestimmte Strukturteile lassen sich vergleichsweise gut prüfen und wiederverwenden, während sicherheitsrelevante Systeme wie Airbags oder komplexe Elektronik eine deutlich strengere Qualifizierung erfordern. Deshlb dürften zunächst vor allem Bauteile mit klar messbaren Standzeiten und gut zugänglichen Prüfkriterien im Fokus stehen, etwa bestimmte Hochvoltkomponenten, Gehäuse, Halterungen, Sitzstrukturen oder Karosserieanbauteile.

Hochvoltbatterien im Fokus

Kein Recyclingbericht 2025 kommt ohne das Thema Hochvoltbatterie aus. Seat und Cupra verweisen darauf, dass man sich in Forschungsprojekten zur Rückgewinnung von Komponenten und zum Recycling von Batterien am Ende des Produktlebenszyklus engagiert. Konkrete Kennzahlen zu Recyclingquoten oder zu bereits realisierten Second-Life-Anwendungen werden im Zusammenhang mit dem neuen Hub bislang jedoch nicht genannt, was Raum für Fragen lässt.

Deshalb erscheint es plausibel, dass der Circular Economy Hub zunächst vor allem als Demontage- und Diagnosestandort für Batteriemodule fungiert, in dem Packs aus Vorserienfahrzeugen geöffnet, analysiert und in Module und Zellen separiert werden. Geeignete Module könnten perspektivisch in stationären Speichersystemn oder in nicht sicherheitskritischen Anwendungen ein zweites Leben erhalten, während kritische Rohstoffe wie Lithium, Kobalt oder Nickel vermehrt über spezialisierte Recyclingpartner zurückgewonnen werden. Dass Seat und Cupra Teil des Volkswagen-Konzerns sind, erleichtert dabei den Zugang zu gruppenweiten Battery-Recycling-Initiativen, etwa den in anderen Marken aufgebauten Rückgewinnungsanlagen für Batterierohstoffe.

Ressourceneinsparung als Strategie

Das Engagement im Circular Economy Hub ist kein isoliertes Projekt, sondern eingebettet in eine breiter angelegte Nachhaltigkeitsstrategie von Seat S.A., die Produktion, Produkt und Lieferkette umfasst. Seit 2010 misst das Unternehmen fünf zentrale Umweltindikatoren in seinen Werken und verweist darauf, dass der ökologische Fußabdruck der Standorte Martorell, Barcelona und El Prat seither mehr als halbiert worden sei. Dabei wurden Energieverbrauch, CO2-Emissionen, Wasserverbrauch, Abfallaufkommen und Lösungsmittel-Emissionen systematisch reduziert, teilweise durch effizientere Anlagen, organisatorische Maßnahmen und den erweiterten Einsatz erneuerbarer Energien.

Seit 2012 wird der Strombedarf der Werke vollständig aus erneuerbaren Quellen gedeckt, was die CO2-Emissionen der Produktion deutlich senkt. Zudem wurden Projekte wie die Photovoltaik-Initiative Seat al Sol 2 gestartet, die ab 2025 mit rund 39.000 Solarmodulen eine jährl. Stromerzeugung von etwa 29 Gigawattstunden erreichen soll und damit die Eigenversorgung mit erneuerbarer Energie etwa verdreifacht. Deshalb ist der neue Hub zwar ein sichtbares Symbol, aber letztlich nur ein Baustein in einem Bündel an Maßnahmen, das von Energieeffizienz bis zu wasserarmen Lackierprozessen reicht.

CO2-Reduktion und Dekarbonisierung

Seat und Cupra geben an, dass die CO2-Emissionen ihrer Werke seit 2010 um 75 Prozent reduziert wurden und man anstrebt, die Produktionsstandorte bis 2040 CO2-neutral zu betreiben sowie bis 2050 ein vollständig CO2-neutrales Unternehmen zu werden. Diese Ziele sind im Einklang mit der Dekarbonisierungsstrategie des Volkswagen-Konzerns und der Initiative „Zero Impact Factory“, die langfristig eine nahezu emissionsfreie Produktion anstrebt. Dennoch bleibt offen, in welchem Umfang Restemissionen über Kompensation oder Zertifikate ausgeglichen werden und welcher Anteil rein technisch durch Effizienzsteigerungen und Umstellung auf erneuerbare Energien erreicht werden soll.

Deshalb lohnt ein genauer Blick auf die Produktionsprozesse: In Martorell wurde etwa ein rein elektrisch betriebener Lacktrockner installiert, der den Energieverbrauch um rund ein Viertel reduziert und mehrere tausend Tonnen CO2 pro Jahr einspart. Gleichzeitig geht es um weniger sichtbare Maßnahmen wie die Optimierung von Druckluftsystemen, die Wärmerückgewinnung in Trocknungsanlagen oder eine intelligentere Steuerung von Lüftungs- und Klimasystemen in den Fabrikhallen. Der Circular Economy Hub fügt dem ein weiteres Puzzleteil hinzu, indem er den Ressourcenbedarf der Produktion indirekt reduziert, weil weniger Primärmaterial benötigt wird.

Materialien im Innenraum: Seaqual und Dinamica

Neben der Produktion rückt Seat die eingesetzten Materialien in den Fahrzeugen selbst in den Fokus. So wird beispielsweise das Textil Seaqual Yarn verwendet, das aus recyceltem Kunststoff besteht, der aus Meeren und Küstenregionen gesammelt wird. Dieses Garn kommt vor allem in Sitzbezügen und Interieur-Elementen zum Einsatz und soll zeigen, dass Recyclingmaterial nicht zwangsläufig mit haptischen oder optischen Kompromissen verbunden ist.

Hinzu kommt das Mikrofaser-Material Dinamica, das zu rund 73 Prozent aus recyceltem Polyester besteht und in einem wasserbasierten Verfahren hergestellt wird. Besonders bei Cupra-Modellen mit sportlichem Anspruch – etwa im Cupra Born oder in leistungsorientierten Derivaten – findet Dinamica Verwendung in Sitzoberflächen und Dekorelementen. Deshalb ist die Materialstrategie spürbar mit dem Markenbild verknüpft: Nachhaltigkeit soll nicht nur über CO2-Werte, sondern auch über sicht- und fühlbare Materialien transportiert werden, ohne den sportlich-technischen Anspruch zu relativieren.

Cupra: Performance trifft Recycling

Cupra positioniert sich als sportlich-progressive Submarke von Seat bzw. als eigenständige Marke innerhalb von Seat S.A. – mit Modellen wie dem rein elektrischen Cupra Born oder sportlichen Versionen des Formentor. Gerade hier ist die Integration nachhaltiger Materialien und Recyclingprozesse heikel, weil die Zielgruppe hohe Performance, emotionales Design und hochwertige Anmutung erwartet.

Aber Cupra nutzt die neuen Materialien und Recyclingprozesse gezielt als Differenzierungsmerkmal: Sitzschalen mit Naturfaser-Verbundwerkstoffen, Interieurteile mit Seaqual-Garn oder Dinamica und eine bewusst erzählte Designgeschichte rund um Barcelona, Mittelmeer und urbane Elektromobilität sollen zeigen, dass sportliche Autos nicht zwangsläufig Ressourcenfresser sein müssen. Ob diese Botschaft beim Kunden ankommt, hängt nicht nur von Marketingkampagnen ab, sondern davon, ob der Realverbrauch, die CO2-Bilanz über den Lebenszyklus und die Robustheit der Materialien im Alltag überzeugen.

Seat und die Rolle Barcelonas

Der Standort Barcelona spielt in dieser Strategie eine zentrale Rolle. Der Circular Economy Hub unterstreicht das Bekenntnis zum Wirtschafts- und Industriestandort, der sich als Technologie- und Innovationszentrum für urbane Mobilität positionieren will. Bereits 2024 schloss Seat mit dem Stadtrat von Barcelona eine Vereinbarung zur Förderung von Innovation und Kreislaufwirtschaft, die nun durch den Betrieb des Hubs konkretisiert wird.

Deshalb ist der Hub mehr als eine interne Recyclinganlage: Er soll als Leuchtturm dienen, der zeigt, wie sich urbane Industrie, kommunale Politik und europäische Förderprogramme zu einem Cluster verbinden können. Durch die Einbindung in das Förderprogramm des spanischen Umweltministeriums innerhalb des Plans für Wiederaufbau, Transformation und Resilienz wird der Standort in ein Netzwerk aus Forschung, Industriepartnern und öffentlichen Institutionen eingebettet.

Einordnung im europäischen Kontext

Im europäischen Vergleich gehört Seat mit dem Circular Economy Hub zu den Herstellern, die eine sichtbare, eigenständige Anlage für Demontage und Teile-Rückgewinnung aufbauen und diese zentral in die Unternehmensstrategie einbinden. Andere Marken des Volkswagen-Konzerns investieren parallel in ähnliche Projekte, insbesondere im Bereich der Batterie-Rückgewinnung, während Wettbewerber wie Stellantis oder Renault eigene Wege über Plattform-Recycling, Remanufacturing-Zentren oder Partnerschaften mit Recyclingunternehmen gehen.

Aber am Ende zählt die Skalierung. Ein Hub, der vor allem Vorserienfahrzeuge verarbeitet, erfüllt wichtige Funktionen in Lernkurven, Prozessoptimierung und Technologieaufbau, bleibt aber zunächst auf einen begrenzten Fahrzeugpool fokussiert. Spannend wird es, wenn in den nächsten Jahren große Stückzahlen von Serienfahrzeugen – etwa erste Generationen von Elektroautos – ans Ende ihres Lebenszyklus kommen und im großen Stil demontiert und recycelt werden müssen. Ob der Hub in Barcelona dann als Blaupause dient oder als Nischenprojekt verbleibt, ist eine der offenen Fragen.

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Seat und Cupra formulieren ihre Nachhaltigkeitsziele selbstbewusst: starke Reduktion der CO2-Emissionen, deutliche Senkung der Abfallmengen, der Anspruch auf Abfallfreiheit bis 2050 und eine weitgehend klimaneutrale Produktion bis 2040. Gleichzeitig stammen viele der genannten Zahlen aus Werks- und Nachhaltigkeitsberichten, deren Methodik und Systemgrenzen für Außenstehende nicht immer transparent nachvollziehbar sind.

Deshalb bleibt ein Restzweifel angebracht: Wie werden etwa Lieferkettenemissionen, Rohstoffabbau, Logistik und Entsorgung über den kompletten Lebenszyklus berücksichtigt, und welchen Anteil können einzelne Hubs oder Materialinitiativen tatsächlich kompensieren? Klar ist: Ohne systematische Kreislaufwirtschaft, höherwertiges Recycling und geringeren Einsatz von Primärrohstoffen wird die Automobilindustrie ihre eigenen Klimaziele und die politischen Vorgaben der EU kaum erreichen. Der Circular Economy Hub von Seat und Cupra ist ein sichtbarer Schritt in diese Richtung – aber eben nur ein Schritt.

Ausblick: Vom Pilot zum Standard

In Zukunft dürfte der Erfolg des Hubs daran gemessen werden, wie viele Komponenten tatsächlich im Kreislauf bleiben und wie stark der Einsatz von Primärmaterialien sinkt. Denkbar sind erweiterte Szenarien, bei denen Telemetriedaten und digitale Zwillinge dazu genutzt werden, Bauteile schon während der Nutzung hinsichtlich ihres Restwerts und ihrer Wiederverwendbarkeit zu bewerten, um Demontage und Wiederverwendung effizienter zu planen.

Deshalb hat der Hub auch eine symbolische Funktion: Er zeigt, dass Kreislaufwirtschaft nicht nur aus wohlklingenden Absichtserklärungen besteht, sondern physische Orte, spezialisierte Teams und Investitionen braucht. Ob aus dem Pilotprojekt ein Standard im Konzern und darüber hinaus wird, entscheidet sich in den kommenden Jahren – wenn erste große Wellen von Elektro- und Hybridfahrzeugen ihr Lebensende erreichen und sich zeigt, wie viel von einem Auto tatsächlich in ein zweites oder drittes Leben überführt werden kann.