MOTORMOBILES

Das Automagazin im Internet

Vom Smartphone über die IFA 2026 in Berlin auf die Überholspur: Xiaomis Milliarden-Wette beim Deutschland-Start 2027

Xiaomi Auto auf der IFA 2026 in Berlin - Bildnachweis: Xiaomi

Der Auftakt in Berlin: Vom Unterhaltungselektroniker zum ernsthaften Autobauer

Der Messestand in Halle 6.2b auf dem Berliner Messegelände hinterlässt bei den Fachbesuchern einen bleibenden Eindruck. Auf der IFA 2026 inszeniert Xiaomi unter dem Schlagwort des ganzheitlich vernetzten Ökosystems nicht mehr nur Smartphones, Saugroboter und intelligente Heimgeräte, sondern rückt seine Automobilsparte endgültig in den Fokus des europäischen Publikums. Was vor wenigen Jahren im Westen noch als waghalsiges Experiment abgetan wurde, nimmt nun konkrete Konturen an. Das Unternehmen kündigte auf der Messe offiziell an, im Jahr 2027 mit seinen Elektrofahrzeugen den europäischen Markt und damit auch den hart umkämpften deutschen Automobilsektor betreten zu wollen. Der Zeitpunkt dieser Absichtserklärung ist strategisch gewählt, denn auf dem heimischen chinesischen Markt hat der Konzern seit dem Start seiner Fahrzeugauslieferungen im März 2024 bereits die Schwelle von 700.000 ausgelieferten Einheiten überschritten.

Xiaomi Auto auf der IFA 2026 in Berlin – Bildnachweis: Xiaomi

Aber der Schritt auf den europäischen Kontinent unterscheidet sich grundlegend von der rasanten Skalierung im Heimatmarkt. Die hiesigen Kunden stellen extrem hohe Ansprüche an Verarbeitungsqualität, Fahrwerksabstimmung, langjährige Ersatzteilversorgung und den Werterhalt von Premium-Fahrzeugen. Hinzu kommen verändertes Kundenverhalten, eine verhaltendere Nachfrageentwicklung bei reinen Elektrofahrzeugen sowie drohende EU-Strafzölle auf in China produzierte Stromer. Der Auftritt auf der IFA ist deshalb eine Mischung aus technischer Machtdemonstration und dem klaren Versuch, dem europäischen Handel sowie den Kunden Vertrauen in ein Produkt einzuflößen, das bisher vor allem durch digitale Vernetzung und rekordverdächtige Leistungsdaten auf dem Papier auf sich aufmerksam gemacht hat. Ob dieser straffe Zeitplan angesichts der langwierigen europäischen Homologationsprozesse ohne Verzögerungen einzuhalten ist, darf jedoch leise bezweifelt werden.

Die Vertriebsstrategie: Warum Xiaomi auf deutsche Tradition statt Direktvertrieb setzt

Bei der Wahl des Vertriebsmodells verzichtet Xiaomi auf das Experiment eines reinen Direktvertriebs nach dem Vorbild von Tesla und setzt stattdessen überraschend konsequent auf den etablierten Automobilhandel. Im Rahmen der Messe unterzeichnete das Management grundlegende Absichtserklärungen mit den ersten acht namhaften deutschen Autohandelsgruppen. Zu diesen gewichtigen Vertriebspartnern gehören die Emil Frey Gruppe Deutschland, die Dello Gruppe, die Dinnebier Gruppe, Fett und Wirtz Automobile, die Hahn Gruppe, Lueg Mobility, Penske-Jacobs Innovation sowie SPT Avior. Dass mit Lueg ausgerechnet der historisch erste autorisierte Mercedes-Benz-Händler Deutschlands im Boot sitzt und Emil Frey als einer der größten Automobilhändler Europas agiert, unterstreicht den pragmatischen Ansatz der Führungsebene in Peking.

Xiaomi Auto auf der IFA 2026 in Berlin – Bildnachweis: Xiaomi

Deshalb zielt die Kooperation darauf ab, von Beginn an ein funktionierendes Service- und Vertriebsnetz aufzubauen. Das geplante Setup sieht für den deutschen Markt zunächst etwa 15 Verkaufsstützpunkte sowie rund 30 Servicestützpunkte vor. Damit adressiert Xiaomi gezielt eine der größten Schwachstellen vieler neuer Marktteilnehmer aus Fernost, nämlich das fehlende Werkstattnetz bei Garantie- und Reparaturschäden. Auch personell unterstreicht der Konzern seine Ambitionen auf dem Kontinent. Im Entwicklunsgzentrum in München leitet der ehemalige BMW-Manager Rudolf Dittrich die Anpassung der Fahrzeuge an europäische Fahrwerks- und Homologationsstandards. Für die operative Auslieferungs- und Logistiksteuerung in Europa wurde mit Dieter Lorenz ein erfahrener ehemaliger Tesla-Manager verpflichtet, während die Gesamtverantwortung für das Übersee-Geschäft bei Vice President Dr. Yu Liguo liegt und die Fertigung vom ehemaligen Tesla-Werkleiter Song Gang überwacht wird.

Xiaomi Auto auf der IFA 2026 in Berlin – Bildnachweis: Xiaomi

Die Modena-Plattform im Härtetest: Technische Daten von SU7, SU7 Pro und SU7 Max

Unter der flachen Karosserie der Modellfamilie steckt die konzerneigene Modena-Plattform. Das Portfolio gliedert sich in verschiedene Leistungs- und Batteriekonfigurationen, die bei den Standardversionen der Limousine SU7 beginnen. Der reguläre Xiaomi SU7 basiert auf einem 400-Volt-Bordnetz und nutzt einen im Heck platzierten Elektromotor mit einer Leistung von 220 kW, was umgerechnet 299 PS entspricht. Dieser Motor gibt ein Drehmoment von 400 Newtonmetern an die Hinterräder ab. Als Energiespeicher dient eine Lithium-Eisenphosphat-Batterie von FinDreams mit einer Kapazität von 73,6 Kilowattstunden, die eine Reichweite von bis zu 700 Kilometern nach dem chinesischen CLTC-Zyklus ermöglichen soll. Den Sprint von 0 auf 100 km/h absolviert diese Einstiegsvariante in 5,28 Sekunden, während die Höchstgeschwindigkeit bei 210 km/h elektronisch begrenzt wird.

Xiaomi gibt IFA-Debüt: Ökosystem „Human x Car x Home“ im Fokus – Bildnachweis: Xiaomi

Beim SU7 Pro bleibt die Motorleistung von 220 kW unverändert, jedoch kommt ein größerer LFP-Akku der Shenxing-Baureihe von CATL mit 94,3 Kilowattstunden zum Einsatz. Aufgrund des höheren Fahrzeuggewichts steigt die Beschleunigungszeit auf 100 km/h leicht auf 5,7 Sekunden, während die rechnerische CLTC-Reichweite auf beeindruckende 830 Kilometer anwächst. Wer deutlich mehr Dynamik verlangt, muss zum SU7 Max greifen. Hier wechselt die Architektur auf ein echtes 800-Volt-System und kombiniert zwei Elektromotoren zu einem Allradantrieb. An der Vorderachse arbeitet ein Asynchronmotor mit 220 kW, während an der Hinterachse eine permanenterregte Synchronmaschine des Typs HyperEngine V6s mit 275 kW Dienst tut. Die Systemleistung summiert sich auf 495 kW beziehungsweise 673 PS bei einem maximalen Drehmoment von 838 Newtonmetern. Damit katapultiert sich die 2,2 Tonnen schwere Limousine in 2,78 Sekunden auf Tempo 100 und erreicht maximal 265 km/h. Als Energiespeicher dient ein 101 Kilowattstunden fassendes Qilin-Akkupaket mit NMC-Zellchemie von CATL in Cell-to-Pack-Bauweise. Die Ladeleistung an entsprechenden Schnellladesäulen ist so hoch, dass innerhalb von 15 Minuten Energie für rechnerisch 510 Kilometer nachgeladen werden kann, während der Ladevorgang von 10 auf 80 Prozent rund 25 Minuten dauert.

Xiaomi Auto steigt 2027 in den europäischen Markt ein: erste führende deutsche Autohandelsgruppen unterzeichnen Absichtserklärung auf der IFA in Berlin – Bildnachweis: Xiaomi

Der Technologieträger SU7 Ultra: 1548 PS, 900 Volt und Nürburgring-Gene

Das absolute Aushängeschild der Modellpalette stellt jedoch der Xiaomi SU7 Ultra dar, der auf der IFA in Berlin als seriennahes Performance-Modell ausgestellt wurde. Mit Karosserieabmessungen von 5115 Millimetern Länge, 1970 Millimetern Breite und 1465 Millimetern Höhe fällt der Ultra spürbar länger aus als die Basismodelle, was vor allem an den aerodynamischen Anbauteilen wie dem aktiven Heckdiffusor und dem gewaltigen Carbon-Heckflügel liegt. Der Allradantrieb wird beim Ultra über insgesamt drei Elektromotoren realisiert. An der Hinterachse arbeiten zwei eigenentwickelte HyperEngine V8s Maschinen, die mit einer maximalen Drehzahl von 27.200 Umdrehungen pro Minute rotieren und jeweils 425 kW leisten. Die Vorderachse wird von einem V6s Motor mit 288 kW angetrieben. Daraus resultiert eine gewaltige Systemleistung von 1138 kW satisfy 1548 PS sowie ein maximales Drehmoment von 1770 Newtonmetern.

Aber diese schiere Kraft erfordert auch extreme thermische und elektrische Grundlagen. Das Bordsystem des SU7 Ultra arbeitet mit einer Nennspannung von rund 900 Volt. Der speziell entwickelte CATL Qilin 2.0 Akku besitzt eine Netto-Kapazität von 93,7 Kilowattstunden und erlaubt Entladeraten von bis zu 16C, was einer kurzzeitigen Leistungsabgabe von 1330 Kilowatt entspricht. Selbst bei einem Restladezustand von nur 20 Prozent stehen immer noch 800 Kilowatt zur Verfügung. Die Ladeleistung erreicht an geeigneten High-Power-Chargern bis zu 473 Kilowatt. Dadurch lässt sich der Akku in nur 11 Minuten von 10 auf 80 Prozent füllen. Das Kühlsystem unterscheidet sich drastisch von herkömmlichen Elektroautos und kann pro Minute bis zu 2,7 Millionen Joule Wärme abführen. Dies ermöglicht es dem Fahrzeug, zwei aufeinanderfolgende Hotlaps auf der Nürburgring-Nordschleife ohne thermisches Drosseln der Motorleistung zu absolvieren. Fahrwerksseitig setzt der Ultra auf eine Doppelkammer-Luftfederung mit adaptiven Dämpfern sowie ein vollvariables Torque-Vectoring-System, das die Drehmomente der drei Motoren mit einer Frequenz von 500 Anpassungen pro Sekunde regelt. Die Fahrleistungen bewegen sich auf Hypercar-Niveau: Von 0 auf 100 km/h vergehen 1,98 Sekunden, die 200-km/h-Marke fällt nach 5,86 Sekunden, und die Höchstgeschwindigkeit wird erst bei 350 km/h erreicht.

Infotainment, Assistenzsysteme und der Chip-Wechsel: HyperOS trifft auf Xring D100

In den Innenräumen setzt Xiaomi konsequent auf seine Kernkompetenz als Softwareentwickler. Das Infotainment basiert auf dem betriebssystemeigenen HyperOS, welches die nahtlose Brücke zwischen Smartphone, Smart Home und Fahrzeug schlägt. Im Zentrum der Armaturentafel steht ein 16,1 Zoll großes Touch-Display mit 3K-Auflösung, das von einem Qualcomm Snapdragon 8295 Prozessor angetrieben wird. Ergänzt wird die Anzeige durch ein großes Augmented-Reality-Head-up-Display mit einer Diagonale von 56 Zoll, das Navigationshinweise direkt auf die Fahrbahn projiziert.

Beim autonomen Fahren und den Assistenzsystemen setzt die Marke unter dem Namen Xiaomi Pilot auf eine umfangreiche Sensorlandschaft. Während die Basisversionen mit einem einzelnen Nvidia Drive Orin X Chip und 254 TOPS Rechenleistung arbeiten, verfügen die höheren Ausstattungen über zwei Orin-X-Prozessoren mit zusammen 508 TOPS. Das Aufgebot umfasst unter anderem einen Hesai AT128 Lidar-Sensor auf dem Dach, drei Millimeterwellen-Radare, 11 Kameras sowie 12 Ultraschallsensoren. Ab dem Jahr 2027 plant Xiaomi zudem den Einsatz eines eigenen 3-Nanometer-Systemchips namens Xring D100, um die Abhängigkeit von US-amerikanischen Halbleiterlieferanten bei Fahrassistenzsystemen schrittweise zu reduzieren.

Modellpolitik und Messe-Mysterium: Das Fehlen des YU7 und die Rolle der Sky-Nomad-Reihe
Ein auffälliges Detail am Rande des Berliner Messeauftritts betrifft die Modellauswahl am Stand. Während die Limousine SU7, der brachiale SU7 Ultra sowie die futuristische Designstudie Vision Gran Turismo im Scheinwerferlicht glänzten, fehlte das Elektro-SUV namens YU7 völlig. Das überrascht Branchenbeobachter insoweit, als SUVs auf dem europäischen Markt nach wie vor die verkaufsstärkste Fahrzeugkategorie bilden und das YU7 in China extrem hohe Bestellzahlen verzeichnet. Dort lagen bereits wenige Stunden nach der Präsentation über 240.000 feste Reservierungen vor, was zu langen Wartezeiten führt.

Das Fehlen des YU7 auf der IFA läßt den Schluss zu, daß Xiaomi beim Europa-Start im Jahr 2027 zunächst mit der Limousine SU7 und dem Technologieträger SU7 Ultra an den Start gehen könnte, während der Marktstart des SUVs aufgrund der angespannten Produktionskapazitäten im Stammwerk verzögert nachgereicht wird. Gleichzeitig erweitert der Hersteller in China sein Portfolio um die Modellreihe Sky Nomad mit den Varianten N70 und N90. Diese Crossover-Modelle nutzen einen Range-Extender-Hybridantrieb, um Reichweitenängste in ländlichen Regionen zu minimieren. Ob diese teilelektrifizierten Varianten jemals den Weg nach Europa finden werden, ist angesichts der strikten Ausrichtung auf reine Akku-Elektrofahrzeuge für den Exportmarkt derzeit unklar.

Fertigungskapazitäten, Importrealität und Preisgefüge in Deutschland

Um den geplanten Weltmarkt-Vorstoß überhaupt logistisch stemmen zu können, baut Xiaomi seine Fertigungskapazitäten in der Heimat massiv aus. Das Fahrzeugwerk in Peking gliedert sich in zwei Bauabschnitte mit einer nominalen Kapazität von jeweils 150.000 Einheiten pro Jahr. Durch Schichterweiterungen konnte die monatliche Produktion in Peking zuletzt auf über 45.000 Fahrzeuge gesteigert werden. Zudem sicherten sich Tochtergesellschaften bereits Grundstücke für eine dritte Bauphase. Zusätzlich ging Mitte 2026 ein zweites Werk in Wuhan in den Testbetrieb, das bis Herbst 2026 auf eine Monatsleistung von 35.000 Fahrzeugen hochgefahren werden soll. Damit strebt der Konzern eine Gesamtkapazität von über einer Million Fahrzeugen pro Jahr an, was auch notwendig ist, um das weltweite Auslieferungsziel von 550.000 Einheiten für das Jahr 2026 zu realisieren.

Für deutsche Kunden, die nicht bis zum offiziellen Markenstart im Jahr 2027 warten wollen, bleibt derzeit nur der Weg über freie Importeure. Diese bieten Fahrzeuge wie den SU7 Max, den YU7 oder den SU7 Ultra bereits mit einer EU-Einzelgenehmigung und deutscher Zulassung an. Die Preise dieser Grauimporte liegen naturgemäß deutlich über den chinesischen Listenpreisen, da Zölle, Frachtkosten, Umrüstungsaufwände für europäische Konnektivität und die Marge der Importeure einkalkuliert werden müssen.

Ein importierter Xiaomi SU7 Max schlägt in Deutschland derzeit mit rund 57.060 bis 69.997 Euro zu Buche. Das SUV YU7 wird von Importeuren ab etwa 58.740 Euro gelistet, während für den rennstreckentauglichen SU7 Ultra Preise ab 83.950 Euro aufgerufen werden. Diese Werte geben zumindest einen vagen Orientierungsrahmen, wo sich die Fahrzeuge bei einem offiziellen Verkaufsstart einsortieren könnten. Offizielle Europapreise hat Xiaomi auf der IFA in Berlin allerdings noch nicht genannt.

Fazit: Ambitionierter Zeitplan trifft auf anspruchsvollen europäischen Markt

Der Auftritt von Xiaomi auf der IFA 2026 markiert einen strategisch klug gewählten Zwischenschritt. Mit der Unterzeichnung der Absichtserklärungen mit acht großen deutschen Händlergruppen sichert sich das Unternehmen den Zugang zu einer etablierten Infrastruktur, anstatt den kostenintensiven Aufbau eigener Stores zu wagen. Auch die technischen Eckdaten der Fahrzeuge, allen voran die beeindruckende Ladeperformance des 800- und 900-Volt-Systems sowie die extremen Fahrleistungen des SU7 Ultra, lassen der etablierten Konkurrenz aus Stuttgart, München und Grünheide wenig Raum für Überlegenheitsgefühle.

Deshalb bleibt die Entwicklung extrem spannend. Bis zum tatsächlichen Marktstart im Jahr 2027 vergeht noch Zeit, in der die europäischen Hersteller ihre eigenen Elektro-Plattformen weiterentwickeln werden. Zudem muss Xiaomi beweisen, dass die tiefe Integration des HyperOS-Betriebssystems auch unter den strengen europäischen Datenschutzbestimmungen vollumfänglich funktioniert und die Servicequalität des Händlernetzes den hohen Preiserwartungen der hiesigen Klientel gerecht wird. Der Grundstein ist in Berlin gelegt, doch der echte Leistungstest für den chinesischen Tech-Riesen beginnt erst, wenn die ersten offiziell importierten Serienfahrzeuge auf deutschen Autobahnen zeigen müssen, wie standfest ihre Hardware im Alltagsbetrieb tatsächlich getested werden kann.