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Vom Verbrenner zum EREV: Wie Volvo seine Zukunft neu plant und warum Hybride als Brücke ins Zeitalter des E-Autos dienen sollen

Neuer Volvo ES90 feiert Deutschland-Premiere - Bildnachweis: Volvo

Volvo: Anpassung der Antriebswende mit Technologie und Realismus

Volvo steht an einem Wendepunkt seiner ambitionierten Elektrifizierungsstrategie, die in den vergangenen Jahren für Schlagzeilen sorgte und nun mit nüchternem Pragmatismus neu justiert wird. Was einst als klarer Weg zur reinen Elektromobilität bis 2030 angekündigt wurde, zeigt sich heute als differenzierter Übergangskurs, in dem Plug-in-Hybride (PHEV) und neuartige Konzepte wie Range-Extender-Elektrofahrzeuge (EREV) eine bedeutende Rolle spielen. Diese Wende vollzieht sich nicht abrupt, sondern durch eine Entwicklung, die technische Innovation und Marktgegebenheiten ineinander bringt, wie sie Laien und Experten gleichermaßen nachvollziehen können.

Technologische Basis: Die SPA-Plattform als Fundament der Moderne

Seit 2014 bildet die Scalable Product Architecture (SPA) von Volvo das technologische Rückgrat zahlreicher Modelle, angefangen mit der zweiten Generation des Volvo XC90. Diese von Volvo selbst entwickelte modulare Fahrzeugarchitektur erlaubt es, verschiedene Antriebsarten – Verbrennungs-, Hybrid- und Elektromotoren – auf einer gemeinsamen Plattform zu kombinieren, wodurch Skaleneffekte und Kosteneinsparungen erzielt werden konnten. Im Produktionsnetzwerk, das sich über Belgien, China, Schweden und die USA erstreckt, sind inzwischen mehr als vier Millionen Fahrzeuge auf SPA-Basis entstanden. Diese Plattform ermöglichte nicht nur technische Innovationen, sondern auch eine Designfreiheit, die Volvo mit Merkmalen wie den markanten „Thor’s Hammer“-Lichtsignaturen prägt.

Doch die SPA-Plattform ist nicht nur Technologie-Träger, sondern auch ein Spiegel der Volvo-Strategie im Wandel. Ursprünglich wurde sie für den Einsatz vielfältiger Antriebe konzipiert, doch mit der Entwicklung folgender SPA-Generationen (SPA2, SPA3) und neuen Modellen wächst der Fokus deutlich in Richtung Elektromobilität.

Realität und Anpassung: Von der reinen Elektrovision zu hybriden Lösungen

Volvos ursprüngliches Versprechen, bis 2030 eine rein elektrische Marke zu werden, musste angepasst werden. Die Verkaufszahlen für Elektroautos und Plug-in-Hybride in 2025 sanken im Vergleich zum Vorjahr. Elektrofahrzeuge erreichten sogar 21 Prozent weniger Verkäufe als 2024. Dennoch sind knapp 44,2 Prozent des Gesamtabsatzes weiterhin (zumindest teil-) elektrifiziert. Eine enorme Zahl, wenn man die bisherigen Herausforderungen der Elektromobilität betrachtet.

Angesichts dieser Entwicklung hat der CEO Håkan Samuelsson die Bedeutung von Plug-in-Hybriden als Brückentechnologie unterstrichen. Er kündigte zudem an, dass eine zweite Generation dieser Hybride nötig sein wird, um bis Ende der 2030er Jahre die Nachfrage zu bedienen. Diese Hybride verbinden eine elektrische Antriebseinheit mit einem Verbrennungsmotor, der beispielsweise als Generator zur Ladung der Batterie dient. So werden Reichweitenangst und Ladeinfrastrukturprobleme besser adressiert als bei reinen Elektroautos mit großen Batterien.

Der geplante Wiedereinstieg des XC70 in den europäischen Markt unterstreicht diese Strategie. Dieses Modell, das im chinesischen Markt bereits anläuft, bietet als PHEV (Plug-in-Hybrid) mit einer Batterie von knapp 40 kWh eine elektrische Reichweite von rund 200 Kilometern im chinesischen CLTC-Testzyklus, was in Europa nach WLTP etwa 130 Kilometern entspricht. Technische Anpassungen, beispielsweise des Infotainments auf die Google-Plattform Android Automotive und europäische Sicherheits- sowie Emissionsvorschriften werden hier noch Zeit in Anspruch nehmen.

Zukunftsperspektiven: EREVs als zweite Generation von Hybriden?

Samuelsson sieht in Range-Extender-Elektrofahrzeugen (EREV) großes Potenzial. Diese Fahrzeuge unterscheiden sich von klassischen Plug-in-Hybriden, weil der Verbrennungsmotor nicht direkt die Räder antreibt, sondern ausschließlich elektrische Energie erzeugt, um die Batterie wieder aufzuladen. Das Konzept ermöglicht es, mit kleinerer Batterie und geringeren Kosten eine größere Reichweite zu ermöglichen und die Reichweitenangst signifikant zu reduzieren. Diese Technik kann als eine Art „Elektroauto mit Hilfsmotor“ verstanden werden.

Der Nachfolger des XC90, der vermutlich erst ab 2028 marktreif wird, soll u.a. als EREV auf den Markt kommen. Dies entspricht dem realistischen Ansatz Volvos, technologische Innovation mit Kundenbedürfnissen und Marktgegebenheiten abzugleichen.

Verbrennungsmotoren bleiben Teil des Portfolios

Trotz aller Elektrifizierungsbemühungen wird Volvo den Benzinmotoren in naher Zukunft noch nicht abschwören. Die Produktion von Dieselmotoren wurde zwar bereits eingestellt, Benzinmotoren sollen aber bis etwa 2040 weiter angeboten werden. Diese Entscheidung reflektiert einerseits die noch nicht vollständig durchgängige Infrastruktur für Elektro- und Hybridfahrzeuge, andererseits den realistischen Umgang mit Kundenwünschen und Marktbedingungen in verschiedenen Regionen.

Zweifel

Trotz der Fortschritte bleibt unklar, ob der geplante Pfad Volvos für alle Zukunftsszenarien ausreicht. Es wirft Fragen auf, ob die Haltedauer für Verbrennungsmotoren bis in die 2040er Jahre mit dem global dringenden Bedürfnis nach Klimaschutz und CO2-Reduktion kompatibel ist. Außerdem bleibt der Erfolg von PHEVs und EREVs von der Akzeptanz der Kunden abhängig, die in vielen Märkten noch zögerlich sind, sich von klassischen Antrieben zu verabschieden. Dennoch ist Volvos abgestufte Strategie ein pragmatischer Kompromiss zwischen Vision und Realität.

Empfehlungen für Beobachter und Interessenten

Vergleicht man diese Entwicklung mit anderen Herstellern, zeigt sich, dass Volvo zwar den Fokus auf Elektromobilität verstärkt, aber bewusst technische Risiken streut und Brückentechnologien nutzt. Das ist vermutlich notwendig, um den vielfältigen Herausforderungen eines schnell wechselnden Marktes zu begegnen. Für Interessenten lohnt es sich, die neuen Modelle, speziell die zweite PHEV-Generation und die ersten EREV-Fahrzeuge, genau zu beobachten. Sie spiegeln nicht nur Volvos Technologiekompetenz wider, sondern auch die Herausforderungen, vor denen die gesamte Automobilindustrie steht.