Der neue Volvo EX60 - Bildnachweis: Volvo
Der schwedische Wanderer unter Strom
Hätten die schwedischen Ingenieure vor dreißig Jahren geahnt, dass ein Mittelklasse-SUV eines Tages die Rechenleistung eines Supercomputers mit der Reichweite eines modernen Diesels kombinieren würde, hätten sie den Volvo EX60 wohl als reine Science-Fiction abgetan. Doch am 21. Januar 2026 ist diese Vision Realität geworden, als Volvo in Göteborg den Vorhang für sein wichtigstes Modell des Jahrzehnts hob. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass dieses Fahrzeug das Rückgrat der Marke für die kommenden Jahre bilden muss, da es im weltweit volumenstärksten Segment der Premium-Elektro-SUVs antritt. Dabei geht es nicht nur um ein neues Design, sondern um einen radikalen technologischen Bruch mit der Vergangenheit, der unter dem Kürzel SPA3 firmiert. Deshalb ist das Interesse an diesem Fahrzeug so groß, denn Volvo verspricht nicht weniger als die Lösung der klassischen Elektro-Probleme. Mit einer maximalen Reichweite von bis zu 810 Kilometern rückt der EX60 in Regionen vor, die bisher fast ausschließlich Luxuslimousinen mit riesigen Batterien vorbehalten waren. Aber die Schweden belassen es nicht beim Standardmodell, sondern präsentieren zeitgleich den Volvo EX60 Cross Country. Damit überführen sie eine Tradition in die elektrische Ära, die im Jahr 1997 mit dem V70 XC ihren Anfang nahm. Das Ziel ist klar definiert: Kunden sollen nicht mehr zwischen ökologischem Gewissen, technischer Überlegenheit und dem Drang zur Freiheit abseits asphaltierter Wege wählen müssen.

Die technologische Zäsur: SPA3 und das Ende klassischer Montagehallen
Die technologische Basis des neuen Hoffnungsträgers bildet die Plattform SPA3, die als Meisterstück der Skalierbarkeit und Effizienz gilt. Ein entscheidender Faktor für die enorme Reichweite und die gleichzeitig verbesserte Fertigungseffizienz ist das sogenannte Megacasting-Verfahren. Hierbei wird der gesamte hintere Teil der Fahrzeugstruktur aus einem einzigen, riesigen Aluminium-Gussteil gefertigt. Dies spart nicht nur über hundert Einzelteile und zahlreiche Schweißnähte ein, sondern reduziert das Gewicht massiv und erhöht die Verwindungssteifigkeit der Karosserie. In Kombination mit der Cell-to-Body-Technologie, bei der die Batteriezellen direkt in die Fahrzeugstruktur integriert werden und somit selbst eine tragende Funktion übernehmen, erreicht der EX60 eine Raumausnutzung, die bei herkömmlichen Plattformen undenkbar wäre. Aber die Hardware ist nur die halbe Miete, denn das Herzstück des Fahrzeugs ist das Core Computing System namens Hugincore. Benannt nach einem der Raben des nordischen Gottes Odin, fungiert dieses System als zentrales Nervenzentrum, das von NVIDIA-Hochleistungsrechnern angetrieben wird. Anstatt wie früher dutzende kleine Steuergeräte für jede einzelne Funktion im Auto zu verteilen, bündelt Hugincore alle Aufgaben von der Antriebssteuerung über die Assistenzsysteme bis hin zum Infotainment. Dies ermöglicht eine bisher nicht gekannte Geschwindigkeit bei der Datenverarbeitung und sorgt dafür, dass das Fahrzeug über Over-the-Air-Updates tatsächlich im Laufe der Zeit besser werden kann. Die totale Abhängigkeit von einem Zentralsystem birgt dafür auch neue Risiken bei Software-Bugs, die im schlimmsten Fall das gesamte Fahrzeug lahmlegen könnten, auch wenn Volvo hier höchste Redundanz verspricht.

Leistungswerte zwischen Vernunft und Extrem: Die drei Säulen des Antriebs
Das Antriebsportfolio des EX60 zeigt, wie ernst es Volvo mit der Diversifizierung meint. Den Einstieg bildet der P6 electric mit Hinterradantrieb und einer Leistung von 275 kW, was etwa 374 PS entspricht. Dieses Modell ist in der Ausstattungsvariante Plus bereits ab 62.990 Euro bestellbar und soll eine Reichweite von bis zu 620 Kilometern ermöglichen. Wer mehr Souveränität sucht, greift zum P10 AWD electric mit Allradantrieb und 375 kW beziehungsweise 510 PS. Diese Variante schlägt in der Plus-Ausführung mit 65.990 Euro zu Buche und erreicht 660 Kilometer Reichweite.

Die Speerspitze bildet der P12 AWD electric, der mit gewaltigen 500 kW oder 680 PS aufwartet und die prestigeträchtige Marke von 810 Kilometern Reichweite knackt. Hierfür werden mindestens 71.990 Euro fällig, während die luxuriöse Ultra-Ausstattung den Preis auf 78.790 Euro treibt. Deshalb wird besonders der Cross Country eine interessante Rolle einnehmen, da er die Brücke zwischen Lifestyle und Nutzwert schlägt. Er startet als P10 AWD electric in einer speziellen Plus First Edition für 68.990 Euro. Optisch grenzt er sich durch die exklusive Lackierung Frost Green, breiter ausgestellte Radkästen und einen robusten Unterfahrschutz aus gebürstetem Edelstahl ab. Ein kritischer Blick auf die Ladeleistung offenbart, dass Volvo hier tatsächlich die Grenzen des derzeit Machbaren verschiebt. An 400 kW-Schnellladestationen kann der EX60 in nur zehn Minuten genug Energie für 340 Kilometer Reichweite nachladen. Dies entspricht einer durchschnittlichen Ladeleistung, die weit über dem liegt, was die meisten Wettbewerber derzeit anbieten können. Ermöglicht wird dies durch eine 800-Volt-Architektur und ein ausgeklügeltes Thermomanagement der Batteriezellen. Dennoch muss man kritisch anmerken, dass die entsprechende Ladeinfrastruktur mit 400 kW in der Breite erst noch flächendeckend entstehen muss, damit der Kunde diesen Vorteil auch wirklich täglich nutzen kann.

Erbe mit Bodenfreiheit: Der Cross Country im Spannungsfeld der Aerodynamik
Der Volvo EX60 Cross Country ist technisch weit mehr als ein Optik-Paket. Er bietet 20 Millimeter mehr Bodenfreiheit im Vergleich zum Standardmodell. Wer die optionale Luftfederung wählt, kann die Karosserie um weitere 20 Millimeter anheben, was in Summe eine beachtliche Geländegängigkeit für ein Elektro-SUV dieser Klasse bedeutet. Aber auf der Autobahn kehrt sich dieser Effekt um, da die Luftfederung den Wagen absenkt, um die Aerodynamik zu optimieren und die Reichweite, die beim Cross Country P10 bei bis zu 640 Kilometern liegt, zu maximieren. Das Design des EX60 bleibt der skandinavischen Linie treu, setzt aber neue aerodynamische Akzente. Mit einem Luftwiderstandsbeiwert von 0,26 gleitet das SUV erstaunlich effizient durch den Wind. Die flache Frontpartie und die sich verjüngenden Karosserieseiten sind nicht nur ästhetische Spielereien, sondern harte physikalische Notwendigkeiten, um die genannten Reichweiten zu erzielen. Im Innenraum setzt Volvo auf Nachhaltigkeit und hochwertige Materialien. Ein besonderes Highlight ist das Audiosystem von Bowers und Wilkins mit 28 Lautsprechern, das erstmals Lautsprecher in den Kopfstützen aller vier Hauptsitze integriert. In Verbindung mit Dolby Atmos und Apple Music verspricht dies ein immersives Klangerlebnis, das den Innenraum in einen Konzertsaal verwandelt. Deshalb stellt sich die Frage, ob der Fokus auf das digitale Erlebnis nicht langsam die haptische Qualität verdrängt, wobei Volvo hier mit Materialien wie Nordico gegensteuert, die aus recycelten Textilien und Bio-Stoffen bestehen und sich dennoch exzellent anfühlen.

Digitale Intelligenz und schwedischer Schutzwall: Das Innenleben der Zukunft
Besonders hervorzuheben ist die Integration von künstlicher Intelligenz in das Nutzererlebnis. Als weltweit erster Automobilhersteller integriert Volvo das System Gemini von Google tief in die Fahrzeugarchitektur. Dieser KI-Assistent soll natürliche Gespräche ermöglichen und komplexe Aufgaben übernehmen, ohne dass der Fahrer vordefinierte Sprachbefehle nutzen muss. Das System lernt die Gewohnheiten des Nutzers kennen und kann proaktiv Vorschläge für die Routenplanung oder die Klimatisierung machen. Aber auch hier stellt sich die Frage des Datenschutzes und der digitalen Souveränität, die in Europa besonders sensibel bewertet wird. Sicherheit bleibt das Kernthema der Marke. Der EX60 ist mit einer Vielzahl von Sensoren ausgestattet, die das Umfeld kontinuierlich scannen. Eine Besonderheit ist der multi-adaptive Sicherheitsgurt, eine neue Innovation, die den Schutz auf den Vordersitzen individuell an die Statur und Sitzposition der Insassen anpasst. Die Sicherheitszelle selbst besteht zu einem großen Teil aus ultrahochfestem Borstahl, was in Kombination mit den neuen Batteriekästen für einen extrem steifen Fahrgastraum sorgt. Deshalb erreicht der EX60 laut Hersteller Sicherheitsstandards, die weit über die gesetzlichen Anforderungen hinausgehen. Kritisch hinterfragt werden muss jedoch das Gewicht des Fahrzeugs. Trotz des Einsatzes von Megacasting und Cell-to-Body-Technik dürfte ein SUV dieser Größe mit einer Batterie, die 810 Kilometer Reichweite ermöglicht, deutlich über 2,5 Tonnen wiegen. Volvo gewährt auf die Batterie eine Garantie von bis zu zehn Jahren, was ein deutliches Signal für das Vertrauen in die neue Zelltechnologie ist. Die Produktion startet bereits im Frühjahr im schwedischen Stammwerk, und die ersten Auslieferungen der Varianten P6 und P10 sind für den Sommer 2026 geplant. Der leistungsstarke P12 wird kurz darauf folgen.
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