Für den Leapmotor D19 kommt erstmals die weiterentwickelte Range-Extender-Technologie von ZF unter dem Namen eRE+ zum Einsatz - Bildnachweis: ZF
Ein neuer Auftrag mit Signalwirkung
Deshalb lohnt es sich, bei dieser Meldung genauer hinzusehen: ZF hat mit dem weiterentwickelten Range-Extender-System eRE+ seinen ersten Serienauftrag gewonnen, und zwar von Leapmotor, einem aufstrebenden chinesischen Elektroautohersteller. Der Range-Extender wird ab 2026 im neuen Premium-SUV D19 zum Einsatz kommen, dem künftigen Flaggschiff der Marke, das sowohl als reines Batterieauto als auch als Extended-Range-Variante geplant ist.
Aber hinter der nüchternen Nachricht steckt mehr als nur ein weiterer E-Antrieb. ZF platziert sich mit dem eRE+ bewusst in einer Nische zwischen reinem BEV und klassischem Plug-in-Hybrid: Das System arbeitet im Normalfall als Generator, kann aber bei Bedarf auch die Vorderachse direkt antreiben und dem Fahrzeug damit einen zuschaltbaren Allradantrieb samt Leistungs-Boost verschaffen. Für Leapmotor bedeutet das, dass der D19 nicht nur Reichweitenangst adressiert, sondern auch Fahrdynamik und Traktion im Blick behält – ein Punkt, der gerade in der Oberklasse-SUV-Liga eine entscheidende Rolle spielt.

Was ZFs eRE+ technisch wirklich leistet
Der Kern des eRE+ ist eine E-Maschine mit integriertem Inverter, einem Planetengetriebe und einer Softwarearchitektur, die sowohl den Generatorbetrieb als auch den Fahrantrieb steuert. Im Unterschied zum bisherigen eRE, der ausschließlich Strom erzeugt, besitzt der eRE+ zusätzlich eine intelligente Kupplung und ein Differenzial, über das die Vorderachse mechanisch angetrieben werden kann.
Deshalb lässt sich das System in zwei grundsätzlichen Betriebsarten denken. In der Generatorfunktion treibt ein Verbrennungsmotor die E-Maschine an, die dann die Hochvoltbatterie lädt und so die elektrische Reichweite vergrößert. In der Antriebsfunktion wird dieselbe E-Maschine über die Kupplung in den Antriebsstrang eingebunden und liefert je nach Anforderung bis zu 200 kW Spitzenleistung an die Vorderachse, während am Heck ein separates Hauptantriebsaggregat arbeitet.
Für den Leapmotor D19 gibt ZF eine Generatorleistung von 90 kW und eine Antriebs-Spitzenleistung von 200 kW an. Damit lässt sich das SUV im Zusammenspiel mit dem Heckantrieb auf Systemleistungen deutlich oberhalb klassischer Plug-in-Hybride bringen und zugleich eine kombinierte Gesamttreichweite von mehr als 1.000 Kilometern realisieren. Der Verbrennungsmotor selbst kommt dabei nicht von ZF, sondern wird vom Fahrzeughersteller oder einem Dritten zugeliefert,was die Flexibilität bei Hubraum, Zylinderzahl und Brennstoffkonzept erhöht.
Leapmotor D19: Das Oberklasse-SUV als Technologieträger
Der D19 ist für Leapmotor mehr als nur ein weiteres Modell – er ist als Oberklasse-SUV mit rund 5,2 Metern Länge, gut 2 Metern Breite und über 3 Metern Radstand ein Statement, dass die Marke in die Liga der großen Elektro-SUVs aufsteigen will. In der reinen Elektroversion sind bis zu 734 PS, ein Akku um 115 kWh und WLTP-artige Reichweiten von bis zu 720 Kilometern angekündigt.
Aber gerade die Extended-Range-Variante mit eRE+ wirkt aus europäischer Sicht interessant. Sie kombiniert laut chinesischen Angaben eine kleinere Batterie im Bereich um 80 kWh mit einem Verbrennungsmotor als Reichweitenverlängerer und soll rein elektrisch bis zu etwa 500 Kilometer schaffen, bevor der Range-Extender eingreifen muss. Für Langstreckenfahrer könnte das eine Mischung aus BEV-Fahrgefühl im Alltag und Verbrenner-ähnlicher Reichweite auf der Autobahn sein, vorausgesetzt, das System bleibt auch unter Realbedingungen effizient.
Allrad auf Abruf statt komplexer Doppelausstattung
Deshalb ist der Allradaspekt des eRE+ mehr als nur ein nettes Extra. In vielen E-SUV-Konzepten wird Allradantrieb durch einen zweiten E-Motor an der nicht angetriebenen Achse realisiert, was zusätzliche Kosten, Gewicht und Bauraumbedarf bedeutet. ZF geht mit dem eRE+ einen anderen Weg: Der Range-Extender übernimmt im Antriebsmodus zeitweise die Rolle eines Frontmotors und ergänzt den hinteren Hauptmotor um eine zweite Antriebsquelle.
Aber dieser Ansatz hat nicht nur Vorteile. Die Integration von Kupplung, Differenzial und Regelstrategie in ein kompaktes Modul erhöht die technische Komplexität – insbesondere, wenn der Übergang zwischen rein elektrischem Hinterradantrieb, Generatorbetrieb und aktivem Frontantrieb für den Fahrer nahtlos und unmerklich ablaufen soll. Im Gegenzug spart der Hersteller aber einen separaten E-Motor plus Leistungselektronik an der Vorderachse ein und kann auf bestehende Plattformen aufsetzen, ohne den kompletten Vorderwagen umkonstruieren zu müssen.
Verbrauch, CO2 und die Frage nach der Realität
ZF betont, dass der Verbrennungsmotor im Range-Extender konstant im verbrauchsgünstigen Kennfeld betrieben wird, was niedrigen Kraftstoffverbrauch und entsprechend geringe CO2-Emissionen ermöglichen soll. Unter idealen Bedingungen kann dieses Konzept tatsächlich effizient sein, da der Motor nicht dynamisch Lastsprünge und Kaltstarts im gleichen Maß absolvieren muss wie bei klassischen Verbrennern.
Aber die bisherige Erfahrung mit Plug-in-Hybriden und Range-Extendern in Europa zeigt, dass die Praxis oft anders aussieht. Studien weisen darauf hin, dass solche Fahrzeuge in vielen Fällen deutlich mehr CO2 ausstoßen, als es die Prüfzyklen suggerieren, wenn sie im Alltag selten geladen und überwiegend mit laufendem Verbrenner bewegt werden. Im ungünstigsten Szenario kann ein schweres SUV mit Range-Extender dann nahezu auf das Emissionsniveau eines konventionellen SUVs mit Verbrennungsmotor kommen – insbesondere, wenn Autobahnanteile dominieren und die elektrische Fahrstrategie nicht konsequent umgesetzt wird.
Rolle im europäischen CO2-Regime
Deshalb ist die politische Dimension dieser Technik kaum zu trennen von der technischen. Die EU schreibt ab 2035 im Grundsatz vor, dass Neuwagen nur noch lokal emissionsfrei zugelassen werden dürfen, also faktisch batterieelektrische Fahrzeuge oder theoretisch Brennstoffzellenautos. Branchenseitig gibt es jedoch immer wieder Vorstöße, Plug-in-Hybride und Range-Extender als „Lösung“ im CO2-Regime auch nach 2035 zu etablieren oder zumindest Ausnahmen zu schaffen.
Aber wissenschaftliche Analysen kommen vermehrt zu dem Schluss, dass solche Übergangstechnologien zwar kurzfristig Emissionen senken können, langfristig jedoch für das Netto-Null-Ziel nicht ausreichen, weil ihr realer Flottenverbrauch zu hoch bleibt und der Vorteil reiner BEV mit zunehmend dekarbonisiertem Strommix weiter wächst. Für ZF und Leapmotor bedeutet das: Technisch kann der eRE+ eine attraktive Brücke bauen, regulatorisch ist der Zeithorizont jedoch begrenzt, insbesondere wenn Fahrzeuge für den EU-Markt homologiert werden sollen.
Was der ZF-Range-Extender für Deutschland bedeutet
In Deutschland ist Leapmotor derzeit vor allem durch die strategische Kooperation mit Stellantis präsent, die den Vertrieb und perspektivisch auch die Produktion von Leapmotor-Modellen in Europa unterstützen soll. Der D19 mit ZF-eRE+ könnte damit mittel- bis langfristig auch auf europäischen Straßen auftauchen, wenn die regulatorischen Rahmenbedingungen und die Produktplanung zusammenpassen.
Deshalb ist die ZF-Lösung nicht nur ein China-spezifisches Projekt, sondern ein möglicher Türöffner: Europäische OEMs könnten die eRE+-Technik nutzen, um Elektroplattformen für Märkte mit schwacher Ladeinfrastruktur oder langen Distanzen anzupassen, ohne komplett neue Hybridantriebsstränge zu entwickeln. Gleichzeitig bleibt die Frage, ob die EU bereit ist, Range-Extender über 2035 hinaus regulativ zu akzeptieren – oder ob sie eher als Übergangslösung bis zum massenhaften Durchbruch reiner BEV gesehen werden.
Komfort, Performance und Nutzererlebnis
Für den Fahrer eines D19 mit eRE+ dürfte sich der Alltag zunächst sehr nach Elektroauto anfühlen: Die Hauptarbeit übernimmt der Heckmotor, die Batterie deckt typische Pendeldistanzen rein elektrisch ab, und der Verbrenner bleibt im Hintergrund, bis längere Strecken anstehen. Gerade im Premiumsegment zählt jedoch mehr als nur die nackte Reichweite.
Aber der eRE+ bietet in Kombination mit dem üppigen Antriebssetup des D19 eine zusätzliche Dynamikkomponente: Wenn die volle Systemleistung abgerufen wird, kann der Range-Extender als Frontantrieb aktiv mitarbeiten und für Traktion und Beschleunigung sorgen. Das Prinzip erinnert an Performance-orientierte Hybridkonzepte, bei denen der Verbrenner primär auf die Hinterachse wirkt und Elektrokomponenten die Vorderachse unterstützen – nur dass hier das elektrische Layout dominiert und der Verbrenner im Untergrund die Rolle des Energielieferanten übernimmt.
Komplexität versus Einfachheit reiner BEV
Deshalb bleibt bei aller Technikbegeisterung ein Restzweifel, ob diese Lösung langfristig die bessere Antwort ist als ein konsequent auf BEV optimiertes Fahrzeug mit großer Batterie und ultraschnell ladender 800-Volt-Architektur. Reine Elektrofahrzeuge profitieren von weniger beweglichen Teilen, einfachen Antriebssträngen und klaren Wartungsanforderungen – ein Vorteil, der vor allem bei hohen Laufleistungen und zunehmendem Fahrzeugalter ins Gewicht fällt.
Der eRE+ bringt dagegen zusätzliche Komponenten ins Fahrzeug: Verbrennungsmotor, Abgasnachbehandlung, Tank, Kraftstoffsystem, komplexes Thermomanagement, Kupplung, Differenzial, plus die ohnehin vorhandene E-Maschine. Das kann zwar im Falle von Leapmotor und anderen Herstellern den Übergang erleichtern, weil bekannte Komponenten weiter genutzt werden, erhöht aber tendenziell die Fehleranfälligkeit und den Entwicklungsaufwand für Software und Regelstrategien. Für Kunden in Deutschland dürfte am Ende die Rechnung aus Total Cost of Ownership, Restwerten, Wartungskosten und möglicher Besteuerung darüber entscheiden, ob ein Range-Extender als sinnvoller Kompromiss wahrgenommen wird.
Marktchancen und strategische Bedeutung für ZF
Für ZF ist der Auftrag von Leapmotor ein wichtiges Signal in einem Marktumfeld, in dem traditionelle Getriebegeschäfte unter dem Druck der Elektrifizierung stehen. Mit Systemen wie dem eRE+ zeigt der Zulieferer, dass er seine Kompetenz im Bereich E-Antriebe, Leistungselektronik und Software bündeln kann, um modulare Lösungen für unterschiedliche Anwendungsfälle anzubieten.
Aber der Erfolg wird sich letztlich daran messen lassen, wie viele weitere Hersteller sich für diese Architektur entscheiden und in welchen Stückzahlen Range-Extender tatsächlich in den Flottenmix einfließen. Wenn die EU an einem strikten Null-Emissionsziel für 2035 festhält und Übergangstechnologien nur begrenzt berücksichtigt, könnte das Zeitfenster für solche Lösungen enger sein, als es manche Akteure heute hoffen. Für die nächsten Jahre aber erlebt der Range-Extender – in dieser technisch deutlich weiterentwickelten Form – zumindest einen bemerkenswerten zweiten Frühling.
Persönliche Einordnung: Brücke oder Sackgasse?
Deshalb drängt sich am Ende die Frage auf, ob der eRE+ von ZF eher als geschickte Brückentechnologie oder als aufwendige Zwischenlösung wirken wird, die schneller als geplant vom reinen BEV überholt wird. Die technischen Argumente sind stark: hohe Reichweite, flexible Allradfunktion, effizienter Generatorbetrieb und die Möglichkeit, bestehende Plattformen ohne tiefgreifende Neuentwicklung elektrifiziert zu verlängern.
Aber gleichzeitig zeigen aktuelle Analysen, dass Europa klimapolitisch eher auf konsequente Elektrifizierung setzt und Übergangsformen zunehmend kritisch bewertet. Für den Leser bleibt daher ein ambivalentes Bild: Der Leapmotor D19 mit ZF-Range-Extender könnte im Alltag genau das liefern, was viele Fahrer sich wünschen – Reichweite ohne Angst und Elektroantrieb ohne Ladezwang -, doch ob solche Konzepte in zehn Jahren noch im Zentrum der Produktplanung stehen, ist alles andere als sicher.

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